Als Glasarbeiterstreik von 1901 (zeitgenössisch Generalstreik der Flaschenarbeiter Deutschlands) wird ein deutschlandweiter Streik der großen Glasfabriken bezeichnet, der bereits am 1. August 1900 lokal in der Glashütte Schauenstein bei Obernkirchen seinen Anfang nahm und sich im Laufe des Jahres 1901 auf die Mehrzahl der großen Glashütten in Deutschland ausweitete.
Handelnde Personen Die Arbeitgeberseite war stark durch einzelne Fabrikbesitzer, wie die Familie Heye geprägt. Friedrich Carl Theodor Heye war seinerzeit Besitzer der Glashütte Schauenstein und Gründer der Heyeschen Glasfabrik in Nienburg. Sein Bruder Ferdinand Heye war Gründer der Gerresheimer Glashütte, nach seinem Tod im Jahr 1889 übernahm sein Sohn Hermann die Hütte.
Auf Seiten der Arbeiterbewegung gab es aufgrund der fehlenden Durchsetzungsfähigkeit und der noch nicht so stark ausgeprägten gewerkschaftlichen Organisation keine machtvolle zentrale Streikleitung. Vielmehr wurde der Streik maßgeblich von der jeweils lokal organisierten Arbeiterschaft getragen, wobei sich vor Ort jeweils einzelne Streikführer herauskristallisierten, die untereinander z. B. durch verwandtschaftliche Beziehungen oder frühere Arbeitsstellen miteinander vernetzt waren. Auf Seiten der Arbeiter waren am Streik maßgeblich beteiligt:
Georg Horn saß als Vertrauensmann der deutschen Glasarbeiter im Reichstag, dem er seit 1895 angehörte. Er war 1841 in Fabrikschleichach (Unterfranken) geboren und 1864 bis 1866 als selbstständiger Flaschenmachermeister tätig. 1871 war er Mitbegründer und Leiter der Organisation der Glasarbeiter in Dresden-Löbtau. Horn bekannte sich zunächst als Gegner eines Generalstreiks, äußerte später jedoch, im Lauf der Zeit eingesehen zu haben, dass „ein anderer Weg nicht übrig geblieben und an ein Zurückweichen nicht zu denken sei.“Mindener Zeitung vom 29. August 1901: Internationaler Kongress der Glasarbeiter Emil Girbig wurde 1866 in Elisabethhütte (Landkreis Lübben) geboren. Nach einer Lehre war er bis 1897 in seinem erlernten Beruf als Glasmacher tätig, ehe er zum Vorsitzenden des Deutschen Glasarbeiterverbands berufen wurde. Girbig teilte die Euphorie der lokalen Streikführer nicht und hatte eine realistischere Sicht auf die Streikaussichten. Von ihm ist der Ausspruch „Ob Sieg oder Niederlage, der Sieg ist unser.“ vom 6. Internationalen Glasarbeiterkongress in Hannover überliefert.Stolzenauer Wochenblatt: Gerichts-Zeitung, Schöffengericht Nienburg. Verantwortlicher Redakteur Georg Glenewinkel, Nienburg. 31. August 1901 Wilhelm Rösler wurde im Jahr 1867 als Sohn einer über mehrere Generationen tätigen Glasmacherfamilie in Griesel, Kreis Crossen an der Oder, geboren. Aufgrund der dort gegenüber den neuen Glasfabriken in den Industriegebieten nicht so modernen und leistungsfähigen Hütten zog es Wilhelm Rösler und mehrere seiner Geschwister nach Nienburg an der Weser, wo Caspar Hermann Heye im Jahr 1873 die moderne Glasfabrik Heye gegründet hatte. Die Arbeitsbedingungen in einer großen Fabrik waren nicht vergleichbar mit den kleinen Hütten in Brandenburg, so dass Rösler sich alsbald für die Wahrung der Arbeitnehmerrechte interessierte und politisch aktiv wurde. In der Folge trieb er die 1896 erfolgte Gründung eines SPD-Ortsvereins in Nienburg voran, wofür er das örtliche Parteibuch mit der Nr. 1 erhielt. Sein Bruder „August“ Heinrich Friedrich Rösler war zunächst ebenfalls als Glasmacher in Nienburg tätig, machte sich jedoch Anfang der 1890er Jahre mit einer Gastwirtschaft selbständig. Hier trafen sich die Glasarbeiter nach getaner Arbeit. Überliefert ist die Demolierung der Wohnungseinrichtung mutmaßlicher Streikbrecher durch die Besucher der Röslerschen Gastwirtschaft im Juli 1899.Karl-Heinz Speckmann: Die Glasarbeiterschaft in Nienburg 1870-1933. Iggesen, Nienburg an der Weser 1996, ISBN 3-927520-04-7, S. 113 Louis Röseler wurde 1856 bei der Glashütte Steinbusch im ehemaligen Kreis Arnswalde geboren. Wie Wilhelm Rösler entstammt er der seit dem 14. Jahrhundert tätigen Glasmacherfamilie Rösler, die ursprünglich aus Böhmen stammt und seitdem nach den strengen Zunftregeln der Glasmacher lebte. Lange Zeit arbeitete er für die 1864 durch Ferdinand Heye gegründete Gerresheimer Glasfabrik. Auch Louis Röseler bewegte sich im Umfeld von SPD und Gewerkschaften. Im Jahr 1894 nahm er als Arbeitervertreter an den Beratungen über den Entwurf von Ausnahmebestimmungen betreffend die Sonntagsruhe in Glashütten unter dem Vorsitz des Unterstaatssekretärs Dr. von Rottenburg in Berlin teil und setzte sich für die Einführung der Sechstagewoche in der Glasindustrie ein. Michael Dirscherl wurde 1867 in Burgschleif bei Vohenstrauß in der Oberpfalz/Bayern geboren, war später in Fürth als Glasarbeiter tätig und wurde jedoch aufgrund seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten im April 1901 entlassen. Anschließend war er bei der Fränkischen Tagespost in Fürth angestellt. Von 1897 bis 1905 war er Vorsitzender der örtlichen Filiale des Glasarbeiterverbandes. Er vertrat im Glasarbeiterstreik von 1901 die Glasarbeiter in Bayern und machte insbesondere auf den Lohnrückgang bei den bayrischen Spiegelglasfabriken um 50 Prozent und die schlimmen Verhältnisse der Glasarbeiter in der Oberpfalz mit wöchentlich 104-108 Stunden Arbeitszeit aufmerksam. Schuld trügen aus seiner Sicht auch „die Geistlichen, die das Volk in der Dummheit und Sklaverei hinhielten“.Mindener Zeitung vom 29. August 1901: Internationaler Kongress der Glasarbeiter
Beginn des Streiks in Obernkirchen-Schauenstein Am 1. August 1900 begannen die geringer bezahlten Glasarbeiter im Stammwerk der Familie Heye in Obernkirchen-Schauenstein einen Streik für gleiche Löhne innerhalb der Heyeschen Fabriken und ein Organisationsrecht der Arbeiter. Beide Forderungen wurden durch den Hüttenbesitzer Theodor Heye strikt zurückgewiesen.Wilhelm Gerntrup: „Der Kampf gilt König Heye!“ Vor 110 Jahren endet der Glasmacherstreik in Obernkirchen – für viele in einem Desaster. In: Schaumburger Nachrichten, 30. Juli 2011.
Ausweitung des Streiks auf die Glashütten in Nienburg an der Weser Nachdem die Nienburger Glasarbeiter die streikenden Kollegen zunächst nur finanziell unterstützt hatten, zogen die beiden Nienburger Fabriken selbst am 1. März 1901 (Heye) und in der Folgewoche (Wilhelmshütte) in einen formalen Unterstützungsstreik, der aber auch die eigenen Arbeitsbedingungen zum Anlass hatte. Von Beginn an war Wilhelm Rösler einer der Führer dieses Streiks. Er versuchte sowohl mehr Arbeiter für den Verband deutscher Glasarbeiter zu gewinnen als auch den Streik auf weitere Werke auszuweiten.Karl-Heinz Speckmann: Die Glasarbeiterschaft in Nienburg 1870-1933. Iggesen, Nienburg an der Weser 1996, ISBN 3-927520-04-7, S. 112–149.
Am 7. Mai 1901 wurde er als Vorstandsmitglied der Zahlstelle des Verbandes deutscher Glasarbeiter und -arbeiterinnen von dem Schöffengericht Nienburg wegen der Anwerbung von minderjährigen Lehrlingen zu einer Strafe von 10 ℳ ersatzweise drei Tagen Gefängnis verurteilt, eine am 25. März 1901 ausgesprochene Schließung des Vereins wurde jedoch wieder aufgehoben. Nach der Berufung erfolgte mit dem Urteil der 1. Strafkammer des Gerichts in Verden/Aller vom 19. Juni 1901 der Freispruch.Stolzenauer Wochenblatt: Gerichts-Zeitung, Schöffengericht Nienburg. Verantwortlicher Redakteur Georg Glenewinkel, Nienburg. 18. April 1901, 9. Mai 1901 und 22. Juni 1901
Die Nienburger Firmenleitung versuchte die Streikbereitschaft der eigenen Belegschaft verstärkt durch den Einsatz arbeitswilliger Glasmacher aus Russland, Finnland und weiteren Ländern zu brechen. Als die örtliche Streikleitung in der Folge im Juni wiederholt darum kämpfen musste, Auflösungserscheinungen bei den Streikenden zu verhindern und mehrere Glasmacher eine unterzeichnete Liste vorgelegt hatten, in der entweder das Streikende oder eine Ausweitung zum Generalstreik gefordert wurde, versprach Rösler, dass kein Grund vorliege, wankelmütig zu werden. Geld zur Unterstützung sei vorhanden, „wenn auch der Streik noch ein ganzes Jahr dauere.“Karl-Heinz Speckmann: Die Glasarbeiterschaft in Nienburg 1870-1933. Iggesen, Nienburg an der Weser 1996, ISBN 3-927520-04-7, S. 139.
Ausweitung zum Generalstreik Am 27. Juli 1901 weitete sich der Streik zum Generalstreik in ganz Deutschland aus. Zuvor hatte bereits die bedeutende, ebenfalls zur Familie Heye gehörende Glashütte in Gerresheim ihre Unterstützung zugesagt. In Gerresheim war der mit Wilhelm Rösler entfernt verwandte Louis Röseler einer der zentralen Arbeiterführer, was den Zusammenhalt der beiden Hütten stärkte.
Bereits am 30. Juni hatte Louis Röseler eine von 700 Personen besuchte Generalversammlung des Gerresheimer Glasarbeiterverbandes einberufen. Hierbei wurde mit 445 gegen 91 Stimmen die Beteiligung der Gerresheimer Hütte am Generalausstand beschlossen. 180 enthielten sich der Abstimmung. Glasmacher Röseler betonte, dass die Parole noch im Laufe der Woche erfolgen werde.Niederrheinisches Tageblatt vom 4. Juli 1901: Meldung unter der RubrikVolkswirtschaftliches und Soziales Bereits am 13. Juli übergaben Louis Röseler und Christian Heinz als Mitglieder des monatlich mit der Geschäftsführung tagenden Arbeitsausschusses die Kündigung von 628 Glasmachern der Gerresheimer Glashütte, sollten die Forderungen der Arbeiterschaft nicht erfüllt werden. Als Reaktion kündigte Geheimrat Heye den Streikenden die Werkswohnungen und drohte, ihnen auch im Anschluss keine Arbeit mehr zu geben. Er warf Röseler und Heinz vor, die über 445 hinausgehenden Beschäftigten nur durch übelste Beschimpfungen, Drohungen und Schläge zur Unterschrift gezwungen zu haben. Den Nicht-Streikenden versprach er mindestens stabile Löhne für die nächsten drei Jahre.Düsseldorfer Zeitung vom 15. Juli 1901: Antwort auf die Kündigung der Glasmacher vom 13. Juli 1901.Bruno Kammann: Gerresheimer Glas - Geschichte einer Weltfirma (1864-2000). Klartext, Essen 2007, S. 98–99.
Beim 6. Internationalen Kongress der Glasarbeiter in Hannover versprachen führende Arbeitnehmervertreter aus England, Österreich und Dänemark am 27. August 1901 ihre Unterstützung mit den Streikenden aus Deutschland und stellten einen Streikbeitritt ihrer Arbeiterschaft in Aussicht. Wilhelm Rösler erklärte für die Glasarbeiterschaft in Nienburg, dass „nach dem hochherzigen Verhalten der ausländischen Kollegen an eine Fahnenflucht der Streikenden nicht zu denken sei“. Der mit ihm verwandte Louis Röseler für das Werk in Gerresheim sowie der Glasarbeiter Lippert im Namen der übrigen Delegierten der deutschen Glasarbeiter gaben inhaltsgleiche Erklärungen ab.Volkswacht: Sechster Internationaler Kongress der Glasarbeiter - Hannover, 27. August 1901, Dritter Verhandlungstag. Bielefeld 28. August 1901.
Ende des Streiks Nachdem am 1. September 1901 in der Holzarbeiterzeitung der Artikel „Ein Mahnwort zum Generalstreik der deutschen Glasarbeiter“ durch den Holzarbeiterverbandsfunktionär Albert Röske veröffentlicht worden war, dieser Artikel durch die Arbeitgeber massiv verbreitet wurde und in der Folge die Spendenbereitschaft zur Unterstützung der streikenden Glasarbeiter deutlich nachließ, musste der Streik trotz aller zuvor getätigten Beteuerungen am 16. September 1901 wegen fehlender finanzieller Ressourcen beendet werden:
Die erste Glasarbeiterversammlung nach dem Streikende in Nienburg fand am 25. September unter Leitung von Wilhelm Rösler mit nur noch 120 Teilnehmern statt. Nach massiver Kritik der Teilnehmer an der Empfehlung, in den Glashütten wieder um Arbeit nachzufragen, wurde beschlossen, die hiesige Zahlstelle des Glasarbeiterverbandes am 1. Oktober 1901 vorläufig zu schließen. Gleichwohl brachte Rösler, der weiterhin vom Zentralvorstand als Vertrauensmann bestimmt war, seine Hoffnung auf ein Weiterwirken des Glasarbeiterverbandes in Nienburg zum Ausdruck.Karl-Heinz Speckmann: Die Glasarbeiterschaft in Nienburg 1870-1933. Iggesen, Nienburg an der Weser 1996, ISBN 3-927520-04-7, S. 148–149.
Streikfolgen