Die westböhmischen Lehrmittelsammelstellen waren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis etwa 1920 wichtige Bildungseinrichtungen insbesondere des ländlichen Raumes im Königreich Böhmen, das damals zur Realunion Österreich-Ungarn gehörte. Sie stellten Schulen kostenfrei naturkundliche und industrielle Unterrichtsmittel zur Verfügung und waren untereinander eng vernetzt, um die eigenen Bestände zu tauschen und auszubauen.

Motivation Der Hauptgrund für die Etablierung der Lehrmittelsammelstellen lag in der Notwendigkeit, die Schulen mit einer „bedeutende[n] Anzahl an Anschauungs- und Lehrmitteln“Hans Weyrauch: Ueber Lehrmittelsammelstellen. In: Entomologische Zeitschrift. Jahrgang 3, № 5, 1. Juni 1889, Seiten 32–33. auszustatten, die für einen anschaulichen Unterricht – insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern – benötigt wurden. Während Lehrer in größeren Städten mit ihren Klassen regelmäßig volks- oder naturkundliche Museen als außerschulische Lernorte besuchen konnten, hatten Schulen in ländlicheren Regionen diese Möglichkeit nicht. In entsprechender Zahl waren diese Anschaffungen von Lehrmitteln allerdings mit erheblichen Kosten verbunden, die gerade kleinere Schulbezirke vor finanzielle Herausforderungen stellten. Insbesondere für den naturkundlichen Unterricht, für die Fächer Biologie und Geologie, ließen sich Lehrmittel allerdings auch „mit geringen Kosten beschaffen, wenn nur der gute Wille vorhanden [ist] und die Sache richtig angegriffen wird.“

Aus diesen Gründen beschlossen in Böhmen mehrere deutschsprachige Lehrervereine die Errichtung von Lehrmittelsammelstellen und vertrauten deren Leitung jeweils einer Lehrkraft aus dem jeweiligen Ort an. Die Idee fand unter der deutschen Lehrerschaft rasch viele Anhänger.

Standorte Die Lehrmittelsammelstellen beschränkten sich auf die deutschsprachigen Regionen im Norden, Westen und Süden Böhmens, also auf die Grenzgebiete zum Deutschen Kaiserreich sowie zu den österreichisch-ungarischen Erzherzogtümern Österreich ob der Enns und Österreich unter der Enns. Für die Eigenbezeichnung etablierte sich jedoch rasch das alleinige Adjektiv „westböhmisch“. Laut Hans Weyrauch, seines Zeichens damals Oberlehrer in Saluschitz,Einladung zu der Sonntagden 16. Juni 1889, 10 Uhr Vormittags im Schießhause in Saaz stattfindenden Generalversammlung des landwirthschaftl. Bezirksvereins Saaz-Postelberg. In: Saazer Zeitung. Jahrgang 6, № 46, 15. Juni 1889, Seite 8. existierten im Jahr 1889 eine „ziemliche Anzahl“ von Lehrmittelsammelstellen. Von diesen hob er folgende sieben als besonders relevant hervor: Ladowitz (cs.: Ledvice; 3309 Einwohner) Großsichdichfür (cs.: Velká Hleďsebe; 1464 Einwohner) Wolta (cs.: Voletiny; 916 Einwohner) Saluschitz (cs.: Zálužice; 630 Einwohner) Grasengrün (cs.: Hájek u Ostrova; 556 Einwohner) Petersdorf (cs.: Petříkovice; 541 Einwohner) Piberschlag (cs.: Veveří; 513 Einwohner) Als bedeutendste Stelle – weil Dank des langjährigen Engagements des dortigen Leiters Gustav Settmacher († 1906)Johann Posner: Ein Schulmann und Wissenschaftler. In: Riesengebirgsheimat – Heimatblatt für die Kreise Hohenelbe und Trautenau. Jahrgang 20, № 10, Oktober 1966, Seite 299. außergewöhnlich umtriebig und überdurchschnittlich gut ausgestattet – galt dabei jene, die 1881 in der kleinen Ortschaft Petersdorf im Bezirk Trautenau gegründet worden war. Innerhalb von 21 Jahren hatte die Petersdorfer Lehrmittelsammelstelle bis 1902 bereits über 3500 Schulen versorgt.„Kleiner Anzeiger“. In: Illustrierte Monatsblätter für die Bienenzucht. Jahrgang 2, № 8, 1. August 1902, Seite 153.

Funktion Essentielles Element des Betriebes der Lehrmittelsammelstellen war die enge, bezirksübergreifende Kooperation der Stellen untereinander. Durch regelmäßigen Tausch sollten so Lehrmittel erworben werden, die in der eigenen Region nicht erhältlich waren. Zu diesem Zweck sandten sich die Stellen von Zeit zu Zeit Verzeichnisse aller in ihrem Bereich vorkommenden und bei ihnen vorrätigen Objekte zu. Dem jeweiligen Leiter der Lehrmittelsammelstelle oblag es, sich im heimischen Schulbezirk über die Fundorte „eigentümlicher Naturkörper“ – hiermit waren beispielsweise Minerale, Pflanzen und Tiere gemeint – zu informieren und Kontakte zu Präparatoren und Konservierern knüpfen, um diese Funde aufzubereiten. Insbesondere sollten Vögel und Säugetiere präpariert sowie Herbarien und „überall“ eine „Holzsammlung, bestehend aus allen Arten von Obst- und Nutzhölzern“ angelegt werden. Darüber hinaus sollte der Leiter auch an Industrieunternehmen und Gewerbebetriebe seines Bezirkes herantreten, um bei ihnen Rohmaterialien sowie Produktmuster zu beschaffen.

Gustav Settmacher, der Leiter der Lehrmittelsammelstelle in Petersdorf, gab seit 1898 die monatlich erscheinende Zeitschrift Lehrmittel-Sammler – Zeitschrift für die Gesamt-Interessen des Lehrmittel-Sammelwesens heraus.Aladar Guido Przedak: Geschichte des deutschen Zeitschriftenwesens in Böhmen. Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung, 1904, Seite 230. Ab Anfang 1903 fungierte sie auch als Organ des Allgemeinen österreichischen Vereins für Naturkunde. Der Hauptzweck dieser Zeitschrift bestand darin, den Anschauungsunterricht, speziell das Lehrmittelwesen an den Schulen, mittels pädagogisch-didaktischer und wissenschaftlicher Aufsätze, Anleitungen zur Selbstherstellung von Lehrmitteln, Belehrungen über die Präparation von Naturalien, über das Anlegen von Sammlungen und ähnlicher Themen fördern wollte.„Eingesendete Mitteilung“. In: Mittheilungen der Section für Naturkunde des Österreichischen Touristen-Clubs. Jahrgang 15, № 5, Mai 1903, Seite 35. Ab 1905 publizierte dann Hans Weyrauch, mittlerweile Schulleiter in Pern und Stift Tepl und Obmann des Deutschösterreichischen Lehrervereins für Naturkunde, die Lehr- und Lernmittel-Rundschau (Untertitel: Zeitschrift zur Förderung der Bestrebungen der Lehrmittelsammelstellen, Lehrmittelausschüsse und des Lehrmittel-Hauptausschusses des „Deutschen Landeslehrervereins in Böhmen“). In diesem Periodikum veröffentlichte er 1907 die Geschäfts- und Arbeitsordnung für die Freie Vereinigung der Lehrmittelsammelstellen Westböhmens.„Pädagogik“. In: Deutsche Arbeit. Jahrgang 7, 1908, Seite 6.

Einzelnachweise

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