Vitalis war ein spätantiker römischer Mimendarsteller. Er ist durch seine bemerkenswerte Grabinschrift bekannt, die auf das 5. oder 6. Jahrhundert datiert wird. Es handelt sich hier um ein 26-versiges (13 Distichen) Grabgedicht (Epitaph). Das Gedicht beschreibt, wie Vitalis als Mime mit seinen Darbietungen die Menschen erfreute. Insbesondere werden seine Fähigkeiten als Imitator hervorgehoben. Am Ende bittet er die Leser seines Grabsteins, seiner als eine Freude zu gedenken und ihm Freude im Jenseits zu wünschen. Das Gedicht ist sowohl über verschiedene Handschriftentraditionen als auch durch die originale Inschrift überliefert. Die handschriftliche Überlieferung führte bereits im 19. Jahrhundert bzw. frühen 20. Jahrhundert (noch vor Entdeckung der Inschrift) zur Aufnahme in die kanonischen Anthologien Anthologia Latina und Poetae Latini minores.
Überlieferungs- und Editionsgeschichte
Handschriftlich ist das Gedicht unter anderem durch den Codex Thuaneus aus dem 9. Jahrhundert überliefert (Codex Parisinus Latinus 8071; hierüber sind etwa auch die Gedichte der Eucheria und des Philotes erhaltenSeite zum Manuskript bei der Bibliothèque nationale de France. Vgl. Esther Artigas: De quodam vitali mimo eiusque barcinonensi adventu. In: Liburna. Band 14, 2019, S. 37–52 (katalanisch; Digitalisat), hier S. 40 f.). Erstgedruckt wurde es 1590 in Paris in Pierre Pithous Sammlung Epigrammata et Poematia vetera, die vor allem auf dem Codex Thuaneus beruht.Pierre Pithou: Epigrammata et Poematia vetera. Paris 1590, Band 2: Epitaphia et tumula, S. 103. Eine nächste Ausgabe erfolgte 1773 durch Pieter Burman den Jüngeren in Amsterdam.Pieter Burman der Jüngere: Anthologia veterum Latinorum epigrammatum et poematum. Band 2, Buch 4: ex inscriptionibus aliisque monumentis vetustis vel codd. mss. collecta. Amsterdam 1773, Nr. 20.
Eine wichtige Überlieferungsquelle ist auch der Codex Corbeiensis 598, der die sogenannte Sylloge Centulensis enthält, eine Sammlung von 68 römischen Grabinschriften, die während des Pontifikats von Honorius I. (625–638) zusammengestellt und in der Abtei Centulum überliefert wurde und die ebenfalls das Epitaph des Vitalis enthält. Diese wurde 1881 von Friedrich Leo entdeckt und 1888 von Giovanni de Rossi in seine Sammlung Inscriptiones christianae Urbis Romae (ICUR) aufgenommen.Giovanni Battista de Rossi: Inscriptiones christianae Urbis Romae septimo saeculo antiquiores. Band 2, Rom 1888 (Digitalisat), Nr. 13655, S. 78–94. Vgl. Esther Artigas: De quodam vitali mimo eiusque barcinonensi adventu. In: Liburna. Band 14, 2019, S. 37–52 (katalanisch; Digitalisat), hier S. 46–48.
Eine weitere Tradition geht auf Manuskripte innerhalb der Überlieferungsgeschichte der Disticha Catonis, angeblichen Aussprüchen Catos des Älteren, zurück. Drei Handschriften des 9.–11. Jahrhunderts (Reginensis 1414, Reginensis 2078, Parisinus 2772) behaupten in der Überschrift des Gedichts, dass Cato selbst der Vater des Mimen Vitalis gewesen sei und das Epitaph für seinen Sohn verfasst habe. Die Disticha waren im Mittelalter als Schullektüre verbreitet und sind daher in zahlreichen Manuskripten erhalten. So fand das Gedicht auch seinen Weg in Emil Baehrens’ Ausgabe der Poetae Latini minores.Emil Baehrens (Hrsg.): Poetae Latini minores. Band IV, Leipzig 1882, 8, S. 245, nr. 201. Auf der Grundlage der Überlieferung in den Disticha Catonis vermutete Georges Gougenheim 1950, der Text des Epitaphs könne auch erst im 8. oder 9. Jahrhundert (in karolingischer Zeit) entstanden und von seinem Autor in die Disticha Catonis gewissermaßen hineingeschmuggelt worden sein.Georges Gougenheim: Le mime Vitalis. In: Mélanges d’histoire du théatre du Moyen Age et de la Renaissance, offerts a Gustave Cohen. Nizet, Paris 1950, S. 31–33.
Dies ist jedoch Kokolores, da bereits 1915 erste Elemente des originalen Grabsteins des Vitalis bei Ausgrabungen unter der Leitung von Paul Styger in der Basilica Apostolorum an der Via Appia in Rom gefunden wurden. In den Folgejahren wurden insgesamt 13 Fragmente des Grabsteins an verschiedenen Stellen in und unter der heutigen Kirche San Sebastiano fuori le mura gefunden. Diese wurden jedoch zunächst nicht mit der handschriftlichen Überlieferung des Gedichts des Vitalis zusammengebracht. Ernst Diehl nahm die Inschrift 1927 in seine Sammlung Inscriptiones Latinae Christianae veteres auf, wo sie nun auch mit dem Epitaph des Vitalis identifiziert wurden.Ernst Diehl: Inscriptiones Latinae Christianae veteres. Weidmann, Berlin 1927, Nummer 886, vgl. Band II, 510. Enrico Josi setzte die Fragmente der Inschriften physisch zusammen, wodurch deutlich wurde, dass das Gedicht des Mimen auf einer großen Marmortafel von etwa 80 × 200 Zentimetern eingraviert war. Darauf ist es nicht in 26 einzelne Verszeilen eingeteilt, sondern in vierzehn Zeilen, von denen jede ein vollständiges elegisches Distichon enthält, mit Ausnahme der letzten, des eigentlichen Epitaphs, das auf zwei mittig gesetzte Schlusszeilen verteilt ist, um seine Bedeutung besonders hervorzuheben. Es war ursprünglich im Pflaster der Basilika angebracht, wo es offenbar der Sammler der Sylloge Centulensis im 7. Jahrhundert noch vorfand.Zusammengefügtes Original im Museum von San Sebastiano fuori le mura. Vgl. Esther Artigas: De quodam vitali mimo eiusque barcinonensi adventu. In: Liburna. Band 14, 2019, S. 37–52 (katalanisch; Digitalisat), hier S. 48 f. Die Inschrift wird heute allgemein auf das 5. oder 6. Jahrhundert datiert.Paolo Cugusi: Per un nuovo corpus dei Carmina Latina epigraphica: materiali e discussioni. Accademia Nazionale dei Lincei, Rom 2007, S. 26; Filippo Piazzola: EDB41406 (TM629759). In: Epigraphic Database Bari (EDB). Inscriptions by Christians in Rome (3rd.–8th. cent. CE). Nr. 41406 (5. Jahrhundert); Epigraphik-Datenbank Clauss-Slaby, Nr. 33900217 (mit Bild). Der christliche Kontext, in dem die Inschrift gefunden wurde, zeigt, dass Vitalis Christ war.
Das Grabgedicht
Der lateinische Text:Inscriptiones Christianae Urbis Romae (ICUR) V 13655, Grabepigramm ediert in Alexander Riese: Anthologia Latina sive poesis Latinae supplementum. 2. Ausgabe. Band I, 2, Leipzig 1906. Hier nach Esther Artigas: De quodam vitali mimo eiusque barcinonensi adventu. In: Liburna. Band 14, 2019, S. 37–52 (katalanisch; Digitalisat), hier S. 38 f.
Quid tibi, Mors, faciam, quae nulli parcere nosti? Nescis laetitiam, nescis amare iocos. His ego praevalui toto notissimus orbi, Hinc mihi larga domus, hinc mihi census erat. Gaudebam semper. quid enim, si gaudia desint, 5 Hic vagus ac fallax utile mundus habet? Me viso rabidi subito cecidere furores; Ridebat summus, me veniente, dolor. Non licuit quemquam mordacibus urere curis Nec rerum incerta mobilitate trahi. 10 Vincebat cunctos praesentia nostra timores Et mecum felix quaelibet hora fuit. Motibus ac dictis, tragica quoque voce placebam Exhilarans variis tristia corda modis. Fingebam vultus, habitus ac verba loquentum, 15 Vt plures uno crederes ore loqui. Ipse etiam, quem nostra oculis geminabat imago, Horruit in vultus se magis isse meos. O quotiens imitata meo se femina gestu Vidit et erubuit totaque mata fuit! 20 Ergo quot in nostro videbantur corpore formae, Tot mecum raptas abstulit atra dies. Quo vos iam tristi turbatus deprecor ore, Qui titulum legitis cum pietate meum: ‘O quam laetus eras, Vitalis’ dicite maesti, 25 ‘Sint tibi, Vitalis, sint tibi laeta modo.’
Eine mögliche deutsche Übersetzung:
„Was soll ich mit dir anfangen, Tod, der du niemandem vergeben kannst? Du bist unfähig, Freude oder Spiele zu schätzen. Darin war ich dir stets voraus, weltbekannt; daher mein prächtiges Haus, daher mein Reichtum. Ich genoss das Leben in vollen Zügen, denn ohne Vergnügen, welchen Sinn hat diese wankelmütige und trügerische Welt? Beim Anblick meiner Gegenwart legten sich die wütenden Furien augenblicklich, und selbst der größte Schmerz brach in Lachen aus, sobald ich erschien. Niemand konnte sich nun mehr von quälenden Sorgen verzehren oder von der Unwägbarkeit des Lebens mitgerissen werden. Meine Gegenwart vertrieb alle Ängste, und an meiner Seite war jede Stunde gut. Obwohl seine Stimme tragisch war, bezauberte er alle mit seinen Gesten und Worten und erfreute ihre betrübten Herzen mit vielfältigen Melodien. Ich schilderte die Gesichter, Haltungen und Worte der Menschen so lebendig, dass man glaubte, durch den Mund eines einzigen Menschen sprächen viele. Selbst ein Mann, der durch mein Abbild doppelt erschien, erschrak, weil er glaubte, in meinen Gesichtszügen gelandet zu sein. O wie oft sah eine Frau, die ich mit meiner Gestik nachahmte, sich selbst und errötete und war ganz beschämt! So viele Gestalten lebten in meinem Körper, so viele nahm der schwarze Tag, entriss ihn mir. Mit traurigem, bewegtem Gesicht bitte ich euch, meine Grabinschrift andächtig zu lesen: ‚Was für eine Freude du warst, Vitalis‘, sprecht voller Trauer, ‚möge Freude dich begleiten, Vitalis, möge sie dich nun begleiten.‘“
Literatur
Pasqua Colafrancesco: Il mimo Vitale. In: Carlo Santini, Loriano Zurli, Luca Cardinali (Hrsg.): Concentus ex dissonis. Scritti in onore di Aldo Setaioli. Edizioni scientifiche Italiane, Neapel 2006, S. 213–228. Esther Artigas: De quodam vitali mimo eiusque barcinonensi adventu. In: Liburna. Band 14, 2019, S. 37–52 (katalanisch; Digitalisat)
Anmerkungen
Kategorie:Theaterschauspieler (Römisches Reich) Kategorie:Künstler der Spätantike Kategorie:Antiker Mimendarsteller Kategorie:Literatur der Spätantike Kategorie:Antikes Epitaph Kategorie:Römer Kategorie:Gestorben im 5. oder 6. Jahrhundert Kategorie:Geboren im 5. oder 6. Jahrhundert Kategorie:Mann