Zwiesprache mit dem Spiegel (auch: Zwiesprache des Spiegels, Originaltitel: Diálogo del espejo) ist eine erstmals 1949 in El EspectadorGabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 159. veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul.
Kurzbeschreibung Ein Mann, dessen Bruder gestorben ist, rasiert sich. Beim Blick in den Spiegel erkennt er in der Spiegelung das Gesicht seines Bruders und spürt eine beunruhigende Aufspaltung seines Bewusstseins. Zunächst bemerkt er, dass das Spiegelbild eine leichte Blutung zeigt, obwohl seine eigene Haut unverletzt ist; bald wirkt das Bild, als habe es ein Eigenleben. Nach der Rasur sieht der Mann, dass sein Spiegelbild das Blut im Gesicht verschmiert hat, reagiert verwirrt, lächelt dann aber und macht sich auf den Weg zur Arbeit, ohne dass ihn weiter etwas zu kümmern scheint.
Inhalt „Der Mann des frühen Aufenthalts“, dessen Bruder verstorben ist, liegt morgens im Bett. Ihm hat „eine schwere, brutale und absurde Maschine die laue Substanz seines beginnenden Traums zerstört“. Der Mann mag Träume: „Die Aufgaben, sich zu rasieren, den Bus zu nehmen, die Gleichungen im Büro zu lösen, würden in seinem Traum einfach und unkompliziert sein und ihm im nachhinein die gleiche innere Befriedigung gewähren.“ Leider aber muss der Mann aufstehen, geht sich rasieren. „Ein leichter Kälteschauer durchzuckte ihn, als er in dem Bild seinen eigenen toten Bruder entdeckte, wenn der gerade aufgestanden war. Das gleiche müde Gesicht, der gleiche Blick, noch kaum erwacht.“ Der Mann blödelt vor seinem Spiegelbild herum, beginnt sich zu rasieren. Dann sieht er in seinem Spiegel eine Abweichung von der Realität, „zuckte zusammen. Seine Haut zeigte keine Verletzung, doch dort im Spiegel blutete der andere leicht. Und in seinem Innern wurde für ihn wieder zur ärgerlichen Wahrheit, daß […] er jetzt, vor dem Spiegel, wieder die Empfindung, das Bewußtsein der Aufspaltung erlebte.“ Es bleibt nicht bei der Verwundung des Spiegelbilds. „Konnte es sein, daß das Bild ein Eigenleben gewonnen und beschlossen hatte […], einfach langsamer fertig zu werden als seine äußere Person?“ Der Mann, der zur Arbeit muss, trocknet sich nach vollendeter Rasur ab: „Überrascht blickte er das Handtuch an und schloß verwirrt die Augen, während dort im Spiegel ein Gesicht, dem seinen gleich, ihn mit großen törichten Augen betrachtete, und das Gesicht war von einem dunkelvioletten Faden durchquert. Er öffnete die Augen und lächelte […]. Nichts kümmerte ihn mehr.“
Textanalyse Bei Zwiesprache mit dem Spiegel, laut Mario Vargas Llosa eine Fortsetzung von Die andere Rippe des Todes,„el cuento ‚Diálogo del espejo‘ que, según Vargas Llosa, es la continuación de este “ – El Estante Literario: Reseña: La otra costilla de la muerte – Gabriel García Márquez. In: elestanteliterario.com. Abgerufen am 10. März 2026. handelt es sich um eine großteils personal, gelegentlich in Ich-Form erzählte Kurzgeschichte, deren Berichtszeit und Verortung unklar bleibt. Neben der Hauptfigur tritt im Spiegel dessen verstorbener Bruder auf. Die Hauptfigur hat eine „teigige, gelbe“ und „mit hervortretenden Nervensträngen übersäte Haut“ und hadert mit dem Bürojob in der „Agentur, die seit einiger Zeit zum Ausgangspunkt seines eigenen täglichen Begräbnisses geworden war.“ Themen der Geschichte sind die Aufspaltung der Person sowie der Tod: „In ‚Zwiesprache mit dem Spiegel‘ verkörpert der Andere, der tote Bruder im Spiegel, der als Spiegelbild beginnt, er selbst zu sein, den Übergang des Todesbegriffs zu einer spezifischen Zeit und einem spezifischen Raum; es ist nicht länger der Tod als Allgemeinheit, sondern der Tod, der sich auf der anderen Seite des Glases rasiert, ein Tod, der, indem er er selbst ist, Differenz zulässt“, so die Romanistin Paola Cadena Pardo (University of Cincinnati).„En ‚Diálogo con el espejo‘, el otro, el hermano muerto en el espejo, que siendo reflejo empieza a ser él mismo, encarna la transición del concepto de muerte a un tiempo y a un espacio específicos, ya no es la muerte como generalidad, sino la muerte rasurándose del otro lado del cristal, una muerte que siendo él mismo admite la diferencia“ – Paola Cadena Pardo: Ojos de perro Azul. La muerte como mecanismo de lo poético a partir de la repetición deleuzina. In: Hipertexto, Jg. 20, Verano, 2014, , S. 64–75. Hier S. 69. (pdf).
Literatur Monika Ćuto: Traducción y análisis de los cuentos „Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo“ y „Diálogo del Espejo“ de Gabriel García Márquez. (Diplomski rad.) Sveučilište u Zadru, Zadar 2021. (pdf). Donald McGrady: Diálogo del espejo. In: Thesaurus, Jg. 27, Nr. 2, 1972, S. 299–301. (pdf).
Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl) Zwiesprache mit dem Spiegel. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 48–55. Zwiesprache mit dem Spiegel. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 67–78.
Weblinks Volltext des Einzelwerks, originalsprachig Volltext des übergeordneten Werks Ojos de perro azul, deutschsprachig
Einzelnachweise Gabriel García Márquez: Zwiesprache mit dem Spiegel. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 67–78.
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Gabriel García Márquez Kategorie:Kolumbianische Literatur