Ottilie Heller (* 7. August 1849 in Berlin; † wahrscheinlich 1917 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin und Komponistin. Ihre literarischen Werke veröffentlichte sie unter dem Pseudonym O. Heller.
Leben Ottilie Heller wurde am 7. August 1849 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des bekannten Philologen und Schriftstellers Heinrich Justus Heller (1812–1902). Hinweise auf ihre Mutter gibt es nicht. Hellers schulische Ausbildung erfolgte überwiegend durch ihren Vater. Selber schrieb sie, dass ihr Vater sie in neuen Fremdsprachen unterrichtete, was ihr Interesse an französischer und englischer Literatur begründete.
In ihrer frühen Schaffensphase widmete sich Heller der Musik. Sie erhielt Musikunterricht und veröffentlichte einige Kompositionen, darunter Lieder und Klavierstücke. Ab 1879 verlagerte sich ihr Tätigkeitsschwerpunkt auf die Schriftstellerei, wobei ihr Hauptinteresse dem Drama galt. Im Sommer 1879, während eines Aufenthaltes in Paris, veröffentlichte sie einen Bericht über die französische Dramatik, der in Das Magazin für die Literatur des In- und Auslandes erschien. Sie schreibt selbst, dass „[d]er Erfolg, die freundliche Anerkennung“ dazu geführt habe, dass sie dem Magazin knapp vier Jahre bis 1883 treu blieb.
Anschließend widmete sie ihre Zeit eigenen Werken. Hellers erster Roman Stephan Broda erschien zunächst in der Täglichen Rundschau, bevor er 1884 im Verlag von W. Friedrich in Leipzig publiziert wurde. Kurz darauf folgte ihr zweiter Roman Kathinka und 1888 veröffentlichte Heller den Theaterroman Paula. Hier kommt ihre Vorliebe für die Schauspielkunst zum Ausdruck, eigene Bühnenstücke verfasste sie jedoch nicht. Es folgten weitere Romane und Erzählungen, später auch Novellen. Seit Beginn der 1890er Jahre war sie außerdem wieder als Mitarbeiterin verschiedener Zeitschriften und Zeitungen aktiv.
Ottilie Heller lebte unverheiratet bei ihren Eltern. Aussagekräftige Hinweise auf eine Verlobung Hellers gibt es nicht. Nachdem ihr Vater verstorben war, geriet sie in finanzielle Schwierigkeiten, die vorübergehend durch ein Stipendium der Deutschen Schillerstiftung verbessert werden konnten. Außerdem verlor Heller aufgrund der mehrjährigen intensiven Pflege ihrer Eltern den Kontakt zu Zeitungen, sodass sie aus Not heraus von 1911 bis 1914 die Herausgabe des Blattes Der Seifenfabrikant übernahm. Zuletzt wohnte Ottilie Heller von 1906 bis 1917 in Berlin-Kreuzberg, ein genaues Sterbedatum ist nicht bekannt.
Werk und Wirken Musikalisches Schaffen Heller widmete sich zunächst der Musik und veröffentlichte eigene Kompositionen. Hinweise darauf finden sich in verschiedenen zeitgenössischen Zeitungen. Im Dezember 1871 berichtete das Musikalische Wochenblatt, dass Ottilie Heller elf Lieder in gedruckter Form veröffentlichen konnte. Um welche Art von Stücken es sich hierbei handelte, wird jedoch nicht näher dokumentiert.
In der Leitmeritzer Zeitung von 1893 wird Heller als Sängerin in einem Chor erwähnt. Bei einer Aufführung eines Waldmärchens übernahm sie die Rolle des Hagedorn. Die Veranstaltung wurde offenbar zu wohltätigen Zwecken organisiert, wobei Spenden für „Schulzwecke“ gesammelt wurden.
Darüber hinaus wurde in der Berliner Musikzeitung eine Rezension zu drei ihrer Stücken publiziert. Es handelt sich dabei um „Lieder und Gesänge für eine Singstimme“, die sich besonders für das Spielen in Salons eignen. Weitere Details oder Abdrucke der Lieder sind nicht überliefert. Auch die Allgemeinen musikalischen Zeitung (Ausgabe vom 16. September 1874) enthält Rezensionen zu Heller und ihren Kompositionen. Die zunächst beschriebenen Stücke dürften mit denen aus der Berliner Musikzeitung identisch sein, da beide als „Op. 6“ gekennzeichnet werden. Hellers Lieder, insbesondere die Sammlungen Op. 6, Op. 7 und Op. 8, zeigen eine besondere Begabung für das Melodische. In den Drei deutschen Liedern vertonte Heller Texte von Johann Wolfgang von Goethe sowie Übersetzungen von Ferdinand Freiligrath nach Thomas Moore und Robert Burns. In den Sammlungen Zwei Liebeslieder Mirza Schaffy’s (Op. 7) und Fünf Gesänge (Op. 8) setzte sie Lyrik von Heinrich Heine, Walter Scott und Carl Siebel musikalisch um.
Literarisches Schaffen Hellers Romane, darunter ihr Debüt Stephan Broda, weisen häufig ein Bezug zu Berlin auf. Dazu zählt auch ihr zweites Werk Kathinka und Baumeister Robert, ein Roman, der die Machenschaften im Baugewerbe der Berliner Gründerzeit bespricht.
Stephan Broda handelt von der tragischen Ehe zwischen einem mittelmäßigen Sänger und einer als genial beschriebenen Sängerin. Der Sänger wird als liebenswürdiger, sanftmütiger und ehrenvoller Mensch charakterisiert, der mit der überaus leidenschaftlichen Natur seiner Frau nicht umgehen kann. Die Sängerin verliebt sich schließlich in den Maler Stephan Broda, ein Freund ihres Mannes. Der Maler empfindet jedoch keine Liebe für die Sängerin, da er in die Fürstin Dobrinski verliebt ist. Nachdem er sich ihr zu Füßen wirft, flieht die Fürstin. Später lässt sich Broda in einem Duell erschießen, während die Fürstin an einer Lungenentzündung stirbt.
Aus zeitgenössischen Zeitungsartikeln geht hervor, dass Hellers Erzählung Die Frau des Virtuosen eine typische Liebesgeschichte beschreibt. Zwei Menschen nähern sich, entfremden sich zeitweise und finden am Ende wieder zusammen. Der Virtuose Glöckner ist glücklich mit seiner Frau Leonore verheiratet, bis deren Schwester Hedy in ihr Leben tritt. Glöckner und Hedy beginnen eine heimliche Beziehung, die von einem von Hedys Verflossenen aufgedeckt wird. Entgegen der Erwartungen ist Leonore bereit, ihrem Ehemann zu verzeihen, und die Ehe wird wieder glücklich.
Anhand dieser beiden Werke lässt sich erkennen, dass Heller alltägliche Themen in ihre Titel einfließen lässt. Hinweise aus Zeitungen von 1886 deuten zudem auf ein weiteres Werk hin, das in den biografischen Angaben bislang nicht aufgeführt wird. Der Roman Do ut des soll in den Heften 8, 10 und 11 der Deutschen Romanbibliothek veröffentlicht worden sein. Inhaltliche Details werden in den Zeitungsartikeln jedoch nicht erwähnt.
Rezeption Musik Über Ottilie Hellers Arbeit als Komponistin ist nur wenig bekannt. Zeitgenössische Rezensenten wiesen jedoch kritisch darauf hin, dass die Stimmführung in dem Werk Drei deutsche Lieder stark an der Instrumentalmusik orientiert sei und die Charakteristik der menschlichen Stimme nicht vollständig berücksichtige. Dies äußere sich in unsicheren Wechseln zwischen den Stimmlagen Alt und Sopran. Auch in den Sammlungen Op. 7 und Op. 8 wurde Hellers melodisches Talent hervorgehoben. Die musikalische Umsetzung der Texte in Op. 8 wurde hingegen als weniger glücklich bewertet. Besonders bei der Vertonung Heines Texten bemängelten Rezensenten, dass die Singstimme phasenweise in einfacher Deklamation verharrte oder melodische Ansätze (Cantilenen) zu früh abbrachen, während die späteren Lieder der Sammlung als deutlich gelungener beurteilt wurden.
Schriftstellerisches Werk Verschiedene zeitgenössische Zeitungen geben zudem Aufschluss darüber, wie Heller als Schriftstellerin wahrgenommen wurde. In dem Magazin für die Literatur des In- und Auslandes erschien am 5. April 1884 ein Eintrag zu Ottilie Hellers Debütroman Stephan Broda in der Rubrik ‚Bibliographie der neuesten Erscheinungen‘. Bereits am 24. Mai 1884 folgte eine ausführliche Rezension, in der Heller eine „große Gestaltungskraft“ und eine „vortreffliche Charakteristik origineller Personen“ attestiert wurde. Besonders hervorgehoben wurde, dass der Roman durch interessante und eindrucksvoll gezeichnete Figuren überzeugt, die einen lebendigen Einblick in die Berliner Gesellschaft vermitteln. Insgesamt fällt die Besprechung äußerst positiv aus, und das Werk wurde zu Lesen weiterempfohlen.
Im Gegensatz dazu berichtete die Montags-Revue aus Böhmen am 14. April 1884 deutlich kritischer. Die Person bemängelte die Darstellung der Figuren, die den Eindruck erwecke, die Autorin habe keinerlei Fantasie oder eigene Ideen bei deren Erschaffung gehabt. Außerdem wurde angezweifelt, dass es sich bei dem Werk von Heller um einen Roman handele. Der Text erscheine als einfache Geschichte ohne tiefere Beziehungen oder Zusammenhang von Zeit und Ort. Handlung, Sprache und Satzbau wurden als platt und geschmacklos kritisiert.
Auch Hellers spätere Erzählung Die Frau des Virtuosen wurde in verschiedenen zeitgenössischen Zeitschriften besprochen. Diese Rezensionen lobten insbesondere ihre lebhafte Fantasie sowie die Fähigkeit, das emotionale Innenleben ihrer Figuren nachvollziehbar und bewegend darzustellen. In einem Artikel vom Oktober 1905 wird Hellers Erzählweise als „reizend“ beschrieben. Eine ähnliche Würdigung findet sich in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung vom September 1905, in der betont wird, wie anschaulich und liebevoll sie ihre Figuren zum Leben erwecke.
Heute ist Ottilie Heller weitgehend vergessen. Ihre Werke sind schwer zugänglich und über ihr Leben ist nur wenig bekannt. Eine objektive Einordnung ihres Schaffens ist daher derzeit kaum möglich.
Werke (Auswahl) Musik Op. 6: Drei deutsche Lieder (erschienen bei N. Simrock, Berlin) Nr. 1: Wehmut (Text: Johann Wolfgang von Goethe: Ihr verblühet, süsse Rosen) Nr. 2: Glänzt in der Frohen Kreis (Text: Ferdinand Freiligrath nach Thomas Moore) Nr. 3: Mein Lieb ist eine rothe Rose (Text: Ferdinand Freiligrath nach Robert Burns) Op. 7: Zwei Liebeslieder Mirza Schaffy’s für eine Singstimme in Begleitung des Pianoforte (erschienen bei Hartmann Weinholzu (P. Heyder), Berlin) Nr. 1: Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt Nr. 2: Schlag die Tschadra zurück Op. 8: Fünf Gesänge für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte (erschienen bei Hermann Weinholtz (P. Heyder), Berlin) Nr. 1: Es träumte mir von einer weiten Heide (Text: Heinrich Heine) Nr. 2: Wo ich bin, mich rings umdunkelt (Text: Heinrich Heine) Nr. 3: Was mein noch ist (Text: Walter Scott) Nr. 4: Sank die Schönheit schlummernd hin (Text: Walter Scott) Nr. 5: Du suchst die Sterne (Text: Carl Siebel) Op. 9: Drei Salonstücke (erschienen bei Weinholzu, Berlin) Nr. 1: Gavotte Nr. 2 & 3: Zwei Impromptus Op. 10: Deux valses de Concert (Zwei Konzertwalzer, erschienen bei Weinholtz, Berlin) Nr. 1: Valse chromatique Nr. 2: Valse brillante
Prosa Paul Lindau als Übersetzer. In: Das Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes, W. Friedrich, Leipzig 1880 Stephan Broda. Roman, 2 Bände, W. Friedrich, Leipzig 1884 Kathinka. Roman aus dem Berliner Leben. 2 Bände, Eckstein Nachfolger, Berlin 1884 Do ut des. Roman. 1886 Paula. Theaterroman, August Deubner, Berlin 1888 Unter genialen Menschen. Roman, Otto Janke, Berlin 1893 Der Weg zum Frieden. Roman, Bibliographisches Bureau, Berlin 1895 Baumeister Robert. Berliner Roman, August Deubner, Berlin 1897 Auf dem Pfade zum Ruhm. Roman, E. Ebering, Berlin 1901. 3. Auflage H. Steinitz, Berlin 1905 Primadonna. Erzählung, Ein Feldpostbrief. A. Goldschmidt (= Goldschmidts Bibliothek für Haus und Reise, Band 111), Berlin 1903 [1,4] Gertruds Freund. Künstlerblut. Zwei Novellen, A. Goldschmidt (= Goldschmidts Bibliothek für Haus und Reise, Band 115), Berlin 1904 Die Frau des Virtuosen. Erzählung, A. Goldschmidt, Berlin 1905 Luigia Merelli. Erzählung, A. Goldschmidt, Berlin 1906. (Erzählung – Heinrich Köhler, Die schöne Wally. – Henriette v. Meerheimb, Eine seltsame Hochzeit.)
Einzelnachweise
Kategorie:Komponist (Deutschland) Kategorie:Autor Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Deutschland) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1849 Kategorie:Gestorben 1917 Kategorie:Frau