Portrait on the Fly ist eine Installation der Künstler Christa Sommerer und Laurent Mignonneau. Das Werk des österreichisch-französischen Duos entstand im Jahr 2015. Die computerbasierte Installation hat ein variables Installationsmaß und wird heute auf einem 55-Zoll-Bildschirm im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe ausgestellt.

Beschreibung Die interaktive Installation zeigt auf einem Monitor zunächst etwa 10.000 computergenerierte Fliegen, die auf dem Bildschirm herumwuseln. Sobald Besucher an das Werk herantreten und davor stehen bleiben, um es im Detail zu betrachten, reagieren die Fliegen auf dem Bildschirm in Sekundenschnelle und positionieren sich neu. Sie formieren sich als Gruppe und formen so die Konturen der Betrachter nach. Es entsteht ein erkennbares Abbild der betrachtenden Personen aus vielen tausend Fliegen.

Funktionsweise Am oberen Rand des Bildschirms befindet sich eine Videokamera, welche die Bewegungen vor dem Monitor erfasst. Mithilfe einer Bilderkennungssoftware werden aus den Videobildern die Umrisse und Kanten extrahiert. Die Fliegen werden von einem Algorithmus gesteuert, welcher ihnen vorgibt, sich in Richtung der dunklen und kontrastreichen Stellen des aufgenommenen Bildes zu bewegen und dort zu verharren. Die Fliegen sind dauerhaft in Bewegung und positionieren sich selbst bei der kleinsten Bewegung wieder neu. Möchte man als Betrachter ein sehr detailreiches und klares Bild von sich selbst sehen, welches durch die herumwuselnden Fliegen geformt wird, so muss man ganz ruhig vor dem Bildschirm stehen bleiben. Die Kamera erfasst auf diese Weise über einen längeren Zeitraum eine Videosequenz, auf der sich die Person nicht bewegt. Das Verharren der Betrachter führt dazu, dass die Fliegen vom Algorithmus keine neuen Impulse bekommen, sich neu zu positionieren, da sich keine neuen Konturen ergeben und die schon vorhandenen Konturen sich weiterhin an denselben Stellen befinden. Je länger die Betrachter ruhig vor dem Monitor und somit ruhig vor der Kamera ausharren, desto länger wird auch ein klares Bild von ihnen durch die Fliegen auf dem Bildschirm gezeigt. Die Betrachter sind nicht bloß reine Beobachter, sondern sie werden zum Akteur. Sommerer und Mignonneau bezeichnen ihr Werk selbst als impressionistische Programmierung, es gehe weniger um die genauen Details des Werkes, sondern vielmehr um das Empfinden, das es bei den Betrachtern auslöst, denn das Endresultat kreiere sich jeder selbst in seinem Kopf.

Hintergründe und Deutungen Die Fliege wird im kunsthistorischen Kontext als Symbol des Todes und der Sterblichkeit gedeutet. Die Künstler folgen damit der Tradition des künstlerischen Motivs des Memento mori, welches den Betrachtern die Endlichkeit ihres eigenen Lebens vor Augen führt. Doch auch in der Natur werden Fliegen oft mit dem Tod oder Verwesen assoziiert, da man sie unter anderem oft an Leichen finden kann und das Ausmaß eines Fliegenbefalls an einer Leiche in der Forensik eine wichtige Rolle spielt, um den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Die Installation läuft zwar immer nach denselben technischen Abläufen ab, dennoch zeigt sie immer nur Momentaufnahmen, die direkt aus dem Leben gegriffen werden. Die Porträts befinden sich in einem dauerhaften Wandel, das Werk existiert im Grunde nur einmal für eine ganz kurze Zeit und thematisiert die Unbeständigkeit, den Wandel und schlussendlich auch die Vergänglichkeit des Moments sowie die Endlichkeit des Lebens. Das eigene Porträt, dargestellt durch die computergenerierten Fliegen, existiert nur so lange, wie sich die Betrachter vor dem Bild aufhalten. Jeder, der danach die Ausstellung betritt, wird niemals das exakt selbe Kunstwerk sehen, da es sich immer individuell an jeden seiner Betrachter anpasst. Das Werk befindet sich in einem ständigen Wandel, es konstruiert und dekonstruiert sich selbst immer wieder.

Wirkung auf den Betrachter Der Bildschirm ist vertikal an der Wand angebracht und erinnert aufgrund seiner Positionierung an der Wand sowie seiner Funktionsweise, die darin besteht, seinen Betrachter auf seiner Oberfläche abzubilden, an einen Spiegel, auf dem die Betrachter sich selbst sehen. Trotz des hohen Abstraktionsgrades, mit dem die Fliegen ihre Betrachter porträtieren, erkennen sich viele Betrachter sehr schnell wieder. Voraussetzung dafür ist, dass die Betrachter einen Moment vor dem Werk innehalten und sich die Fliegen anordnen können. Dies fällt jedoch manchen Betrachtern nicht so leicht und sie bewegen sich vor dem Bildschirm umher. Die Fliegen auf dem Bildschirm befinden sich stetig in Bewegung, diese Transformation spiegelt sich auch in der Mehrdeutigkeit des Werktitels wider, der auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann. Obwohl es sich bei dem Werk lediglich um eine digitale Installation handelt, rufen die abgebildeten Fliegen bei den Betrachtern dennoch sowohl Gefühle der Anziehung und Faszination hervor, jedoch auch abstoßende Gefühle, da sie ihr Selbst als Porträt aus Fliegen erkennen.

Künstlerische Referenzen und Inspiration Die beiden Künstler wurden unter anderem durch eine Szenerie, die sich in ihrem Wintergarten abspielte, inspiriert. Sie beobachteten, wie sich immer wieder Fliegen in ihren Wintergarten hinein verirrten und trotz geöffneter Tür nicht mehr herausfanden. Die beiden bemühten sich, die Fliegen hinauszuscheuchen, was ihnen jedoch nicht gelang und die Fliegen schlussendlich in ihrem Wintergarten verstarben. Sommerer und Mignonneau begannen, das Verhalten der Fliegen zu beobachten und zu dokumentieren. Mit der Zeit fingen sie an, bestimmte Verhaltensweisen bei den Fliegen zu erkennen, obwohl das Herumfliegen auf den ersten Blick unkontrolliert erscheint. Inspiriert durch diese Situation und zu Ehren der Fliegen, die in ihrem Wintergarten verstorben waren, beschlossen sie, ein Kunstwerk zu erschaffen. Eine weitere Inspirationsquelle waren die sogenannten Vanitas-Stillleben, wie beispielsweise von Abraham Mignon. Es handelt sich um ein Genre, bei dem oft Pflanzen sowie Früchte, aber auch Insekten dargestellt werden. Die Künstler schaffen in ihrem Werk eine Verbindung aus dem Gesicht des Betrachters sowie den Fliegen. Dieses Verfahren hat eine lange Tradition in der bildenden Kunst und wird als Arcimboldo-Effekt bezeichnet. Der Arcimboldo-Effekt wurde nach dem Maler Giuseppe Arcimboldo benannt, welcher aus einer Kombination aus unter anderem Blumen, Tieren, Pflanzen sowie anderen natürlichen Materialien Porträts schuf.

Weitere Werke Ausgehend von dem Werk Portrait on the Fly erstellten die beiden Künstler weitere Werke, die ebenfalls das Symbol der Fliege beinhalten. Sie schufen eine Reihe von Plotterzeichnungen und Digitaldrucken, die gleichfalls Porträts zeigen. Bei dem ersten Werk dieser Reihe handelte es sich um ein Selbstporträt, die weiteren Werke zeigen unter anderem Porträts von Medienkünstlern. Die Arbeit hatte das Ziel, sich auf die Einzigartigkeit eines Originalbildes zurückzubesinnen und Originalbilder wichtiger Medienkünstler zu bewahren. Mit dieser weiterführenden Arbeit setzen sie sich auch mit einer Problematik der Medienkunst auseinander, die sich mit der Frage nach der Notwendigkeit beschäftigt, unveränderte Artefakte zu erschaffen, welche konservierbar sind.

Literatur

Peter Weibel: Hacking identity, dancing diversity: in the framework of Esch2022 - European Capital of Culture = Hacking identity, dancing diversity: dans le cadre de Esch2022 - Capitale européenne de la culture. Hatje Cantz, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5239-8. Christa Sommerer, Laurent Mignonneau: the artwork as a living system 1992-2022 (=Leonardo). ZKM Center for Art and Media Karlsruhe, Karlsruhe, Germany 2022, ISBN 978-0-262-04815-6. Peter Weibel, Christelle Havranek, Lívia Nolasco-Rózsás: Kinetismus: 100 Years of Electricity in Art [exhibition, Kunsthalle Praha, Prague, February 22 - June 20, 2022]. 1st edition Auflage. Hatje Cantz Kunsthalle Praha, Berlin Prague 2022, ISBN 978-3-7757-5197-1. Peter Weibel: Writing the History of the Future: signature works of the singular ZKM Media Art Collection. Hrsg.: Heerang Kim. Laurent Mignonneau, Christa Sommerer: "Impressionistic Programming: Aesthetical and technical methods for creating the interactive artwork “Portrait on the Fly”" Digital Culture & Society, vol. 8, no. 2, 2022, pp. 25-38. .

Weblinks

https://zkm.de/de/werk/portrait-on-the-fly https://www.kunsthallepraha.org/en/events/artist-talk-laurent-mignonneau-christa-sommerer-portrait-on-the-fly

Einzelnachweise

Kategorie:Installationskunst