American War ist der erste Roman des ägyptisch-kanadischen Journalisten Omar El Akkad (* 1982). Die englischsprachige Originalausgabe erschien am 4. April 2017 im Verlag Alfred A. Knopf in New York, die deutsche Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié wurde 2017 bei S. Fischer veröffentlicht.
Aufbau Der dystopische Roman spielt in den Jahren 2075 bis 2132 in Nordamerika. Von 2075 bis 2094 dauert ein Bürgerkrieg, der in dem Roman als Zweiter Amerikanischer Bürgerkrieg bezeichnet wird (ganz offensichtlich in Anlehnung an den ersten Bürgerkrieg von 1861 bis 1865), und dem für weitere 10 Jahre eine schlimme Seuche folgt. Insofern ist das Buch ebenso ein Science-Fiction-Roman und ein Kriegsroman. Ein weiteres dystopisches Element sind die Auswirkungen des Klimawandels und die veränderte Landkarte durch den angestiegenen Meeresspiegel.Wie die Rezensentin Antje Deistler bemerkt, lässt El Akkad den Meeresspiegel um 60 Meter ansteigen, was übertrieben erscheint, siehe
Der Prolog und die letzten drei Kapitel werden in Ich-Form von Benjamin Chestnut erzählt, der 2132 am Ende seines Lebens steht und der bereits 2094 als Klimaflüchtling nach New Anchorage in Alaska gekommen ist. Als Historiker hat er die Geschichte des Zweiten Amerikanischen Bürgerkriegs erforscht. In den anderen 12 Kapiteln, die den weit umfangreicheren Teil des Romanes ausmachen, gibt es keinen Ich-Erzähler. In ihnen geht es unmittelbar um die Geschehnisse des Bürgerkriegs, mit der Familie Chestnut im Zentrum. Am Ende eines jeden Artikels ist Material aus fiktiven Primärquellen angehängtAmerican War, deutsche Ausgabe, Prolog, S. 10: „Ich habe alles gelesen, was an Quellenmaterial erhalten ist: Kongressakten, Aufzeichnungen von Zeitzeugen, die grausigen Berichte der Überlebenden der Seuche.“ (Zitat des fiktiven Benjamin Chestnut), im Stil einer historiografischen Metafiktion. Handlung 2074 wird in den Vereinigten Staaten ein Gesetz, der „Sustainable Future Act“, verabschiedet, mit dem der Einsatz fossiler Brennstoffe verboten wird. Dies ist Auslöser für die Ermordung des Präsidenten der Vereinigten Staaten im Dezember 2073 in Jackson (Mississippi) durch einen Selbstmordattentäter. Die Bundesstaaten Mississippi, Alabama, Georgia, South Carolina und Texas treten aus der Union aus, was den Bürgerkrieg auslöstZitat aus American War, deutsche Ausgabe, S. 29: „Und hier im Süden hatte sich eine ganze Region für einen neuen Krieg entschieden, wollte lieber die Trennung von der Union als auf jenen verbotenen Brennstoff zu verzichten (…).“. South Carolina wird schnell durch ein von der US-Regierung freigesetztes Virus namens "The Slow" außer Gefecht gesetzt, eine biologische Waffe, die die Infizierten träge macht.American War, deutsche Ausgabe, S. 128 Texas wird von Mexiko überfallen und besetzt, und der verbleibende Block, bekannt als die "Freien Südstaaten" (Mississippi, Alabama und Georgia, abgekürzt "MAG"), kämpft weiter. Das Kontrollzentrum der bewaffneten Drohnen der USA wird von den Rebellen zerstört, woraufhin die Kampfmaschinen unvorhersehbar und wahllos Freund und Feind angreifen.
Der Roman wird zunächst aus der Perspektive von Sarat (Sara T. Chestnut), geboren 2068American War, deutsche Ausgabe, S. 88, und später aus der ihres Neffen Benjamin, geboren 2089, erzählt. Sarat ist sechs Jahre alt, als der Krieg ausbricht. Sie lebt mit ihrer Familie an der Küste des Bundesstaates Louisiana, der wegen des Klimawandels teils überflutet, teils ausgetrocknet ist.American War, die beiden ersten Kapitel Ihre Familie besteht aus ihren Eltern Benjamin und Martina, ihrem älteren Bruder Simon und ihrer zweieiigen Zwillingsschwester Dana. Nachdem Sarats Vater 2075 bei einem von Südstaatlern verübten terroristischen Selbstmordanschlag in Baton Rouge getötet wirdAmerican War, deutsche Ausgabe, S. 44, zieht die Familie in ein Flüchtlingslager namens "Camp Patience"Der Name (Patience = Geduld) ist ein sarkastischer Euphemismus angesichts der Perspektivlosigkeit in diesem Lager. an der Grenze zwischen Mississippi und Tennessee, das von der Hilfsorganisation Roter Halbmond betrieben wird.
Sarat und ihre Familie verbringen die nächsten sechs Jahre im Camp Patience, das „aus Zelten in dicker Leinwand bestand, soweit das Auge reichte“American War, deutsche Ausgabe, S. 86. Im Jahr 2081, als Sarat 12 Jahre alt ist, freundet sie sich mit dem erheblich älteren, charismatischen Albert GainesDie Rezensentin Irene Binal formuliert: „ein gewisser Albert Gaines, ein Kriegsveteran, der sich der Sache des Südens verschrieben hat“, siehe: an, einem Rekrutierer der südlichen Rebellen.American War, deutsche Ausgabe, S. 150 Gaines stellt ihr Joe vorAmerican War, deutsche Ausgabe, S. 182, einen Agenten des Bouazizi-Imperiums. Dieses Imperium mit Sitz in Kairo „vereint weite Teile Asiens, Russlands und Nordafrikas auf sich“. Es schickt Hilfe an die Freien Südstaaten, um die Vereinigten Staaten schwach und gespalten zu halten. Nachdem die Rebellengruppe, zu der Simon gehört, einen wichtigen General des Nordens mit einer Mine getötet hat, greifen Milizen des Nordens Camp Patience an und massakrieren viele der Flüchtlinge, töten Sarats Mutter und verletzen Simon schwer.American War, deutsche Ausgabe, S. 214 ff.
Nach dem Massaker von Camp Patience werden Sarat und ihre Geschwister von der Regierung des freien Südens nach Lincolnton in Georgia, an der Grenze zu South Carolina, umgesiedelt.American War, deutsche Ausgabe, S. 230 ff. Die beiden Schwestern werden von Simon begleitet, der durch einen Schuss in den Kopf schwer beeinträchtigt ist. Im Laufe der Jahre gewöhnen sich die Chestnut-Geschwister an ihr neues Leben. Während Sarat Mitglied von Gaines’ Rebellengruppe geworden ist, wird der kranke Simon von einer bangladeschisch-amerikanischen Frau namens Karina betreut. Mit der Zeit entwickeln Simon und Karina romantische Gefühle füreinander.
In einer Guerillaoperation im Oktober 2086 erschießt Sarat den Nordstaaten-General Joseph Weiland an der Grenze zwischen Georgia und Tennessee.American War, deutsche Ausgabe, S. 253 Während die Tat in den Freien Südstaaten gefeiert wird, verstärkt Weilands Ermordung nur den Willen der US-Regierung, den südlichen Aufstand zu beenden, und führt zu einer Niederschlagung der südlichen Guerillas. Sarat fühlt sich enttäuscht von der ihrer Meinung nach korrupten und eigennützigen südlichen Führung. Bald darauf wird Dana getötet, als eine unkontrollierte Drohne einen Bus bombardiert, in dem sie reist.American War, deutsche Ausgabe, S. 317
Sarat wird später von US-Streitkräften gefangen genommen und in der Sugarloaf-Haftanstalt im Florida-Meer inhaftiert.American War, deutsche Ausgabe, S. 324 ff. Sarat erfährt später, dass ihr Mentor Gaines ebenfalls verhaftet wurde und viele Informationen an die USA gegeben hat. In den folgenden sieben Jahren in Sugarloaf wird Sarat wiederholt gefoltert, unter anderem durch Waterboarding. Um die Qual zu beenden, gesteht Sarat alle Taten, die ihr vorgehalten werden, die sie aber nicht begangen hat. Nach 7 Jahren wird sie als ein körperliches Wrack freigelassen, nachdem die US-Regierung ihre Informanten als unzuverlässige Quelle einstuft.
In der Zwischenzeit hat Simon Karina geheiratet, und sie haben einen Sohn, Benjamin. Im Jahr 2095 lernt der sechsjährige Benjamin seine Tante Sarat kennen, die aus der Gefangenschaft zurückkehrt und sich auf dem Anwesen in Lincolton niederlässt.American War, 13. Kapitel Sarat wird von einem ihrer ehemaligen Rebellenkameraden besucht, der ihr mitteilt, dass seine Gruppe Bud Baker gefangen genommen hat, der sie in Sugarloaf schlimm gefoltert hat. Sarat tötet Bud, beschließt aber überraschend, seine Familie zu verschonen, nachdem sie entdeckt, dass seine beiden jugendlichen Söhne Zwillinge sind.American War, deutsche Ausgabe, S. 367
Zurück bei Simon zu Hause steigen die Spannungen zwischen Sarat und Karina, nachdem Benjamins gebrochener Arm von Sarat mit einer groben Schiene versorgt wurde. Benjamin ist von Sarat fasziniert, trotz ihres schwierigen Verhaltens auch ihm gegenüber. Während sich sein Arm erholt, freundet er sich mit seiner Tante an.American War, 14. Kapitel
Später erhält Sarat Besuch von Joe, dem Bouazizi-Agenten, der sie überredet, bei der Wiedervereinigungszeremonie in der US-Hauptstadt Columbus, Ohio ein tödliches Virus zu verbreiten. Joe enthüllt, dass sein richtiger Name Yousef Bin Rashid ist und dass das Bouazizi-Imperium eine Wiederauferstehung der USA als Supermacht verhindern will, damit sich das Bouazizi-Imperium und die Volksrepublik China als führende Weltmächte behaupten.American War, deutsche Ausgabe, S. 407 Auf der Suche nach Rache an der US-Regierung nimmt Sarat das Angebot an. Vorher sucht sie noch Gaines, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, in seiner Hütte auf, geht aber wieder weg, ohne ihn zu töten.American War, deutsche Ausgabe, S. 416 Sie sorgt außerdem dafür, dass ihre Komplizen ihren Neffen Benjamin in Sicherheit nach New Anchorage, Alaska, schmuggeln.American War, deutsche Ausgabe, S. 422 ff. Danach bricht sie zur Wiedervereinigungszeremonie in der Bundeshauptstadt auf. Beim Grenzübertritt lässt sie ein Grenzsoldat passieren, es ist einer von Bakers jugendlichen Söhnen, den sie verschont hatte.American War, deutsche Ausgabe, S. 429 Sie bringt den Virus in Umlauf, aus dem die "Wiedervereinigungsseuche" resultiert, der 110 Millionen Menschen zum Opfer fallen, darunter Benjamins Eltern.
Der verwaiste Benjamin lässt sich in seinem neuen Leben in New Anchorage nieder und wird ein angesehener Historiker.American War, deutsche Ausgabe, S. 433 Jahrzehnte später entdeckt Benjamin die Tagebücher seiner Tante und erfährt von ihren Erfahrungen während des Zweiten Amerikanischen Bürgerkriegs und ihrer Rolle bei der Wiedervereinigungsseuche. "Um ihr weh zu tun"American War, deutsche Ausgabe, S. 440, verbrennt Benjamin die Tagebücher, behält aber eine Seite als Andenken.
Interpretation Die zentrale Figur Die zentrale Figur in dem Roman ist Sarat Chestnut. Sie ist keine Identifikationsfigur. In einer „Coming-of-Age-Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen“ wird, wie die Rezensentin Antje Deisler bemerkt, die Entwicklung eines „glücklichen Kindes zu einer Terroristin, gar zu einer Massenvernichtungswaffe“ beschrieben. Dies ist auch der Tenor weiterer Kritiken. Sie bescheinigen dem Autor, dass er Sarats Entwicklung nachvollziehbar darstellt, ohne diese gutzuheißen. El Akkad wiederum hat bemerkt, er liebe Sarat als Kind, zum Schluss aber nicht mehr. Sie wird von einem archaischen Wunsch nach Rache getrieben. Die anderen Personen sind nachgeordnet und vom Autor nicht besonders ausgearbeitet. Anknüpfungspunkte in der Gegenwart „Wie jede Dystopie ist auch dieser Roman eine Analogie auf die Gegenwart“, heißt es in einer Kritik. In einer Verlagswerbung für das Buch werden die Punkte benannt: „Was wird, wenn die erschütternde Realität der Gegenwart - Drohnenangriffe, Folter, Selbstmordattentate und die Folgen von Umweltkatastrophen - mit aller Gewalt in die USA zurückkehrt?“ Das Verbot von Verbrennermotoren ist ebenso eine Analogie auf die Gegenwart wie die Haftanstalt Sugarloaf, die an Guantanamo, oder das Massaker im Flüchtlingslager, das an das Massaker von Sabra und Schatila denken lässt. Der Roman beschränkt sich bei den Analogien nicht auf die USA. Beispielsweise heißt es in Anlehnung an die europäische Migrantenkrise, dass Flüchtlinge aus der zusammengebrochenen Europäischen Union über das Mittelmeer nach Nordafrika fliehen.American War, deutsche Ausgabe, S. 159 Der Roman arbeitet mit dem Mittel der Umkehrung. Umgekehrt wird beispielsweise die Großmacht-Politik, wenn das Bouazizi-Reich als Weltpolizist auftritt anstelle der USA.
Die Freien Südstaaten sind an die Stelle des Globalen Südens gerückt, wenn es heißt, dass dort „Ausbeuterbetriebe, wo Elektronik und T-Shirts produziert werden“, errichtet wurdenAmerican War, deutsche Ausgabe, S. 305. Die Perspektive des Romans ist die des Globalen Südens.