mini|hochkant|Sit-in gegen Homophobie (Mailand, 2009) Homophobie (von altgriechisch homós „gleich“, und, über „Phobie“, von phóbos „Furcht, Schrecken, Flucht“) bezeichnet eine gegen lesbische und schwule Personen gerichtete soziale Aversion (Abneigung) oder Aggressivität (Feindseligkeit).Kurt Wiesendanger: Heterosexismus und Homophobie. In: Psychoscope. 2002, Heft 2, Einleitung: Abschnitte Überhöhte Hetero-Werte und Angst und Abwehr (online auf lsbk.ch).Ebenda Jacqueline Frossard: Die lesbische Frau als Homosexuelle und als Frau in unserer Gesellschaft. In: Psychoscope. 2002, Heft 2 (lsbk.ch). Homophobie wird in den Sozialwissenschaften zusammen mit Erscheinungen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus unter die Begriffe Queerfeindlichkeit und noch weiter unter gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gefasst und ist demnach nicht krankhaft abnorm bedingt. Als Lesbophobie wird ein sich mit Homophobie überschneidendes, sexistisches Verhalten gegenüber lesbischen Frauen bezeichnet, eine doppelte Diskriminierung der davon betroffenen Frauen.
Homophobes Verhalten und andere diskriminierende Handlungen stehen teilweise in einem engen Zusammenhang zur Transphobie (Transfeindlichkeit), insbesondere wenn Menschen die vermeintliche Homosexualität einer Person an deren Abweichung von als geschlechtstypisch geltenden Verhaltens- und Ausdrucksweisen zu erkennen glauben.
Der Begriff Homofeindlichkeit wird oft synonym zu Homophobie verwendet. Gelegentlich wird allerdings argumentiert, dass Homofeindlichkeit der geeignetere Begriff sei, da „Phobie“ eine tatsächliche oder vermeintliche Angst unterstelle und den Hass, mit dem sich Homosexuelle teilweise konfrontiert sehen, verharmlose.
Definition Der Begriff der Homophobie weist auf Angst als Ursache des ablehnenden Verhaltens hin (siehe unten zu Ursachen von Homophobie). Angst ist ein anerkanntes Erklärungsmodell für das aggressive-ablehnende Verhalten nicht nur Jugendlicher, sondern auch Erwachsener gegenüber Homosexuellen, und zwar nicht Angst vor diesen Personen, sondern eine tiefsitzende, oft unbewusste Angst vor den eigenen unterdrückten Persönlichkeitsanteilen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Angststörung im klinisch-psychologischen Sinne.
Homophobie bezeichnet einerseits eine irrationale Angst vor den eigenen, nicht in das Selbstbild passenden und deshalb abgewehrten und ins Unbewusste verdrängten weiblichen oder männlichen Persönlichkeitsanteilen und andererseits die daraus resultierenden Gefühle wie Ekel, Verachtung und Hass und drittens die durch homophobe Personen in die Gesellschaft getragenen Vorurteile, Verfolgungstendenzen und Gewaltpotenziale.Matthias Reisaus: Normalität, Integration oder Ausgrenzung gleichgeschlechtlich orientierter Personen am Arbeitsplatz. Diplomarbeit, 2003 – „3.2 Homophobie“, S. 23(24) – lt. Duden, Fremdwörterbuch 2001 immer noch „krankhaft“ – (PDF; 364 kB)Homophobie: die Angst, mit Homosexuellen zusammen zu sein (G. Weinberg: Society and the Healthy Homosexual, New York 1972) Aus tiefenpsychologischer Sicht handelt es sich bei Homophobie – wie bei Sexismus, Rassismus oder Judenfeindlichkeit (Antisemitismus) – um eine meist unbewusste Angst, die eigene Identität in Frage zu stellen. Homophobe Menschen beschäftigen sich häufig exzessiv mit Homosexualität und wollen sie bekämpfen.
Die verschiedenen Formen homophober Gewalt (seitens Gesellschaft, Gruppierungen oder Individuen oder anderen) müssen als gestörte Verhaltensweisen bezeichnet werden, die ihrerseits Lesben und Schwule in ihrer Entfaltung teilweise massiv beeinträchtigen und unter denen sich sekundär psychische Störungen entwickeln können.
Abgrenzung gegenüber anderen Begriffen
Von der Homophobie unterscheiden sich folgende Begriffe:
Heterosexismus beschreibt die oft subtile gesellschaftliche Neigung und das ideologische System, jede Form von Identität, Verhalten, Beziehung oder Gemeinschaft, die nicht eindeutig der auf Heterosexualität basierenden sozialen Norm entspricht, zu verleugnen, verunglimpfen und stigmatisieren.Forumseintrag: In: Stonewall.org.uk. Glasgow, 2006, abgerufen am 14. Juni 2020 (englisch). Er ist zu verstehen als eine auf Heteronormativität gründende und nicht hinterfragte gesellschaftliche Setzung heterosexueller Lebensentwürfe und -weisen als „sexuelle Normalität“, die etwa schwule und lesbische Orientierungen als Randerscheinung oder „weniger natürliches“ Phänomen, als bloße „sexuelle Vorliebe“ abhandelt.Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen: Opfer – Täter – Angebote: Gewalt gegen Schwule und Lesben (= Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Nr. 15). Berlin 1996, S. 32–33 (). Der Begriff Heterosexismus verweist eher auf Arroganz oder Chauvinismus als Ursache des ablehnenden Verhaltens. Heterosexismus richtet sich gegen homosexuelle, bisexuelle, transgeschlechtliche, aber auch androgyne Menschen. Biphobie bezeichnet das Unverständnis und die Abneigung gegen Bisexuelle von beiden Polen der sexuellen Orientierung oder Identität. Teilweise wird aber auch die Vereinnahmung durch beide Seiten von Bisexuellen als Biphobie empfunden.Christian Klesse: Weibliche bisexuelle Nicht-Monogamie, Biphobie und Promiskuitätsvorwürfe. In: Jutta Hartmann u. a. (Hrsg.): Heteronormativität: Empirische Studien zu Geschlecht Sexualität und Macht. Springer VS, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-14611-9, S. 291–308, hier S. 294. Neuere Studien zeigen, dass mit Biphobie zusätzliche Diskriminierungsmerkmale verbunden sind, die sich nicht unter Homophobie zusammenfassen lassen. So werden bisexuelle Personen von schwuler oder lesbischer Seite diskriminiert oder unterliegen entsprechenden negativen, aber auch positiven Vorurteilen.Kim Emma Ritter: Typische Anerkennungskonflikte im biografischen Verlauf. In: Dieselbe: Jenseits der Monosexualität: Selbstetikettierung und Anerkennungskonflikte bisexueller Menschen. Psychosozial, Gießen 2020, ISBN 978-3-8379-2945-4, S. 376–398. Transphobie beschreibt die Aversion und dadurch entstehende Diskriminierung von Transpersonen, basierend auf ihrer Geschlechtsidentität (die nicht übereinstimmt mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht).Julia Serano: Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Feminity. Seal Press, New York 2007, ISBN 978-1-58005-154-5, S. 12 (englisch). Weil bei einem Geschlechts(rollen)wechsel eine gleichbleibende sexuelle Orientierung von der gleich- zur gegengeschlechtlichen wechselt (oder umgekehrt), werden Transpersonen ausgegrenzt. Misogynie bezeichnet die Aversion gegen Frauen allgemein oder bestimmte Ausprägungen von Weiblichkeit – häufig solche, die nicht unter die „aktuellen kulturellen Akzeptanzkategorien“ der sozialen Rolle von Weiblichkeit fallen. Misogynie wird als Sexismus verstanden. Misandrie bezeichnet die Aversion gegen Männer und Männlichkeit, auch ein Sexismus.
Etymologie Latein/Griechisch – Männer Das Wort „Homophobie“ wurde in den 1920er Jahren für kurze Zeit in der gemischten lateinisch-griechischen Zusammensetzung als „Angst vor dem Mann“ (; ) verwendet. Der Soziologe und Männerforscher Michael Kimmel verwendete es in dieser Zusammensetzung 1997 und meinte damit die aktuelle ultimative Angst eines Mannes vor anderen Männern, dass sie ihn als zu wenig maskulin bloßstellen würden.Michael S. Kimmel: (PDF; 2,2 MB). In: Mary M. Gergen, Sara N. Davis (Hrsg.): Towards a new psychology of gender. Routledge, New York 1997, ISBN 0-415-91307-1, S. 223–242 (englisch).
Griechisch – Homosexuelle Meistens wird das Wort als Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern und Phobie „Furcht“ verwendet. Nach den Erinnerungen des US-amerikanischen Psychotherapeuten George Weinberg dachte er im September 1965 bei der Vorbereitung eines Vortrages auf einer Veranstaltung der East Coast Homophile Organizations (ECHO) über die Tatsache nach, dass viele heterosexuelle Psychoanalytiker, wenn sie außerhalb des klinischen Umfeldes mit Homosexuellen zusammen sind, starke persönliche negative Reaktionen zeigen, und es kam ihm die Idee, dass man dies als Phobie beschreiben könne.Gregory M. Herek: (PDF; 420 kB) In: Sexuality Research & Social Policy. 1, Nr. 2, April 2004, S. 6–23.
Nach eigenen Aussagen begann er das Wort etwa ab 1966 oder 1967, nach Jack Nichols’ Aussagen ab 1967,Jack Nichols: George Weinberg. In: V.L. Bullough (Hrsg.): Before Stonewall: Activists for gay and lesbian rights in historical context. Harrington Park Press, New York 2002, S. 351–360 (englisch). zu verwenden.
Gedruckt erschien das Wort homophobia erstmals im Screw magazine, einer nicht sonderlich anspruchsvollen Zeitschrift („screw“ kann mit „nageln“ im sexuellen Sinn übersetzt werden), die ein überwiegend heterosexuelles, männliches Publikum ansprach. Dort hatten die Aktivisten und Freunde Weinbergs, Jack Nichols und Lige Clarke, eine wöchentliche Kolumne, die schwule Themen ansprach. Am 23. Mai 1969 bekam die Kolumne vom Herausgeber Al Goldstein die Überschrift He-Man Horse Shit, als sie die übertriebene Meidung heterosexueller Männer von Dingen, die für tuntig gehalten werden könnten, beschrieb. Ein übertriebenes Machoverhalten sei somit das Ergebnis der Ängste heterosexueller Männer, für homosexuell gehalten zu werden. Durch diese Angst würden die männlichen Erfahrungen eingeschränkt, weil dadurch Dinge wie Poesie, Kunst, Bewegung und Berührung als verweiblicht tabuisiert würden.
Am 31. Oktober 1969 erschien es zum ersten Mal gedruckt in einer weit verbreiteten Publikation, dem Time Magazine.The Homosexual: Newly Visible, Newly Understood. In: Time Magazine. 31. Oktober 1969 (englisch). Weinberg selber verwendete das Wort erstmals am 18. Juli 1971 in einer schriftlichen Veröffentlichung, einem Essay mit dem Titel Words for the New Culture in Nichols’ Wochenzeitung Gay. Dort wurde es als „die Scheu davor, räumlich eng mit Homosexuellen zusammen zu sein – und im Falle von Homosexuellen selber, ein Selbsthass“ definiert. Er beschrieb auch die Folgen dieser Phobie, die im engen Zusammenhang mit den männlichen Normen der Gesellschaft zu sehen waren, und betrachtete sie als eine Form von Vorurteil einer Gruppe gegenüber einer anderen. Eine nachhaltige Verankerung im englischen Sprachgebrauch bekam das Wort jedoch erst durch Weinbergs Buch Society and the Healthy Homosexual im Jahre 1972. In einem Interview im Jahre 2002 definierte Weinberg Homophobie folgendermaßen:
Andere Psychologen wie zum Beispiel David Andrew Fogel HaagaD. A. F. Haaga: „Homophobia“? In: Journal of Social Behavior and Personality. 6, 1991, S. 171–174. bestreiten, dass Homophobie eine wahre Phobie sei, und betonen, dass eine wahre Phobie durch Angst, Homophobie durch Wut oder Hass geprägt sei. Haaga nennt vier Unterscheidungsmerkmale zwischen Homophobie und klassischen Phobien: Der Phobiker erkenne seine Ängste als übertrieben, während der Homophobe seine Wut als gerechtfertigt betrachte; das Ergebnis einer Phobie sei Vermeidung, während das Ergebnis der Homophobie Aggression sei; der Begriff Homophobie werde in einem politischen Zusammenhang verwendet, während allgemeine Phobien selten bis nie in einem politischen Zusammenhang auftauchten; diejenigen, die von klassischen Phobien betroffen seien, hätten einen Leidensdruck, der den Wunsch nach Veränderung wecke, während homophobe Menschen Leidensdruck in anderen erzeugten und der Wunsch nach Veränderung somit extern geweckt werde.