mini|300px|Radolfzell von der Halbinsel Höri aus. 300px|mini|Luftbild von Radolfzell (1985)
Radolfzell am Bodensee ist eine Stadt am nordwestlichen Ufer des Untersees, einem Teilsee des Bodensees, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Konstanz und 10 Kilometer östlich von Singen (Hohentwiel) und nach diesen die drittgrößte Stadt im Landkreis Konstanz, die drittgrößte Stadt am Bodensee und die einzige Stadt, die den Zusatz „am Bodensee“ trägt. Radolfzell bildet ein Mittelzentrum für die umliegenden Gemeinden und ist seit dem 1. Januar 1975 Große Kreisstadt.
Radolfzell ist Kurort (Mettnaukur/Mettnau) und Eisenbahnknotenpunkt mit Gewerbe im Maschinenbau, in der Automobilzulieferung und in der Textil- und Nahrungsmittelindustrie.
Geographie mini|Radolfzell mit Halbinsel Höri. Zeitgenössische, kolorierte Ansichtskarte, um 1900. mini|Ufer Radolfzell, Blick in Richtung Süden auf den Schweizer Seerücken
Geographische Lage Radolfzell liegt am nordwestlichen Ufer des Bodensees, am Untersee (Zeller See und Gnadensee), an der alten Straße Konstanz-Singen-Engen, landschaftlich eingebettet zwischen Bodensee, Höri, Hegau und Bodanrück. Das Stadtgebiet liegt zwischen 395 Meter (Bodensee) und 675 Meter (Ortsteil Liggeringen) über Normalhöhennull. Im östlichen Stadtgebiet befindet sich auf der Gemarkung Möggingen der etwa zwei Kilometer lange und 600 Meter breite Mindelsee.
Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an die Stadt Radolfzell (im Uhrzeigersinn von Südwest): Moos (am Bodensee), Singen (Hohentwiel), Steißlingen, Stockach, Bodman-Ludwigshafen, Allensbach und Reichenau (alle Landkreis Konstanz).
Stadtgliederung Das Stadtgebiet besteht aus der Kernstadt und den im Rahmen der Gemeindereform ab 1974 eingegliederten Gemeinden Böhringen Güttingen Liggeringen Markelfingen Möggingen Stahringen
Dazu gehören diverse räumlich getrennte Siedlungen und Wohnplätze: zu Böhringen: Am Kreuzbühl, Bei der Sandgrube, Haldenstetten, Pachthof, Reutehöfe, Rickelshausen, Weiherhof und Ziegelfabrik zu Güttingen: Buchhof, Neubuchhof, Säckle und Ziegelhof zu Liggeringen: Hirtenhof, Mühlsberg und Röhrnang zu Markelfingen: Naturfreundehaus zu Möggingen: Dürrenhof, Schloss mit Schlosshof Möggingen, Ziegelhof zu Stahringen: Bendelhof, Benzenhof, Hinterhomburg, Neuweilerhof, Porthöfe, Schloßhöfe, Unterhöfe und Weilerhof
Raumplanung Radolfzell bildet ein Mittelzentrum innerhalb der Region Hochrhein-Bodensee, zu dessen Mittelbereich die Städte und Gemeinden Gaienhofen, Moos und Öhningen des Landkreises Konstanz gehören.
Darüber hinaus gibt es Verflechtungen mit den Kantonen Schaffhausen und Thurgau in der Schweiz.
Schutzgebiete
Auf dem Radolfzeller Stadtgebiet gibt es insgesamt zehn Naturschutzgebiete. Der Mindelsee südöstlich von Möggingen, die Buchenseen (Güttinger Seen) und das Durchenbergried bei Güttingen, das Ober Öschle bei Liggeringen, das Bodenseeufer auf Gemarkung Markelfingen, das Radolfzeller Aachried, die Radolfzeller Aachmündung, der Litzelsee und die Halbinsel Mettnau und ein kleiner Teil des Naturschutzgebiets Ziegeleiweiher Rickelshausen gehören zu Radolfzell.
Hinzu kommt das Landschaftsschutzgebiet Bodanrück, welches den östlichen Teil des Stadtgebiets um Güttingen, Liggeringen, Möggingen und Markelfingen einnimmt. Um das Naturschutzgebiet Mindelsee liegt zudem das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet.
Außerdem hat die Stadt Anteil an den FFH-Gebieten Bodanrück und westl. Bodensee und Mettnau und Radolfzeller Aach unterhalb Singen sowie an den Vogelschutzgebieten Mindelsee, Bodanrück und Untersee des Bodensees.Daten- und Kartendienst der LUBW
Geschichte Allgemein Die Gemarkung Radolfzell bot bereits zu vor- und frühgeschichtlicher Zeit Siedlungsanreize. Dies bezeugen zahlreiche archäologische Fundstätten. Dabei finden sich in der Kernstadt mehrheitlich Spuren des Mittelalters und der Neuzeit, in den Ortsteilen in erster Linie ältere Siedlungsspuren.Jürgen Hald: Von der Steinzeit bis zu den Alamannen – archäologische Funde in Radolfzell und den Ortsteilen. In: Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (Hrsg.): Radolfzell am Bodensee – Die Chronik. 2017, S. 12–26.
Mittelalter Ursprung / Gründung Radolfzell wurde um 826 von Bischof Radolf von Verona (Amtszeit 799 bis 840, gestorben zwischen 840 und 858) gegründet. Nach ihm hat die Stadt ihren Namen erhalten (lat.: Cella Ratoldi). Ältester Überlieferungsträger der Gründungsgeschichte ist eine Reliquienübertragungslegende des Klosters Reichenau als Teil der Sammelhandschrift des Reichenauer „Codex domesticus“.Reichenauer Handschrift: Cod. Aug. perg. 84, fol. 138, in der Bad. Landesbibliothek Karlsruhe enthalten in Miracula Sancti Marci / Der Heilige Markus zu Reichenau. In: F. J. Mone (Hrsg.): Quellensammlung der Badischen Landesgeschichte. Erster Band, Macklot, Karlsruhe 1848, S. 61–67.Digitalisat der Universitätsbibliothek Freiburg, gehe zu Bild 168ff. Die zur Zeit König Heinrichs I. (919–936) von einem anonymen Verfasser um 930 entstandene Schrift berichtet in der Translationslegende De miraculis et virtutibus beati Marci evangelistae, wie der Veroneser Bischof Radolt auf einer Reise in seine alemannische Heimat auch auf die Klosterinsel Reichenau gekommen sei. Radolt habe Abt Erlebald gebeten, ihm die am nördlichen Inselufer gegründete Kanoniker-Zelle Eginos, seines 802 verstorbenen Lehrers und Vorgängers auf dem Veroneser Bischofsstuhl, zu überlassen.Eduard Hlawitschka: Ratold, Bischof von Verona und Begründer von Radolfzell. In: Hegau. 54/55 (1997/98), S. 6. Der Abt, der ihm diesen Wunsch nicht erfüllen wollte, habe ihn auf einen anderen, von ihm ausersehenen Ort am gegenüberliegenden Seeufer verwiesen, von dem es in der besagten Reichenauer Schrift heißt:
mini|hochkant|Est locus valde speciosus… Reichenauer Handschrift: Cod. Aug. perg. 84, entstanden um 930
Est locus valde speciosus, a nostro monasterio segregatus ultra lacum iacens inter aquilonarem et occidentalem plagam spatio duorum milium, in quo erant piscatorum domus nullique alii aptus cultui. Hunc coepit excolere, domos aedificare nec non ecclesiam ad honorem deo in eodem loco construere nominisque sui vocabulum eidem cellulae imponere vocans eam Ratoltescella, quae nunc usque comparet. Quam cum multimodis decoraret ornamentis omnibusque iuxta suae mentis affectum rite patris ad episcopalem sedem, unde venerat, reversus est.
„Dieser Ort nun von dem Kloster jenseits des Sees gegen Nordwesten zwei Meilen entfernt, war überaus lieblich gelegen, jedoch nur von Fischern bewohnt und zu keinem andern Anbau geeignet. Ihn also begann Radolt herzurichten und Wohnungen nebst einer Kirche zur Ehre Gottes daselbst zu erbauen und die so gegründete Zelle nach sich Radoltszelle zu benennen, wie es noch heute ist. Nachdem er sie mannigfach geschmückt und ganz nach seinem Sinne ausgestattet hatte, kehrte er wieder an seinen Bischofssitz zurück.“Miracula Sancti Marci / Der Heilige Markus zu Reichenau. In: F. J. Mone (Hrsg.): Quellensammlung der Badischen Landesgeschichte. Erster Band, Macklot, Karlsruhe 1848, S. 63.; Übersetzung von P. Albert, in: Geschichte der Stadt Radolfzell. 1896, S. 22.
Weitere Entwicklung In der Folge habe sich Radolt gegen beträchtliche Summen Geldes in Venedig Reliquien des Evangelisten Markus und in Treviso die Gebeine des Heiligen Senesius und Theopontus erworben. Die Markus-Reliquien habe er 830 in die Reichenau überführt, die letzteren in seiner Zell-Kirche beigesetzt, die wohl bereits früh zu einem Wallfahrtsort der beiden Heiligen, Schutzpatrone der späteren Stadt, wurde (siehe unten: Religionen).
Hochmittelalter Im Jahr 1100 kam es unter dem Reichenauer Abt Ulrich II. von Dapfen und mit Zustimmung Heinrichs IV. nach Allensbach „in dem Weiler Radolfs“ (in villa Ratolfi) zur zweiten Marktgründung des Klosters, vermutlich verbunden mit einem eigenen Münzrecht. Neben dem Bauern- und Fischerdorf, dem alten reichenauischen Kelhof und der Kirche Radolfs, die in der Obhut eines Chorherrenstifts stand,Geschichte des Radolfzeller Kollegiatstifts Unserer Lieben Frau wurde ein von dem Kelhof getrennter Handelsplatz mit eigenem Recht konstituiert. Die Marktrechtsurkunde von 1100Konrad Beyerle: Das Radolfzeller Marktrecht vom Jahr 1100 und seine Bedeutung für den Ursprung der deutschen Städte. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Band 30, 1901, S. 3–21.Stadt Radolfzell (Hrsg.): Die Radolfzeller Marktrechtsurkunde vom Jahre 1100: Faksimile-Druck in der Größe des Originals; den Teilnehmern an der 31. Jahresversammlung des Vereins für Geschichte des Bodensees und seine Umgebung am 19. und 20. August 1900 zu Radolfzell dargeboten / von der Stadtgemeinde Radolfzell. Radolfzell 1900. gilt als die früheste in Südwestdeutschland überlieferte Urkunde über die Schaffung eines eigenen städtischen Grund- und Bodenrechts, das im Stadtrecht von Freiburg im Breisgau 1120 weiter ausgebildet wurde. Gleichzeitig wurde die Siedlung erweitert und wenig später mit dem Bau einer Stadtmauer und ihrer vier ältesten Tortürme begonnen, von denen drei neben den Resten der Stadtmauer heute noch erhalten sind.
Die Äbte der Reichenau, welche in den Anfängen der Siedlung Grund- und Hofrechte, mithin die unbeschränkte Herrschaft über den Ort als Eigengut des Klosters besaßen, belehnten und vergaben auch das Vogteirecht an Reichenauer Ministerialen, die ihrerseits zusammen mit dem jeweiligen Meier und Schultheiß für die Gerichtsbarkeit bzw. für die recht- und regelmäßigen Abgaben der Zinsbauern (Censualen) und Hörigen an die Reichenauer Lehensgeber zuständig waren.
Stadtrecht Erst 1267 erhielt Radolfzell die Stadtrechte und wird in diesem Zusammenhang wieder der „rechtmäßigen Gewalt“ eines Reichenauer Abtes (Albrecht von Ramstein) unterstellt, nachdem es zwischenzeitlich den Herren von Friedingen, welche Vogt- und Meieramt über Radolfzell ausübten, unterstanden hatte.
Herrschaft der Habsburger Aber nicht lange nachdem die Reichenau die Vogtei über Radolfzell zurück erworben hatte, verkaufte im Jahr 1298 der Konstanzer Bischof Heinrich II. von Klingenberg, unter dessen Pflegschaft das äbtelose und hoch verschuldete Kloster Reichenau damals stand, die Vogtei über Radolfzell samt den Dörfern Aach, Überlingen am Ried, Böhringen und Reute an die Habsburger unter König Albrecht I. (HRR). Im Habsburger Urbar zu Beginn des 14. Jahrhunderts wird Radolfzell zusammen mit Böhringen, Überlingen und Reute denn auch – zum habsburgischen Amt Aach gehörig – geführt.Franz Pfeiffer (Hrsg.): Das Habsburg-Oesterreichische Urbarbuch. Radolfzell im Habsburger Urbar, Amt Aach; Digitalisat der ersten vollständigen Edition von 1850. Radolfzell sollte die nächsten 500 Jahre nahezu ununterbrochen unter der Herrschaft Habsburg-Österreichs bleiben. Zwar erhielt die Stadt 1415 als Folge der Ächtung Herzog Friedrichs IV. die Reichsfreiheit – Friedrich hatte dem auf dem Konstanzer Konzil weilenden Papst Johannes XXIII. zur Flucht verholfen – doch kam die Stadt 1455 wiederum unter habsburgisch-österreichische Herrschaft, gehörte zur Landgrafschaft Nellenburg und zählte zu den schwäbisch-österreichischen Ständen.
Bauernkrieg Radolfzell war kaiserlich gesinnt und gegen die aufständischen Bauern. Hans Müller von Bulgenbach versuchte mit seinem Schwarzwälder Haufen Radolfzell einzunehmen, beteiligt war auch Kunz Jehle. Er musste die Belagerung am 1. Juli 1525 angesichts schwindender Unterstützung (rund 10.000 Mann gegen eine Reiterschar von 8.000 Mann unter Führung von Mark Sittich von Hohenems) jedoch abbrechen. Rund 24 Dörfer im Hegau wurden anschließend niedergemacht. Erbetene Hilfe zusammen mit Ulrich Albrecht mittels eines Bittbriefs an die Eidgenossen blieb erfolglos.Richard van de Sandt: Der Südschwarzwald und seine benachbarten Landschaften. Anmerkungen eines Reisenden. S. 114 ff.