Kinder ihrer Zeit (Originaltitel: Børn av Tiden) ist ein Roman des norwegischen Schriftstellers und späteren Nobelpreisträgers Knut Hamsun aus dem Jahr 1913. Die deutsche Übersetzung von Niels Hoyer erschien 1914. Kurzbeschreibung Das Gut Segelfoß ist über Generationen mit den Namen Willatz Holmsen verbunden; der erste häuft Reichtum an, der dritte erbt Schulden, kann den Verfall des Guts nicht aufhalten und führt eine emotional verarmte Ehe mit seiner Gattin Adelheid. Der wohlhabende Tobias Holmengraa ändert dann alles: Er kauft Land und den Fluss, bringt wirtschaftlichen Aufschwung. Dorfleben und Machtverhältnisse wandeln sich, Holmengraa wird faktisch Herr über Segelfoß. Trotz technischer Fortschritte und Dampferverkehr bleiben die finanziellen Nöte der Holmsens bestehen; Holmengraa löst zwar die Bankverbindlichkeiten, stürzt nach Adelheids Tod aber in Trauer, Exzesse und verlustreiche Spekulationen. Bei Renovierungsarbeiten findet das gealterte Familienoberhaupt der Holmsens einen vergrabenen Schatz, erkrankt jedoch bald tödlich; sein Sohn kehrt zu spät heim, um diese zufällige Grundlage des Wohlstands als solche zu erkennen. Inhalt Das Gut Segelfoß wird von Männern beherrscht, die alle Willatz Holmsen heißen. Willatz Holmsen I. hat großen Wohlstand angehäuft und, so das Gerücht, aufgrund seiner Kriegsfurcht Geld vergraben; „denn, ihr Lieben, noch lange Zeit nach seinem Tode ging sein Geist um und spukte unten bei der Ziegelei.“ Willatz Holmsen II. hat zwar nicht den Wohlstand, aber den Lebensstandard gehalten und seinem Erben Willatz Holmsen III. daher „eine durable Bankschuld hinterlassen“. Willatz III., aufgrund seiner Ausbildung an der Kadettenschule „Leutnant“ genannt, kann den Verfall nicht wirklich aufhalten: „Der Leutnant mochte noch so genau sein – es ging langsam abwärts mit ihm und dem Gut; […] die Zeiten änderten sich, es lohnte sich nicht mehr.“ Ein weiteres Problem von Willatz III. ist seine eheliche Situation. Seine deutsche Gemahlin Adelheid „kam aus einem großen Hause und war nicht dazu erzogen“, sich „immer für jemand bereitzuhalten“, so dass das Ehepaar eigentlich „nur während der Mahlzeiten zusammen“ ist und Willatz III. sich fühlt, als habe Adelheid ihn „mitten in der Ehe zum Junggesellen gemacht“. Dennoch kommt es zur Geburt eines Sohnes, Willatz IV., und zu Eifersüchteleien, denn Adelheid „hatte nun einmal sein Herz und seine Sinne alleinherrschend in Besitz.“ Beispielsweise verdächtigt Willatz III. seine Frau offenbar, dass der junge Distriktsarzt Ole Riis ihr zu nahe träte, der nach der Geburt des Stammhalters Adelheid wieder auf die Beine brachte und „seit zehn Jahren“ Arzt der Familie war: „Aber jetzt nicht mehr“, beschließt Willatz III., ist jedoch später auch mit Riis‘ Nachfolger Dr. Muus nicht einverstanden, so wie er grundsätzlich Vorbehalte gegen sämtliche Staatsdiener hat. Adelheids Ehe mit Willatz III. ist „nicht besser gewesen als viele andere Ehen, irgendein Unglück hatte sie nicht heimgesucht, aber ein ständiges Sichunglücklichfühlen hatte darüber gebrütet. So war es. Ein Unglück – Bagetelle! Ein Unglück hat ein Ende, das geschieht einmal und ist dann vorbei; schlimmer ist es, tagaus tagein, Jahr um Jahr Glück entbehren zu müssen.“ Ein kleines Quentchen Glück holt Willatz III. sich bei seinem jeweiligen sogenannten Stubenmädchen. „Wohl ist er über das Alter hinaus, wo er um seiner selbst willen weibliche Liebenswürdigkeit erwarten könnte; aber da diese ihm sonst im Hause nicht zuteil wird und er sie andererseits nicht ganz entbehren kann, so erkauft er sie sich jeden zweiten Abend“, zu Beginn der Handlung bei einer Bediensteten namens Marcilie: Es gibt Lesestunden, andeutungsweise auch mehr, denn „Marcilie weiß von selber, was es hier zu tun gibt, sie geht zum Herrn hin und bleibt vor ihm stehen. Und das macht sie auch gut. Ein junges Mädchen ist ein junges Mädchen, sie faßt etwas an und macht es hübsch und weich, sie sieht einen an, und sie sieht einen nicht vergeblich an“. Adelheid sieht das nicht gerne, so dass Marcilie gehen muss und Willatz III. neue Phasen des ehelichen Kleinkriegs aushalten darf. „Wieviel Nadelstiche zwischen den beiden, allzu viele! Solche Auftritte konnten nett werden – jeder Satz stand und stach mit Nadeln.“

Marcilie findet als Angestellte bald ein Auskommen bei einem Neuankömmling: Der in der Region geborene, charismatische und tatkräftige Tobias Holmengraa kommt nach dem Deutschen Krieg 1866 nach Segelfoß, angeblich aus Gesundheitsgründen, hat „eine eigene, unwiderstehliche Art, etwas durchzusetzen“ und kauft dem notorisch finanziell klammen Willatz III. in der Folgezeit nach und nach Ländereien und einen Fluss ab. Während oder nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ist es soweit, dass Holmengraa seinen Sohn und seine Tochter Mariane nach Norwegen holen lässt, aus Mexiko, wo er zu Reichtum gekommen und seine Frau verstorben war. „Das tägliche Leben auf Segelfoß – einsam und einförmig? Jetzt nicht mehr, das war einmal gewesen, Holmengraa hatte darin Wandel geschaffen.“ Willatz IV. nimmt derweil nicht ganz die Entwicklung, die Willatz III. sich wünscht: „Er treibt sich ja den ganzen Tag in den Häuslerhütten herum, und kommt er wirklich nach Hause, so spielt er Klavier.“ Zu den unstandesgemäßen Freunden von Willatz IV. gehört der Fischersohn Julius, dessen Bruder Lars Lassen der Leutnant Seminarunterricht in Tromsø ermöglicht und dessen Schwester Daverdana sein neues Stubenmädchen ist. Allerdings kommt es zu Eifersüchteleien zwischen Julius und Gottfred, einem zweiten unstandesgemäßen Freund des jungen Willatz. Willatz III. lässt seinen Sohn auf eine Schule ins englische Harrow bringen, wo Adelheid ihn besucht, begleitet von Holmengraa, der nach Mexiko weiterreist, um dort „vieles abzuwickeln und zu ordnen.“ Willatz III. genießt Adelheids Abwesenheit: „In all der Zeit, die Frau Adelheid fort war, schien der Leutnant sie nicht zu entbehren, im Gegenteil, er schien innerlich und äußerlich frischer zu werden und wurde auch tätiger als früher.“ Außerdem ermöglicht ihn der Mangel an ehelicher Aufsicht, „Pascha auf einem Sofa“ zu sein, und er „ließ Daverdana kleine Erhitzungen in sein Herz hineinmogeln“.

Nach Adelheids und Holmengraas Rückkehr geht es weiter wie gehabt: Die Gemeinde Segelfoß blüht nachhaltig auf, wird sogar Anlegestelle für die zwischen Vadsø und Hamburg regelmäßig verkehrenden Küstendampfer. Doch des Leutnants „Geld verpuffte leider nur so“, schuld ist „sein großes Haus, seines Vaters Bankschuld, die immer noch nicht bezahlt war, seine vornehme Lebensweise, seine teuren Gewohnheiten, der teure Sohn in England – alles hielt ja den Herrn auf Segelfoß in ewiger Klemme. Er begriff nicht, wo eigentlich das Geld hinkam, ein unbarmherziges Schicksal sog es aus seinen Händen.“ Holmengraa hat derweil „seine Finger überall im Spiel“, ist in Segelfoß „der Gott. Er war so viel wert wie alle andern zusammen, aber trotzdem ruhig und bedächtig und rücksichtsvoll in seinem Wandel.“ Seine ehemalige Reisebegleiterin Adelheid „konnte einige Male, wenn er kam, Freude zeigen, und es sah so aus, als hätte das einige Bedeutung für Herrn Holmengraa.“ Außer Adelheid zieht Holmengraa auch den von Willatz III. geförderten Lars Lassen in seinen Wirkungskreis: Lars Lassen wechselt in Holmengraas Dienst, wird vorübergehend Lehrer der Holmengraa-Kinder, später Pastor in Segelfoß. Willatz IV. kehrt zu PubertätsbeginnWillatz IV. „muß bald mit dem Rasieren anfangen“ (Hamsun, Kinder ihrer Zeit, S. 307). vorübergehend nach Segelfoß zurück, geht dann wieder nach England. In den Jahren nach Einführung der Norwegischen Krone 1875 hält der technische Fortschritt in Form einer Telegraphenstation Einzug in Segelfoß, während die finanzielle Situation von Willatz III. keine Fortschritte macht und ihn „die Bank […] ihrer eignen Sicherheit wegen und nach Rücksprache mit den Bürgen in Bergen […] ersucht, weitere Veräußerungen an Gerechtsamen und Ländereien von Segelfoß bis auf weiteres einzustellen.“ Tobias Holmengraa, der Willatz III. mal wieder etwas abkaufen will, erklärt daraufhin hinsichtlich der Schulden: „Ich werde sie von der Bank auslösen“, und Willatz III. hat „die Bank los und wieder Geld in den Händen, eine schöne Summe, genug für lange Zeit.“ Damit ist nun faktisch Holmengraa „Herr über Segelfoß geworden, über den Fluß, den Wald und alle Äcker“. Rund zwei Jahre nach der Ablösung kehrt Willatz IV. abermals zurück, hat inzwischen einen Schnurrbart und ist „englisch genug geworden, um […] stundenlang hartnäckig und blödsinnig dazustehen und im Fluß Forellen zu angeln.“ Außerdem verliebt er sich in Mariane Holmengraa, „dies dreizehnjährige Kind“, und nutzt Gottfred als Briefboten. „Gottfred war ihm in dieser Zeit ein treuer Gesellschafter; der hatte ein geduldiges Ohr und konnte Anteil nehmen“ am Leiden des Frischverliebten. Die Kompositionsversuche von Willatz IV. lösen Begeisterung bei dessen Mutter Adelheid aus: „Oh, der Junge – nichts als Melodie, ich versichere Ihnen, ich singe seine Lieder mit der größten Freude.“ Willatz III. hat, da „die Schule in Harrow die reinste Ausbeuterei“ ist, keine Einwände, Willatz IV. zum Musikstudium nach Deutschland zu schicken. „Adelheid wünschte ihren Sohn nach Berlin zu begleiten“, bleibt dort „mehrere Monate“, will dann „den ganzen Herbst noch“ bleiben, dann „den Winter über“, während in Willatz III. ein innerer Wandel stattfindet: „Er ging auf verpfändeten Grund und wohnte in einem verpfändeten Hause – er wollte ausziehen. Es war gut, daß Adelheid und Willatz im Ausland waren, er sollte sie auffordern, dort zu bleiben […]. Wohin er ziehen sollte? Da stand ja die alte Ziegelei, die hatte er nicht verkauft“. Zwanzig Jahre nach Auflösung der Familie durch den Tod von Willatz Holmsen II. beginnt Willatz III. mit dem Ziegelei-Umbau, wird allerdings durch einen Trauerfall unterbrochen: „Frau Adelheid war beim Baden umgekommen. Ein paar Tage darauf reist der Leutnant mit dem Postdampfer nach Süden, seinem Sohn entgegen, der bereits mit der Leiche seiner Mutter nach Norwegen unterwegs war.“