Amor vien dal destino (deutsch „Die Liebe kommt vom Schicksal“) ist eine Oper in einem Prolog und drei Akten von Agostino Steffani (Musik). Das Libretto basiert auf Episoden aus Vergils Aeneis und stammt vermutlich von Ortensio Mauro. Die Oper ist auch unter den Titeln Il Turno oder Enea überliefert. Sie entstand in den 1690er Jahren in Hannover, wurde aber erst 1709 in Düsseldorf uraufgeführt.

Handlung Prolog: Die olympischen Götter streiten miteinander: Die eine Partei will dem als Stammvater Roms vorherbestimmten Enea eine sichere Ankunft in Latium gewähren, die andere will ihn wegen seiner Untreue an der Karthagerkönigin bestrafen und auf Irrfahrt schicken. Giove besänftigt die Streitenden und sendet Eneas Mutter Venere auf ihr Bitten hin Enea zu Hilfe.

Erster Akt: Lavinia, die Tochter des Latiner-Königs Latino, soll aus dynastischen Gründen mit dem Rutuler-König Turno verheiratet werden. Doch in der Nacht vor der Hochzeit wird ihr im Traum prophezeit, für einen anderen Helden bestimmt zu sein. Als Enea in Latium eintrifft, erkennt sie in ihm diesen Helden, doch führt ein Missverständnis zunächst zu einer Irritation zwischen den beiden. Dennoch erklärt Lavinia Turno, ihn aus Pflichtgefühl zwar heiraten, aber niemals lieben zu können. Dessen Liebe schlägt daraufhin in Hass um.

Zweiter Akt: Latino versucht Lavinia umzustimmen, doch diese beharrt auf ihrer Haltung. Unterdessen rät Lavinias Schwester Giuturna, die unglücklich in Turno verliebt ist, diesem, von Lavinia abzulassen, wird von ihm aber nicht verstanden. Als Latino Enea ehrenvoll als Gast in Latium begrüßt, schwört Turno endgültig Rache und Krieg, woraufhin Enea sich an die Seite der Latiner stellt und seine Hilfe anbietet. Giuturna hat sich mittlerweile in den Wahn hineingesteigert, selbst Lavinia zu sein. Daraufhin greift Giove selbst in die Handlung ein, um in Gestalt des Heereshauptmanns Coralto die unglücklich liebende Giuturna als „falsche Lavinia“ zu Turno zu bringen.

Dritter Akt: Latino wird im Traum von seinem Vater Fauno überzeugt, nicht länger auf der Verbindung von Lavinia mit Turno zu bestehen, da seine Tochter vom Schicksal einem anderen zugedacht ist. – Zwischen Enea und Turno kommt es zum Duell, doch Giuturna wirft sich zwischen die beiden und will für Turno sterben, worauf Enea davon ablässt, Turno zu töten. Turno und Giuturno finden endlich zueinander und gestehen sich ihre Liebe. – Die verzweifelte Lavinia verflucht Amor, warum Enea sie scheinbar nicht liebe, wo sie ihm doch vorbestimmt sei. Enea tritt auf und offenbart, dass das ihm erschienene Traumbild seiner Liebe niemand anders als Lavinia gewesen sei, womit sich das Missverständnis zwischen den beiden aufklärt. Turno bittet Latino um allgemeinen Frieden, und auch die heimkehrenden Götter stimmen in das Lob des wiederhergestellten Friedens ein.

Gestaltung

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente: 2 Violinen, Bratsche, Kontrabass, 2 Flöten, 2 Oboen, Chalumeau, Fagott, 2 Trompeten, Pauken, Laute, Theorbe, Harfe

Musik Die Oper besteht aus etwa 120 einzelnen Nummern, was einen schnellen Charakter- und Atmosphärenwechsel ermöglicht und fordert. Eine zeitgenössische Besonderheit ist die explizite Zuordnung bestimmter Instrumente zu einer Figur, etwa die Begleitung der Lavinia durch eine Laute. Zur Aufstellung der Bühnenmusik in verschiedenen Instrumentalgruppen macht Steffani präzise Angaben: Die Chalumeaux sind hinter der Bühne zu postieren, zwei Fagotte seitlich hinter dem Vorhang und zwei Theorben vorne im Orchester.

Libretto Der Autor des Librettos ist weder im Textbuch noch im Notenmaterial namentlich genannt. Es stammt jedoch mit hoher Sicherheit von Ortensio Mauro, mit dessen anderen dreiaktigen Libretti zu Steffanis Hannoveraner Opern es eine große formale Übereinstimmung aufweist, im Unterschied zu den fünfaktigen Libretti von Stefano Benedetto Pallavicini aus Steffanis Düsseldorfer Zeit.

Geschichte Entstehung Die Oper entstand unter dem Titel Il Turno zwischen 1693 und 1697 in Hannover. Möglicherweise war sie für die Aufführung in der Karnevalssaison 1694 vorgesehen, dem einzigen Jahr in Steffanis Amtszeit als Kapellmeister, in dem keine Aufführung einer italienischen Oper nachweisbar ist. Im darauffolgenden Jahr 1695 wurde in Hannover Steffanis Oper I trionfi del fato aufgeführt, die ebenfalls auf Motiven aus der Aeneis basiert und in gewisser Weise eine Fortsetzung von Il Turno darstellt.

Der Grund, warum die Oper in Hannover nicht zur Aufführung gelangte, ist nicht bekannt. Der Musikwissenschaftler Colin Timms vermutet die Ursache in der Königsmarck-Affäre, die Kurhannover seinerzeit erschütterte. Kurprinzessin Sophie Dorothea, die Ehefrau des Kurprinzen und späteren englischen Königs Georg Ludwig, hatte um 1692 eine Liebesbeziehung mit dem Grafen Philipp Christoph von Königsmarck begonnen und strebte die Trennung von ihrem Ehemann an. Die Väter der Eheleute lehnten dies jedoch strikt ab, Sophie Dorotheas Vater Georg Wilhelm, weil er auf die finanzielle Unterstützung Hannovers angewiesen war, und Kurfürst Ernst August, weil er die eben erst erworbene Kurwürde nicht in Gefahr bringen wollte. In dieser politisch brisanten Situation könnte die Aufführung einer Oper, die als Anspielung auf die aktuellen Verhältnisse gelesen werden konnte (und vermutlich von den Autoren auch so intendiert war) als nicht opportun angesehen worden sein – immerhin handelt Amor vien dal destino von einer Prinzessin, die sich einer aus dynastischen Gründen arrangierten Eheschließung entzieht und stattdessen in Liebe zu einem Neuankömmling entbrennt. Obendrein hatten Sophie Dorothea und Graf Königsmarck ihre Liebesbriefe mit Zitaten aus Ortensio Mauros Opernlibretti chiffriert. Das vermutliche ursprüngliche, der Aeneis folgende Ende der Handlung, bei dem Enea Turno tötet, erscheint in diesem Licht als Vorwegnahme der Realität, denn Philipp Christoph von Königsmarck wurde später im Jahr 1694 unter nie ganz aufgeklärten Umständen ermordet.Colin Timms: Steffani’s Amor vien dal Destino: new answers to old questions. In: Early Music. 2023, Jg. 51, Nr. 3, S. 407–426, hier S. 413–419; doi:10.1093/em/caad039.

Im Jahr 1709 wurde das Werk dann unter dem Titel Amor vien dal destino an der Hofoper Düsseldorf uraufgeführt, vermutlich kurz vor der Aufführung von Steffanis Tassilone am 17. Januar 1709. Berichte, dass sie dort 1719 erneut aufgeführt worden sei,Friedrich Walter: Geschichte des Theaters und der Musik am kurpfälzischen Hofe. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1898, S. 364; dilibri.de. gelten als zweifelhaft.

Um die Zuschreibung der Oper als Werk Steffanis gab es zeitweise Verwirrungen, da das Autograph mit dem Namen „Gregorio Piva“ unterschrieben war. Piva (um 1670–1740) war Steffanis Sekretär und Notenkopist, und Steffani veröffentlichte in späteren Jahren seine Werke unter dessen Namen als Pseudonym,Colin Timms: Gregorio Piva and Steffani’s Principal Copyist. In: Ian Bent (Hrsg.): Source Materials and the Interpretation of Music: A Memorial Volume to Thurston Dart. Stainer & Bell, London 1981, ISBN 0-85249-511-0, S. 169–190; . möglicherweise um seine musikalischen Aktivitäten zu verschleiern, als sich seine Laufbahn in kirchliche Dienste als Titularbischof verlagert hatte.

Steffanis autographe Partitur weist an zwei Stellen Passagen in der Handschrift von Gregorio Piva auf, die offenbar die Überarbeitung für die Aufführung von 1709 markieren: Zum einen wurde der Oper ein Prolog mit dem Streit der Götter auf dem Olymp vorangestellt. Zum anderen wurde die Schlussszene mit der Verschonung Turnos und dem gütlichen Ende offenbar neu verfasst. Dies gibt Anlass zur Vermutung, dass die ursprüngliche Anlage der Handlung näher an Vergils Vorlage war und Turno wie in der Aeneis von Enea getötet wurde. Da kein Libretto der ursprünglichen Fassung überliefert ist, lässt sich dies allerdings nicht mehr mit Gewissheit feststellen.

Rezeption Die erste Wiederaufführung seit dem 18. Jahrhundert erlebte die Oper 1981 konzertant durch das Clarion Consort unter der Leitung von Newell Jenkins in Steffanis Geburtsstadt Castelfranco Veneto und im Lincoln Center, New York City.Gerhard Croll: Bemerkungen zur ersten Wiederaufführung von Steffanis ‚Dramma da recitarsi‘ „Amor vien dal destino“ (1981). In: Waltraut Anna Kautz-Lach (Hrsg.): Agostino Steffani. Musiker, Politiker und Kirchenfürst. Hollitzer, Wien 2018, ISBN 978-3-99012-491-8, S. 295–299. 2016 wurde das Werk durch die Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater Berlin unter der Leitung von René Jacobs aufgeführt. Im Januar 2026 wurde das Stück unter der Leitung von Václav Luks an der Oper Frankfurt neu inszeniert.

Aufnahmen / Diskographie Eine Gesamteinspielung der Oper liegt bislang (Stand 2026) nicht vor. Auszüge aus dem Werk sind auf mehreren Tonträgern erschienen: Agostino Steffani: Duetti da Camera und Auszüge aus Il Turno. Judith Nelson, René Jacobs, Wieland Kuijken, William Christie, Konrad Junghänel. Harmonia Mundi – HM 1046, 1981. Musiche Venete Del XVII E XVIII Secolo. Steffani, Amor vien dal destino (Auszüge) und weitere Werke. Clarion Opera Group, Orchestra Del Teatro Accademico Di Castelfranco Veneto, Newell Jenkins. Bongiovanni – GB 5005, 1982. Agostino Steffani: Cantatas, Duets & Sonatas. Amor vien dal destino (Auszüge) und andere Werke. Monique Zanetti, Pascal Bertin, Fons Musicae, Yasunori Imamura (Dir.). PanClassics 2000. Agostino Steffani – Sonatori De La Gioiosa Marca – Suites Théatrales. Amor vien dal destino: Introduzzione dal dramma, und andere Werke. Divox – CDX 79811, 2000. Agostino Steffani – Danze e Ouvertures. Amor vien dal destino: Introduzzione dal dramma, und andere Werke. I Barocchisti, Diego Fasolis. Decca – 478 5741, 2013.

Libretto Amor Vien Dal Destino: Dramma Da Recitarsi Per Ordine Di Sua Altezza Elettorale Palatina In Dusseldorff L’Anno MDCCIX [Textbuch]. Margherita Thil, Düsseldorf 1709; , .

Ausgaben Hugo Riemann (Hrsg.): Ausgewählte Werke von Agostino Steffani (= Denkmäler deutscher Tonkunst, Folge 2: Denkmäler der Tonkunst in Bayern. Jg. 12, Band 2). Breitkopf & Härtel, Leipzig 1912; .

Literatur Gerhard Croll: Zur Chronologie der „Düsseldorfer“ Opern Agostino Steffanis. In: Heinrich Hüschen (Hrsg.): Festschrift Karl Gustav Fellerer: zum sechzigsten Geburtstag am 7. Juli 1962. Gustav Bosse, Regensburg 1962, S. 82–87; . Gerhard Croll: Bemerkungen zur ersten Wiederaufführung von Steffanis ‚Dramma da recitarsi‘ „Amor vien dal destino“ (1981). In: Waltraut Anna Kautz-Lach (Hrsg.): Agostino Steffani. Musiker, Politiker und Kirchenfürst. Hollitzer, Wien 2018, ISBN 978-3-99012-491-8, S. 295–299. Colin Timms: Polymath of the Baroque: Agostino Steffani and His Music. Oxford University Press, Oxford/New York 2003, ISBN 978-0-19-515473-3, e-ISBN 978-0-19-772886-4, S. 61–62, 97–98, 201–207 u. passim; doi:10.1093/oso/9780195154733.001.0001, . Colin Timms: Steffani’s Amor vien dal Destino: new answers to old questions. In: Early Music. 2023, Jg. 51, Nr. 3, S. 407–426; doi:10.1093/em/caad039. Amor Vien Dal Destino, Agostino Steffani: Oper in drei Akten. Programmheft Staatsoper Unter den Linden im Schiller Theater, Berlin 2016; .

Weblinks

: Il Turno; Autograph; GB-Lbl R.M.23.h.3-5. : Il Turno; Abschrift; GB-Lbl R.M.23.h.2. : Amor vien dal destino; Abschrift; TimSa B/I/15; D-HVh Rara/Musikhandschriften 62/889

Hörproben

Einzelnachweise Colin Timms: Polymath of the Baroque: Agostino Steffani and His Music. Oxford University Press, Oxford/New York 2003, ISBN 978-0-19-515473-3.

Kategorie:Operntitel Kategorie:Oper von Agostino Steffani Kategorie:Oper aus dem 17. Jahrhundert Kategorie:Oper in italienischer Sprache Kategorie:Musik 1709