Antisemitismus in Japan existiert seit längerer Zeit, trotz einer kleinen und in der Wahrnehmung der japanischen Mehrheitsgesellschaft kaum sichtbaren jüdischen Minderheit. Der japanische Antisemitismus wird zum Teil als Antisemitismus ohne Juden bezeichnet.
Geschichte
Vorgeschichte Anders als in Europa gibt es in Japan keinen mittelalterlichen Antijudaismus. Die christlichen Missionare, vor allem katholische, die im 16. und 17. Jahrhundert in Japan das Christentum verbreiten wollten, scheinen keine judenfeindliche Inhalte in ihrer Mission vermittelt zu haben.
Vereinzelte Juden kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Japan. Diese jüdische Minderheit spielte in der Öffentlichkeit keine Rolle, eine Ausnahme stellte der Regierungsberater Albert Mosse dar, der aber in Japan als Deutscher und nicht als Jude wahrgenommen wurde. Antisemitismus war der sehr zurückhaltende Mosse – wenn überhaupt – vereinzelt nur unter den Deutschen in Japan ausgesetzt.
Ein Teil der japanischen Intellektuellen setzten sich im 19. Jahrhundert unter anderem mit William Shakespeare auseinander und waren über dessen Werk Der Kaufmann von Venedig auch über den Charakter Shylock mit judenfeindlichen Stereotypen konfrontiert. Das Bild wirkte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach, als der Russlandkorrespontent der Asahi Shimbun Ōniwa Eijū 1917, die Juden als ein ausgesprochen unangenehmes Volk, bestehend aus einer Menge „Shylocks“ beschrieb. Andere Autoren taten es Eijū gleich.
Der Russisch-Japanische Krieg veränderte die Wahrnehmung der Juden nochmals. Der jüdische deutsch-amerikanische Bankier Jakob Heinrich Schiff unterstützte die japanische Seite im Krieg mit Krediten unter anderem wegen den antisemitischen Pogromen im russischen Zarenreich. Diese Unterstützung, so Meron Medzini, verstärkte die japanische Wahrnehmung der Juden als einflussreiche und reiche Gruppe.
Moderner Antisemitismus mini|Der japanische Offizier Yasue Norihiro gilt als einer der ersten Übersetzer der Protokolle der Weisen von Zion und führender Experte für das Judentum bis in den Zweiten Weltkrieg.
Im Verlauf des Russischen Bürgerkriegs kamen japanische Soldaten in Sibirien mit solchen aus der Weißen Armee zusammen, die von einem tiefen Antisemitismus geprägt waren. In dieser Zeit gelangten auch die Protokolle der Weisen von Zion erstmals in japanische Hände. 1920 wurden die Protokolle von Yasue Norihiro, einem japanischen Offizier, erstmals vollständig übersetzt. Norihiro galt in Japan bis in den Zweiten Weltkrieg als Experte für das Judentum und übersetzte später auch Henry Fords Der internationale Jude. Die erste Veröffentlichung der Protokolle in Japan erfolgte schließlich 1923 oder 1925.
Juden galten in den 1920er-Jahren in den Kreisen einiger japanischer Offiziere als die Verkörperung aller antijapanischen Kräfte der Welt. Beispielsweise wurde hinter koreanischen Aufständen und sogar einem Erdbeben ein realer oder potenzieller jüdischer Plan vermutet.
Diese japanischen Verschwörungstheorien zu Juden waren allerdings unter japanischen Intellektuellen umstritten. Der Politikwissenschaftler Yoshino Sakuzō stellte sich vehement gegen diese „pathologische Judäophobie“.
Zweiter Weltkrieg Mit der Besetzung der Mandschurei 1931 und dem Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg 1937 kam eine relativ große jüdische Bevölkerungsgruppe von 13'000 Personen unter japanische Kontrolle. Zusätzlich kamen in den Jahren 1938 und 1939 tausende deutsche und österreichische jüdische Flüchtlinge in Shanghai. In den Augen der „Judenexperten“ um Yasue der japanischen Armee war dies eine Möglichkeit den angeblichen „jüdischen Einfluss und Reichtum“ für Japan nutzbar zu machen. Zusammen mit Abraham Kaufmann, den Vertreter der jüdischen Gemeinden, vereinbarte Yasue schließlich mit dem Fugu-Plan die Schaffung eines jüdischen Sonderwohngebiets für 30'000 Juden in Japan.
Die Hoffnung, Juden als Verhandlungsmasse mit den USA instrumentalisieren zu können, war mit dem Ausbruch des Pazifikkrieges zunichtegemacht. Unter dem Offizier und Propagandisten Nobutaka Shiōden wurde der Antisemitismus nun mit einem klaren Antiamerikanismus verbunden. Shiōden übernahm außerdem die nationalsozialistische Gleichsetzung der Freimaurerei mit den Judentum. In der Propaganda wurden Juden nun als angebliche Hintermänner des amerikanischen Imperialismus dargestellt. Anders als in Europa führte der japanische Antisemitismus nicht zu einer physischen Vernichtung, allerdings wurde beispielsweise im Februar 1943 in mit dem Shanghaier Ghetto eine „Restricted Area“ eingerichtet, was in der späteren Forschung als „Ghetto ohne Mauern“ bezeichnet wurde. Der SS-Offizier Josef Meisinger versuchte die Japaner von einer Liquidierung der Juden in Shanghai zu überzeugen, was ihm aber nicht gelang. Die Japaner hielten aus sicherheitspolitischen Gründen an der Internierung der Juden fest und konzentrierten sich auf die Kriegsführung.
Der Antisemitismus erfasste nicht nur militärische Kreise in Japan. Einige wenige Zen-Meister, wie der Sōtō-shū Zen Priester Hakuun Yasutani verbanden ihre kriegsfreundliche Haltung mit einem virulenten Antisemitismus. Er machte die Juden für die beinahe Zerstörung des japanischen Buddhismus und des japanischen Geistes verantwortlich und warf ihnen vor, schädliche Ideen wie Freiheit, Gleichheit, die Emanzipation der Frauen, Hedonismus und den Individualismus mit ihrer Propaganda zu verbreiten.
Nachkriegszeit Antisemitische Verschwörungstheorien Ab den 1980er-Jahren kam es zu wirtschaftlichen Reibungen zwischen Japan und den USA, sowie einer massiven wirtschaftlichen Blase (siehe auch Ushinawareta Nijūnen), dies führte zu einem Anstieg des Antisemitismus in den Medien als eine Art „Ersatzantiamerikanismus“ oder generell Abneigung gegen „den Westen“. In dieser Phase kam es zu keinen physischen Angriffen auf jüdische Institutionen. Nach dem Anschlag der AUM-Sekte auf die Tokioter U-Bahn wurden die Sicherheitsvorkehrungen jüdischer Einrichtungen trotzdem deutlich erhöht.
Die AUM-Sekte, die 1995 den Sarin-Anschlag auf die Tokioter U-Bahn mit 13 Toten organisierte, bewegte sich in der japanischen antisemitischen Subkultur. Zwei Monate vor dem Anschlag hatte die Publikation der Sekte in einem Artikel behauptet, die Juden hätten die Niederlage der Japaner im Zweiten Weltkrieg ausgenutzt, um ihren Plan der Weltherrschaft voranzutreiben und würden in den nächsten fünf Jahren planen, drei Milliarden Menschen zu töten.
Ōta Ryū (1930–2009) begann seine Karriere im Linksextremismus, wandelte sich über einen Fokus auf Ökologie, schließlich antisemitischen Verschwörungstheorien und UFO zu. 2003 übersetzte er beispielsweise Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ und 2004 gab er eine Neuausgabe von Shiōden Nobutakas Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion heraus. Im 40-seitigen Vorwort behauptete er, dass 1,3 Milliarden Muslime an den Inhalt der Protokolle glauben würden und es ihnen die Japaner gleich tun sollten. Ōta versuchte in den 1990er-Jahren erfolglos in der Politik Fuß zu fassen. Andere linke Autoren wandten sich ebenfalls antisemitischen Verschwörungstheorien zu. Hirose Takashi behauptete 1993, dass die Rothschilds an der Spitze einer jüdischen Weltverschwörung stehen würden.
Motoya Toshio der Besitzer und Geschäftsführer der APA Gruppe, einem Hotelkonzern, behauptete mehrfach, dass das „jüdische Kapital“ hinter den US-amerikanischen Kriegen seit dem Vietnamkrieg stehen würde. Er schlug 2015 außerdem vor, dass die japanische Regierung jüdische Marketingfirmen und „Informationsnetzwerke“ nutzen solle, um die Darstellung der Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg zu Verbessern. Auf Kritik an diesen Äußerungen, zeigte sich Motoya erstaunt, er habe den Juden nur ausgezeichnete Fähigkeiten in Recht, Finanzen und Medien zuschreiben wollen.
Der Anführer der rechtspopulistischen Sanseitō-Partei Sohei Kamiya sprach in einer Rede 2022 davon, dass seine Partei Japan nicht an das „jüdische Kapital“ verkaufen würde. Kamiya bestreitet, ein Antisemit zu sein. Im August 2022 gab er an, dass er sich missverständlich ausgedrückt habe. Es sei zwar zweifelsfrei das „jüdische Kapital“ involviert, aber sicherlich nicht alle Juden.
Der rechtspopulistische Politiker Atsuhiko Kurokawa, der sich unter anderem in der und der Tsubasa- und der NHK-Partei engagierte, gilt als bekannter Vertreter antisemitischer Verschwörungstheorien. Er beginnt seine YouTube-Videos jeweils mit der Losung „zerstört das jüdische Geld“. In seinen politischen Kommentaren finden sich immer wieder Bezüge zu antisemitischen Verschwörungstheorien, so vermutete er nach dem Attentat auf Shinzō Abe im Jahr 2022, dass der Mossad, die CIA und das jüdische Kapital hinter der Tat stecken würden.
Holocaustleugnung und historischer Revisionismus
Unmittelbar nach Kriegsende wurden die Japanische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg in der japanischen Öffentlichkeit verdrängt. Das Gleiche geschah auch mit den deutschen Verbrechen während des Krieges. 1952 wurde das Tagebuch der Anne Frank erstmals in Japan veröffentlicht und verkaufte sich bis zur Jahrtausendwende gut vier Millionen Mal. Für viele Japaner führte der Eichmann-Prozess zu einer erstmals vertieften Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Viele Autoren, Künstler und Poeten versuchten die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki mit dem Holocaust zu vergleichen und aufzuwiegen.
Als wichtiger Meinungsmacher für japanische Holocaustleugner gilt er ehemalige Lehrer Masami Uno. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu Juden und den Holocaust. Einige Bücher verkauften sich millionenfach, er wurde in diversen Zeitungen zitiert und sogar von der langjährigen Regierungspartei LDP für Redebeiträge eingeladen. In mehreren Büchern leugnete er den Holocaust. Masami ist neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als christlich-fundamentalistischer Pfarrer tätig. Seiner Einschätzung nach steht die US-amerikanische Regierung unter einer „jüdischen Schattenregierung“. Die Beziehung zwischen den USA und Japan sind, seiner Ansicht nach, Beziehungen zwischen „den Juden“ und Japan. Diese antisemitischen Verschwörungstheorien verbindet Masami mit einem christlichen Millenarismus. Masami hat diverse Verbindungen mit rechtsextremen Personen in den USA, unter anderem mit dem 2019 verstorbenen Lyndon LaRouche.
1995 kam es zum einem Skandal um das Magazin Marco Polo, das einen Artikel abdruckte, in dem der Holocaust geleugnet wurde. Nach starkem öffentlichen Druck entschuldigte sich der Verlag, stellte das Magazin ein, später trat sogar der Verlagsleiter zurück. Im gleichen Jahr kam es am Rande einer Ausstellung über Anne Frank und den Holocaust zu einer Auseinandersetzung zwischen Holocaustleugner Kimura Aiji und dem in Österreich aufgewachsenen Japaner Kaneko Martin. Ersterer zeigte letzteren schließlich wegen angeblicher Verleumdung im Wochenblatt Shukan Kinyobi an. Das angerufene Gericht in Tokio weigerte sich vorerst zur Frage der Gaskammern zu urteilen, hielt aber drei Jahre später im Februar 1999 explizit fest, dass in der Zeit des Nationalsozialismus eine riesige Zahl an Juden mit Gaskammern in Konzentrationslagern getötet wurde und wies in der Folge die Verleumdungsklage ab.
2014 kam es zu systematischem Vandalismus gegen Ausgaben des Tagebuch der Anne Frank. Insgesamt 31 städtische Bibliotheken entdeckten Beschädigungen in 265 Kopien des Buches. Dieses Ereignis führte zu einem Sturm der Entrüstung in der japanischen Öffentlichkeit. Im März 2014 wurde ein 36-jähriger Japaner verhaftet, der allerdings als nicht zurechnungsfähig eingestuft wurde.
Antizionismus Die Entwicklung der Neuen Linken in Japan in der Wahrnehmung des Staates Israel lässt sich mit derjenigen im Westen vergleichen. Mit dem Sechstagekrieg 1967 änderte sich die Haltung der Neuen Linken drastisch.