Büßende Maria Magdalena, auch genannt Santa Maria Maddalena, La Maddalena penitente oder Maria svenuta ist ein Gemälde von Guido Cagnacci, das zwischen 1626 und 1627 entstanden ist. Es befindet sich heute in den Gallerie Nazionali d’Arte Antica im Palazzo Barberini in Rom. Das Gemälde zeigt die Heilige mit nacktem Oberkörper, weit nach hinten geneigtem Kopf und einem Totenschädel im Schoß. Es zählt zu den frühen Werken Cagnaccis und gilt als charakteristisches Beispiel für seine Verbindung von religiösem Sujet und sinnlicher Körperdarstellung.

Zuschreibung und Provenienz Die früheste nachweisbare Station des Gemäldes ist die römische Sammlung Torlonia. Im Jahr 1892 gelangte das Werk in den Besitz der Gallerie Nazionali d’Arte Antica und befindet sich heute im Palazzo Barberini, wo es unter der Inventarnummer 898 verzeichnet ist. Dort wurde es zunächst dem venezianischen Maler Francesco Trevisani zugeschrieben.

Eine Neuattribuierung an Guido Cagnacci wurde erstmals von Gianni Papi (1988, 1993) vorgeschlagen und in der nachfolgenden Forschungsliteratur weitgehend akzeptiert. Die wechselhafte Zuschreibungsgeschichte, die zwischenzeitlich auch den Namen Artemisia Gentileschi umfasste, spiegelt die stilistischen Besonderheiten des Werkes wider, das Einflüsse des römisch-bolognischen Umfeldes mit der Bildsprache Cagnaccis verbindet.

Bildbeschreibung Maria Magdalena sitzt mit nacktem Oberkörper in der Felsengrotte und lehnt sich an die Felswand an. Der Kopf ist in den Nacken gefallen und ruht auf dem Felsen, das Gesicht ist nach oben gewandt. Der Hals ist dabei stark überstreckt, das lange, rotbraune Haar fällt ihr hinter die Schultern. In der rechten Hand hält sie eine Geißel als Instrument ihrer Kasteiung, während die linke Hand den Schädel hält, der in ihrem Schoß ruht und als Memento Mori fungiert. Den Unterkörper bedeckt ein grober olivgrüner Stoff. Zu ihrer Rechten sind auf dem Boden ein hölzernes Kreuz sowie ein silbernes Salbgefäß zu erkennen.

Die Szene spielt sich im Inneren einer Grotte oder eines verfallenen Gebäudes ab, vor einem dunklen Hintergrund, der links von einem schmalen Streifen des Nachthimmels unterbrochen wird. Ein starkes Licht fällt von oben links auf den Oberkörper der Figur und hebt ihn scharf vom dunklen Hintergrund ab, während die unteren Bildzonen im Schatten verbleiben.

Ikonographie Das Gemälde reiht sich in die Tradition der Darstellungen der Magdalenenlegende ein, der zufolge sich Maria Magdalena nach dem Tod Jesu als Eremitin in eine Höhle zurückzog, allen weltlichen Genüssen entsagte und sich ganz der Buße und dem Gebet widmete. Cagnacci greift dabei auf einige der typischen Attribute zurück, die der Heiligen in der bildenden Kunst zugewiesen werden.

Der Totenschädel, den sie locker in ihrem Schoß hält und von dem dem Betrachter nur der Schädelrücken zugewandt ist, ist eines der zentralen Attribute Maria Magdalenas. Als Vanitassymbol mahnt er zur Buße und verweist als Memento Mori auf die Vergänglichkeit des Lebens.

Die Geißel aus Metall in ihrer Hand ist ein Symbol der Selbstkasteiung; die Art, wie sie das Instrument nur locker umfasst, erweckt den Eindruck, als fehle ihr die Kraft, es fest zu greifen.

Das kleine hölzerne Kreuz auf dem Boden zu ihrer Rechten ist als Zeichen ihrer Liebe zu Christus zu verstehen. In seiner Schlichtheit unterstreicht es zugleich die einfachen Verhältnisse, in die sie sich als Eremitin zurückgezogen hat.

Das silberne Salbgefäß, ihr typisches Heiligenattribut, verweist auf Maria Magdalena, die Jesus bei einem Gastmahl die Füße gesalbt hatte. Es steht zugleich als Symbol ihrer Reue sowie ihrer besonderen Nähe und Hingabe zu Christus.

Figurendarstellung Während die Darstellung der Attribute und Symbole der Tradition der Magdalenenikonographie folgt, gilt das für die Darstellung des Körpers und seiner Haltung nur bedingt. Eine nackte oder halbnackte Darstellung Maria Magdalenas ist seit dem 15. Jahrhundert nicht ungewöhnlich: Während sie zuvor häufig von ihrem langen Haar bedeckt dargestellt wurde, wird der Körper seit dieser Zeit, etwa bei Tizian, von den Haaren nur noch teilweise verhüllt und körperbetont umspielt. In Cagnaccis Gemälde fallen ihr die langen, rotbraunen Haare in den Nacken und über die Schultern, rahmen ihr Gesicht und geben den Oberkörper frei.

Die erotische Dimension der Darstellung Die Pose der Figur ist alles andere als konventionell. Die sinnliche Wirkung von Cagnaccis Figur entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Bildelemente. Der vollständig entblößte Oberkörper der Heiligen ist dem Licht maximal ausgesetzt und hebt sich effektvoll vom dunklen Hintergrund ab. Unter dem großen grünen Tuch, das den Unterkörper verhüllt, zeichnen sich die geöffneten Beine der Figur ab. Das Motiv des weit zurückgeworfenen Kopfes spielt für die mehrdeutige Wirkung des Bildes eine zentrale Rolle. Es lässt sich weder eindeutig als Zeichen der seelischen Ekstase noch der körperlichen Erschöpfung lesen, sondern schwebt zwischen beiden Deutungen. Religiöse Ekstase und körperliche Lust teilen sich in ihrer Bildsprache sehr ähnliche körperliche Ausdrucksformen, mit denen Cagnacci hier gezielt spielt. Die ausgeprägte Sinnlichkeit der Darstellung konfrontiert den Betrachter mit einem Paradox: Der Körper, der Gegenstand der Selbstkasteiung und Buße ist, wird in maximaler Präsenz vor Augen gestellt und evoziert dabei potenziell ebenjenes Begehren, für das Magdalena hier büßt.

Cagnacci ist für seine freizügigen Darstellungen weiblicher Körper bekannt, und auch in diesem Gemälde ist eine ausgeprägte Körperlichkeit unverkennbar, die für ein Heiligenbild ungewöhnlich wirkt. Dennoch lässt sich in der Darstellung eine Ambivalenz erkennen: Die physische Hingabe der Figur lässt sich zugleich als Ausdruck einer spirituellen Dimension lesen, in der Cagnacci die Heiligkeit des Wirklichen auch im Körper sichtbar macht.

Dass das Gemälde auch institutionell als problematisch wahrgenommen wurde, zeigt seine Rezeptionsgeschichte: Es wurde lange Zeit im Depot der Galleria Nazionale aufbewahrt und anschließend bei seiner Aufstellung im Museum über Augenhöhe gehängt. Beide Maßnahmen schränkten den allzu nahen und genauen Blick des Betrachters auf die Darstellung gezielt ein.

Malstil und Farbgebung Die Lichtregie des Gemäldes folgt dem Prinzip des Tenebrismus: Ein starkes Licht fällt von links oben auf den Oberkörper der Figur und hebt ihn scharf vom dunklen Hintergrund ab, während die unteren Bildzonen im Schatten verbleiben. Das Licht modelliert die Formen und verleiht der hellen Haut der Figur eine fast leuchtende Qualität.

In der Farbgebung zeigt sich eine Bezugnahme auf Guercino, dessen Malweise Cagnacci während seines Romaufenthalts kennenlernte. Die warmen, lebhaften Farben stehen dabei im Gegensatz zu den harten Kontrasten des Caravaggismus. Das blauviolette Stück Himmel, das links im Hintergrund sichtbar wird, ist ein charakteristisches Element, das sich auch in anderen Werken Cagnaccis dieser Zeit findet.

Weblinks Gallerie Nazionali Barberini Corsini

Literatur Daniele Benati, Antonio Paolucci: Guido Cagnacci: protagonista del Seicento tra Caravaggio e Reni. Silvana Editoriale, Cinisello Balsamo 2008. ISBN 978-88-366-1031-0 Giuliana Forti: Büßende Maria Magdalena, in: Kat. Ausst. Verdammte Lust!: Kirche. Körper. Kunst, Ausstellungskatalog. Freising 2023, C. Roll [u. a.] (Hrsg.), München 2023, S. 142, ISBN 978-3-7774-3604-3 Monika Ingenhoff-Danhäuser: Maria Magdalena: Heilige und Sünderin in der italienischen Renaissance; Studien zur Ikonographie der Heiligen von Leonardo bis Tizian. Wasmuth, Tübingen 1984. ISBN 978-3-8030-4011-4 Laura Muti, Daniele De Sarno Prignano: Guido Cagnacci: Hypostasis. Ed. Faenza, Ravenna 2009. ISBN 978-88-8152-178-4 Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 4: Allgemeine Ikonographie. Herder, Rom 1994. ISBN 978-3-451-21806-4 Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 7: Ikonographie der Heiligen. Herder, Rom 1990. ISBN 978-3-451-14497-4 Valeska von Rosen: Caravaggio und die Grenzen des Darstellbaren: Ambiguität, Ironie und Performativität in der Malerei um 1600. Akademie Verlag, Berlin 2009. ISBN 978-3-05-004581-8

Anmerkungen

Kategorie:Werk über Maria Magdalena Kategorie:Gemälde (Neues Testament) Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Frauendarstellung (Gemälde)