Die Israelitische Erziehungsanstalt Wilhelm-Auguste-Viktoria-Stiftung (auch Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder) im brandenburgischen Beelitz war von ihrer Gründung 1907 bis 1933 die einzige jüdische Einrichtung in Deutschland, die geistig und körperlich behinderte jüdische Kinder aufnahm, ihnen eine schulische und handwerkliche Ausbildung vermittelte und sie durch heilpädagogische Förderung auf ein Berufsleben vorbereitete. Sie bestand bis zu den Deportationen der Kinder und Lehrer in der Zeit vom 14. April bis 2. Juni 1942.
Gründung und Schulbetrieb Entwicklung und Prinzipien mini|Das Gebäude der Israelitischen Erziehungsanstalt in Beelitz, um 1915 Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in der Steglitzer Straße in Berlin gründete 1907 zusammen mit der Großloge für Deutschland des jüdischen Ordens B’nai B’rith mit dem Heim für „schwachsinnige, aber bildungsfähige Kinder“ die einzige Schule, die geistig oder mehrfach behinderte jüdische Kinder aufnahm. Dafür wurde eine neue Stiftung gegründet, für die aus Anlass der Silberhochzeit des Kaiserpaares der Name „Wilhelm-Auguste-Victoria-Stiftung“ gewählt wurde. Die jüdische Gemeinde folgte damit einerseits dem Aufruf des Kaisers zur Gründung wohltätiger Stiftungen, entsprach aber darüber hinaus auch dem Wunsch jüdischer Eltern nach einer eigenen Schule, die ihren Kindern jüdische Werte und Kultur vermittelte und sie in einem geschützten Umfeld vor Antisemitismus bewahrte.
Die Stadt Beelitz schenkte das vier Morgen große Grundstück, das in den Besitz des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und der Großloge für Deutschland überging. Im Grundbuch eingetragen wurde die Großloge B’nai B’rith als Miteigentümerin. Die Kosten für den Neubau beliefen sich auf 120.000 ℳ (entspricht heute etwa EURDiese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 10.000 EUR gerundet und bezieht sich auf Januar .), die von verschiedenen jüdischen Gemeinden, der Loge und von privaten Spendern aufgebracht wurden.
Der Heim- und Schulbetrieb für je 20 Mädchen und Jungen in Beelitz (ab 1933: Schlageterstraße 5, heute: Karl-Liebknecht-Straße 5) wurde am 5. September 1908 durch die Potsdamer Abteilung für Kirch- und Schulwesen genehmigt. Am 20. Oktober 1908 wurden die ersten Kinder aufgenommen, auch wenn der 25. Oktober als der offizielle Gründungstag der Schule galt. Im November 1908 begann der Unterricht mit zwanzig Jungen und vierzehn Mädchen.
Bei der offiziellen Einweihung der Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder Anfang November 1908 erklärte Wolf Feilchenfeld als Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, „er sei im allgemeinen ein ‚Gegner gesonderter konfessioneller Erziehungsanstalten‘; er stellte es daher auch als selbstverständlich hin, daß die Anstalt auch Kinder anderer Konfessionen aufnehme“.
Schulbau mini|hochkant|Einer der Waschräume im Originalzustand 1908 wurde der Schulbau inmitten des Beelitzer Stadtforstes unweit des Beelitzer Bahnhofs fertiggestellt. Die Zimmer waren groß, hell und mit Linoleum ausgelegt. Im Souterrainbereich waren Warmwasseranlage und der Kohlenkeller zur Befeuerung der Zentralheizung, die Jungen- und Mädchenbäder, Werkstätten für den Unterricht, ein großer Turnsaal, die Küche und verschiedene Vorratsräume. Die Küche war zum Transport der Speisen nach oben mit dem Speisesaal in der Mitte des Erdgeschosses verbunden. Auf dieser Ebene befanden sich auch die Schul- und Spielzimmer sowie die Wohnung der Familie Bein.
In der ersten Etage lagen die getrennten Wohnbereiche der Kinder. Bei den Mädchen waren zwei Schlafsäle, ein Baderaum und ein Spielzimmer vorhanden, bei den Jungen drei Schlafsäle, ein Bad und ein Spielzimmer. Es gab außerdem mehrere Zimmer, in denen Pfleger, Lehrer und Erzieher wohnten. In der ausgebauten Dachetage waren Wohnzimmer für das Personal, Isolierzimmer und Wirtschaftsräume zum Waschen, Trocknen und Plätten der Wäsche untergebracht.
Schülerschaft Die meisten Schüler stammten aus Berlin und Umgebung, einige auch aus verschiedenen Gegenden Deutschlands und aus dem Ausland, davon zwei aus Palästina. Die Einrichtung bot Kindern im Alter von sechs bis vierzehn Jahren mit sowohl intellektuellen als auch körperlichen Behinderungen eine zehnklassige Ausbildung. Dazu gehörten auch Kinder, die schwerhörig oder fast gehörlos waren, mit daraus resultierenden Problemen beim Artikulieren. Viele der Kinder hatten wegen ihrer zusätzlichen Einschränkungen an einer öffentlichen Hilfsschule keine Chance auf Aufnahme. Durch die Unterstützung der jüdischen Fürsorge- und Wohltätigkeitsverbände konnten einige Kinder überhaupt erst das Beelitzer Heim besuchen. Außerdem wurden auch Kinder unterrichtet, deren Eltern sie aus verschiedenen Gründen oder wegen häuslicher Probleme nicht selbst betreuen konnten. Später kamen weitere Schüler hinzu, die in anderen Einrichtungen aufgrund der begrenzten Plätze für jüdische Schüler keinen Platz fanden.
Lehrplan und Unterricht mini|Treppenhaus Haupteingang Leiter der neu gegründeten Schule wurde Samuel „Sally“ Bein (1881–1942), ein deutscher studierter Volksschul- und Taubstummenlehrer jüdischer Abstammung, der zuvor an der Israelitischen Taubstummenanstalt in Berlin-Weißensee unterrichtet hatte. Auch seine Frau Rebeka (geborene Löwenstein (1883–1942)), eine Lehrerin, mit der er seit dem 14. September 1908 verheiratet war, wurde angestellt, sowie Pfleger, eine Köchin und ein Hausmeister. Mit wachsender Schülerzahl wurden weitere Lehrkräfte beschäftigt. Von den zwei Töchtern des Ehepaares Bein Hanna Lotte (geboren 1910) und Lisa Karola (1916–1942) wurde später letztere ebenfalls Lehrerin.
Die Jungen und Mädchen wurden gemeinsam unterrichtet. Der Unterricht fand stets in der Zeit von acht bis viertel nach zwölf in vierzigminütigen Unterrichtsstunden statt. Eine vorbereitende über zwei Jahre laufende Klasse mit achtzehn Wochenstunden, in der vor allem Sally Bein lehrte, schuf die Voraussetzungen für den eigentlichen Unterrichtsbesuch, der einem eingeschränkten Hilfsschullehrplan folgte. Die Kinder wurden in den Fächern Deutsch, „Anschauung“ (naturkundliche und sozialwissenschaftliche Fächer), Rechnen, Zeichnen, Gesang, Turnen und Spielen unterrichtet. In der Oberstufe umfasste der „Anschauungsunterricht“ je zwei Stunden Naturkunde und Geografie sowie eine Stunde Geschichte. Um die Kinder auf ein späteres Berufsleben vorzubereiten, gehörte zum Unterricht auch Handarbeit, wie Tischlern, Buchbinderei, Korbflechterei, Schneidern, Nähen, Kochen und Gartenarbeit, wobei jedes Kind ein eigenes Beet hatte. Die Unterweisung in den handwerklichen Fertigkeiten erfolgte meist durch Beelitzer Handwerker in den Werkräumen der Schule. Nachmittags fanden Ausflüge statt oder die Kinder betätigten sich sportlich. Schüler der Oberstufe spielten außerdem in der Fußballmannschaft Macabi Berlin und nahmen an den Schachturnieren im Berliner Emanuel-Lasker-Club teil.
Um die jüdische Identität der Schüler zu stärken, legte die Schule einen großen Wert auf religiöse Erziehung. Neben dem allgemeinen Unterricht und der Freizeitgestaltung wurden Fächer wie Biblische Geschichte und das Alte Testament, jüdische und hebräische Traditionen und die Geschichte des Judentums gelehrt. Die Schüler der unteren Klassen lernten im Hebräischunterricht die Grundkenntnisse der Sprache und ab der Oberstufe wurde jüdische Religion ein zusätzliches Fach. Außerdem wurde die Einrichtung nach jüdischem Ritus geführt. Dazu gehörten eine koschere Küche, die Einhaltung des Schabbats und das Begehen der jüdischen Feiertage. Die wichtigsten Gebete lernten die Schüler auf Deutsch und Hebräisch. Der Samstag war unterrichtsfrei und wurde als heiliger Tag begangen. Während des Gottesdienstes am Samstag wirkten vor allem die älteren Kinder aktiv mit. So trugen sie biblische Kapitel vor und von Sally Bein eingeführte Kinderpredigten. Dabei sprachen sie auch vor fast hundert Gemeindemitgliedern, die in den Räumlichkeiten des Bildungszentrums beteten, nachdem die Synagoge der Gegend 1910 geschlossen worden war.
Pädagogisches Konzept Die zehn Jahre umfassende Schulausbildung in kleinen Klassen erlaubte ein individuelles Eingehen auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes. Die Klassen wurden jahrgangsübergreifend nach Fähigkeiten und Behinderung der Kinder zusammengestellt, nicht nach Alter. 1914 wurde eine zusätzliche Klasse für Kinder mit höherem Förderbedarf gebildet, die von einer fest angestellten Kindergärtnerin aus dem Berliner Fröbelverein betreut wurde. Der koedukative Unterricht fand teils in Klassenräumen statt, aber auch, angelehnt an die Freiluftschulbewegung, in einer angegliederten Waldschule. Die Schulbänke waren jeweils im Kreis aufgestellt, statt wie üblich beim Frontalunterricht in Reihen, um den Kindern die Konzentration auf den Unterricht zu erleichtern. Sally Bein leistete Pionierarbeit, indem er verschiedene Gruppen sowohl im Unterricht integrierte als auch bei von der Schule organisierten Freizeitaktivitäten, an denen Schüler aller Altersgruppen, Geschlechter und trotz ihrer kognitiven Unterschiede gemeinsam teilnahmen.
Die zuständige Schulbehörde äußerte sich bei Überprüfungen des Lehrplans sehr lobend und bescheinigte der Israelitischen Erziehungsanstalt bereits 1911, sie erreiche eine im Durchschnitt „der Mittelstufe einer guten Volksschule entsprechende Bildung“ und leiste „eine äußerst eingehende Durcharbeitung des Unterrichtsstoffes“. Sally Bein sorgte in der Erziehungsanstalt für ein so selbstständiges Leben der Kinder wie nur möglich, um sie bestmöglich auf ihr späteres Leben außerhalb der Institution vorzubereiten. Einigen Schülern war es möglich, nach ihrer Entlassung eine öffentliche Gemeinde- oder Hilfsschule zu besuchen oder eine handwerkliche Ausbildung zu beginnen. Auch wurde vielen Schülern mit schweren Behinderungen, für die es im öffentlichen Schulsystem keine geeigneten pädagogischen Angebote gab, ermöglicht, in einzelnen Bereichen ein teilweise selbstbestimmtes Leben zu führen. Im Laufe der Jahre wurden fast 400 (derzeit namentlich bekannte) Kinder mit Behinderungen vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter in der Einrichtung gefördert, von denen die meisten eine praktische Arbeit fanden und selbstständig leben konnten.
Der in ganz Deutschland einzigartige pädagogische Ansatz und Sally Beins Erfolge auf diesem Gebiet fanden auch international Beachtung und verschafften Bein einen weltweiten Ruf. Regelmäßig kamen Delegationen von Bildungsvertretern nach Beelitz. Ärzte und Pädagogen aus ganz Europa, dem Völkerbundsmandat für Palästina und Japan besuchten das Bildungszentrum, um die dortigen modernen Methoden zu studieren und sich die Arbeitssysteme anzueignen.
Zeit von 1914 bis 1942 +Datum Jungen Mädchen Anzahl1908, November2014341911, November391912, Januar2813411918, Januar541920, Mai431922, August3223551923, April3125561927, Oktober561930, September451932, Oktober451933, Februar2415391934, Januar381937, Oktober55 Von 1912 bis 1933 Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sorgten neben Sally und Rebeka Bein drei Lehrkräfte, eine Lehrkraft mit verminderter Stundenzahl und mehrere Erzieherinnen für die Kinder und ihre Ausbildung, von denen zwei Lehrer zum Kriegsdienst einberufen wurden. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund erreichte mehrfach die Zurückstellung Sally Beins, da eine Aufrechterhaltung des Schulbetriebs ohne ihn nicht möglich gewesen wäre. Neben dem Lehrermangel machte vor allem die Versorgung der Kinder mit Essen große Probleme und Sally Bein versuchte täglich, von den Bauern der umliegenden Dörfer Kartoffeln zu erwerben, die zu dieser Zeit ihr Grundnahrungsmittel darstellten. Trotzdem unternahm er mit den Kindern an den Samstagnachmittagen Wald-Exkursionen oder Ausflüge, wie etwa nach Sanssouci in Potsdam.