mini|hochkant|Rotha Lintorn-Orman (1916) Rotha Beryl Lintorn Lintorn-Orman (geboren als Rotha Beryl Lintorn Orman; * 7. Februar 1895 in London; † 10. März 1935 in Santa Brígida, Las Palmas, Gran Canaria) war eine britische politische Aktivistin. 1923 gründete sie die Partei „British Fascisti“, die erste faschistische Partei in Großbritannien.

Biographie Rotha Lintorn-Orman wurde 1895 als Tochter von Blanche (1857/8–1941), geborene Lintorn Simmons, und von Charles Orman (1859–1927) geboren. Beide Eltern stammten aus Militärfamilien, ihr Großvater mütterlicherseits war Feldmarschall John Lintorn Arabin Simmons. Rothas Vater änderte seinen Namen in Lintorn-Orman. Die Tochter hatte eine privilegierte Kindheit und Jugend auf dem Anwesen ihres Großvaters in Hampshire, zusammen mit Nesta Ashworth, einem Mädchen gleichen Alters, das als Rothas Begleiterin eingestellt worden war. Nach der Lektüre eines Exemplars des Buches von Baden-Powells Scouting for Boys, wurde bei den beiden Mädchen das Interesse an den Pfadfindern geweckt. Sie gehörten mit zu den ersten Mädchen, die Mitglieder dieser Bewegung wurden.

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Rotha Lintorn-Orman als Mitglied des Scottish Women’s Hospitals for Foreign Service in Serbien, der aus der Frauenrechtsbewegung entstanden war, als Fahrerin für die „American Unit“. Sie erkrankte an Malaria und musste nach England zurückkehren. Nachdem sie keine medizinische Freigabe für die erneute Arbeit im Ausland erhalten hatte, wurde sie zur Leiterin der Fahrschule im Devonshire House ernannt und war für die Ausbildung aller Krankenwagenfahrer des Roten Kreuzes verantwortlich.Griffiths, Fellow Travellers, S. 3. Faschistische Publikationen gaben später an, sie habe zwei Mal das „Croix de Charité“ sowie den „Orden von St. Savs“ erhalten, die Papiere seien aber im Krieg verloren gegangen.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 15.

Nach dem Krieg gründete Lintorn-Orman die Partei „British Fascisti“ (BF, ab 1924 „British Fascists, Ltd.“) und schaltete Anzeigen in der Zeitung Patriot, um Mitglieder zu rektrutieren. Sie sah die Notwendigkeit einer Organisation uneigennütziger Patrioten aus allen Klassen und christlichen Glaubensrichtungen, die bereit waren, ihrem Land in jeder Notlage zu dienen. Sie orientierte sich an Benito Mussolini, der 1922 an die Macht gekommen war; der Faschismus schien aus ihrer Sicht Italien vor dem Bolschewismus zu retten. Die Partei verstand sich in erster Linie als Kampfverband gegen die Labour Party. Sie teilte sich mit dem englischen Ableger des Partito Nazionale Fascista in der Great Russell Street in London die Räume.

Lintorn-Ormans politische Pläne wurden durch ein Erbe von 50.000 £ sowie monatliche Zuwendungen der Mutter, die sich auch persönlich bei der BF engagierte, ermöglicht.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 11. Die BF selbst gab an, innerhalb weniger Monate Zulauf von rund 250.000 Mitgliedern – Frauen und Männer – bekommen zu haben.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 16. Diese Zahl wird jedoch bezweifelt und auf höchstens mehrere Tausend geschätzt. mini|hochkant|Grabstein für Lintorn-Orman auf dem englischen Friedhof in Las Palmas de Gran Canaria (2012) Die Entwicklung der BF muss laut Gottlieb im Kontext der Nachkriegsjahre in Großbritannien, die wie in Deutschland von Massenarbeitslosigkeit und Unruhen geprägt waren, gesehen werden: Auf Frauen, insbesondere unverheiratete (en: „spinsters“), die sich im Krieg bewährt hatten, übte die Partei Anziehungskraft aus, auch weil Lintorn-Orman betont männlich auftrat. In faschistischen Kreisen machte sie ihre androgyne Erscheinung aber auch angegreifbar. So stellte Mosley 1932 in Bezug auf sie fest: „We want men who are men and women who are women.“Gottlieb, Feminine Fascism, S. 1. In einem Polizeibericht von 1924 hieß es fälschlicherweise, Lintorn-Orman sei eine verheiratete Ex-Suffragette. Sie begann aber die Behörden mit Behauptungen zu verärgern, die Polizei verfüge über Munitionslager mit Waffen aus Russland, mit denen die Kommunisten „Besitz“ zerstören wollten. Auch schrieb sie Briefe an die Behörden mit der Aussage, dass die BF angeblich „spezielle“ Beziehungen zur Polizei habe. Daraufhin geriet sie in den Fokus der Special Branch der Polizei.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 18.

1928 war Rotha Lintorn-Orman Ehrengast bei einem „faschistischen Fest“, das in der Garrick's Villa in der Nähe von Hampton Court stattfand, das der BF für diesen Tag von einem örtlichen Ehepaar zur Verfügung gestellt worden war. Mitglieder der „London Patrol“ und der „Women’s Units“ bildeten bei ihrer Ankunft eine BF-Ehrengarde. Bei einem Maskenball der Partei erschien sie als ein „Großvater“ verkleidet.

Im Mai 1933 rief die Mutter von Rotha Lintorn-Orman die Polizei von Farnborough. Sie gab an, dass sie sich von der BF getrennt habe, da der Partei „verrufene“ Personen angehörten. Diese Leute hätten die Erlaubnis der Tochter, das Stadthaus der Familie zu nutzen, für „Orgien“ und „unerwünschte Praktiken“ missbraucht. Ein Freund der Mutter erhob im Oktober 1933 bei New Scotland Yard ebenfalls derartige Vorwürfe: Mitglieder der BF würden Rotha Lintorn-Orman fortlaufend mit Alkohol und Drogen versorgen, um Geld aus ihr herauszuholen.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 19. Diese „tragikomischen Vorfälle“, so Gottlieb, hätten dazu geführt, dass die Behörden fast gänzlich die politische Bedeutung der BF und die Entwicklung des Faschismus von Frauen ignorierten, auch weil sich gleichgesinnte Kräfte darüber mokierten.

Die Historikerin Barbara Storm Farr sieht in Lintorn-Orman „den einzigartigen Ausdruck einer engagierten rechten Frau, die die traditionelle weibliche Rolle abgeschüttelt hatte, um eine hierarchische paramilitärische Organisation innerhalb der Mittel- und oberen Mittelklasse“ zu schaffen. Gottlieb weist aber darauf hin, dass Frauenrechte nicht Teil von Lintorn-Ormans Programm waren.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 20. Auch bekannte sich die BF nicht zum Antisemitismus und wurde deshalb von anderen faschistischen Gruppen abgelehnt.

In den 1930er Jahren geriet die „British Fascists“ in finanzielle Schwierigkeiten, nachdem Rotha Lintorn-Ormans Mutter die finanzielle Unterstützung für die politischen Aktivitäten ihrer Tochter eingestellt hatte. Trotz finanzieller Hilfe vom deutschen NS-Staat löste sich die Bewegung 1934 auf und ging in der 1932 von Oswald Mosley gegründeten British Union of Fascists auf.Gottlieb, Feminine Fascism, S. 20.

Rotha Lintorn-Orman starb am 10. März 1935 im Alter von 40 Jahren an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs in einem Hotel in Las Palmas auf Gran Canaria. Dort hatte sie ihre letzten Lebensjahre verbracht, nachdem sie schon mehrfach zuvor dorthin gereist war. Sie wurde auf dem englischen Friedhof von Las Palmas beerdigt.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

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