Das Scherzo Nr. 3 in cis-Moll op. 39 ist das dritte aus einer Reihe von vier Scherzi von Frédéric Chopin. Das 1839 in Paris vollendete Werk wurde 1840 erstmals publiziert. Es ist dem deutschen Komponisten und Pianisten Adolf Gutmann gewidmet und gehört mit seinem choralartigen zweiten Thema zu Chopins bedeutendsten Kompositionen.

Zur Musik hochkant|mini|Beginn des Scherzos Die Introduktion überrascht mit Unisono-Quartolen sowie einer absteigenden, unruhigen und sich schlängelnden Linie, welche die Haupttonart cis-Moll nicht erreicht. Sie umfasst 24 Takte und arbeitet mit Pausen und Akkordschlägen, die auf die Quartolenfiguren antworten.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 623. Außergewöhnlich ist die tonale Indifferenz der abwärts gerichteten Figur, die auf einer Zwölftonreihe basiert.So Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 624. Es lässt sich kein tonales Zentrum finden, während die vollständige chromatische Reihe einbezogen wird. Das Klanggebilde der Einleitung taucht im Werk nicht wieder auf.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 624.

Das eigentliche Thema setzt ab Takt 26 (risoluto) in cis-Moll mit wuchtigen Doppeloktaven im Fortissimo ein. Sie bilden eine Reihe, die nach einem kurzen Zwischenspiel wiederholt wird. Ab Takt 51 begleitet eine absteigende Staccato-Bewegung im Bass die Akkorde der rechten Hand und geht bei steigender Dynamik in Oktaven über.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 625.

Ab Takt 155 beginnt das Trio (meno mosso) mit einem sonoren und ernsten Thema in Des-Dur, das ganztaktig voranschreitet und an einen Choral erinnert. Es wird mit Achtel-Kaskaden beider Hände ergänzt, die aus dem hohen Register bis zur Mittellage herabrieseln.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 625. Bei der Rückkehr in Takt 448 steht das Thema in der parallelen Tonart E-Dur.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 225. Die Durchführung entwickelt sich über unterschiedliche Tonarten wie as-Moll und Ges-Dur. Am Ende des Werkes kommt es zu überraschenden Wendungen. So erscheint das Choralthema von Takt 494 an in e-Moll, während der vorwärtsdrängende Impuls sich zunächst verlangsamt.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 227.

Mit Takt 541 setzt ein zweitaktiges Bass-Ostinato ein, über dem das zweite Thema während einer Crescendo-Bewegung in ein strahlendes Cis-Dur geführt wird.Christoph Rueger: Frédéric Chopin, Scherzi. In: Harenberg Klaviermusikführer, 600 Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Meyers, Mannheim 2004, S. 275. Die rasante Schluss-Stretta der Coda erreicht mit rasenden Achteln, markanten Akkorden und Oktavsprüngen einen dynamischen Höhepunkt (forte fortissimo).

Hintergrund und Einzelheiten mini|hochkant|Adolf Gutmann, Lithographie aus der Allgemeinen Moden-Zeitung, 21. März 1879 Der Widmungsträger Adolf Gutmann war der Lieblingsschüler Chopins, wie diverse Zeitzeugen berichten (unter anderem Julian Fontana). Nachdem Gutmanns Vater seinen 15-jährigen Sohn nach Paris gebracht hatte, reagierte Chopin zunächst ablehnend, da er bereits viele Schüler aus guten Kreisen der Pariser Gesellschaft hatte. Doch das Vorspiel des Jungen überzeugte ihn. Als Chopin im Herbst 1835 auf der Rückfahrt nach Paris eine Zwischenstation in Heidelberg einlegte, um die Familie seines Schülers zu besuchen, wurde er dort ehrfürchtig begrüßt. Zuvor hatte er nach einem einwöchigen Aufenthalt in Dresden auch noch Leipzig besucht und dort Clara und Robert Schumann sowie Felix Mendelssohn Bartholdy getroffen. Auf der langen Reise zog er sich eine fiebrige Erkältung zu und musste seinen Aufenthalt verlängern, so dass er Paris erst am 18. Oktober 1835 erreichen konnte.Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 483–485.

Die Doppeloktaven setzen eine gute Armtechnik voraus und erinnern an die Klavierwerke Franz Liszts. Das gilt auch für die rhetorisch wirkenden Akkorde der Introduktion, die an den Beginn des ersten Klavierkonzerts in Es-Dur denken lassen. Besonders ein fünfstimmiger und sehr weitgriffiger Akkord, den Chopin mit seiner Hand nur arpeggiert spielen konnte, scheint maßgeschneidert auf Gutmanns riesige Hände. Eine weitere Ähnlichkeit ist die virtuose Schlusswendung mit den von einem Orgelpunkt ausgehenden Oktavsprüngen.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 224–225.

Die Form des Werkes weicht von klassischen Schemata ab. Wie in der zweiten Ballade in F-Dur ging Chopin eher sparsam mit dem thematischen Material um und arbeitete mit wenigen Motiven. Der Dualismus der Themen und die durchführungsartige Verarbeitung lässt eine gewisse Verwandtschaft zur Sonatensatzform erkennen, während die Exposition davon abweicht. Dass es zwei (unterschiedliche) Durchführungen gibt, unterscheidet das Scherzo ebenfalls von der Sonatenform.So Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 623.

Vor allem die Einleitung des Werkes ist harmonisch ungewöhnlich. Allerdings gab es bereits in der Wiener Klassik Introduktionen, die harmonisch unklar waren und erst später in die Tonika mündeten. Anders als viele seiner Zeitgenossen wählte Chopin dieses Mittel häufiger, so dass die harmonischen Verhältnisse der Einleitungen bisweilen schwer zu bestimmen sind. Bei dem dritten Scherzo kann man vereinfacht von einem „Wechselspiel zwischen nicht tonalen Symmetrien und tonalen Hierarchien“ sprechen.So Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 224.

Wie im ersten Scherzo steht das Trio in der Durtonikavariante der Haupttonart. Bei seiner Rückkehr in Takt 448 wählte Chopin die Durparallele, ein Verfahren, das an seine früheren Kompositionen erinnert.Jim Samson: Frédéric Chopin. Reclams Musikführer. Reclam-Verlag. Stuttgart 1991, S. 225. Die herabrieselnden, leggierissimo zu spielenden Figurationen innerhalb des Trios gehören zu den schönsten und subtilsten Eingebungen Chopins, mit denen er die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers erweiterte.So Tadeusz A. Zieliński: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Schott, Mainz 2008, S. 626.

Literatur Tadeusz A. Zieliński: Chopin, Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, Schott, Mainz 2008, ISBN 978-3-254-08048-6, S. 622–627.

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Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Frédéric Chopin Kategorie:Einsätziges Klavierstück