Als Nietenblatt wir eine einfache und meist günstige Form der Grafik bezeichnet, die im 19. und 20. Jahrhundert von Kunstvereinen an Mitglieder ausgegeben wurden, die bei Losverfahren zur Ausgabe von Kunstwerken leer ausgegangen waren.

Geschichte Die Tombola-Niete als Nietenblatt in den deutschen Kunstvereinen ist eine Sonderform und wurde 1821 erstmalig erwähnt. Die meisten Kunstvereine gründen sich ab 1820 z. B. in Bamberg, Hamburg, Karlsruhe, Düsseldorf als sogenannte Aktiengesellschaften oder Losvereine: Mitglieder können oder müssen Aktien erwerben, woraus sich das Ankaufskapital des Vereins für Kunstwerke ergibt, die dann per Losverfahren an die Mitglieder gehen. Je mehr Aktien ein Mitglied besitzt, umso größer ist die Chance auf ein Kunstwerk. Diese ökonomische Grundlage weist darauf hin, dass der Aufbau eines niedrigpreisigen Kunstmarkts jenseits von Adel und Kirche Anfangs als wesentlich erachtet wird – und durchaus auch Kritik findet. Hans Platte schreibt 1967 rückblickend: „Zum Schmerze des Künstlers und des wahren Kunstfreundes würden die besseren Kunstwerke durch den Zufall des Looses unter Leute verschleppt, die aus bloßem Gewohnheits- und Nachahmungstrieb, aus Eitelkeit und Stolz teilnähmen.“Hans Platte (Hrsg.): 150 Jahre Kunstverein in Hamburg 1817 – 1967. (=Schriften des Kunstvereins in Hamburg 2), Hamburg 1967.

Bedeutung Als Ausgleich für jene Mitglieder, deren Lose leer ausgehen, führt 1821 der Badische Kunstverein in Karlsruhe sogenannte Nietenblätter ein, meist druckgraphische Wiedergaben von Gemälden. Diesem Beispiel folgen bis in das 20. Jahrhundert hinein viele Kunstvereine. In Hamburg wird 1826 ein eigener „Gemälde-Verloosungs-Verein“ gegründet und dem Kunstverein angeschlossen. Ab 1839 werden die Lose durch „Nebengewinne“ wie Zeichnungen oder Druckgraphiken erweitert. Zudem gibt es nach Möglichkeit einmal im Jahr das „Vereinsblatt“ für alle Vereinsmitglieder, als Anreiz zur Mitgliedschaft. Andere Vereine wählen die Bezeichnung „Prämienblatt“ oder schlicht „Kunstblatt“. Die Lose und Reproduktionen dienen zur „Verbürgerlichung der Kunst.“Veronica Beck, Vivian Michalski: Demokratisierung der Kunst – Geschichte der Hamburger Jahresgaben. In: Uwe Fleckner, Uwe M. Schneede (Hrsg.): Bürgerliche Avantgarde, 200 Jahre Kunstverein in Hamburg. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017, S. 75.

In der ersten Phase sind diese Bilderlotterien die zentrale Aktivität der deutschen Kunstvereine. In Karlsruhe kommt eine zweite Lotterie hinzu, die zum sehr niedrigen Einheitspreis von 1 fl Lose verkauft (Gulden, abgekürzt fl, abgeleitet von Florentiner Goldmünze). Das zunehmende Interesse an Kunst für die bürgerlichen Wohnstuben führt dazu, dass die Künstler immer mehr und auch immer kleinere Formate herstellen. „Die Investition erfolgte also in einem ‚als ob‘-Modell, tatsächlich belebten die Einsätze der Bürger einen neu entstehenden Kunstmarkt; sie ermöglichten also die Herausbildung einer Künstlerpopulation, deren Werke dem Bürgertum zugute kommen sollten“.Christoph Behnke: Zur Gründungsgeschichte deutscher Kunstvereine. (PDF; 0,2 MB) In: kunst-spektrum.de, 2001. S. 12.

Umwandlung und Wiederauflage Seit Mitte des 20, Jahrhunderts produzieren viele Kunstvereine meist zum Jahresende Jahresgaben. Das sind Editionen von Künstlern, die den Vereinen verbunden sind und meist auch in ihnen ausgestellt haben. So können Mitglieder qualitativ hervorragende Kunst zu günstigen Preisen erwerben und werden, so der Grundgedanke, für ihr Engagement belohnt.Jahresgaben. In: kunstvereine.de.

Die Idee der Nietenblätter wurde 2003 zur Tombola des neu gegründeten Kunstvereins kjubh e.v. in Köln von Jürgen Menten und Norbert Arns mit einem Werk von Ulrich Strothjohann wieder eingeführt (nach einer Anregung von Gregor Jansen) und seitdem als 300er Auflage (Nieten) gegenüber ca. 30 Gewinnen aufgelegt.kjubh-Nietenblätter und Editionen. In: kjubh.de Andere Kunstvereine folgten dieser Wiederauflage (wie bspw. 2007 der Kunstverein LeipzigTombola. Nietenblatt 2022. In: Kunstverein Leipzig.). Das „Vereinsblatt“ für alle Vereinsmitglieder, ein Geschenk als Anreiz zur Mitgliedschaft, wurde zehn Jahre später, ebenfalls in Köln, vom Kölnischen Kunstverein unter der Direktion von Moritz Wesseler mit einem Werk von Rosemarie Trockel als kostenfreie „Vereinsgabe“ wieder aufgegriffen.Vereinsgaben. In: Kölnischer Kunstverein.

Literatur Stephan Andreae, Wilfried Dörstel (Hrsg.): Kölnischer KUNSTverein. 150 jahre Kunstvermittliung. 5 Bände, Verlag Kölnischer Kunstverein, Köln 1989. Broschur plus 3,5 Zoll Diskette in Schuber. Hier vor allem die wissenschaftliche Bearbeitung der Nietenblätter: Wilfried Dörstel, Peter Gerlach (Hrsg.): Band 3: NietenGabenKunst. Zweihundertzwanzigtausend guter Abdrücke Nietenblätter, Vereinsgaben und Jahresgaben von 1839 bis 1988. 1989. Hans Platte (Hrsg.): 150 Jahre Kunstverein in Hamburg 1817–1967. In: Schriften des Kunstvereins in Hamburg. Hamburg 1967. Catrin Lorch, So ein Käse. Es gibt nur Gewinner im „kjubh“. In: Feuilleton der FAZ, 20. März 2004, S. 45.

Einzelnachweise und Anmerkungen

Kategorie:Glücksspiel Kategorie:Kunstwerk