Dornröschen ist eine Märchenoper in einem Vorspiel und drei Akten (sieben Bildern) von Engelbert Humperdinck. Das Libretto schrieben Elisabeth Ebeling und Bertha Lehmann-Filhés nach dem Märchen La belle au bois dormant von Charles Perrault und dessen Bearbeitung Dornröschen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die Uraufführung war am 12. November 1902 im Opernhaus (Alte Oper) in Frankfurt am Main.
Handlung
Vorspiel
Erstes Bild. Die goldenen Teller.
Ringold, König des Rosenlandes, und seine Gemahlin Armgart haben nach langer Zeit endlich eine Tochter bekommen und bereiten deren Namensfest vor (Frohes Ereignis: „Duftige Rosen lasset uns binden“). Ringold beruhigt seine von bösen Vorahnungen geplagte Frau damit, dass er Feen eingeladen habe, die ihre Tochter mit Hilfe von magischen Kräften segnen werden. Da er nur zwölf goldene Teller besitzt, konnte er allerdings nur zwölf der dreizehn Feen berücksichtigen. Dämonia muss auf Anordnung des Hof-Tellermeisters zu Hause bleiben. Armgart fürchtet nun die Rache dieser für ihre Bosheit bekannten Fee – wofür Ringold nur Spott übrig hat. Der Koch streitet mit dem Tellermeister über diese Entscheidung. Bei der Feier (Ankunft der Feen: „Seht dort, vom Morgenwind getragen“), reihen sich die Feen um die Tafel (Patenlied: „Lasst uns jetzt den Reigen schließen“), und die Feenkönigin Rosa gibt dem Mädchen den Namen „Röschen“ (Segen und Fluch: „Wohlan, so nenne dich nach mir“). Auch die anderen Feen segnen das Kind. Da erscheint Dämonia mit einem Donnerschlag und spricht einen Fluch über das Mädchen aus: Es werde nach höchstens fünfzehn Jahren an einem Spindelstich sterben. Glücklicherweise hat Morphina, die Fee des Schlafes, ihren Segensspruch noch nicht ausgesprochen und kann daher den Todesfluch zu einem tiefen Schlaf abmildern (Schlaf für Tod: „Noch ruht dein Glück in meinen Händen“). Rosa verheißt, dass nach hundert Jahren ein mutiger und keuscher Ritter erscheinen und durch seine Liebe den Fluch lösen werde. Der König ordnet die Zerstörung aller Spindeln in seinem Reich an.
Erster Akt
Zweites Bild. Die Spindel (fünfzehn Jahre später)
An Röschens fünfzehntem Geburtstag wird eine große Feier gegeben. Sie soll an diesem Tag mit Reinhold, dem jungen Fürsten der Strahleninseln, verlobt werden. Dessen Gesandter huldigt ihr mit Brautgeschenken. Der König begibt sich in den Thronsaal, um mit seinen Beratern zu entscheiden, ob zur Feier die Geburtstags- oder die Verlobungsschlüssel aufgetischt werden soll. Die Königin lässt Röschen nur widerwillig im Schlossgarten zurück. Diese war noch nie zuvor alleine. Um ihre Unsicherheit zu bannen, spricht sie mit den verschiedenen Pflanzen im Garten – einer Rose, einem Vergissmeinnicht und einer Winde (Röschen: „Ich fühl’ ein leises Bangen“). Mutig geworden, betritt sie den Schlossturm, um von dessen Höhe in die Ferne blicken zu können. Inzwischen sind die Festgäste eingetroffen. Obwohl Röschen nicht zu finden ist, duldet der Tellermeister keinen Aufschub, und so beginnt man trotzdem mit der Feier. Oben im Turm trifft Röschen auf eine alte Frau an einem Spinnrad. Neugierig bittet sie darum, es selbst einmal mit der Spindel versuchen zu dürfen. Das Weib reicht ihr die Spindel. Röschen ist erst fasziniert davon (Das Verhängnis: „O seht doch, Mütterchen, seht doch, seht“), doch dann sticht sie sich am Finger. Sie fällt mit einem Schrei zu Boden. Im selben Moment erstarren auch das Königspaar und die Gäste. Fahles gespenstisches Licht erfüllt die Halle. Das alte Weib gibt sich als Dämonia zu erkennen. Sie triumphiert und verschwindet unter höhnischem Gelächter. Morphina lässt alle in einen sanften Schlaf versinken.
Zweiter Akt
Drittes Bild. Im Ahnensaal (hundert Jahre später)
Prinz Reinhold betritt zum ersten Mal seinen Ahnensaal. Ein eigenartiger Traum, den er auf die Fee Rosa zurückführt, hat ihn dazu bewegt. Hier trifft er mit dem Schlossvogt zusammen (Das Traumbild: „In dem Schloss, dem altersgrauen“). Ein von einem Vorhang verdecktes Bild erregt seine Neugier. Er befiehlt dem zaudernden Vogt, es zu enthüllen. Das Bild zeigt die Prinzessin Röschen, deren Schönheit Reinhold sofort entzückt. Der Vogt erklärt ihm, dass es die Verlobte seines gleichnamigen Ahnherrn sei, die einer Sage zufolge seit hundert Jahren aufgrund eines bösen Zauberspruchs hinter einer undurchdringlichen Dornenwand schlafe. Reinhold ist sich sicher, dass es sich um die in seinem Traum verheißene Rose handelt (Dornröschens Bild: „O welch’ Entzücken“). Obwohl der Vogt ihn warnt, dass dies schon viele mutige Männer versucht hätten, die niemals zurückgekehrt seien, ist Reinhold fest entschlossen, den Fluch zu lösen. Der Vogt teilt ihm mit, dass er zum Erlösungswerk zwingend die Verlobungsringe finden müsse. Dafür habe er aber nur noch drei Tage Zeit (Mahnung: „Wenn drei Tage noch verstrichen“). Danach seien Röschen und die anderen Schläfer dem Todesschlaf verfallen. Ein Orchesterzwischenspiel (Irrfahrten) beschreibt die Suche des Prinzen.
Viertes Bild. Dämonia.
Reinhold hat sich in eine öde Felsenlandschaft verirrt, wo er erschöpft zu Boden sinkt. Im Hintergrund befindet sich eine Grotte, aus der schwarze Dämpfe aufsteigen. Dort findet ihn Dämonia. Sein gutes Aussehen bewegt sie dazu, ihm das Leben zu lassen. Sie weckt ihn mit einem Kuss aus seiner Betäubung, verweist ihn auf seine Frage nach den Ringen aber höhnisch an den Himmel. Er solle Sonne, Mond und Sterne befragen. Wenn diese schweigen sollten, könne er sicher sein, dass die Ringe für immer verschwunden seien. Da Reinhold sich davon nicht abschrecken lässt, beschwört Dämonia einen Mondesstrahl, der ihn durch die Wolken in den Himmel trägt (Himmelfahrt: „Mondesstrahl, sink’ in’s Tal“).
Fünftes Bild. Im Reich der Sterne.
Die Wolken zerteilen sich und zeigen das offene, mit Sternbildern übersäte Himmelsgewölbe mit der Milchstraße im Hintergrund. Der Chor der Fixsterne gruppiert sich im Halbrund um die Bühne. Gleichzeitig treten die Wandelsterne (Planeten) auf: erst die Venus (als Abendstern), etwas später Mars, Merkur, Jupiter mit vier Trabanten, Saturn, Uranus und Neptun. Eine Schar von Asteroiden umkreist die sich drehende Gruppe (Sphärenreigen: „Herbei zum Tanz, ihr schimmernden Sterne“). Ein großer Komet dringt von oben rechts herein, erschreckt die Planeten und zerspringt in der Nähe Jupiters in einen Schwarm funkelnder Meteoriten, die sich mit dem Reigen der Asteroiden vereinigen. Reinhold trifft ein und sieht sich suchend um. Der Mond kommt hervor, vor der Morgenröte zurückweichend, die ihn vor der sich nahenden Sonne warnt. Er kann Reinholds Frage nach den Ringen ebenso wenig beantworten wie die Sonne, die ihn wiederum an die Sterne verweist, denn „sie schließen nimmer die Augen zu“. Die Sterne bestätigen dies, versichern ihm aber, dass sie die Ringe „auf der Welt“ nicht gesehen haben (Sternenspruch: „Wir halten Wacht bei Tag und Nacht“). Reinhold schöpft neue Hoffnung, denn das sagt ihm, dass sich die Ringe „in der Erde tiefem Schoße“ befinden müssen. Das Bild endet mit einem weiteren Sphärenreigen („Ihr Sterne herbei! Euch spendet auf’s neu’“).
Dritter Akt
Sechstes Bild. Die Ringe.
Zurück in der Felsengegend steigt das Fabelwesen Quecksilber aus der Grotte, schlägt Purzelbäume und hüpft fröhlich hin und her (Quecksilber: „Ach, das Gleiten durch die Weiten“). Reinhold kommt jubilierend aus der Tiefe. Er hat die Ringe dort im Reich der Zwerge gefunden (Gelöbnis: „Die Ringe mein! So ist das Werk gelungen“). Quecksilber verspricht, ihn in das Reich Ringolds und Dornröschens zu führen. Da erscheint Dämonia und umgarnt ihn mit einem Liebeszauber (Versuchung: „Halt ein! Verweile noch“). Die öde Felsengegend verwandelt sich allmählich in eine anmutige Frühlingslandschaft mit einer Rosenlaube. Nymphen und Najaden umringen Reinhold. Dieser trinkt aus einer der ihm gereichten Schalen. Dennoch verliert er sein Ziel nicht aus den Augen. Dämonia lässt nicht von ihm ab. Sie umschlingt ihn mit glühender Leidenschaft (Überwindung: „O zaudre nicht, sei mein“). Reinhold bedeckt seine Augen mit der rechten Hand, an der er die Ringe trägt. Dadurch wieder an Dornröschens Bild erinnert, reißt er sich von Dämonia los. Diese entfesselt einen eisigen Schneesturm, dessen Kälte Quecksilber lähmt. Er kann Reinhold den Weg nun nicht mehr zeigen. Dieser ruft die Sonne um Rettung an, welche die Landschaft mit blendendem Licht übergießt und das Eis zum Schmelzen bringt. Quecksilber springt auf und führt Reinhold zum Dornenschloss (Orchesterzwischenspiel).
Siebentes Bild. Die Erlösung.
Gemeinsam mit Quecksilber erreicht Reinhold das Dornenschloss, wo ihn Dämonia bereits erwartet. Die beiden kämpfen miteinander auf Leben und Tod. Erst scheint Reinhold zu unterliegen, doch er kann sich wieder erheben und Dämonia mit seinem Schwert das Herz durchbohren. Noch im Sterben behauptet sie, dass Röschens Lippen ihm den Tod bringen werden (Dämonias Ende: „Ich sterbe! Doch auch du wirst sterben“). Die Feenkönigin Rosa jedoch bestätigt seinen Sieg. Die Dornenhecke versinkt, und der Garten vom Ende des zweiten Bildes erscheint mitsamt den noch immer schlafenden Personen (Im Schlossgarten: „O Wunder ohne Gleichen!“). Unter dem Dach des Turms findet er auch die schlafende Prinzessin, die er trotz Dämonias Drohung mit einem Kuss erweckt. Die Sonne geht auf, und die Schläfer erwachen allmählich. Auch Röschen öffnet die Augen. Sie blickt verwundert umher, hält Reinhold für ihren ursprünglichen Verlobten (seinen Vorfahren) und sinkt in seine Arme. Auch die anderen Schlossbewohner sind verwirrt, bis Rosa auf einer Wolke erscheint, ihnen das Geschehen erklärt und das Paar segnet.
Gestaltung
Musik
Die Oper besteht aus gesprochenen Dialogen, gesungenen Texten und mit Musik unterlegten gesprochenen Versen nach Art eines Melodrams. Einige Rollen können wahlweise gesungen oder gesprochen werden. Dabei nutzte Humperdinck seine für die Erstfassung seiner Vorgängeroper Königskinder entwickelte „Kreutznotenschrift“, mit der er Rhythmus und Notenwerte lediglich andeutete. Der Orchestersatz ist durchsichtig. Er unterstützt die Solisten, ohne sie zu übertönen. Die Texte der Gesangslinien sind gut verständlich. Auf Verzierungen verzichtete Humperdinck. Das Orchester wird oft illustrativ eingesetzt, um die Handlung zu verdeutlichen. Trotz des abweichenden Grundkonzepts gibt es erkennbare Hinweise auf das Vorbild Richard Wagner. Ansatzweise griff er auch auf dessen Leitmotiv-Technik zurück. So gab er in einer Thementafel dem Anfangsakkord den Namen „Erlösungsmotiv“. Auch inhaltlich gibt es Parallelen zu Wagners Werken. Reinholds Reise unter die Erde erinnert an dessen Nibelheim, Dämonia Verführungsversuche an Klingsors Zaubergarten. Die hinzugefügten Abenteuer und Prüfungen des Ritters spielen letztlich eine größere Rolle als die ursprüngliche Märchenhandlung.
Musiknummern
Die Partiturausgabe von 1902 enthält die folgenden Musiknummern:
1. Orchestervorspiel
Vorspiel. Erstes Bild: Die goldenen Teller 2. Frohes Ereignis („Duftige Rosen lasset uns binden“) 3. Ankunft der Feen („Seht dort, vom Morgenwind getragen“) 4. Feenmahl 5. Patenlied („Lasst uns jetzt den Reigen schließen“) 6. Segen und Fluch („Wohlan, so nenne dich nach mir“) 7. Schlaf für Tod („Noch ruht dein Glück in meinen Händen“) 8. Orchesternachspiel
Erster Akt. Zweites Bild: Die Spindel (fünfzehn Jahre später) 9. Festklänge 10. Röschen („Ich fühl’ ein leises Bangen“) 11. Die Festgäste 12. Das Verhängnis („O seht doch, Mütterchen, seht doch, seht“)
Zweiter Akt. Drittes Bild: Im Ahnensaal (hundert Jahre später) 13. Ballade 14. Das Traumbild („In dem Schloss, dem altersgrauen“) 15. Die Enthüllung 16. Dornröschens Bild („O welch’ Entzücken“) 17. Mahnung („Wenn drei Tage noch verstrichen“) 18. Irrfahrten (Zwischenspiel)
Zweiter Akt. Viertes Bild: Dämonia 19. Himmelfahrt („Mondesstrahl, sink’ in’s Tal“)
Zweiter Akt. Fünftes Bild: Im Reich der Sterne