mini|Eine von verschiedenen Flaggen der Bewegung für die Rechte von Autisten. Die Spektralfarben des Unendlichzeichens symbolisieren die verschiedenen Ausprägungen des Autismus-Spektrums. Die Hintergrundfarbe symbolisiert Gold, da das Elementsymbol für Gold (lateinisch aurum) Au – wie Autismus – ist Die Bewegung für die Rechte von Autisten (Autismusrechtsbewegung) ist eine seit den 1990er Jahren bestehende soziale Bewegung. Sie will erwirken, dass Autismus allgemein nicht mehr als Störung oder Krankheit gilt. Die autistischen Personen setzen sich selbst für ihre Rechte ein (self-advocacy) und fordern unter anderem gesellschaftliche Akzeptanz und Sichtbarkeit. Definition mini|Verwendung der oben gezeigten Symbolik als Flagge auf einer Demonstration, 2021 Die Autismusrechtsbewegung ist sowohl Teil der Behindertenbewegung als auch der Neurodiversitätsbewegung. Die Aktivisten der Autismusrechtsbewegung erstreben eine breite Akzeptanz autistischer Menschen sowie derer Merkmale und Verhaltensweisen. Die Bewegung ist nicht zentral organisiert, sondern wird an verschiedenen Orten von verschiedenen Personen vertreten, die meist informell miteinander vernetzt sind. Schwerpunkt sind englischsprachige Länder.

Die Bewegung für die Rechte von Autisten ist in Deutschland vergleichsweise schwach.

Zentrale Themen der Autismusrechtsbewegung sind das Recht auf körperliche Unversehrtheit, selbstbestimmtes Leben sowie die Selbstvertretung autistischer Menschen. Ihre Entstehung liegt zeitlich zwischen der Behindertenbewegung (1960er-, 1970er-Jahre) und der Neurodiversitätsbewegung, die Ende der 1990er-Jahre entstand und seit den 2010er-Jahren eine breite gesellschaftliche Wirkung entfaltet. mini|Demonstration vor dem Gebäude des Europäischen Parlaments, 2019

Geschichte Vorgeschichte Bevor es zu einer selbstbestimmten Autismusrechtsbewegung kommen konnte, konzentrierte sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Autismus vor allem auf autistische Kinder. Damals ging die Initiative von Eltern autistischer Kinder in den USA aus. 1965 gründeten Bernard Rimland, Ruth C. Sullivan und andere Eltern die National Society for Autistic Children, die später in Autism Society of America umbenannt wurde.

Die Organisation Autism-Europe wurde 1983 von Elternverbänden gegründet. Die Gründung von Autism-Europe war eine Folge von Konferenzen von Elternverbänden, beginnend 1980 in Gent. Ein wesentlicher Aspekt bei der verspäteten Selbstvertretung der Autisten ist, dass bis in die 1990er Jahre hinein nur der frühkindliche Autismus als Autismus galt. Erst im Lauf der 1980er Jahre wurden das Asperger-Syndrom und der sogenannte „hochfunktionalen Autismus“ mit berücksichtigt. Helmut Remschmidt im Ärzteblatt über das Asperger-Syndrom: „Erst 1991 fand es Eingang in die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) und erst 1994 in das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen (DSM-IV) der American Psychiatric Association.“

Erste informelle Selbsthilfeorganisationen und Arbeitsgemeinschaften für die Rechte von Behinderten allgemein wurden in Deutschland in den 1960er Jahren ins Leben gerufen. In Nordamerika begann diese Entwicklung bereits früher. Seit 1938 existierte die Organisation March of Dimes, die ab den 1950er Jahren zunehmend umfassend Behindertenrechte vertrat. In den 1960er Jahren entstand die Independent-Living-Bewegung für selbstbestimmtes Leben. In den 1970er Jahren verabschiedete die Vereinten Nationen zwei Deklarationen, auf die sich die Autismusrechtsbewegung beruft: die zu den Rechten geistig behinderter Menschen (1971) und den Rechten behinderter Menschen (1975).

1990er Jahre mini|Dinah Murray, 2018 Erst seit den 1990er Jahren gibt es eine eigentliche Bewegung für die Rechte von Autisten, bei der diese sich selbst für ihre Rechte einsetzen. Das Jahr 1992 ist wegen mehrerer Entwicklungen relevant für die Bewegung für die Rechte von Autisten. In den USA gründeten Jim Sinclair, Kathy Grant, and Donna Williams das Autism Network International (ANI). Des Weiteren präsentierte Dinah Murray 1992 auf einer Konferenz der National Autistic Society in Durham ihren Aufsatz mit dem Titel Attention Tunnelling and Autism, in dem sie das Konzept des Monotropismus der Öffentlichkeit vorstellte. mini|Judy Singer, 2019 Ebenfalls 1992 veröffentlichte die Organisation Autism-Europe die Charter for Persons with Autism. Die deutsche Bezeichnung lautet Charta für Menschen mit Autismus Charta für autistische Menschen. Autism-Europe setzte sich aktiv dafür ein, die Charter for Persons with Autism zu einem Bestandteil der Politik der Europäischen Union zu machen. 1996 stimmte das Europäischen Parlament dafür, die Charta offiziell zu unterstützen. Die Charta legt einen umfassenden Katalog von Menschen- und Bürgerrechten für autistische Menschen fest, der Gleichberechtigung, Teilhabe und Schutz in allen Lebensbereichen sicherstellen soll.

1993 veröffentlichte Jim Sinclair den Artikel Don’t Mourn for Us, der heute als „Gründungsmanifest“ der Neurodiversitätsbewegung gilt. Ort der Veröffentlichung war Our Voice, der Newsletter von ANI. Ein Beitrag zur Autismusrechtsbewegung waren die von ANI veranstalten Autreats ab 1996. Diese Treffen waren so konzipiert, dass sie die Bedürfnisse autistischer Personen berücksichtigten und dass viele typische Verhaltensweisen von Autisten, die anderorts gesellschaftlich stigmatisiert sind, hier begrüßt wurden. Obwohl Eltern, Fachkräfte und andere Besucher willkommen waren, wurde Autreat speziell für Autisten konzipiert und hatte eine „autismusfreundliche“ Umgebung.

Seit 1998 veröffentlicht die australische Soziologin Judy Singer zum Thema Autismus. Sie untersucht seitdem die Verbindung von Autismus und ADHS. Sie gehörte zusammen mit dem Journalisten Harvey Blume zu den ersten Personen, die den Begriff Neurodiversität öffentlich verwendeten.

21. Jahrhundert mini|Alex Plank, 2019 Das Thema Selbstvertretung hat seit der Jahrtausendwende mehr Gewicht in der Autismusrechtsbewegung. Die Möglichkeit, sich zu Online-Communities zusammenzuschließen und im Internet eigene Texte zu veröffentlichen – beispielsweise auf Blogs oder eigenen Homepages – hat zu mehr Aktivismus geführt. Es existieren zwei internationale Aktionstage: seit 2005 der Autistic Pride Day (18. Juni) und seit 2007 der Welt-Autismus-Tag (World Autism Awareness Day, 2. April).

2004 erstellten Dan Grover und Alex Plank die Website Wrong Planet, die in den folgenden Jahren zu einer wichtigen Plattform für den Austausch zu den Themen Autismus, ADHS und anderen Neurodivergenzen wurde. Seit 2005 existiert Autscape, eine jährlich in Europa stattfindende Konferenz, die von und für Autisten organisiert wird. 2006 wurde das Autistic Self Advocacy Network gegründet (ASAN). Zentrale Person hierbei war Ari Ne’eman. ASANs Motto lautet „Nothing About Us Without Us“. Größere Aufmerksamkeit erlangten ASAN und Ne'eman 2007, als sie sich kritisch gegenüber einer Plakat-Kampagne des Child Study Center der NYU äußerten. Sie forderten die Entfernung der Ransom Notes-Plakate (deutsch: Lösegeld-Plakate), da diese implizierten, Autismus sei ein Entführer, der die Autisten als Geisel genommen hat. Da neben Autismus auch andere Bereiche des Neurodivergenz-Spektrums in den Plakaten verunglimpft wurden, war die Petition zur Entfernung der Plakate im Namen aller neurodivergenten Personen gestellt. Mit dieser Aktion begann der Wandel von der Autismusrechtsbewegung zur Neurodiversitätsbewegung.

mini|John Elder Robison, 2011

2007 erschien das Buch Look Me in the Eye von John Elder Robison, in dem der Autor von seinem Leben als Asperger-Autist berichtet. 2008 erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel Schau mich an! Mein Leben mit Asperger. 2007 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 2. April zum World Autism Awareness Day (WAAD). Die Vereinten Nationen erklärten die Absicht, die volle Verwirklichung der Menschenrechte und Grundfreiheiten für autistische Personen zu fördern und ihre gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu gewährleisten. Die Resolution der Generalversammlung von 2007 (A/RES/62/139) hob die Notwendigkeit hervor, das öffentliche Bewusstsein für Autismus (Autism Awareness) zu schärfen.

mini|Temple Grandin, 2010

Seit 2008 veröffentlichen Nick Walker, Athena Lynn Michaels-Dillion und Remi Yergeau zu einer erkenntnistheoretischen Forschungsrichtung, die methodisch ähnlich auf Autismus blickt, wie die Queer-Theory Geschlecht und Sexualität betrachtet. Die „Neuroqueer* Theory“ hinterfragt kritisch die Konstruktion von Normalität in der Gesellschaft in Bezug auf Neurodivergenz wie beispielsweise Autismus. 2011 erregte ein Vorfall in Mercer County (Kentucky) Aufsehen, als der neunjährige autistische Junge Christopher Baker zur Strafe in eine Duffle-Bag gesteckt wurde. Eine Reaktion darauf war eine Petition, die Änderungen in den Richtlinien des gesamten Schulbezirks forderte. Initiator der Petition war eine 18-jährige nonbinäre autistische Person, die heute weiter als Aktivist tätig ist. Dieser Aktivist, Ly Xīnzhèn M. Zhǎngsūn Brown, wurde seitdem mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

mini|Ly Xīnzhèn M. Zhǎngsūn Brown, 2017

2011 realisierte William Davenport den Dokumentarfilm Too Sane for This World. In dem Film tritt unter anderem Temple Grandin auf. Davenport war Mitglied der San Francisco Marin Autism Taskforce. Von 2007 bis 2011 war Davenport Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Autism Social Connection. 2013 folgte der Dokumentarfilm Citizen Autistic.

mini|Steve Silberman, 2016

2015 erschien das Buch NeuroTribes – The Legacy of Autism and the Future of Neurodiversity von Steve Silberman. Auf Deutsch erschien 2016 Silbermans Buch Geniale Störung – Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Die Publikationen von Silberman bilden einen Übergang von der Autismusrechtsbewegung zur Neurodiversitätsbewegung. Allerdings bringt die Zusammenfassung jeglicher Neurodivergenz auch Probleme mit sich, da sich Grad der Behinderung und der Bedarf an Unterstützung innerhalb des Neurodivergenz-Spektrums erheblich unterscheiden.

Autismusrechtsbewegung in Deutschland Einer der prominentesten Fürsprecher für Autisten in Deutschland ist Mark Benecke. Er setzt sich für die Belange von Autisten ein und gibt diesbezüglich Interviews und Vorträge. Benecke ist vor allem im Bereich Aufklärung und Vermittlung aktiv. Auf seinem YouTube-Kanal präsentiert er autistische Kultur für ein breites Publikum. Benecke ist auch aktiv für den Verein White Unicorn; Vorstandsvorsitzender ist Jörn Gudat. mini|Mark Benecke, 2022

Eine der ältesten und wichtigsten Selbstvertretungsorganisationen in Deutschland ist der Verein Aspies. Der Verein betreibt nicht nur Aufklärung, sondern organisiert auch das größte deutschsprachige Online-Forum für Autisten. Er ist politisch aktiv und setzt sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein. Der langjährige Aktivist Hajo Seng starb 2025. mini|Gee Vero, 2014 Die Ärztin Christine Preißmann ist seit ihrer eigenen Asperger-Diagnose 2005 aktiv. Sie hat zahlreiche Publikationen zum Thema Autismus veröffentlicht. Aleksander Knauerhase, Gee Vero und Sabine Grützmacher sind weitere Aktivisten der Bewegung für die Rechte von Autisten in Deutschland. Seit 2017 erscheint das Magazin Autismus verstehen.

An der Humboldt-Universität Berlin gibt es die Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK). Weitere Vereine sind AutSocial, NeuroDivers und Autismus Selbstvertretung Bayern. Eine internationale, hauptsächlich englischsprachige Gruppe in Deutschland ist die Berlin Neurodivergent Community. mini|Sabine Grützmacher, 2024

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