mini|hochkant|Auswahl der Werke von Klaus Mehnert aus den 1950er bis 1980er Jahren, darunter Der Sowjetmensch Der Sowjetmensch (Untertitel: Versuch eines Porträts nach zwölf Reisen in die Sowjetunion 1929–1957)Spätere Auflagen tragen den Untertitel: Versuch eines Porträts nach dreizehn Reisen in die Sowjetunion 1929–1959. ist ein im Jahr 1958 erschienenes Sachbuch des Journalisten und Politikwissenschaftlers Klaus Mehnert. Das Werk gilt als einer der bedeutendsten BestsellerPaul Schröck: Der „Spez für russische Fragen“. Klaus Mehnerts Aufstieg als Osteuropa-Experte. In: Osteuropa, Band 74, September 2024, Heft 6–7, S. 205–218 (Abstract online) der deutschen Nachkriegsliteratur über die Sowjetunion. Es prägte maßgeblich das Bild der westdeutschen Bevölkerung über das Leben hinter dem Eisernen Vorhang. Das Buch durchzieht Mehnerts Abneigung gegen das Sowjetsystem – bei gleichzeitiger Zuneigung zu den unter ihm lebenden und leidenden Menschen. Systemkritik und Völkerverständigung schließen sich dabei nicht aus.

Hintergrund und Entstehung Das Buch erschien erstmals in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) und basiert auf Mehnerts profunder Kenntnis Russlands. Geboren in einer Familie von Russlanddeutschen und aufgewachsen in Moskau, sprach Mehnert akzentfrei Russisch, was ihm einen besonderen Zugang zur Bevölkerung ermöglichte. Er verließ den russischen Geburtsort als Kind und noch zur Zarenzeit, als sein Vater 1914 für Deutschland in den Ersten Weltkrieg zog. Zwischen 1929 und 1957 unternahm er insgesamt zwölf Reisen in die Sowjetunion, die die Grundlage für seine Beobachtungen bildeten. Mehnert berichtete vor Ort über die Moskau-Reise Adenauers von 1955. Er widmete das Buch seiner Mutter Luise, geborene Heuss (1882–1946), die ihn „… das Russische sprechen und die Russen lieben lehrte.“Siehe Widmung von Der Sowjetmensch.

Inhalt Das Werk behandelt vier Themenschwerpunkte, die unterschiedliche Aspekte des sowjetischen Alltags und der gesellschaftlichen Struktur beleuchten:

Privatsphäre und Familie: Mehnert untersuchte die Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Familie. Er stellte fest, dass es dem Staat nicht gelungen sei, das Privatleben vollständig auf den sozialistischen Aufbau umzuleiten. Wirtschaft und Eigentum: Mehnert zeigte, dass die sowjetische Planwirtschaft immer weiter von ihren Idealen abwich. Ein Bonussystem sollte Wettbewerb schaffen, führte aber zu Fehlanreizen: Betriebe setzten niedrige Ziele und priorisierten Masse statt Qualität. Gleichzeitig gewannen informelle Netzwerke an Bedeutung, um Versorgungsengpässe zu umgehen. Der Autor beobachtete eine zunehmende soziale Distinktion, die auf Wohlstand basierte. Er interpretierte die sowjetische Entwicklung seit Stalin als Eintritt in eine bürgerliche Epoche, in der das Erbrecht und die leistungsorientierte Entlohnung eine zentrale Rolle spielten. Bildung und Religion: Hierzu konstatierte Mehnert ein eher mechanisches Auswendiglernen im Schulsystem und das Fortbestehen religiöser Bedürfnisse, denen die Führung durch Zugeständnisse (wie den Neujahrsbaum) begegnen musste. Verhältnis zum Staat: Mehnert analysierte einen tief verwurzelten Fatalismus und Autoritätsglauben. Er unterschied dabei jedoch zwischen der Loyalität zum Vaterland und der zum Staat.

Die Kernthese des Buches lautet, dass sich die Russen und ihre Nachbarn trotz staatlicher Indoktrination nicht vollständig „bolschewisieren“ ließen. Mehnert differenzierte zwischen den Menschen der sowjetischen Völker (dem menschlichen Aspekt) und dem „Sowjetmenschen“ (dem sozialistischen Aspekt). Der Glanz des immer noch fernen Zieles des Kommunismus, das die Regierung und Partei trotz allem weiterhin verfolgten, verblasste gegenüber alltäglichen Ergebnissen und Anforderungen der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Mehnert vertrat die Ansicht, dass das sowjetische System einer Zwangsjacke gleiche, unter der ein gutmütiger Volkscharakter fortbestehe. In Abwandlung eines Stalin-Zitates über die Deutschen und Hitler formulierter er:

Methodik Mehnert stützte sich nicht allein auf statistische Daten, sondern primär auf persönliche Begegnungen und Gespräche, oft in Zügen oder Flugzeugen, wo sich die Menschen freier äußerten als in Moskau oder zu formellen Anlässen. Zudem analysierte er die zeitgenössische Wahrnehmung von Literatur, Malerei und Theater als Spiegel gesellschaftlicher Konflikte. Ein wesentliches Element war das Lesen zwischen den Zeilen offizieller Statistiken und Verlautbarungen, um die Realität hinter der Propaganda zu erfassen.

Rezeption und Kritik Das Buch war ein außergewöhnlicher Publikumserfolg. Bereits nach drei Jahren erreichte die Auflage eine halbe Million Exemplare; bis 1971 wurden allein von der DVA 585.000 Stück verkauft. Noch im Jahr 1981, 23 Jahre nach der Ersterscheinung, wurde es bei Ullstein neu aufgelegt, um davon bis 1987 nochmals 10.000 Exemplare abzusetzen. Es erschienen Lizenzausgaben in zahlreichen Ländern, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten, Japan, Spanien und Brasilien. In der Sowjetunion erschien das Buch anfangs nur in einer sehr kleinen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Auflage.Klaus Mehnert: Der Sowjetmensch. Fischer Bücherei, Frankfurt am Main und Hamburg 1961, S. 10. In der sowjetischen Presse wurde der Autor als Schwein diffamiert. Mehnert schrieb in seinen Erinnerungen, die kremlnahe Kritik hätte es ihm vermutlich weniger übel genommen, wenn er geschrieben hätte, der Sowjetmensch sei Kommunist geworden und darum hasse er ihn. Stattdessen habe er geschrieben, er möge ihn, da er kein Kommunist geworden sei und das empfinde man als Schlag gegen die These vom neuen Sowjetmenschen.

Mehnert wird zugeschrieben, den bis dahin in Deutschland verbreiteten Stereotyp des Russen als brutalen Alkoholiker korrigiert und den Sowjetbürgern ein Gesicht verliehen zu haben. In der Zeitschrift Annales wurde das Buch als minutiöse und wissenschaftlich strenge Forschung gelobt, die mit einem angenehmen Stil verbunden sei. Der Autor wurde als psychologisch sensibilisierter Beobachter beschrieben, dessen Werk die Frage nach dem menschlichen Gegenüber („vis-à-vis humain“) für den Westen beantworte. Die zeitgenössische Kritik betonte, dass Mehnert eine seriöse Stellungnahme abgab, die zwar objektiv sein wollte, aber nicht neutral gegenüber dem totalitären System blieb.

Kritisiert werden aus späterer Sicht Mehnerts Informationslücken zum Gulag-System, über das er zum Zeitpunkt der Niederschrift nur wenig wusste und dessen Auswirkungen er teilweise fehlerhaft einschätzte. Aus den vagen Andeutungen im Gespräch mit reisenden Russen konnte er kaum konkrete Rückschlüsse auf die Psyche der Lagerinsassen ziehen. Der Publizist Otto Köhler warf Mehnert zudem die Betonung der deutsch-russischen Gemeinsamkeit vor, jeweils „… in schweren Zeiten …“ innere Solidarität bewiesen zu haben. Diese vermeintliche Ähnlichkeit habe Mehnert dazu genutzt, seine eigene Vergangenheit im Nationalsozialismus zu beschönigen.

Zusammenfassend gilt Der Sowjetmensch als ein Dokument des westlichen Blicks auf die Sowjetunion während der Tauwetter-Periode und als wichtiges Zeugnis für die westdeutsche Russlandforschung der Nachkriegszeit.

Siehe auch Homo sovieticus

Ausgaben (Auswahl) Klaus Mehnert: Der Sowjetmensch. Versuch eines Porträts nach zwölf Reisen in die Sowjetunion 1929–1957. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1958. Klaus Mehnert: Der Sowjetmensch. Versuch eines Porträts nach dreizehn Reisen in die Sowjetunion 1929–1959. Band Nr. 388 der Fischer Bücherei, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main und Hamburg 1961. Klaus Mehnert: Der Sowjetmensch. Versuch eines Porträts. Ullstein, Frankfurt am Main, Berlin und Wien 1981, ISBN 978-3-550-06087-8.

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Fußnoten

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