Gilyonim () ist der Plural von „gilyon“ (; wörtlich „Blatt, Rand, Leerseite“), hier (möglicherweise) polemisch auf die Evangelien übertragen. oder Avon Gilyon (; bedeutet wörtlich „Schuld des Blattes/Schriftstücks“)„Avon Gilyon“ ist ein bewusst präjudizierendes Wortspiel auf die Evangelien. sind Begriffe, die in der Mischna und im Talmud verwendet werden, um bestimmte häretische Werke zu bezeichnen.

Aus jüdischer Sicht und der jüdischen Jesusbewegung In den rabbinischen Quellen bezeichnet der Begriff „gilyonim“ wörtlich „Blätter“ oder „Ränder“ von Schriftstücken und wurde von Rabbinern wie Rabbi Tarfon oder Rabbi Jochanan ben Sakkai kritisch für heterodoxe Texte verwendet, darunter möglicherweise gnostische, apokalyptische oder andere nicht-kanonische Schriften. In der Forschung wird diskutiert, dass „gilyonim“ auch judenchristliche Evangelien oder Apokryphen, etwa das Evangelium nach den Hebräern, betreffen könnten; eine direkte Gleichsetzung mit christlichen Evangelien ist jedoch unsicher. Insgesamt lässt sich festhalten, dass „gilyonim“ ein Sammelbegriff für abweichende oder marginale Texte ist, der in der rabbinischen Tradition überwiegend kritisch gesehen wurde, ohne dass er automatisch mit christlichen Schriften gleichzusetzen wäre.James Carleton Paget: Jewish Christianity. In: William Horbury, W.D. Davies, J. Sturdy (Hrsg.): The Cambridge History of Judaism. Cambridge University Press, Cambridge 1999, S. 731–775.

Hypothesen zur Begriffsgeschichte Judenchristliche Schrifttraditionen und das „Hebräische Evangelium“

Die jüdisch-christlichen Gruppen in der römischen Provinz Palästinas verfügten offenbar über eigene Schrift- und Überlieferungstraditionen, darunter ein sogenanntes ‚Hebräisches Evangelium‘, aus dem spätere Kirchenväter zitieren. Der Ausdruck „hebräisches Evangelium“ taucht in der Literatur häufig als Bezeichnung für das Evangelium nach den Hebräern auf. Es ist jedoch unsicher, ob damit tatsächlich ein einzelnes Werk, eine hebräische/aramäische Fassung des Matthäusevangeliums oder mehrere judenchristliche Texte gemeint sind.

In der neutestamentlichen Forschung wird zudem gelegentlich angenommen, dass einzelnen Sonderüberlieferungen des Matthäusevangeliums eine eigenständige, heute verlorene Tradition zugrunde liegt, die als M-Quelle bezeichnet wird. Ob diese Überlieferung bereits schriftlich fixiert war oder zunächst mündlich tradiert wurde, ist umstritten. Auch für das Matthäusevangelium insgesamt wurde wiederholt die These vertreten, es sei ursprünglich in einer semitischen Sprache (Hebräisch bzw. Aramäisch) abgefasst worden; hierfür liegt jedoch kein gesicherter Nachweis vor.

Textüberlieferung und der Umgang mit heiligen Schriften Ausgehend von der Annahme einer ursprünglich semitischen Fassung des Matthäusevangeliums bzw. der diskutierten Hypothese einer semitischen Ursprungsfassung neutestamentlicher Texte, hätte eine größere Zahl entsprechender Abschriften existiert, was Fragen hinsichtlich ihres Umgangs und ihrer Aussonderung aufgeworfen hätte, insbesondere falls sie den Gottesnamen enthielten. In der einschlägigen Passage steht der Begriff „gilyon“ allerdings im Singular. Gnostische Schriften, die mitunter ebenfalls als „gilyonim“ bezeichnet wurden, waren hingegen zahlreich; ein Bezug auf diese hätte daher eher den Plural erwarten lassen.Karl Georg Kuhn: Giljonim und Sifre Minim. In: Walther Eltester (Hrsg.): Judentum, Urchristentum, Kirche. Festschrift für Joachim Jeremias. 2., ergänzte Auflage. Alfred Töpelmann, Berlin 1964, S. 24–61. Zur Person Karl Georg Kuhns ist anzumerken, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP war und in diesem Zusammenhang antisemitische Positionen vertrat. Diese biographische Einordnung ist bei der Rezeption seiner Arbeiten zu berücksichtigen, auch wenn seine philologischen Argumente in der Forschung weiterhin diskutiert werden.

Der manichäische Kontext als alternative Deutung

Demgegenüber ist aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. im manichäischen Kontext ein einzelnes aramäisches Werk mit dem Titel Evangelion belegt, das sogenannte Evangelium des Mani, eines der sieben heiligen Bücher des Manichäismus. Mani war ein Zeitgenosse des Abba Arikha (Rav) und stammte aus derselben Region Babyloniens. Die zentrale Lehre des Manichäismus bestand im Glauben an zwei gegensätzliche Mächte, einen „guten und einen bösen Gott“, die im Aramäischen als „Maninaya“ bezeichnet wurden, was einem hebräischen „Manim“ entsprochen hätte.Birger Albert Pearson: Gnosticism, Judaism, and Egyptian Christianity. (Studies in antiquity and Christianity), Fortress Press, Minneapolis 1990, ISBN 0-8006-3104-8.Hans-Joachim Klimkeit: Manichaean Art and Calligraphy. (= Manichaeism, Iconography of Religions Section. Band 20). E.J. Brill, Leiden 1982, ISBN 90-04-06478-8.

Klassische Forschungspositionen zu den „Gilyonim“

In Bezug auf die einschlägige Tosefta-Passage argumentierte Moritz Friedländer,Moritz Friedländer: Der vorchristliche jüdische Gnosticismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1898. dass Versuche, die dort genannten Bücher mit christlichen Evangelien gleichzusetzen, problematisch seien, da diese keine Gottesnamen enthielten. Auch R. T. HerfordRobert Travers Herford: Christianity in Talmud and Midrash. Williams & Norgate, London 1903. deutete den Begriff „gilyon“ nicht als Evangelium, sondern als den unbeschriebenen Rand eines häretischen Buches, der für Notizen genutzt wurde; diese könnten auch biblische Zitate enthalten haben. Birger Albert PearsonBirger Albert Pearson: Gnosticism, Judaism, and Egyptian Christianity. (Studies in antiquity and Christianity), Fortress Press, Minneapolis 1990, ISBN 0-8006-3104-8, S. 20. verweist auf Herford als Beispiel für aus seiner Sicht unzutreffende Versuche nach Friedländer, sämtliche Belege für „gilyon“ bzw. „gilyonim“ als Hinweise auf das Judenchristentum zu interpretieren.

„Gilyonim“, Minim und gnostische Bewegungen

Die rabbinische Diskussion über „gilyonim“ setzt nicht durchgehend eine Gleichsetzung mit Christen oder anderen Häretikern voraus. Friedländer vertrat jedoch – in Anlehnung an Nachman KrochmalNachman Krochmal: Moreh Nevukhe ha‑Zeman (מורה נבוכי הזמן). Lemberg [Lwów/Lviv] 1851; Philosophische Abhandlung, postum herausgegeben von Leopold Zunz. und Heinrich Grätz – die These, dass die von den Rabbinern als Minim bezeichneten Gruppen gnostische Bewegungen jüdischen Ursprungs gewesen seien, die zeitlich vor dem Christentum anzusetzen seien. Er identifizierte die „gilyonim“ mit ‚Tafeln‘, die ein gnostisches Ophiten-Diagramm dargestellt hätten, wie es bei Celsus und Origenes beschrieben wird. Diese Hypothese sollte den Widerstand Rabbi Tarfons erklären, fand jedoch keine breite Zustimmung in der Forschung, wie bereits die Jewish EncyclopediaLudwig Blau: Gilyonim (=„Gospels“; lit. „scrolls“). Jewish Encyclopedia festhält.

Pearson argumentiert hingegen, dass den Rabbinern gnostische Vorstellungen sowie diagrammatische Darstellungen bekannt gewesen seien, und verweist dabei auf Vorarbeiten von Manuel Joël. Er datiert entsprechende Belege in das frühe zweite Jahrhundert und verortet sie im Kontext anti-häretischer Polemiken in Talmud und Midrasch.

Neuere Forschung und Kritik eindeutiger Identifikationen

Daniel BoyarinDaniel Boyarin: Dying for God: Martyrdom and the Making of Christianity and Judaism. Stanford University Press, Stanford 2002, ISBN 0-8047-3704-5, S. 45–67. hebt mehrere Schwierigkeiten dieser These hervor und schließt sich Karen Kings Einschätzung an, wonach gnostische Einflüsse im Judentum eng mit christlichen Einflüssen verflochten seien. Boyarin lehnt es daher ab, die Minim eindeutig mit Christen oder mit Gnostikern zu identifizieren. Im Talmud bezeichnet „Minim“ heterodoxe Gruppen oder Dissidenten innerhalb des Judentums, darunter möglicherweise auch jüdisch-christliche oder gnostische Sekten, nicht notwendigerweise die „Christen“.

In der neueren Forschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass „gilyonim“ nicht ohne Weiteres mit Evangelien gleichgesetzt werden könne.

Rabbinische Textzeugnisse und Datierungsfragen

William David Davies und Louis Finkelstein betonen, dass es sich dabei nicht zwingend um jüdisch-christliche Evangelientexte handeln müsse. William D. DaviesWiliam D. Davies: Reflections on Aspects of the Jewish Background of the Gospel of John. und James PagetJames Paget: Judaism and the Written Gospel. verweisen in diesem Zusammenhang auf Karl Georg KuhnKarl Georg Kuhn: Giljonim und Sifre minim. sowie auf Johann Maier. Kuhn argumentiert, dass die talmudische Passage in Schabbat 116a jünger sei als die entsprechenden Tosefta-Stellen und daher nicht als Quelle für die jamnische Zeit herangezogen werden könne.

Zudem seien die von Rabbi Tarfon genannten Sifrei Minim in der Tosefta nicht als Evangelien, sondern als alttestamentliche Texte heterodoxer jüdischer Gruppen, einschließlich jüdischer Christen, zu verstehen; die „gilyonim“ seien demnach Marginalien oder herausgelöste Randtexte.

Sprachliche Deutungen und mögliche Wortspiele

Weiterhin hält Kuhn Wortspiele mit dem griechischen „euangelion“ () für unwahrscheinlich, da die christliche Bezeichnung ihrer Schriften als Evangelien zu diesem Zeitpunkt noch nicht allgemein etabliert gewesen sei; auch grammatikalische Gründe sprächen gegen eine solche Deutung.

In Übereinstimmung mit Kuhn interpretiert Boyarin die von Rabbi Tarfon erwähnten Bücher als Torarollen. Marvin R. Wilson versteht den Begriff „Minim“ im Talmud ursprünglich allgemein als Bezeichnung für Dissidenten, Abtrünnige oder Verräter und nicht spezifisch für Christen.Marvin R. Wilson: Our Father Abraham: Jewish Roots of the Christian Faith. William B. Eerdmans Publishing Co., Grand Rapids MI 1989, ISBN 0-8028-0423-3.

Margaret Barker deutet Rabbi Tarfons „gilyonim“ als Hinweis auf „leeren Raum oder Randbereiche eines Textes“ und vermutete ein Wortspiel mit „galah“ () und dem Begriff der Offenbarung. Frederick Fyvie Bruce übersetzt entsprechende Wendungen als „Sünde der Schrifttafel“ bzw. „Sünde des Randes“.Frederick Fyvie Bruce: The New Testament Documents: Are They Reliable?

Während Barker und Bruce hier Wortspiele mit den christlichen Evangelien annehmen, interpretiert Boyarin dieselben Begriffe als „Gilyon des Elends“ bzw. „Gilyon der Sünde“ und identifiziert sie mit jüdischen apokalyptischen Offenbarungsschriften (Apokryphe jüdische SchriftenJens Schröter: Apokalyptik im frühen Judentum und im Urchristentum. Internetangebot des Religionspädagogischen Instituts Loccum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, auf rpi-locum.de rpi-loccum.deStefan Beyerle: Die Wiederentdeckung der Apokalyptik in den Schriften Altisraels und des Frühjudentums. In: Verkündigung und Forschung. 43. Jg., Heft 2, S. 34–59 , Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998, auf ub01.uni-tuebingen.de ub01.uni-tuebingen.de), etwa aus dem Umfeld der Henochliteratur.

Zusammenfassung

Der Forschungsstand zeigt, dass der Begriff „gilyonim“ nicht eindeutig mit christlichen Evangelien oder gnostischen Texten gleichgesetzt werden kann, sondern auf komplexe innerjüdische Abgrenzungsprozesse verweist und im Kontext des jüdisch-christlichen Dialogs der ersten Jahrhunderte differenziert zu verstehen ist.

Einzelnachweise

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