Der Büßende hl. Hieronymus (it. San Girolamo penitente) ist ein kleinformatiges Gemälde in Öl auf Olivenholz von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523), entstanden um 1502. Es befindet sich im Bestand der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien (KHM).

Das formal sehr ähnliche, in den Abmessungen aber erheblich größere Gemälde Hl. Hieronymus in der Wüste (fr. Saint Jérôme dans le désert) desselben Künstlers in Öl auf Holz befindet sich im Musée des Beaux-Arts in Caen (MBA); das Museum gibt seine Entstehungszeit mit 1498 bis 1502 an.

Motiv Der heilige Kirchenvater Hieronymus war ein sehr häufiges Motiv in der Kunst der späteren Renaissance. Auch Perugino zeigt ihn in etlichen Gemälden, entweder – wie hier – in der Einzeldarstellung oder zusammen mit anderen Heiligen, etwa in dem Bild Pietà mit Heiligen Hieronymus und Maria Magdalena oder in einer Kreuzigungsgruppe.

In den Einzeldarstellungen wird Hieronymus meistens entweder als Einsiedler und Büßer oder als Kardinal im roten Kardinalsornat gezeigt. Die Abbildung als Einsiedler leitet sich von seinem Rückzug in die Einsamkeit in den 370er Jahren her. Die Darstellung als Kardinal ist ahistorisch, da der Titel zu seinen Lebzeiten noch nicht existierte und ihm diese Würde somit nie verliehen werden konnte. Der Kardinalsornat symbolisiert vielmehr die besonders enge Beziehung des Hieronymus zu Papst Damasus I. Beide Darstellungsformen zeigen ihn oft in Begleitung eines zahmen Löwen, dem er nach der Legende einen Dorn aus der Pranke gezogen habe.

Bildbeschreibung Der Büßende hl. Hieronymus in Wien Rechts im Bild kniet Hieronymus, seinen Blick auf ein Kruzifix im linken Teil des Bildes gerichtet. In seiner rechten Hand hält er einen knapp faustgroßen Stein. Gekleidet ist er in ein hellblaues Untergewand, die Brust entblößt, darüber trägt er einen bis zur Hüfte herabgezogenen weißen Umhang, auf dem seine Knie aufliegen. Nur wenige Haare sind auf seinem Kopf verblieben und er hat einen schütteren Bart, seine Gesichtszüge und die Darstellung seines Körpers scheinen dennoch auf einen noch jüngeren Mann hinzudeuten. Zu seiner Linken liegt ein durch den rechten Bildrand halb abgeschnittener roter Galero (Kardinalshut), der Löwe ist auf dem Boden hingestreckt ein Stück weit im Hintergrund abgebildet.

Das Kruzifix besteht aus einem ungefähr mannshohen in den Boden gesteckten Stab mit einem kleinen Querbalken und der Figur des gekreuzigten Jesus. Jesus wird hier nicht, wie sonst in Kreuzigungsdarstellungen üblich, von vorne, sondern seitlich von hinten gezeigt. Folgt man dem durch Hieronymus vorgegebenen Größenmaßstab, dürfte die Figur ungefähr 30 cm groß sein. Bemerkenswert an ihr ist, dass sie nicht wie eine mit den primitiven Werkzeugen eines Einsiedlers gefertigte Statuette etwa aus Holz aussieht, sondern einen echten Menschen in Miniaturausführung darzustellen scheint, mit natürlicher Hautfarbe, einem blau abgesetzten Lendentuch, anatomisch korrekt mit Brust, Bauch und Kniekehlen sowie mit Haaren auf dem Kopf.

Die unmittelbare Umgebung des Heiligen scheint felsig, dargestellt in dunklen rötlichen Brauntönen, einige rau und faserig anmutende Pflanzen wachsen um das Kruzifix herum. Rechts am Bildrand hinter Hieronymus erhebt sich eine Felsformation in denselben rotbraunen Farben, weiter nach hinten im Durchblick zwischen dem Kruzifix und Hieronymus sind einige Bäume, vollständig belaubt, aber in sehr dunklem Grüngrau gehalten mit zahlreichen Spitzlichtern auf den Blättern zu erkennen.

Daran schließt sich im Mittel- und Hintergrund eine in nur etwas freundlicheren Grün- und Blautönen gefasste Landschaft an mit einer Stadtanlage jenseits eines Flusses, in dem sich schwach die jenseitig stehenden Bäume spiegeln, und erneut Felsen dahinter. Den Horizont bilden in der linken Bildhälfte schroffe Gebirgszüge und rechts eine bis zum Horizont reichende weite Wasserfläche, vielleicht ein großer See oder das Meer.

Unterschiede im Hl. Hieronymus in der Wüste in Caen zum Wiener Büßenden hl. Hieronymus Die Grundform des französischen Hl. Hieronymus entspricht der der Wiener Version, auch hier wird ein kniender Hieronymus vor einer sehr lebensecht dargestellten kleinen Jesusfigur am Kreuz gezeigt. Zusätzlich ist oberhalb des Gekreuzigten ein Brettchen angebracht, das auf der (dem Betrachter abgewandten) Vorderseite die Beschriftung INRI tragen sollte.

Als zusätzliches Element der Komposition erscheint hier ein kleines, spärlich, aber grün belaubtes Bäumchen, wie Perugino es gerne in seinen Bildern zeigt. Es ist – wenige Meter in den Hintergrund verschoben – im Zwischenraum zwischen dem Kruzifix und Hieronymus dargestellt und reicht über den oberen Bildrand hinaus. Der rote Kardinalshut hängt in dieser Version an einem Aststumpf dieses Bäumchens. Im Mittelgrund ist erneut ein Flusslauf oder kleiner See erkennbar, den Hintergrund bilden auch hier Gebirgszüge, die aber deutlich weicher und freundlicher scheinen als im Wiener Hl. Hieronymus. Eine Stadt oder überhaupt Spuren menschlicher Präsenz existieren hier nicht.

Insgesamt wirkt die Farbpalette in der Caen-Version erheblich lebendiger als die des Werkes in Wien. Der Vordergrund ist zwar ebenfalls in Erdtönen und mit spärlichem Bewuchs angelegt, wirkt aber weniger felsig, und auch der Braunton ist freundlicher. Die Bäume im Mittel- und Hintergrund sind wie die Wiesen grün, die Berge weniger schroff, mit grüngefärbten Hängen und zum Horizont hin ins Bläuliche übergehend.

Der Kunsthistoriker Fritz Knapp bemerkt, dass diese Version mit (lat. für "Pietro Perugino hat [dies] gemalt") signiert sei. Eine solche Signatur ist andernorts in der Literatur nicht erwähnt.

Interpretation Noch ist seine Brust unverletzt, aber offenbar steht Hieronymus im Begriff, sich mit dem Stein in seiner Faust zu kasteien. (Die Darstellung von Gewalt gehörte nicht zum künstlerischen Repertoire Peruginos, wenn möglich, verzichtete er darauf.) Als (einander keineswegs gegenseitig ausschließende) Motive für die Selbstkasteiung des Heiligen werden in der Literatur vornehmlich genannt: die Buße etwa für in der Jugend begangene Ausschweifungen, die Bekämpfung lebhafter sexueller Halluzinationen, die Meditation über die Leiden Jesu im Nachfühlen seines Schmerzes. In beiden Versionen des hl. Hieronymus ist das letztgenannte Motiv aufgrund der „eigenartig lebendig[en]“ „Darstellung der Christusfigur am Kruzifix“ vielleicht das am ehesten plausible.

Stilvergleich Bemerkenswert sind die stilistischen Unterschiede zwischen beiden Versionen. Knapp, der in seiner 1907 erschienenen Arbeit – im deutlichen Unterschied zu den heutigen Datierungen – die Wiener Version auf ca. 1495 und die Version in Caen auf ca. 1518 datierte, erklärte diese zu Zeugen der künstlerischen Entwicklung Peruginos. Der Stil des Meisters habe sich „in zwanzig Jahren aus zeichnerischer Feinheit zu breiter Behandlung gewandelt“. Er fordert zum Vergleich auf, wie etwa Arm oder Gesicht gemalt seien: „[In der Wiener Version] Schärfe, Feinheit der Linie, Zartheit im Ausdruck, [in der Caen-Version] Unbestimmtheit und Breite der Behandlung.“ Ebenso die Landschaft, die „an Stelle des vielen kleinen Beiwerkes, der Gebüsche, spitzen Felsen und der leicht bewegten […] Tallandschaft [in der Wiener Version eine] wenn auch etwas öde Größe und breitflächige Schwere der reinen Natur in stillem, menschenentrücktem Hochland“ in der Caen-Version zeige. Die Version in Caen zeige „deutlich den Altersstil des Meisters, und zwar in allerbester Qualität“. Diese Analyse ist hinfällig, wenn die Datierungen der Museen in Wien bzw. Caen zutreffen, es müsste dann an anderer Stelle nach einer Ursache für die erheblichen stilistischen Unterschiede gesucht werden.

Provenienz und Zuschreibung Annette Hojer vermutet aufgrund des kleinen Formats und der sorgfältig-feinen Ausführung des Hl. Hieronymus in Wien, dass es ein Andachtsbild für einen privaten Auftraggeber war. Seine Geschichte bis zum Jahr 1663 ist unklar; in jenem Jahr wurde es von Innsbruck in die Sammlungen des Schloss Ambras übernommen und gelangte später in das KHM. Die ältere Zuschreibung des Werkes zu Perugino (wie zum Beispiel bei Knapp 1907) sieht das KHM durch stiltechnische Beobachtungen gerechtfertigt; auf seiner Webseite heißt es, dass es „in der großen malerischen Feinheit der Pinselführung Peruginos eigene Hand erkennen“ lasse.

Über die Provenienz des Hl. Hieronymus in der Wüste in Caen ist wenig bekannt. Hojer identifiziert das Gemälde versuchsweise mit einem Altarbild für die Kirche San Gallo in Florenz, von dem Giorgio Vasari, der Autor einer Sammlung von Künstlerbiographien, berichtet. Es mag dann wie zahlreiche andere Gemälde in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts als Folge des siegreichen Italienfeldzugs Napoleons nach Frankreich gebracht und auch nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 nicht zurückgegeben worden sein. Das MBA in Caen macht zu seiner Herkunft keine Angaben.

Über die Zuschreibung des Gemäldes stellt Knapp fest, dass es „zweifellos eigenhändig[…]“ sei; neben stilistischen Merkmalen führt er als zusätzlichen Beleg die (auf dem Foto nicht nachvollziehbare, siehe oben) Signatur an. Laut Joseph Becherer verbleiben Zweifel. Das MBA diskutiert die Zuschreibung nicht weiter, schreibt aber, dass die elegante Figur des Hieronymus mit ihren zurückhaltenden Gesten und die idealisierte Landschaft typisch für Perugino seien.

Ähnliche Werke

Obwohl die von Perugino in seinen Gemälden des hl. Hieronymus verwendete Ikonographie in Italien gängig war, nimmt Hojer an, dass er sich möglicherweise an einem in die Jahre 1485 bis 1490 datierten Gemälde von Hans Memling (* zwischen 1433 und 1440; † 1494) orientierte, das sich im Bestand des Kunstmuseums in Basel befindet. Dieses stimme „in Motivik und Komposition auffallend“ mit den Hieronymus-Versionen in Wien und Caen überein.

Sehr wahrscheinlich kannte Perugino das auf 1485 datierte Gemälde des büßenden hl. Hieronymus von Fiorenzo di Lorenzo (* um 1440; † 1522), das sich jetzt in den Räumen der Yale University Art Gallery in New Haven (Connecticut) in den USA befindet. Fiorenzo war einige Jahre älter als Perugino und hauptsächlich in Perugia tätig, zumindest eine Bekanntschaft zwischen den beiden scheint mittlerweile als gesichert zu gelten.

Auch der büßende hl. Hieronymus in der Galleria Nazionale dell'Umbria in Perugia scheint außer Frage Perugino zuzuschreiben zu sein. Becherer nennt als Entstehungszeit um 1512 bis 1515; womit es zu Peruginos Spätwerken gehört. Abgesehen davon, dass hier der Heilige auf der linken Seite abgebildet wird, fallen als inhaltliche Unterschiede auf, dass Blut von seiner Brust tropft sowie sein nach oben gerichteter jenseitiger Blick. Die Landschaft ist im Vergleich mit den beiden älteren Bildern stark vereinfacht und ohne topografische Besonderheiten. Becherer begründet diesen letzten Unterschied damit, dass das Gemälde als Gonfanon (Kirchenfahne) konzipiert war, weshalb die Figur des Heiligen deutlich hervortreten musste.

Einzelnachweise Joseph Antenucci Becherer: Catalogue of the Exhibition. Color Plates and Commentary. In: Joseph Antenucci Becherer (Hrsg.): Pietro Perugino. Master of the Italian Renaissance. Rizzoli, New York 1997, ISBN 0-942159-20-9. Marilyn Bradshaw: Pietro Perugino: An Annotated Chronicle. In: Joseph Antenucci Becherer (Hrsg.): Pietro Perugino. Master of the Italian Renaissance. Rizzoli, New York 1997, ISBN 0-942159-20-9. S. 254. Annette Hojer: Büßender hl. Hieronymus. In: Andreas Schumacher (Hrsg.): Perugino – Raffaels Meister. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Pinakothek München vom 13. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-9814578-1-0. S. 214. Webseite des Kunsthistorischen Museums in Wien, abgerufen am 1. Februar 2026. Fritz Knapp: Perugino. Reihe: Künstler-Monographien, Hermann Knackfuß (Hrsg.) Bd. LXXXVII. Verlag von Velhagen und Klasing, Bielefeld/Leipzig 1907.