Barbara Muralto, auch Barbara Muralt (* um 1508 in Locarno; † nach dem 19. Dezember 1574 vermutlich in Zürich; heimatberechtigt bis ca. 1555 in Locarno, ab 1566 wahrscheinlich in Zürich) war eine Angehörige einer Familie der Locarneser Führungsschicht, Teilnehmerin einer theologischen Disputation und Geflüchtete aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit.
Barbara geborene Muralto war mit dem Wundarzt Giovanni Muralto verheiratet, mit dem sie zwischen ca. 1530 und 1550 acht Kinder – sechs Töchter und zwei Söhne – hatte. Die ursprünglich aus der Lombardei stammenden Muralto gehörten zum Kreis der adligen Familien der Capitanei di Locarno. Nach 1535 traten einige Familienmitglieder zur Reformation über und begründeten gemeinsam mit anderen Locarneser Familien sowie Exilantinnen und Exilanten aus dem Milanese und dem Piemont eine reformierte Gemeinde, die zunächst von Giovanni Beccaria, später von Taddeo Duno und Martino Muralto geleitet wurde. Letzterer war ein Cousin Giovanni Muraltos, der seinerseits zu den Konvertiten zählte. Konnten die Reformierten anfangs noch von einer gewissen Toleranz profitieren, wurden ihre Rechte mit der Zeit zunehmend eingeschränkt. 1550 bekräftigte die Tagsatzung in Baden den Artikel des Zweiten Landfriedens von 1531, der die Neugründung von reformierten Gemeinden in den gemeinen Herrschaften der zwölf Orte untersagte. Im März 1554 wurden alle Einwohnerinnen und Einwohner Locarnos dazu verpflichtet, sich zum Katholizismus zu bekennen und die Eucharistie zu empfangen. Diejenigen Personen, die öffentlich zum reformierten Glauben übergetreten waren, sollten ihre Konversion unter Androhung der Vertreibung widerrufen.
Aus Rom wurde der päpstliche Nuntius und Bischof von Terracina, Ottaviano Della Rovere (oder Raverta), nach Locarno entsandt, um die Angelegenheit vor Ort zu regeln. Er lud im Januar 1555 einige Dominikanerbrüder ein, in der Region zu predigen und auf diese Weise die Rückkehr der Reformierten zum katholischen Glauben zu fördern. Eine dieser Predigten befasste sich mit der Frage der Transsubstantiation, was die Lehrerin Lucia geborene Orelli, Ehefrau des Francesco Bellò, veranlasste, den Nuntius um die Durchführung eines theologischen Streitgesprächs zum Thema auf der Grundlage der Bibel zu bitten (Disputationen). Mehreren Quellen zufolge wurde Lucia Bellò, die bei den Vertretern des katholischen Glaubens bereits im Verdacht stand, die reformierte Lehre zu verbreiten, in der Folge von Della Rovere vorgeladen. Gemeinsam mit ihren Glaubensgenossinnen Barbara Muralto, Caterina Appiani, Caterina und Elisabetta Rosalini sowie Chiara Toma verteidigte sie bei dieser Gelegenheit ihre religiösen Überzeugungen vor dem Nuntius. Aus Gerichtsakten geht hervor, dass die Frauen für ihre Äusserungen mit einer Busse von 50 Kronen belegt und ihre Güter beschlagnahmt wurden. Erst nach fast zweijährigen Verhandlungen wurden der schwerwiegende Vorwurf der Blasphemie mangels Beweisen zurückgezogen und die Geldstrafen reduziert. Dazu beigetragen hatten unter anderem mehrere Bittgesuche der reformierten Gemeinde Locarnos, die sich seit März 1555 im Zürcher Exil befand, sowie Interventionen Heinrich Bullingers und weiterer einflussreicher Persönlichkeiten. Muralto musste schliesslich noch 30 Kronen bezahlen, Bellò deren 20. Im Zuge der Ausweisung der Reformierten aus Locarno verliessen die Muralto ihre Heimatstadt und begründeten in Zürich und Bern die Zweige der Muralt. Auch Barbara Muralto floh mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Zürich, wo sie zunächst bei der Familie Engelhard unterkamen, deren Angehörige – insbesondere Heinrich Engelhard – Bullinger nahestanden. Giovanni Muralto und die beiden Söhne erhielten 1566 das Zürcher Bürgerrecht, was für die gelungene Integration dieses Familienzweigs in der neuen Heimat spricht.
Die geringe Zahl zeitgenössischer Quellen erschwert es, die historischen Fakten von den späteren Erzählungen zu unterscheiden, die vor allem ab dem 17. Jahrhundert entstanden und die Bedeutung Barbara Muraltos hervorhoben. Nichtsdestotrotz ist Muraltos Geschichte eines von mehreren bezeichnenden Beispielen dafür, dass Frauen eine aktive Rolle als Reformatorinnen spielten, auch wenn sie selten in den Quellen erscheinen und erst in den nachfolgenden Jahrhunderten einen wichtigen Stellenwert in der reformierten Erinnerungskultur erhielten. Die Locarneserinnen und Locarneser, die 1555 ins Exil gingen, prägten die Identität der Reformierten in der Schweiz massgeblich; sie wurden – bereit, zugunsten ihrer Überzeugungen auf Besitz und Sicherheit zu verzichten – hinsichtlich Glaubensstärke und Aufopferungsbereitschaft zu Vorbildern stilisiert. Auch der später in Überlieferung und Ikonografie überhöhte öffentliche Auftritt Barbara Muraltos vor dem Nuntius Della Rovere nährte ein auf Treue, Würde und religiösen Widerstand ausgerichtetes kollektives Gedächtnis und damit Werte, die lange Zeit die kulturellen sowie zum Teil auch die historiografischen Darstellungen der Reformation prägen sollten.
Quellen
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