mini|Narziss, Ölgemälde von Caravaggio, 1594–1596, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom

Der Ausdruck Narzissmus (zu Nárkissos, lateinisch Narcissus, deutsch Narziss)Ist verwandt mit ; vergleiche auch das altgriechische Wort Narkose, , einer Bildung zum altgriechischen Verb . steht alltagspsychologisch und umgangssprachlich im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt, als urteilende Beobachter ihn charakterisieren.

In der Umgangssprache wird eine stark auf sich selbst bezogene Person, welche anderen Menschen geringere Beachtung als sich selbst schenkt, als Narzisst bezeichnet.Stichwort: Narzissmus auf dudenonline Ein derartiger Gebrauch des Wortes Narzissmus schließt meist ein negatives moralisches Werturteil über die betreffende Person ein.

Bei den narzisstischen Personen unterscheidet der Duden zwischen Narzisst (Umgangssprache) und Narziss (Bildungssprache).Duden: Ein Narziss ist ein "ganz auf sich selbst bezogener Mensch, der sich selbst bewundert und liebt", oder einfach „jemand, der sich selbst bewundert und liebt“. Quelle: Duden: Die deutsche Rechtschreibung. 25. Auflage, Dudenverlag, Mannheim7Leipzig/Wien/Zürich 2009, ISBN 978-3-411-04015-5, S. 765. Zweitbedeutung neben dem Jüngling der griechischen Sagenwelt. Narzisst ist Umgangssprache, Narziss ist Bildungssprache.

Der Begriff Narzissmus steht in Verbindung mit einer Vielzahl sehr unterschiedlicher psychologischer, sozialwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher und philosophischer Konzepte. Was genau mit Narzissmus gemeint ist, hängt dann jeweils vom betreffenden theoretischen Konzept ab. Abzugrenzen ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung nach ICD-10 und DSM-5.

Allgemeines Die Diagnose Narzissmus und das Prädikat narzisstisch dienen im allgemeinen Sprachgebrauch der kritisch-polemischen Kennzeichnung einer Person, die sich den Ansprüchen der Gemeinschaft auf spezifische Weise zugunsten eines überhöhten Ich-Anspruchs entzieht. Tatsächlich markiert der Vorwurf des Narzissmus einen Konflikt zwischen der Einschätzung von außen und der Selbsteinschätzung des Narzissten, dessen Bewusstsein sich genau in dem Maße narzisstisch verhält, wie es sich gegen solche Kritik immunisiert. Typisch narzisstisch scheint zu sein, den eigenen Narzissmus zu bejahen, wie neuere Untersuchungen nahelegen.Einzelne Frage verrät Narzissten Spiegel Online, 6. August 2014, abgerufen am 28. Februar 2017.

Im Sinn einer Einschätzung von außen allerdings geht die Diagnose des Narzissmus mit dem Vorwurf einer stark aufgeblähten, unrealistisch positiven Selbsteinschätzung, mit Selbstzentriertheit, Berechtigungsdenken und mangelnder Rücksichtnahme auf andere Personen einher; auf ihre Umgebung mögen Narzissten unter Umständen destruktive Einflüsse ausüben. Narzissten sind jedoch, wie die jüngere Forschung aufgewiesen hat, emotional stabil, mit sich selbst und ihrem Leben zufrieden und an ihre Lebenssituation gut angepasst.P. Rose, W. K. Campbell: Greatness feels good: A telic model of narcissism and subjective well-being. In: S. P. Shohov (Hrsg.): Advances in psychology research. Band 31, Nova, Hauppauge, NY 2004, S. 1–15. Zwar sind sie mehr als andere Menschen auf Bewunderung angewiesen, verfügen jedoch über eine große Bandbreite von Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmustern, um ihren Bedarf an Bewunderung zu decken und Kritik abzuwehren.; W. Keith Campbell, Amy B. Brunell, Eli J. Finkel: In: K. D. Vohs, E. J. Finkel (Hrsg.): Self and relationships: Connecting intrapersonal and interpersonal processes. Guilford, New York 2006, S. 57–83.

Früher (1933) wurde der sexuelle Aspekt der Selbstliebe betont („Narzißmus = Narzissismus = geschlechtliches Verliebtsein in sich selbst“).Meyers Kleines Lexikon. Bibliographisches Institut, 9. Auflage, 2. Band, Leipzig 1933, S. 1598. Hermann Oscar Rohleder war noch deutlicher: „Narcissismus: Sexuelle Perversion, bei der sich der Geschlechtstrieb lediglich auf die eigene Person richtet. Synonyme sind Autoerastie und Automonosexualismus.“Otto Roth, Karl Doll, Hermann Doll: Klinische Terminologie. 10. Auflage, Thieme, Leipzig 1925, S. 340.Fritz Giese, Friedrich Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 4. Auflage, Hans F. Menck Verlag, Frankfurt am Main 1952, S. 36. Der Duden definierte sogar noch 1971 nach Sigmund Freud den Narzissmus als „psychoanalytischen Begriff zur Bezeichnung der erotischen Hinwendung zum eigenen Körper als ‚Sexualobjekt‘“.Duden: Der große Duden. Band 5, Fremdwörterbuch, Bibliographisches Institut, 2. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Wien/Zürich 1971, ISBN 3-411-00905-5, S. 467.

„Im übertragenen Sinn [verstand man 1952 unter Narzismus eine] ich-gerichtete Lebenshaltung.“Fritz Giese, Friedrich Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 4. Auflage, Hans F. Menck Verlag, Frankfurt am Main 1952, S. 176.

Begriff und Geschichte des Begriffs

Etymologie Der Begriff Narzissmus ist abgeleitet vom antiken Narziss-Mythos, und deshalb wäre die Form Narzissismus logischer. Durch Haplologie ist jedoch die verkürzte Form entstanden und wird heutzutage fast ausschließlich gebraucht.Das Jahrbuch der Psychoanalyse 1982 benutzte ausschließlich die Form Narzissismus. Dies ist jedoch nicht in den meisten anderen Sprachen passiert, sodass der Begriff z. B. auf Englisch und Französisch weiterhin narcissism und narcissisme ist. Sigmund Freud hat auch eine Weile die längere, logischere Form benutzt, aber sich dann bewusst für die „kürzere und weniger übelklingende“ Form entschieden.„Man hat es als Narzissismus bezeichnet; ich ziehe den vielleicht minder korrekten, aber kürzeren und weniger übelklingenden Namen Narzißmus vor. Es besteht darin, daß das in der Entwicklung begriffene Individuum, welches seine autoerotisch arbeitenden Sexualtriebe zu einer Einheit zusammenfaßt, um ein Liebesobjekt zu gewinnen, zunächst sich selbst, seinen eigenen Körper zum Liebesobjekt nimmt, ehe es von diesem zur Objektwahl einer fremden Person übergeht. Eine solche zwischen Autoerotismus und Objektwahl vermittelnde Phase ist vielleicht normalerweise unerläßlich; es scheint, daß viele Personen ungewöhnlich lange in ihr aufgehalten werden und daß von diesem Zustande viel für spätere Entwicklungsstufen erübrigt. An diesem zum Liebesobjekt genommenen Selbst können bereits die Genitalien die Hauptsache sein. Der weitere Weg führt zur Wahl eines Objekts mit ähnlichen Genitalien, also über die homosexuelle Objektwahl, zur Heterosexualität. Wir nehmen an, daß die später manifest Homosexuellen sich von der Anforderung der den eigenen gleichen Genitalien beim Objekt nie frei gemacht haben, wobei den kindlichen Sexualtheorien, die beiden Geschlechtern zunächst die gleichen Genitalien zuschreiben, ein erheblicher Einfluß zukommt.“ Sigmund Freud (1911): Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides).

In den Metamorphosen erzählt Ovid die aus der griechischen Mythologie stammende Geschichte des Jünglings Narziss, der alle Verehrerinnen und Verehrer zurückweist. Ein Verschmähter ruft die Götter an und Nemesis erhört seine Bitte und bestraft Narziss mit unstillbarer Selbstliebe (hoffnungslose Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild): Er verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild, das er im Wasser einer Quelle erblickt. Obwohl er die Täuschung durchschaut, kann er sich nicht von diesem Bild abwenden und stirbt, um sich im Tod in eine Narzisse zu verwandeln.Die Metamorphosen Ovids, in denen die beiden Sagen von Echo und Narziss in einer Erzählung zusammengebracht werden, wird hier als Quelle benutzt (Metamorphosen, Buch 3, Verse 339 – 510). Ursprünglich hatte dieser Mythos die Selbstüberhebung (Hybris) und ihre Strafe zum Thema. In der Spätantike wurde an der Sage das Motiv der Vergänglichkeit (Vanitas) hervorgehoben.

Ludwig August Kraus übersetzte das griechische Wort ναρκισσος 1844 mit Narzisse und Student.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 649. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive. Er erklärte wörtlich: „Narciss, der Fabelzierbengel, von welchem man den Namen der Blumen ableitete, bekam den seinigen [Namen] sicher erst von ihr [der Blume], da er, wie sie ein Kopfhänger war.“ Ein Kopfhänger war ein Heuchler, ein Siechentröster oder ein Scheinheiliger. Ein Zierbengel ist ein Geck. Kraus beschrieb („nach den Dichtern!“) dessen Eigenschaften wie folgt: den Niedlichen machend, von feiner Haut, mit wohlriechendem Atem, mit hübschen Augen, mit schmachtendem Blick, sehnsüchtig, den Schatten und das Heimliche suchend und mit feuchten Augen aufblickend. Die Bezeichnung Narcissus poeticus für die namensgebende Dichternarzisse ist erstmals von Matthias Lobelius verwendet worden.

Otto Dornblüth erwähnte den Narzissmus erstmals 1919 noch als „Narzismus: Insichselbstverliebtheit“ und verwies auf den Automonosexualismus.Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch. 8. Auflage, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1919, S. 225. Ähnlich definierte Friedrich Dorsch noch 1987 den Narzissmus als Insichselbstverliebtsein.Friedrich Dorsch, Hartmut O. Häcker, Kurt-Hermann Stapf (Hrsg.): Dorsch – Psychologisches Wörterbuch. 11. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Toronto 1987, Nachdruck 1992, ISBN 3-456-81614-6, S. 438. Fritz Giese schrieb 1921: „Narzißmus, Beobachtung des eigenen Körpers in Spiegel, Wasserflächen und so weiter, verbunden mit Libidoempfindung.“Fritz Giese: Psychologisches Wörterbuch, 1. Auflage, B. G. Teubner Verlag, Leipzig / Berlin 1921, S. 99. Ähnlich auch Karl-Dieter Bünting: „Ausdrucksform des Autoerotismus, bei der sich die gesamte Libido auf das Ich bezieht.“Karl-Dieter Bünting: Deutsches Wörterbuch. Isis Verlag, Chur 1996, S. 804.

Zu den frühesten Autoren, bei denen die Verwendung von anderssprachigen Entsprechungen beziehungsweise Vorgängern des Wortes Narzissmus nachgewiesen werden kann, zählt der englische Dichter und Philosoph Samuel Taylor Coleridge, der narcissism 1822 im Sinne von Eitelkeit in einem Brief verwendete.Samuel Taylor Coleridge schrieb am 15. Januar 1822: „Of course, I am glad to be able to correct my fears as far as public Balls, Concerts, and Time-murder in Narcissism.“ Coleridges Gebrauch fand jedoch keine Nachahmer. Als der erste Wissenschaftler, der menschliches Verhalten mit der Selbstliebe des mythischen Narziss verglichen hat, gilt Alfred Binet, der die Fabel 1887 im Zusammenhang mit einem Fall von sexuellem Fetischismus zitierte.Alfred Binet: Le fétichisme dans l’amour. Payot, collection Petite Bibliothèque Payot, Paris 2011, S. 105 (Neuausgabe eines Artikels, dessen Original in 2 Ausgaben der Revue philosophique im Jahre 1887 erschienen war, S. 143–167 und 252–274). Binet beschreibt darin den Fall eines Mannes, der von weißen Schürzen fasziniert ist. Der britische Sexualwissenschaftler Havelock Ellis erwähnte die Fabel 1898, um das Verhalten von Frauen zu bewerten, die sich entblößt im Spiegel beschauen.Havelock Ellis: Autoeroticism: A Psychological Study. In: Alienist and Neurologist. Band 19, 1898, S. 260–299, hier: S. 280.

1899 folgte ihm der deutsche Psychiater Paul Näcke, der den Terminus in der verkürzten Form mit der Schreibweise Narcismus prägte und in die Wissenschaft einführte, um damit verschiedene Arten der Selbstverliebtheit zu beschreiben. Er benutzte die Bezeichnung echter Narcismus für „die schwerste Form des ‚Auto-Erotismus‘“, ein Phänomen, dessen Prävalenz er als äußerst gering einschätzte.books.google.fi, S. 82, vor allem Fußnote 30.narzissmus-diskussion.dePaul Näcke: Die sexuellen Perversitäten. 1899 (). Gemeinsam war allen sexualwissenschaftlichen Positionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Einschätzung, dass der Narzissmus (als Selbstverliebtheit beziehungsweise als erotisches Gefallen am eigenen Körper) als eine ernste Geschlechtsverwirrung einzustufen sei.