mini|Jean Calvin Der Begriff Calvinismus wird uneinheitlich gebraucht. Er ist einerseits eine Fremdbezeichnung der frühen Lutheraner für die aus der Schweizer Reformation hervorgegangene reformierte Kirchenfamilie, zu der auch Presbyterianische Kirchen und Kongregationalisten gehören. Als Calvinismus werden andererseits das theologische System Johannes Calvins (1509–1564) und der Genfer Akademie bezeichnet, die maßgeblich durch die Lehren der Reformatoren Huldrych Zwingli, Heinrich Bullinger, Martin Bucer und Philipp Melanchthon beeinflusst wurden. Über die Theologie hinaus werden sowohl die konservativen als auch die innovativen Weiterentwicklungen der Reformierten in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur bis in die Gegenwart bezeichnet.Matthias Freudenberg: Calvinismus, Website staatslexikon-online.de (8. Juni 2022, abgerufen am 18. März 2025) Obwohl im französischen Sprachraum der Alten Eidgenossenschaft (heute: Schweiz) und Frankreichs entstanden, hatte der Calvinismus am meisten Einfluss in den Niederlanden, Schottland, im Osten Ungarns und in den USA.Thomas Greif: Reformation in Europa. Genf: Von der Hochburg des Calvinismus zur Metropole, Website Sonntagsblatt.de (4. Dezember 2016, abgerufen am 19. März 2025) Mit dem Calvinismus werden wie im Puritanismus eine starke Ehrfurcht vor Gott und der Bibel, eine hohe Arbeitsmoral, persönlicher Erfolg und eine gesellschaftliche Verantwortung verbunden.Sabine Witt mit Herbert A. Gornik: Ist Calvinismus, was von Calvin übrig blieb?, Website deutschlandfunkkultur.de (4. April 2009, abgerufen am 18. März 2025).
Begriff Der Begriff „Calvinismus“ wurde 1552 von dem Gnesiolutheraner Joachim Westphal geprägt. Calvin selbst lehnte diese Bezeichnung entschieden ab.Alister McGrath: Johann Calvin. Eine Biografie. Benziger, Zürich 1991, ISBN 3-545-34095-3, S. 259 f. Die Selbstbezeichnung als „reformierte Kirchen“ verdeutlicht, dass diese Kirchen sich nicht als Neugründung einer Person des 16. Jahrhunderts, nämlich Calvins, verstehen, sondern als Teile der einen, seit der Zeit der Apostel bestehenden Kirche. Diese Selbstbezeichnung wurde im Friedensvertrag von Osnabrück 1648 reichsrechtlich als Name einer Konfessionskirche anerkannt., hier Sp. 165f. Calvinistae und Calviner waren demgegenüber polemische Fremdbezeichnungen seitens der beiden anderen reichsrechtlich anerkannten Konfessionskirchen (Katholizismus und Luthertum).Eike Wolgast: Calvinismus und Reformiertentum im Heiligen Römischen Reich. In: Irene Dingel, Herman J. Selderhuis (Hrsg.): Calvin und Calvinismus: Europäische Perspektiven. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 23–46, hier S. 23.
„‚Calvinismus‘ ist, wenigstens im deutschsprachigen Bereich, für Reformierte eine – oft polemische – Fremdbezeichnung, die sie mit Grund von sich weisen und nicht als Selbstbezeichnung gebrauchen.“Eberhard Busch: Reformiert: Profil einer Konfession. TVZ, Zürich 2007, S. 12. Anm. 2. (Eberhard Busch)
Lehre mini|hochkant|Calvins Hauptwerk: Institutio Christianae Religionis
Die Theologie Calvins betont die unbedingte Heiligkeit Gottes. Alles Menschenwerk, sogar die Glaubensentscheidung und nicht zuletzt der Kultus der katholischen Kirche mit Sakramenten, Reliquien oder Ablass galten ihm als Versuche, die Souveränität Gottes einzuschränken und an Irdisches zu binden. Die zum Teil schroffen Züge von Calvins Offenbarungs-, Gnaden- und Erlösungslehre wurden in der Auseinandersetzung der Calvinisten mit den „Arminianern“ im 17. Jahrhundert durch die Beschlüsse der Dordrechter Synode und durch das Bekenntnis von Westminster noch verschärft; das gilt insbesondere für Calvins Lehre von der doppelten Prädestination, wonach Gott ein für alle Mal vorherbestimmt habe, ob ein bestimmter Mensch auf dem Weg zur ewigen Seligkeit oder zur ewigen Verdammnis sei.
Die vier reformatorischen „Soli“ als Basis Wie bei fast allen Richtungen, die aus der Reformation hervorgingen, gehören die vier Soli zur Basis des Calvinismus: sola scriptura – allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens (nicht die Tradition), solus Christus – allein Christus (nicht die Kirche) hat Autorität über Gläubige, sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke), sola gratia – allein durch die Gnade wird der Mensch gerettet.
Die fünf Punkte des Calvinismus Im frühen 20. Jahrhundert entstand in den Vereinigten Staaten eine populäre Darstellung von „Fünf Punkten des Calvinismus“ unter dem Akronym TULIP (Total depravity, Unconditional election, Limited atonement, Irresistible grace, Perseverance of the saints). Inhaltlich handelt es sich um eine Simplifizierung der Lehrregeln von Dordrecht bei geänderter Reihenfolge der Themen. Weder kann der klassische Calvinismus auf fünf Punkte reduziert werden, noch stammen alle fünf Formulierungen von Calvin.Lyle D. Bierma, Donald Sinnema: The Three Forms of Unity. In: Michael Allen, Scott R. Swain (Hrsg.): The Oxford Handbook of Reformed Theology. Oxford University Press, Oxford / New York 2020, S. 236–250, hier S. 248f.
Völlige Verdorbenheit/Unfähigkeit (Total depravity) Aufgrund des Sündenfalls beherrscht die Sünde den ganzen Menschen, sein Denken, seine Gefühle und seinen Willen. Daher ist der natürliche Mensch nicht fähig, die Botschaft des Evangeliums zu verstehen, er ist geistlich völlig hilflos und verloren. Der Mensch kann Gottes rettende Botschaft erst verstehen, nachdem er durch den Heiligen Geist dazu befähigt wurde (, ).
Die Formulierung ist missverständlich: Die Canones von Dordrecht lehren nicht, dass der Mensch gar nichts Gutes tun könne, sondern, dass der Mensch nicht imstande sei, seine Erlösung durch eigene Anstrengung zu erreichen.
Bedingungslose Erwählung (Unconditional election) Calvins Lehre der doppelten Prädestination wurde von der Dordrechter Synode in Auseinandersetzung mit dem Arminianismus modifiziert (Calvin: supralapsarisch, Dordrecht: infralapsarisch). Gott in seiner Barmherzigkeit hat aus seinem ewigen Ratschluss, nicht aus dem Vorherwissen ihres zukünftigen Lebenswandels, einige Menschen erwählt und zum Glauben bestimmt. Die übrigen Menschen überlässt er ihrer eigenen Bosheit. Die Gründe, warum Gott einige erwählt hat und andere nicht, sind unbekannt. Es ist aber offensichtlich, dass es nicht aufgrund irgendwelcher guten Werke von Seiten des Erwählten geschehen ist. Die Erwählung ist insofern nicht an irgendwelche in der Person des Erwählten liegende Bedingungen geknüpft (.21).
Begrenzte Versöhnung/Sühne (Limited atonement) Das ist der Glaube, dass Jesus Christus nicht gestorben ist, um alle Menschen zu retten. Sein Erlösungswerk ist nur an die auserwählten Sünder, die durch ihn gerettet sind, gerichtet (, ).
Die Formulierung ist missverständlich: Die Canones von Dordrecht betonen die universale Dimension des Kreuzes Christi.
Unwiderstehliche Gnade (Irresistible grace) Gemeint ist, dass man die Gnade der Erwählung nicht ausschlagen kann. Der Mensch hat in dieser Hinsicht also keinen freien Willen, da er tot ist in seinen Vergehungen und deswegen keinerlei Macht hat, sich für Gott zu entscheiden . Nur durch den Ruf Gottes kann der Mensch geistlich wieder zum Leben erweckt werden , und somit zu Gott kommen. Jeder Mensch, den Gott erwählt hat, werde Gott erkennen. Die Erwählten können dem Ruf Gottes nicht widerstehen (, ).
Die Formulierung ist missverständlich: Die Canones von Dordrecht lehren nicht, dass die Gnade „unwiderstehlich“ sei, sondern dass Gottes Gnade trotz menschlicher Widerstände ihr Ziel erreiche.
Die Beharrlichkeit der Heiligen (Perseverance of the saints) Die einmal Geretteten werden gerettet bleiben. Es sei unmöglich, Gottes Gnade wieder zu verlieren (, ). Diese „Beharrlichkeit“ wird mit dem Fachbegriff „Perseveranz“ bezeichnet.
Die Formulierung ist missverständlich: Die Canones von Dordrecht betonen mehr Gottes gnädige Bewahrung als das menschliche „Ausharren.“
Historische Einordnung von TULIP Die Fünf Punkte des Calvinismus stehen in keiner historischen Beziehung zu den Lehrregeln von Dordrecht und geben diese auch nicht unverkürzt wieder (was besonders bei den Formulierungen total depravity und limited atonement kritisiert wird).Lyle D. Bierma, Donald Sinnema: The Three Forms of Unity. In: Michael Allen, Scott R. Swain (Hrsg.): The Oxford Handbook of Reformed Theology. Oxford / New York 2020, S. 248f. Das schwerwiegendste Problem ist aber folgendes: Die Lehrregeln stehen als Bekenntnisschrift nicht für sich, sondern stellen eine Ergänzung zu den beiden älteren Bekenntnisschriften der niederländischen reformierten Kirche dar, der Confessio Belgica und dem Heidelberger Katechismus. Während die Confessio Belgica und der Heidelberger Katechismus jeweils das ganze Spektrum der Glaubensinhalte darstellen, haben die Lehrregeln nur den Anspruch, einige aktuelle Streitfragen zur Prädestination verbindlich zu klären.Lyle D. Bierma, Donald Sinnema: The Three Forms of Unity. In: Michael Allen, Scott R. Swain (Hrsg.): The Oxford Handbook of Reformed Theology. Oxford / New York 2020, S. 246f.
Diese Lehrregeln von Dordrecht wurden 1619 den beiden bisherigen niederländischen Bekenntnisschriften hinzugefügt. Ihre Bedeutung besteht darin, die konfessionelle Identitätsbildung des Reformiertentums in Abgrenzung zum Luthertum gefestigt zu haben. Neben der Christologie und der Abendmahlslehre war die Prädestinationslehre das dritte Feld innerprotestantischer Differenzen, und hierfür boten die Lehrregeln im Reformiertentum konsensfähige Formulierungen.
Nach Margit Ernst-Habib sind die Fünf Punkte des Calvinismus der Versuch einer retrospektiven Identitätsbestimmung durch Auflisten von Lehrpunkten (essential tenets), die angeblich die Essenz des klassischen Calvinismus beinhalten. Eine beanspruchte unveränderliche Gültigkeit stehe aber in Spannung zu dem hermeneutischen Grundsatz reformierter Kirchen, dass die Heilige Schrift dem Bekenntnis vorgeordnet ist und Bekenntnissätze nach besserer Belehrung durch die Heilige Schrift revidierbar sind.Margit Ernst-Habib: Reformierte Identität weltweit: Eine Interpretation neuerer Bekenntnisse aus der reformierten Tradition. Göttingen 2017, S. 67–69.
Weitere Merkmale des Calvinismus Darüber hinaus ist der Calvinismus gekennzeichnet durch: eine starke Ausprägung der Bundestheologie, protestantische Askese, strenge Kirchenzucht, das heißt die Gemeinde kann verschiedene Strafen gegen ihre Mitglieder verhängen, wenn sich diese unmoralisch verhalten, Fleiß und Arbeitseifer, wobei wirtschaftlicher Wohlstand in der protestantischen Ethik mitunter als Zeichen der Erwählung interpretiert wird, Unabhängigkeit vom Staat, nicht-hierarchische Kirchenordnung (Allgemeines Priestertum), Abendmahl als Erinnerungsfeier, kein Glaube an die Realpräsenz.
Kirche Calvin entwarf eine Kirchenordnung, die auf der lokalen Kirchengemeinde basierte. Die Führung wurde von Mitgliedern der Gemeinde gewählt und oblag nicht dem Priestertum. Über der lokalen Gemeinde gab es drei Hierarchiestufen, wobei die nationale oder Generalversammlung die höchste Instanz war.
Ein besonderes Merkmal war die krisensichere Organisation der Hierarchie, die es den lokalen Kirchen ermöglichte, in Krisenzeiten auch ohne Treffen mit den höheren Instanzen weiter zu bestehen. Ein Verhaften der Kirchenführung würde die Kirche nur so lange zurückwerfen, bis eine neue Führung gewählt worden war. Aus diesem Grund waren calvinistische Kirchen nur schwer auszurotten und wuchsen sogar in einer Zeit, in der Kriege und religiöse Verfolgung alltäglich waren.
Die Kirche war vom Gedanken geprägt, dass ein Einbinden der Mitglieder in den Entscheidungsprozess ihr Engagement fördere. Das calvinistische Kirchenmodell war einflussreich für die Entwicklung demokratischer Strukturen in der westlichen Welt.
Kontroversen