Burgstall an der Murr (bis 1964 Burgstall; schwäbisch Burschdl)Reichardt, S. 73. ist ein Pfarrdorf und seit 1971 ein Gemeindeteil von Burgstetten im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis.

Geographische Lage Burgstall liegt langgestreckt am linken Abhang des Tals der Murr sowie auf einer gerodeten Hochebene zwischen dem Buchenbach im Westen und dem Söllbach im Osten.

Umliegende Ortschaften sind Erbstetten im Osten, der Kirschenhardthof im Süden, Wolfsölden im Südwesten, die zu Affalterbach gehörende Siedlung Birkhau und das Dorf Affalterbach im Westen sowie Kirchberg an der Murr im Nordwesten und Zwingelhausen im Norden.

Gliederung der Altgemeinde Zur Altgemeinde Burgstall gehören die Einzelsiedlungen Auf den Rüdern, Bärlesrain und Neumühle sowie die abgegangene Burgstaller Schleifmühle.Beschreibung des Oberamts Backnang, S. 178.

Geschichte Antike Während der römischen Periode wurde das heutige Gemeindegebiet erobert und gehörte zum Dekumatland (Agri decumates) innerhalb der römischen Provinz Obergermanien (Germania superior). Die Römer besiedelten das weitgehend menschenleere Gebiet mit einzeln stehenden Gutshöfen (Villae rusticae). Römische Niederlassungen bestanden an folgenden Orten:

Nordöstlich von Burgstall stand in der Flur Kern an der Einmündung des Wüstenbachs in die Murr ein römischer Wohnplatz. Nach Karl Eduard von Paulus dehnte sich die Fläche der Siedlung auf ungefähr 2 Morgen aus. In dem Bereich fand man Grundmauern von römischen Gebäuden, Ziegel- und Keramikreste.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 177. nordwestlich von des Dorfs entdeckte man in der Flur Rüdern auf einem Acker Reste römischer Bauwerke sowie Fragmente von Gefäßen, Ziegeln, eine antike Handmühle sowie einen römischen Gedenkstein.

Der spektakulärste Fund aus römischer Zeit war ein steinernes Relief der Minerva. Es wurde 1845 auf dem Acker des Bauern Jakob Bollinger gefunden.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 110. Es befindet sich heute im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart.

Nach dem Limesfall wurden die Bevölkerung der meisten Siedlungen evakuiert und die Höfe aufgegeben. Das Gebiet des heutigen Burgstalls wurde von den kriegerischen Alemannen und den Sweben erobert. Aus dieser Zeit haben sich keinerlei Nachrichten erhalten, da die Germanen noch keine Schrift kannten und deshalb keine Aufzeichnungen hinterließen.

Mittelalter mini|Ansicht aus dem 17. Jahrhundert Im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen den Alemannen und den expandierenden Franken wurde das heutige Gemeindegebiet von Letzteren erobert und ihrem Reich zugeschlagen. Im frühen Mittelalter gehörte die Gegend von Burgstall dem fränkischen Murrgau an.

Erstmals erwähnt wurde der Ort als Burcstal im Jahre 1301.Kennzeichen WN, S. 198. Es ist unklar, wie der Ortsname Burgstall entstanden ist. Die Bedeutung ist Siedlung an der Stelle der Burg. Hinweise auf eine mittelalterliche Burganlage gibt es jedoch nicht. Möglicherweise bezieht sich der Name nicht auf eine Burg, sondern auf Ruinen römischer Herkunft, die im Frühmittelalter vielleicht noch sichtbar waren und als Reste einer Burg fehlgedeutet wurden. Der Flurname Burgäcker und die Straße Burgweg bezieht sich auf die nahegelegene Burg Wolfsölden. Weitere mittelalterliche Namensformen sind Burgstal (1310, 1317), Burstal (1380, 1393), Burgstall (1462) und Burchstall (in einem Urbar aus dem 15. Jahrhundert).

Neuzeit 1535 wurde in ganz Württemberg die Reformation eingeführt. Während des Dreißigjährigen Kriegs hatte Burgstall wie die Nachbarorte unter Durchmärschen fremder Soldaten, Einquartierungen und Plünderungen zu leiden. Nur knapp 40 Jahre später litt der Ort erneut während der Franzoseneinfälle im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekriegs. Der Wiederaufbau zog sich bis ins 18. Jahrhundert.

Burgstall war im 19. Jahrhundert ein von der Landwirtschaft geprägtes Dorf und blieb es bis ins 20. Jahrhundert. Der Weinbau in Burgstall war einst bedeutend, jedoch ging er im 19. Jahrhundert ständig zurück. Angeblich umfassten die Burgstaller Weinberge zur Zeit der Revolution 1848/49 noch 72 Morgen. Zur Zeit des Deutsch-Deutschen Kriegs (1866) beschränkten sich die Weinberge nur noch auf 9 Morgen. Man pflanzte hauptsächlich rote und Weiße Elblinge, Silvaner, Gutedel, Blaue Affenthaler und Trollinger. Der gekelterte Wein wurde nur im Ort verbraucht.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 176. Wichtige Lagen waren die Fluren Hörnle und Unterer Berg.

Die Obstzucht nahm im 19. Jahrhundert stark zu. Streuobstwiesen wurden angelegt und alle Straßen von Bedeutung mit Obstbäumen bepflanzt. 1846 entstand in Burgstall eine Baumschule. Man pflanzte gerne Luikenäpfel, Renetten, Kalvill, Rosenäpfel, Goldparmänen, Süßäpfel, Knausbirnen, Grunbirnen, Palmischbirnen, Bratbirnen und Zwetschgen. Das Obst wurde meist zu Dörrobst und Most verarbeitet. In guten Jahren konnte Obst und Most nach außen abgesetzt werden. Maulbeerbäume wurden ebenfalls angepflanzt.

1879 wurde die Bahnstrecke Backnang-Ludwigsburg eröffnet und Burgstall erhielt einen Bahnhof.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Burgstall durch die Aufnahme von vielen Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland stark gewachsen. Seine neuen Wohngebiete entstanden mit der Bebauung der Burgäcker in den 50er Jahren, den Grabenäckern, dem Gebiet Ob den Gärten und die Bergsiedlung in den 60er Jahren, danach folgten die Neubaugebiete Röte und Halde in den 70er Jahren. Ein kleines Gewerbegebiet wurde in den 60er Jahren in der Flur Untere Au angelegt.

Im Zuge der baden-württembergischen Gemeindereform in den 1970er Jahren schloss sich Burgstall mit Erbstetten zu der neuen Gemeinde Burgstetten zusammen. Die Fusion war nicht unumstritten. Nach früheren Planungen sollte sich Burgstall mit Kirchberg und Rielingshausen zusammenschließen. Diese Pläne scheiterten jedoch am Widerstand der Burgstaller Bevölkerung, die keinesfalls zu Kirchberg gehören wollten. In Erbstetten gab es jedoch auch viele Vorbehalte gegen die Fusion mit Burgstall und viele Bürger wollten den Zusammenschluss mit Backnang. Am Ende konnte die Fusion mit einer hauchdünnen Mehrheit doch realisiert werden.

Einwohnerentwicklung 1866: 546 Einwohner (darunter 1 Katholik)Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 172.

Religion mini|Evangelische Dorfkirche St. Georg

Evangelische Kirche Die evangelische Dorfkirche St. Georg ist erstmals für 1317 nachgewiesen. Die im spätgotischen Stil erbaute Kirche verfügt über einen netzgewölbten Ostchorturm, eine steinerner Kanzel und eine Sakristei mit altem Tonnengewölbe. 1871 wurde die Kirche renoviert. Seit der Einführung der Reformation unter Herzog Ulrich von Württemberg ist Burgstall wie ganz Altwürttemberg evangelisch-lutherisch geprägt. links|mini|Katholische Kirche St. Josef

Römisch-katholische Kirche Seit der Reformation hatten kaum noch römisch-katholische Christen in der Region gelebt. Erst durch die Industrialisierung und den Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert zogen wieder Katholiken nach Burgstall an der Murr; ihre Zahl blieb jedoch gering. Bis ins 20. Jahrhundert hinein lebten nur wenige Katholiken in Burgstall. Da es im Dorf keine katholische Kirche gab, waren sie zunächst nach Oppenweiler und später nach Backnang eingepfarrt. Katholiken in nennenswerter Zahl zogen erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu. 1961 wurde die kleine Kirche St. Josef im Ort erbaut, die nach dem Hl. Josef von Nazareth, dem Nährvater Jesu Christi benannt ist. Burgstall gehört zur katholischen Pfarrei St. Michael (Kirchberg an der Murr). 1970 waren 22,6 % der Einwohner Burgstalls/Erbstettens katholischer Konfession.Der Rems-Murr-Kreis, S. 318.

Politik links|mini|Ehemaliges Wappen|163x163px Wappen und Flagge Die Altgemeinde Burgstall führte ein eigenes Wappen.

Die Blasonierung des ehemaligen Gemeindewappens lautet: In goldenem Wappenschild zwei rote Wolfseisen.

Wappenbegründung: Die Wolfseisen weisen auf die lange Zugehörigkeit Burgstalls zu den Grafen von Wolfsölden hin.

Die Gemeindefarben waren Gelb-Rot.

Mit der Auflösung der Gemeinde im Zuge der Gebietsreform 1971 ist das Wappen erloschen. Es kann jedoch weiterhin von ortsansässigen Vereinen und Privatpersonen zur Traditionspflege benutzt werden, etwa als Abzeichen, Autoaufkleber oder als Wimpel.

Verkehr Seit dem 8. Dezember 2012 ist Burgstall mit S-Bahn-Linie 4 zwischen Marbach und Backnang an das Stuttgarter S-Bahn-Netz angebunden.

Persönlichkeiten

Albert Rienhardt (1877–1953), Kommunalpolitiker (DDP, NSDAP), bis 1945 Bürgermeister von Backnang

Literatur Karl Eduard Paulus: Beschreibung des Oberamts Marbach. Verlag H. Lindemann, Stuttgart 1866. Horst Lässing (Hrsg.): Der Rems-Murr-Kreis. Konrad-Theiss-Verlag, Aalen 1980, ISBN 3-8062-0243-5. Waldemar Lutz, Erich Scheible (Hrsg.): Kennzeichen WN. Heimatkunde für den Rems-Murr-Kreis. Verlag Waldemar Lutz Lörrach und Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart und Lörrach 1990, ISBN 3-12-258290-2, S. 204. Lutz Reichardt: Ortsnamenbuch des Rems-Murr-Kreises. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17011967-2.

Einzelnachweise

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