Unter der Bezeichnung Kosmographie des Pseudo-Aethicus versteht die Forschung ein mittellateinisches Werk, dessen Entstehung in die Zeit vor dem 8. Jahrhundert gesetzt wird. Der Text setzt sich im Wesentlichen aus der sogenannten Kosmographie des Julius Honorius (4.–6. Jahrhundert) sowie aus der Einleitung zu Orosius’ Historiae adversus paganos (416–418) zusammen und wird durch einzelne eigenständige Zusätze ergänzt. Aufgrund dieser Abhängigkeiten wird die Schrift in der Forschung teils als dritte Redaktion (C) der Kosmographie des Julius Honorius geführt.Salvatore Liccardo: Old Names, New Peoples. Listing Ethnonyms in Late Antiquity, Leiden/Boston 2024, S. 117; Salvatore Monda: La Cosmographia di Giulio Onorio. Un excerptum scolastico tardo-antico, Rom 2008, S. 12. Die Benennung des Werkes ist das Ergebnis einer frühneuzeitlichen Fehlzuschreibung, die ihren Ursprung ihrerseits wiederum in Wirrungen des Mittelalters hat. In der 1575 in Basel erschienenen editio princepsDiese fußt auf dem Pariser Codex 4808 aus dem 12. Jh.; Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. xxix. wurde der Text unter dem Titel Aethici Cosmographia ediert und irrtümlich mit der Kosmographie des Aethicus identifiziert. Diese Fehlzuordnung blieb in den Nachdrucken bis 1684 bestehen und hat die Benennung des Werkes nachhaltig geprägt; zugleich bildete sie die Ursache für anhaltende Verwechslungen bis in das 19. Jahrhundert.Frederic Clark: Forgery, Misattribution, and a Case of Secondary Pseudonymity. Aethicus Ister’s Cosmographia and Its Early Modern Multiplications. In: Literary Forgery in early Modern Europe. 1450–1800, hrsg. v. Walter Stephens/Earle A. Havens, Baltimore 2018, S. 74–98, hier: S. 91; Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218, hier: S. 160f.

Der unbekannte Verfasser stellte unter Benutzung vor allem der jüngeren Rezension der Kosmographie des Julius Honorius sowie Orosius eine zweigeteilte Kosmographie zusammen.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. Die Eingriffe des Verfassers – Umstellungen, Erweiterungen und stilistische Glättungen – sind im aus Honorius geschöpften ersten Teil deutlich stärker als im zweiten, stärker an Orosius gebundenen.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. Sie betreffen vor allem die italischen Verhältnisse, die mit auffälligem Lob bedacht werden; besonders ausführlich gerät die Darstellung des Tiber (1,25, p. 83).Kapitelzählung durchgehend nach der Edition von Riese. Vor diesem Hintergrund hat man in dem Verfasser verschiedentlich einen Römer sehen wollen. Die erweiterte Einleitung zur Reichsvermessung strebt eine elegantere Ausdrucksweise an als die Vorlage (1,1a–1,2*, pp. 71f.). Die Beschreibung des oceanus meridianus bricht abrupt ab (1,48, p. 90).Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124., S. 124; Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218, hier: S. 164. Eigenständige Zusätze finden sich besonders im ersten Teil und dort vor allem zu Italien. Afrika als dritter Erdteil wird wiederholt abwertend behandelt (vgl. 2,1, p. 90,11; 2,41, p. 99,11; 20).Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. Der Autor betont mehrfach, dass der Zweck des Werkes darin besteht, den Wissensdurst des Lesers zu stillen (1,20, p. 81,25; 2,4, p. 91,19), begnügt sich jedoch stellenweise mit stark verkürzenden Zusammenfassungen (vgl. 1,39, p. 88,31f.; 1,48, p. 90). Christliche Elemente sind eingestreut (vgl. 1,25, p. 83);Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. stilistisch zeigen sich vereinzelte Anklänge an Vergil.Vgl. Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124.

In älteren Handschriften trägt das Werk die Titel Cosmographia oder Orthographa, später auch situs et descriptio orbis terrarum; erst ab dem 12. Jh. tritt die Bezeichnung Aethici cosmographia in Erscheinung.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. Der Name Aethicus ist im 10. Jahrhundert bei Flodoard von Reims († 966) belegt, sowie im 12. Jahrhundert bei Hugo von FlavignyChronicon Hugonis monachi Virdunensis et Divionensis abbatis Flaviniacensis, ed. Georg Heinrich Pertz: MGH SS. 8, Hannover 1848, pp. 291,36; 292,12. († nach 1111), der Teile des Werkes übernimmt.Paul Lehmann: Die mittelalterliche Dombibliothek zu Speyer . In: Ders., Erforschung des Mittelalters, Bd. 2, Stuttgart 1959, S. 186–228, hier: S. 196; Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124; Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218, hier: S. 194ff. Frühere Annahmen, das Werk sei Quelle für den Verfasser der Kosmographie des Julius Honorius oder Orosius, gelten als widerlegt.Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. xxvii–xxviii; Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124. Alexander Riese hat die Niederschrift in das 5. Jahrhundert und damit bald nach dem terminus post quem gesetzt. Gegen eine spätere Entstehung sprechen seiner Auffassung nach unter anderem pagane Reminiszenzen in der Romschilderung (Dioskurenfest, Venusheiligtum)Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. xxvii–xxviii. sowie die Erwähnung des limes Armoricianus (vgl. c. 25, p. 83,17f.).Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. xxviii, Anm. 1. In anderen Hss. abweichend miles Armoricanus. Zu den Armoriciani vgl. Maximilian Ihm: Aremorica. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Bd. II,1, Stuttgart 1895, Sp. 638; Ralf Scharf: Ripari und Olibriones? Zwei Teilnehmer an der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 107 (1999), S. 1–11. Diesen könnte der Verfasser allerdings auch aus einer Karte gekannt haben.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 10611, S. 124. Die frühesten Handschriften stammen aus dem 8. Jahrhundert.Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218, hier: S. 161, Anm. 11, S. 192–94.

Die maßgeblichen, von Riese genutzten Überlieferungsträger sind der Codex Vindobonensis 181 (8. Jh.) und der Laurentianus plut. 89 sup. 67 (10. Jh.).Vgl. Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. 71. Das Werk weist in vielen Handschriften eine Verbindung mit dem Itinerarium Antonini auf.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124f. Für weitere Codices siehe Karl A. F. Pertz: De Cosmographia Ethici libri tres, Berlin 1853, S. 65f. Der Textzustand ist stark verderbt. Beziehungen zu mittelalterlichen Weltkarten (unter anderem Lambert von Saint-Omer, † 1125) sind vielfach diskutiert.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 125. Als maßgeblich gilt die Edition von Riese von 1878. Umfangreiche Forschungsliteratur liegt seit dem 19. Jahrhundert vor.Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 125.

Editionen Josias Simler: Æthici cosmographia. Antonii Augusti itinerarium provinciarum, Basel 1575 (Digitalisat). Alexander Riese: Geographi Latini Minores, Heilbronn 1878, S. 71–103 (Digitalisat).

Übersetzungen Emilio Giuseppe Spedicato: Pseudo Aethicus. Cosmographia, Rom 2013 [englische und italienische Übersetzung auf der Grundlage eines 1645 erschienenen NDs der 1575 von Josias Simler besorgten Edition].

Literatur Martin Schanz/Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Bd. 4,2 (HdA 8,4,2), München 1920, ND ebendort 1970, Nr. 1061, S. 124f. Claude Nicolet/Patrick Gautier-Dalché: Les „quatre sages“ de Jules César et la „mesure du monde“ selon Julius Honorius, réalité antique et tradition médiévale. In: Journal des Savants 1986/4 (1987), S. 157–218.

Anmerkungen

Kategorie:Literatur (Mittellatein) Kategorie:Literatur der Spätantike Kategorie:Geographie (Spätantike)

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