Yugantar Film Collective ist ein indisches feministisches Filmkollektiv, das 1980 in Bangalore gegründet wurde. Es produzierte zwischen 1980 und 1983 vier Dokumentarfilme in Zusammenarbeit mit Frauengruppen aus der Arbeiterklasse, die Themen wie Ausbeutung, häusliche Gewalt und Umweltschutz beleuchteten.

Geschichte Yugantar entstand in einer Phase radikaler politischer Umbrüche in Indien, beeinflusst von Studentenbewegungen, Bürgerrechtsinitiativen und dem aufkommenden autonomen Frauenbewegung. Die Gründerinnen Abha Bhaiya, Deepa Dhanraj, Meera Rao und der Kameramann Navroze Contractor arbeiteten kollaborativ mit Frauengruppen zusammen, um die Situation arbeitender Frauen sichtbar zu machen. Die vier Filme dokumentieren Frauenbewegungen und etablierten neue dokumentaristische Ansätze in Indien. Das Kollektiv hörte 1983 auf Filme zu produzieren, blieb jedoch informell bestehen; ab 2005 verlagerte es seinen Fokus auf Entwicklungsprojekte zu Geschlechtergerechtigkeit, Urbanisierung und Governance in marginalisierten Communities.

Werke Molkarin (1981, Marathi, 25 Min.): Zeigt die Ausbeutung von Hausangestellten in Pune und ihre Organisation gegen diese Missstände Die Filmerinnen begleiten eine Gruppe von Hausangestellten in der Stadt Pune. Interviews mit den Arbeitnehmern deckten unterdrückende, unangemessene Arbeitsbedingungen und tägliche Demütigungen auf. Hunderte von Hausangestellten schlossen sich zu einer Gruppe zusammen, um für ihre Rechte zu kämpfen – zunächst mit einem Streik, der sich über mehrere Städte erstreckte, dann mit mehreren Treffen, aus denen ein Manifest zur Regulierung der Arbeitsbedingungen hervorging.

Tambaku Chaakila Oob Ali (Tobacco Embers, 1982, Marathi, 25 Min.): Geht um den Streik von 4000 Tabakarbeiterinnen in Nipani. Der Kurzfilm der Gruppe entstand in Zusammenarbeit mit Arbeitern einer Tabakfabrik in Nipani und dokumentiert eine äußerst einflussreiche selbstorganisierte Arbeiterbewegung im Indien der 1980er Jahre. Yugantar begleitete die Arbeiter vier Monate lang, dokumentierte ihren Alltag, sammelte Berichte über die Arbeitsbedingungen (einschließlich harter Strafen und Machtmissbrauch) und zeigte schließlich Strategiebesprechungen, die zur Durchsetzung von Rechten einberufen wurden.

Idhi Katha Matramena (Ist das nur eine Geschichte?/ Is This Just a Story?, 1983, Telugu, 25 Min.): Dokufiktion zu häuslicher Gewalt aus Frauensicht. Yugantar arbeitete für diesen Film mit Sri Shakhti Sanghatana zusammen, einem feministischen Forschungs- und Aktivistenkollektiv mit Sitz in Hyderabad. Ein gemeinsames Drehbuch entstand, das häusliche Gewalt und Depressionen thematisiert. Der Film stellte die gesellschaftliche Vorstellung in Indien in Frage, dass das Zuhause ein Ort der Wärme und Zuneigung sei.

Sudesha (Wie Frauen es sehen/As Women See It,1983, Hindi, 30 Min.): Porträtiert die Aktivistin Sudesha im Chipko-Umweltkampf gegen Abholzung. Hier arbeitete die Gruppe mit Mitgliedern der Chipko-Bewegung zusammen, einer indischen Waldschutzbewegung aus den 1970er Jahren. Der Film dokumentiert die Reaktionen von Sudesha, einer Frau, die im Himalaya lebt, auf die Ankunft von Holzhändlern. Sudesha mobilisiert die Frauen in ihrer Region, um sich sowohl gegen die Abholzung als auch gegen die traditionelle Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft zu wehren.

Screenings, Performances und Ausstellungen Die restaurierten Filme (seit 2019 durch Arsenal Berlin) erleben seit 2020 eine Renaissance mit internationalen Vorführungen.

2021: Is This Just a Story? beim Essay Film Festival, London. 2021: MoMA Virtual Cinema, New York. 2023: Hyderabad Literary Festival; G5A Foundation, Mumbai; Athens Design Forum (Doppelscreening Tobacco Embers und Sudesha). 2025: Cample Line, Schottland (Sudesha mit Werken von Payal Kapadia); Batalha Centro de Cinema, Portugal.

Arbeit der beteiligten Künstlerinnen Abha Bhaiya, Deepa Dhanraj, Meera Rao und der Kameramann Navroze Contractor prägten das Yugantar Film Collective gemeinsam als politisch engagierte, feministische Filmgruppe, in der künstlerische und technische Verantwortung eng verzahnt waren. Die indische Feministin und Aktivistin Abha Bhaiya (* 1948), die seit den 1970er‑Jahren in der Frauenbewegung aktiv ist und später unter anderem die Organisationen Jagori und Jagori Rural Charitable Trust mitgründete, brachte ihre langjährige Erfahrung in der Basisarbeit mit Frauen und marginalisierten Communities in die inhaltliche Ausrichtung des Kollektivs ein.

Deepa Dhanraj, die als Filmemacherin und Mitbegründerin von Yugantar zu einer der zentralen Stimmen des feministischen Dokumentarfilms in Indien wurde, führte ihre Arbeit nach der Auflösung des Kollektivs mit politisch scharf konturierten Filmen wie Something Like a War (1991) über staatliche Bevölkerungspolitik und Zwangssterilisation, Invoking Justice (2011) über ein von muslimischen Frauen initiiertes Scharia-Gericht sowie We Have Not Come Here to Die (2018) über den anti-kastistischen Protest nach dem Tod von Rohith Vemula fort und engagiert sich seither auch im Bereich Archivierung und filmischer Bildungsarbeit.

Meera Rao, die nach ihrer Mitarbeit bei Yugantar in die USA übersiedelte, arbeitete in den folgenden Jahrzehnten vor allem im Non-Profit-Sektor und setzte sich in leitenden Funktionen bei verschiedenen Organisationen dafür ein, Bildungs-, Gesundheits- und Teilhabechancen für Kinder und andere marginalisierte Gruppen in Ländern mit prekären sozialen Verhältnissen zu verbessern. Navroze Contractor (1944–2023), ein bedeutender Kameramann und Filmemacher des indischen Parallelkinos, der unter anderem an Filmen wie Duvidha, Devi Ahilya Bai, Percy und zahlreichen Dokumentarfilmen mitwirkte, prägte die Bildsprache von Yugantar maßgeblich, indem er seine Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Regisseuren der Nouvelle Vague und aus seiner Ausbildung am Film and Television Institute of India in die visuelle Gestaltung der Kollektivfilme einbrachte. Durch die enge Kooperation dieser Akteurinnen und Akteure entstand eine Praxis des kollektiven Dokumentarfilms, die sowohl die indische Dokumentarfilmtradition als auch feministische und aktivistische Bewegungen über Yugantar hinaus nachhaltig beeinflusste.

Deepa Dhanraj setzte ihr Œuvre fort mit Filmen wie Something Like a War (1991) zu Zwangssterilisationen, Invoking Justice (2011) über muslimische Frauenjustiz und We Have Not Come Here to Die (2018) zum Anti-Kasten-Kampf. Abha Bhaiya kooperierte bei The Legacy of Malthus (1994); das Kollektiv beeinflusste nachhaltig Dokumentartraditionen und Aktivismus. Meera Rao trug zur frühen Kollaboration bei, während Dhanraj bis 2025 Archive und Pädagogikprojekte vorantreibt.

Rezeption Eine Retrospective zum Yugantar Film Collective wurde zur Berlinale / Forum Expanded 2019 und 2024 im Barbican Centre London gezeigt. 2023, widmete das Batalha Centro de Cinema in Porto, Portugal, der Gruppe ein Kurzfilmprogramm.

Filmografie 1981 Molkarin (Maid Servant); 25 min. 1982 Tambaku Chaakila Oob Ali (Tobacco Ember); 25 min. 1983 Idhi Katha Matramena (Is This Just a Story?); 25 min. 1983 Sudesha (As Women See It); 30 min. 1991 Something Like a War by Deepa Dhanraj; 63 min.

Einzelnachweise

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