Marie Adelheid Emma Helene Eva Gräfin von Bismarck-Bohlen, geborene Tiele-Winckler (* 27. September 1861 in Miechowitz; † 26. April 1933 in Neu Zarrendorf) war eine Adlige und Mäzenin, die in Karlsburg, Niederhof, Marschallen und Neuzarrendorf tätig war.

Leben Helene von Tiele-Winckler wurde in eine der reichsten Großindustriellenfamilien Deutschlands hineingeboren. Den Reichtum erwarben die Tiele-Winckler durch Grundbesitz, Bergbau- und Hüttenwesen. Die Eltern waren Valeska von Tiele-Winckler geb. von Winckler (1829–1880) und der Oberstleutnant Hubert von Tiele (1823–1893). Eine ihrer Schwestern war Eva von Tiele-Winckler, eine der ersten leitenden Diakonissen in Deutschland. Ihre Kindheit verbrachte Helene oder Lenchen, wie sie von allen liebevoll genannt wurde, in Miechowitz (Oberschlesien). Während die katholische Mutter, eine hochgebildete und musikalische Frau mit vielseitigen Interessen, ihren Kindern mit viel Liebe begegnete, war der protestantische Vater pflichtbewusst und streng, erzog seine Kinder trotz des Reichtums, der sie umgab, spartanisch.

In den 1870er Jahren bewohnte die Familie in der Berliner Regentenstraße ein Palais. Helene begegnete dem Leutnant Friedrich Karl Alexander Theodor Paul Graf von Bismarck-Bohlen (* 7. Juni 1852 in Berlin; † 18. Februar 1901 in Karlsburg, Kreis Greifswald) wahrscheinlich in den Berliner adligen Kreisen. Sie heirateten am 1. September 1880 in Miechowitz. Einige Zeit lebten sie im mecklenburgischen Blücher (Göhren-Lebbin), später dann infolge der Versetzung ihres Mannes als Rittmeister in das 2te Dragoner Regiment in Schwedt. Nach dem Tod ihres Schwiegervaters Friedrich Carl Ernst Philippe Alexander von Bismarck-Bohlen 1894 übersiedelte das Ehepaar nach Karlsburg, wo Friedrich Carl sein Erbe antrat. Die Ehe blieb kinderlos.

An vier Wirkungsstätten war Helene Gräfin von Bismarck-Bohlen auf verschiedenste Weise tätig:

Karlsburg: Im HausbuchPommersches Landesarchiv Greifswald Gutsherrschaft Karlsburg: 08.027 (Rep.: 38d) 01.02.01.5 Hausbuch der Güter Uenglingen und Karlsburg der Familie Bismarck-Bohlen ist zu lesen: „1895 beginnt der Umbau des Carlsburger Schlosses. ... Es ist wunderbar mit welcher Einsicht und Umsicht und mit welcher Pietät für die Vergangenheit Lenchen den Bau leitete. Und 1896 ist der Umbau des Schlosses vollendet und durchaus gelungen. ... und Alles war Lenchens Werk. ... Es entsteht unter Lenchens Leitung eine sehr ersprießliche Umgestaltung der Dörfer der drei Güter, umzäunte Gärten und Vorgärten mit freundlichen Bänken, zeugen für die Zufriedenheit der Bewohner. ... Ein Hauptschmuck des Parks ist ein großes Rokoko Thor von Schmiedeeisen, nach Lenchens Zeichnung entworfen.“Pommersches Landesarchiv Greifswald: 08.027 (Rep.: 38d) Gutsherrschaft Karlsburg; 01.02.01. Allgemeines 5 Hausbuch der Güter Uenglingen und Karlsburg. Eintragungen der Caroline von Malortie, geborene Bismarck-Bohlen

Sie kümmerte sich – neben der Verbesserung der Wohnsituation auf den Dörfern – um die Geschicke der Bewohner und Bewohnerinnen des Gutes, war karitativ tätig, worin sich der Einfluss ihrer jüngeren Schwester Eva zeigte. Nach dem Tod ihres Mannes 1901 verließ sie Karlsburg. „Schweren Herzens riß sie sich los von der Stätte die sie so unsäglich liebt u wo sie so viel geschaffen hatte. Die Trennung von ihrem geliebten Wald war eine unerträglich schwere, u nicht minder die von den vielen Gutsangehörigen, denen sie eine Wohlthäterin war. Sie hatte an 3 Abenden auf den 3 Gütern eine kl. Abschiedsfeier die tiefergreifend war u an denen alle Bewohner Theil nahmen. Als bleibendes Andenken hat Lenchen in Zarnekow eine Thurmuhr mit Schlagwerk gestiftet, deren Klang die Leute an ihre treu sorgende Herrin erinnern wird!“

Niederhof: Das Gut gehörte ursprünglich Susette von NormannSie war die Tante von Fritz Ulrich Bismarck-Bohlen., geborene Waitz von Eschen, die das Gut 1790 nach dem Tod ihres ersten Mannes, Dethloff von Walsleben, kaufte. Nach ihrem Tod 1839 erbte es ihre Tochter Caroline von Bohlen. Nach deren Tod 1857 ging es dann in den Besitz der Bismarck-Bohlen über. Als Helenes Mann Friedrich Carl 1901 starb, war es naheliegend, dass Helene – wie die Witwen zuvor – Carlsburg zugunsten des Erben – Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlenda die Ehe kinderlos blieb, war der Neffe Fritz Ulrich, Sohn von Theodor von Bismarck-Bohlen und Elisabeth, geborene Behr-Negendanck, Erbe von Karlsburg – verlassen musste, um in Niederhof einen neuen Wirkungskreis zu finden. Diese ca. acht Jahre, die sie in Niederhof lebte, haben in der Geschichte der Gemeinde Brandshagen viele Spuren hinterlassen. Nach einem Blitzeinschlag 1899 in den großen Strandkaten, kümmerten sie und ihr Mann sich verstärkt um ihren Besitz und die Menschen, die durch den Brand ihre Bleibe verloren hatten. Ein umfangreicher Bau mit reicher Holzarchitektur und einem gewaltigen Ziegeldach im Schweizer Stil – das sogenannte StrandschlossDer Giebel des Bauwerks wurde in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wegen Baufälligkeit abgetragen. – wurde von Helene geplant und errichtet. Für die Arbeiter entwarf und baute Helene mustergültige und praktische Zweifamilienhäuser. Ihr größtes Verdienst jedoch war die Erneuerung der Brandshäger Kirche, für deren Instandsetzung sie 24 000 Mark spendete. Am 2. März 1906 wurde die Kirche wieder ihrer Bestimmung übergeben, wie es in einer Greifswalder Zeitung vom 7. März berichtet wurde. In diesem Artikel wird auch erwähnt, dass Helene von Bismarck-Bohlen vom Generalsuperintendenten das von Ihrer Majestät der Kaiserin verliehene Frauenverdienstkreuz und zwei Handschreiben aus dem Kabinett der Kaiserin übergeben wurde.Matthias Wennrich: Brandshagen. Die Geschichte eines vorpommerschen Dorfes. Hrsg. Evangelische Kirchengemeinde Brandshagen, 2025. S. 274ff 1910 verlässt Helene von Bismarck-Bohlen Niederhof.

Marschallen: Zwischen dem Weggang Helenes von Niederhof und ihrem Aufenthalt in Neuzarrendorf gibt es eine Zeitspanne, die etwas im Dunkeln liegt. Auf der Webseite des Vereins Lebensräume, Neuzarrendorf, wird erwähnt, dass Helene erst 1924, von einem Kinderheim in Marschallen (in der Nähe von Posen oder Breslau) kommend, ihren Wohnsitz im Stift „Kinderfreude“, Neuzarrendorf nahm. Über Marschallen selbst waren bisher so gut wie keine Informationen zu finden. Einzig in einem Brief an Fritz Ulrich von Bismarck-Bohlen gibt es einen Hinweis auf Marschallen. 1929 scheint ein ehemaliger Zögling aus Helenes Zeit in einem größeren Kinderheim dort auf die schiefe Bahn geraten zu sein. In diesem Zusammenhang schreibt sie: Meist waren dort 60 bis 80 Kinder in Pflege, hier (in Neuzarrendorf) nur 19!

Neuzarrendorf: 1910 verlässt Helene von Bismarck-Bohlen Niederhof, kaufte aber schon 1906 und 1907 eine Doppelhauskate in Neuzarrendorf und richtet dort ein Stift für Kinder ein, welches ab 1910 Kinder aufnahm. "Die Kindergruppen wuchsen und die in 1906 gekaufte Büdnerei wurde das Knabenhaus (Abriss in 1997). Im Jahr 1913 wurde die „Halle“ (siehe Bild) fertig. 1924 zog die Gräfin, auch genannt als Tante Lenchen, von Marschallen in die „Kinderheimat“".

In der „Ortschronik Zarrendorf 1937“ findet sich folgende Passage: „Sie kaufte eine Halbbauernstelle und baute die Gebäude in einem edlen ländlichen Stile aus. Hier legte sie ganz im Geiste und Sinne ihrer herzensfrommen und werktätigen Schwester, der bekannten Gräfin Tiele-Winckler, ein Kinderheim an und ließ regelmäßig Andachten halten. Das „Gräfliche“ wurde für den Osten der grossen Doppelgemeinde eine Stätte christlicher Gemeinschaft.“Franz Wilde: Ortschronik Zarrendorf, 1937 In einem Brief an Fritz Ulrich, ihrem Neffen, schildert Helene den Beginn der Erntezeit: „In kommender Woche wollen wir die Frühkartoffel: Ernte beginnen. Groß u. Klein ist in froher Erwartung! – Es sind besondere Fest. Tage für uns. Die Kleinen umringen uns, die mit Begeisterung „Hackenden“, auch die Mahlzeiten werden auf dem Felde eingenommen. Kommt der ersehnte Regen so flüchtet man unter die Wagen, u. am Abend erfreut ein Feuer u. Kartoffeln i. d. Asche gebraten uns alle. Singend geht es dann nach Hause u. Dankbarkeit erfüllt die Herzen!“Brief Helenes vom 11.09.1929 an Fritz Ulrich. Pommersches Landesarchiv Greifswald Rep. 38d 02.05.03.09.2097

Helene von Bismarck-Bohlen starb, wie sie gelebt hatte: Sie hatte sich schon Jahre vorher den aus einer Karlsburger Eiche gefertigten Sarg, der anlässlich des Todes ihres Mannes angefertigt worden war, zuschicken lassen, hatte aber bestimmt, nicht im Steinfurther Familienbegräbnisplatz, sondern auf dem Knieper Friedhof in Stralsund ihre letzte Ruhe zu finden.

Literatur

Egon Brauns: Karlsburg. Von der Vergangenheit eines Ortes und der Gemeinde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Gemeinde Karlsburg Matthias Wennrich: Brandshagen. Die Geschichte eines vorpommerschen Dorfes. Hrsg. Evangelische Kirchengemeinde Brandshagen, 2025 Ute Gause: „Eva von Tiele-Winckler (1866–1930) Leidenschaftliche Christin, engagierte Diakonisse und Mutter der Friedenshortdiakonissen“ [Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg / Häusler, Michael 2013]

Weblinks

Caroline Gräfin von Bismarck Bohlen

Caroline-graefin-bb.de

Einzelnachweise

Marie Adelheid Emma Helene Eva ⚭Marie Adelheid Emma Helene Eva Marie Adelheid Emma Helene Eva Kategorie:Geboren 1861 Kategorie:Gestorben 1933 Kategorie:Frau