Juden in Pirmasens werden Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal in Urkunden erwähnt; die Anfänge einer jüdischen Gemeinde lassen sich bis in die Landgrafenzeit um 1765 zurückverfolgen. Der an der Entwicklung seiner Residenzstadt interessierte Landgraf förderte die Ansiedlungen von Juden, die durch Schutzgelder für zusätzliche Einnahmen sorgten und den Handel belebten. Um 1790 wohnten etwa 130 jüdische Bewohner in der Stadt; diese Anzahl änderte sich in der Zeit der Zugehörigkeit von Pirmasens zu Frankreich nur unwesentlich.

Der erste Jude

Am 20. Januar 1759 wird der erste Schutzjude urkundlich erwähnt, es ist Kaufmann Joseph, der als Goldsticker von Landgraf Ludwig IX. (damals noch Erbprinz) aus Türckheim nach Pirmasens beordert wurde „zu beßerer (…) Beforderung unserer Officiers-Uniform-Arbeit alß Batailons-Sticker, so lange es Unß gnädigst gefallen wird“.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 14 Bis 1770 stieg die Zahl der Juden auf etwa zwei Dutzend, bis 1780 auf rund 100. 128 waren es 1790 und 143 im Jahr 1792. Durch die Schutzgelder wurden die Staatseinnahmen erhöht, außerdem belebten die Neuansiedler Handel und Versorgung.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 25f

Der erste Rabbiner und seine Nachfahren Der erste Rabbiner der Stadt Pirmasens war Jakob Israel Beiersdorf (1759–1831). Er hatte in Fürth Theologie studiert und war Rabbiner von August 1775 bis 1826. Sein Nachfolger Aaron Kohn MerzBernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, S. 109 verpflichtete sich, an seinen Vorgänger einen jährlichen Unterhalt von fünfzig Gulden zu zahlen. Er war mit Rosetta geb. Alexander (geb. 1763) verheiratet. Sie starb am 24. März 1846 und ist auf dem alten jüdischen Friedhof in der Dankelsbach in Pirmasens beerdigt. Die Inschrift auf dem noch erhaltenen Grabstein lautet: „Rosette Alexander, Witfrau von Jacob Bayersdorf, Rabbiner in Pirmasens, gestorben im 83. Lebensjahre, den 24. März 1846.“ Sein 1795 geborener Sohn Judas BeiersdorfBernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, S. 108 war Tuchhändler und Spezereikrämer und zählte 1830 mit 4800 Gulden zu den drei vermögendsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Pirmasens. Weitere Nachkommen lebten noch mehrere Generationen in Pirmasens. Der Enkel des Rabbiners, August Isaak Beiersdorf, wird 1899 in einem Adressbuch der Stadt Pirmasens als Essighändler in der Alleestraße 16 genannt; dessen Söhne Albert, Arthur, Gustav, Jakob und Ludwig stehen im selben Adressbuch alle als Buchhalter.

Der Urenkel des Rabbiners Albert Beiersdorf starb eines natürlichen Todes am 20. Oktober 1936 in Pirmasens; die Urenkel Gustav und Arthur Beiersdorf kamen nach 1939 in Konzentrationslagern ums Leben; Urenkel Ludwig Beiersdorf wurde zusammen mit Ehefrau Bertha geb. Schneider am 12. März 1943 von der Gestapo in Berlin verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert, dort wurden beide ermordet.Gedenktafel an der Exerzierplatzstraße 13, pirmasens.de, abgerufen am 15. Dezember 2025

Jüdische Einrichtungen

Jüdische Schulen

Seit 1828 gab es eine jüdische Konfessionsschule, die sogenannte Israelitische Volksschule. Sie wurde 1834 von 50 jüdischen Kindern besucht. Von 1860 bis etwa 1878 war die jüdische Schule auf dem Synagogengelände in der Synagogengasse. Webseite pirmasens.de Bis 1894 wurden im Schulhaus auf dem Exerzierplatz in sechs Klassen Schülerinnen und Schüler unterrichtet, ab 1894 dann im Schulhaus am Matzenberg. Spätestens 1921 bis 1938 lernten jüdische Schüler an der Nagelschmiedsberg-Schule. In den 1920er- und 1930er-Jahren waren 23 bis 48 Schülerinnen und Schüler in acht Altersgruppen an der Schule. Webseite pirmasens.de

Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren ein Israelitischer Elementarlehrer und ein Kantor angestellt. Von 1891 bis 1930 war – fast 40 Jahre lang – Oberlehrer Abraham Michel Leiter der Israelitischen Volksschule, zugleich Erster Lehrer der Gemeinde; er folgte auf den ersten Lehrer mit dem Namen Nathan. Sein Nachfolger wurde 1930 Hauptlehrer Julius Lamm. Kantor war seit 1896 Markus Slodki; er blieb 43 Jahre bis zu seinem Tod 1939.https://www.alemannia-judaica.de/pirmasens_synagoge.htm

Jüdische Vereine

Der Krankenpflege und dem Bestattungswesen widmeten sich eine Chebra Kadischa (Heilige Vereinigung), sie bestand wahrscheinlich schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wurde aber erst 1897 ins Vereinsregister eingetragen.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 255f Seit 1813 kümmerte sich der „Leichenverein“ um den Ankauf von Friedhofsgelände und den Friedhof.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 256 Der Verein zur Unterhaltung war seit spätestens 1907 aktiv und widmete sich Geselligkeit und Volksbildung seit 1929 mit dem Zusatz „Israelitischer Armenverein“. Der Israelitische Frauenverein wurde 1886 gegründet, aufgelöst Ende der 1930er-Jahre; seine Frauen kümmerten sich um Krankenpflege und Bestattung.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 258

Die jüdischen Freimaurer waren in dem Brüderverein der U.O.B.B.-Loge organisiert, Gründungsjahr unbekannt; er wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 aufgelöst.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, 2. Auflage 2017, S. 261 Der Jüdischen Jugendbund wurde wahrscheinlich Anfang der 1920er-Jahre gegründet und war Mitglied im Verband jüdischer Jugendvereine Deutschlands, nach 1936 wurde er in Ring, Bund jüdischer Jugend, Ortsgruppe Pirmasens umbenannt. Es gab weiterhin eine Ortsgruppe des Centralvereins, sie erscheint 1925 zum ersten Mal im Adressbuch, ist seit spätestens 1936 nicht mehr aktiv, sowie eine Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten.

Koschere Gasthäuser, jüdische Metzgereien und Branntweinhändler

Das Café und Restauration Mayer – zuerst Bahnhofstraße 14, dann Ringstraße 72 – war ein koscheres Restaurant in Pirmasens. Das Restaurant wurde spätestens 1907 gegründet und sollte Geschäftsreisende beköstigen, die nach Pirmasens kamen. Geleitet wurde es zunächst von Dorothea Mayer (geb. Hirsch), einer gebürtigen Pirmasenserin, dann von Moses Raphael Jena. Spätestens ab Mai 1928 war die Restauration Mayer in die Ringstraße 72 umgezogen, unter dieser Adresse gab es auch das Gasthaus Komet mit dazugehöriger Pension. 1938 wurde das Lokal geschlossen, der im preußschen Ritschenwalde geborene letzte Pächter Jena wanderte 1938 mit Frau und Sohn Arthur nach Kolumbien aus.

An jüdischen Metzgern, die auch koscheres Fleisch lieferten, sind im 20. Jahrhundert bekannt Ludwig Dreifus, er hatte sein Geschäft in der Kreuzgasse und Wilhelm Künzler in der Winzler Straße sowie im 19. Jahrhundert der Metzger Kaim in der Allestraße.

Während der französischen Zeit gab es in Pirmasens um 1814 die Branntweinwirte Erhard Kahn und Jacob Kahn sowie Isaac Maas und Simon Drexler sowie den Gastwirt und Metzger Ludwig Hirsch.

Jüdische Friedhöfe

In der Anfangszeit diente der jüdische Friedhof in Annweiler als letzte Ruhestätte. Von 1813 bis 1878 wurde das Gelände „Am Gefällerweg“ (heutige Zeppelinstraße) als Friedhof genutzt, er hat eine Fläche von 1360 m², auf der 95 Grabsteine erhalten sind. Von 1876 an hatte die jüdische Gemeinde ein eigenes Gelände als Teil des städtischen Alten Friedhofs in der Ottostraße von 1810 m². Es wurde in der NS-Zeit völlig zerstört und abgeräumt. Nach 1945 wurden 17 Grabsteine wieder aufgestellt. Ab 1927 wurden Verstorbene auf einer Abteilung des städtischen Waldfriedhofs bestattet, zuletzt im Jahr 1944. Dort sind 64 Grabsteine auf einer Fläche von 3766 m² erhalten.

Bezirksrabbinat Pirmasens Von 1827 bis 1879 war Pirmasens Sitz des Bezirksrabbinats, das etwa 15 Kultusgemeinden der Region umfasste; danach übernahm Zweibrücken diese Funktion. Seit 1911 hatte der Bezirksrabbiner dann wieder seinen Amtssitz in Pirmasens; zuerst war Dr. Eugen Meyer Bezirksrabbiner, danach bis 1939 Dr. Dagobert Nellhaus.

Zeit des Nationalsozialismus

Von Nationalsozialisten und ihren Helfern ermordet wurden 273 Juden, die in Pirmasens geboren wurden oder dort längere Zeit lebten.Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, S. 109 2. Auflage 2017, S. 566 Jüdische Persönlichkeiten Jakob Israel Beiersdorf (1759–1831), erster Rabbiner der Stadt Pirmasens Max Wolff (1879–1938), Unternehmer und Politiker Walter Slodki (1914–2013), Unternehmer und Mäzen

Weblinks Alemannia Judaica: Berichte aus dem Bezirksrabbinat. Über die Entstehung des Rabbinates in Pirmasens Familie Beiersdorf, eine alteingesessene Pirmasenser Familie, pirmasens.de

Einzelnachweise

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