thumb|Das italienische Gefallenendenkmal auf dem Friedhof Mendrisio Das italienische Gefallenendenkmal (italienisch Monumento agli italiani caduti, Monumento ai caduti nella guerra d’Italia) in Mendrisio im Schweizer Kanton Tessin ist den im Ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Soldaten aus dem Mendrisiotto gewidmet. Das Werk von Fiorenzo Abbondio wurde am 18. Juni 1922 unter Beteiligung italienischer Faschisten enthüllt. Verschiedene Vorgänge im Rahmen der Einweihung sorgten schweizweit für Empörung und führten zu einer diplomatischen Krise mit Italien.

Beschreibung Das Denkmal steht auf dem Friedhof von Mendrisio. Auf dem Postament ist unter dem Christusmonogramm die vom Mendriser Anwalt Siro Mantegazza stammendeUgo Villa: Italiani e Ticinesi, fraternamente. In: Gazzetta Ticinese. 19. Juni 1922, S. 1 (online). Inschrift: ITALIANI E TICINESI FRATERNAMENTE («Italiener und Tessiner in Brüderlichkeit»), angebracht. Darüber thront die monumentale Skulptur der schmerzlich-grimmig dreinblickenden Italia, der Nationalallegorie Italiens. Sie ist als römische Matrona in einer weiten Stola und mit ausgebreiteten Armen dargestellt. In ihrem zurückgebundenen Haar steckt die abstrahierte Mauerkrone, die von der goldenen fünfzackigen Stella d’Italia bekrönt ist (Typus der Italia turrita e stellata). Auf ihrer Brust prangt das Hoheitszeichen des antiken Roms SPQR. In den Händen hält sie je einen Eichenlaubkranz, vermutlich eine Corona civica, die im Römischen Reich als Auszeichnung für Soldaten verliehen wurde, die in der Schlacht einem Mitbürger das Leben gerettet und einen Feind getötet hatten. Links und rechts, teilweise durch das Gewand verdeckt, sind Stelen eingelassen, die zuoberst die Inschrift tragen: GVERRA D’ITALIA MCMXV MCMXVIII («Krieg Italiens 1915 1918»). Darunter sind die Namen von 43 Gefallenen gelistet. Viele der aufgeführten Nachnamen stammen eindeutig von Angehörigen der italienischen Kolonie, zumal sie vor 1918 nicht in der Schweiz eingebürgert waren (z. B. Besana, Bettiga, Cerea, Fumia, Montorfano, Renella, Urio), einige sind aber nicht nur in der angrenzenden Lombardei, sondern auch im Mendrisiotto alteingesessen (Arnaboldi, Baserga, Bernasconi, Colombo, Corti, Piffaretti, Raimondi, Rusconi, Tettamanti).Vgl. die Daten auf familiennamen.ch. Besonders auffällig ist, dass der häufigste Tessiner Nachname Bernasconi sechsmal vorkommt, was darauf hinweisen könnte, dass auch Schweizer Bürger, die für Italien kämpften, geehrt wurden. Im Ersten Weltkrieg fochten rund 500 Tessiner Freiwillige auf Seiten der Alliierten.

Die Inschrift auf der Plinthe der Statue: RICONSACRATO IL XXI APRILE MCMXXV («abermals geweiht am 21. April 1925»), wurde nach der Reparatur angebracht (siehe unten).

Geschichte Ausgangslage Im Nachgang des Ersten Weltkriegs liessen italienische Gruppierungen im Kanton Tessin rasch zahlreiche Gedenktafeln und Denkmäler für die italienischen Gefallenen errichten, während etwa in Como lange keine solche Ehrung existierte. In Chiasso sind zwei Gedenkstätten dokumentiert, eine auf dem Friedhof und eine in der italienischen Schule.Tessin. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Morgenblatt. Nr. 814, 22. Juni 1922, S. 1 f. (online). Auf dem Friedhof von Faido entstand 1922 ein von Pietro Andreoletti geschaffenes Denkmal für die italienischen Soldaten aus der Leventina.Un ricordo agli italiani caduti in guerra. In: Gazzetta Ticinese. 11. April 1922, S. 2 (online). In Lugano wurde beim Italienischen Spital ab 1922 eine «Gedenkallee» gestaltet.

In Anbetracht des von den Faschisten und anderen nationalistischen Parteien propagierten Irredentismus, der die italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweizer Gebiete für Italien beanspruchte, löste diese Welle von italienischen Denkmälern in der Schweiz grosses Unbehagen aus. Die Neue Zürcher Zeitung etwa befand 1922, dass die Intention dahinter weit über den Totenkult hinausgehe und «der Hauptzweck in einer politischen Demonstration» bestehe. Auf «das Treiben gewisser Kreise sollte etwas mehr geachtet werden, bevor bedauerliche und friedensstörende Vorkommnisse eintreten».

Das Gefallenendenkmal von Mendrisio wurde vier Monate vor dem Marsch auf Rom und der damit einhergehenden Machtübernahme der Faschisten in Italien eingeweiht.

Projektierung Das Gefallenendenkmal von Mendrisio wurde von der italienischen Kolonie im Kanton Tessin projektiert, die zu diesem Zweck das Komitee Pro Monumento ai Caduti konstituierte. Präsident war Francesco Allegri,La grande giornata di Mendrisio. In: Gazzetta Ticinese. 21. Juni 1922, S. 2 (online). der 1908 das erste Kino von Mendrisio, das heutige «Mignon», gegründet hatte und seither leitete. Das Komitee verzichtete auf einen öffentliche Ausschreibung und übertrug die Ausführung im Frühjahr 1922 in einem «privaten Wettbewerb» dem noch weitgehend unbekannten Tessiner Bildhauer Fiorenzo Abbondio, der damals in Italien lebte. Dass arrivierte Tessiner Künstler wie Apollonio Pessina, Giuseppe Foglia oder Luigi Vassalli bzw. ihre italienischen Kollegen übergangen wurden, rief heftige Empörung hervor: Der Maler Renato Ballerini veröffentlichte eine Protestnote im Corriere del Ticino, und faschistische Sektionen in der Schweiz und in Italien tobten.Renzo Ferrata: Il monumento ai caduti in guerra italiani. In: Gazzetta Ticinese. 24. März 1922, S. 3 (online). Renzo Ferrata, der im April 1921 die ersten faschistischen Zellen in der Schweiz begründet hatte und mit Mussolini in Kontakt stand,Luca de Caprariis: «Fascism for Export»? The Rise and Eclipse of the Fasci Italiani all’Estero. In: Journal of Contemporary History. Band 35, Nr. 2, April 2000, S. 151–183, hier S. 153 . forderte in einem in der Gazzetta Ticinese publizierten Leserbrief mehr Transparenz. Am 29. März 1922 hielt er mit einer «Gruppe Italiener» eine öffentliche Aussprache in der Casa degli Italiani in Lugano ab, zu der alle italienischen Bürger und Bürgerinnen, denen «die Notwendigkeit, unsere Toten zu ehren, am Herzen liegt», eingeladen waren.Renzo Ferrata: Per il monumento agli Italiani caduti in guerra. In: Gazzetta Ticinese. 28. März 1922, S. 3 (online).

«Faschistenzug» und Einweihung Das Gefallenendenkmal wurde am Sonntag, 18. Juni 1922, eingeweiht. Der Verein der demobilisierten Offiziere von Varese organisierte die Teilnahme italienischer Gesellschaften, darunter auch zahlreicher Arditi und Faschisten. Insgesamt reisten etwa 700 Italiener aus dem Ausland an. Die genaue Anzahl von Faschisten darunter ist unklar. Der Verein der demobilisierten Offiziere behauptete später, es habe sich nur um zwanzig gehandelt,Die Freundschaft mit den Fascisten. In: Berner Tagwacht. Band 30, Nr. 147, 28. Juni 1922, S. 2 (online). Bundesrat Giuseppe Motta sprach von fünfzig,Zwischenfälle im Tessin. In: Der Freisinnige. Tagblatt für das Zürcher Oberland. Band 70, Nr. 151, 3. Juli 1922, S. 1 (online). Augenzeugen in Mendrisio bezifferten sie hingegen auf mindestens hundert.Die Zwischenfälle im Tessin. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Morgenblatt. Nr. 850, 29. Juni 1922, S. 1 (online). Das faschistische Parteiblatt Gagliardetto aus der Provinz Como prahlte selbst damit, es seien Kampfverbände aus Como, Varese, Luino, Malnate, Besozzo, Laveno, Cuvio und Marchirolo anwesend gewesen und «in erster Linie» gestanden, «alle mit Standarten und viele mit schwarzen Hemden».Die italienischen Übergriffe im Tessin. In: Thurgauer Zeitung. Nr. 149, 28. Juni 1922, S. 1 (online). Sie trugen Knüppel bei sich.

Wie sich später herausstellte, wandten sich die italienischen Organisatoren vorgängig an die Tessiner Polizeidirektion in Bellinzona, die ihrerseits am 13. Juni 1922 telegrafisch beim Politischen Departement anfragte, ob die «Einreise italienischer Vereine, Offiziere und Soldaten» für die Einweihung gestattet sei. Das Departement, das dem Tessiner Bundesrat Giuseppe Motta unterstand, erteilte «nach erhaltener Aufklärung über Zweck und Natur der Feier» seine Erlaubnis, die sich aber «auf das Uniformtragen für etwa 15 Militärpersonen und etwa 50 im Tessin niedergelassene Italiener» beschränkte. mini|Das Telldenkmal in Lugano von Vincenzo Vela Die italienischen Teilnehmer besammelten sich am Sonntagmorgen in Varese und begaben sich dann mit zwei Extradampfschiffen über den Luganersee nach Lugano, wo sie einen Kranz mit der italienischen Trikolore vor dem Telldenkmal niederlegten. Zunächst hiess es, sie hätten ursprünglich geplant, den Kranz vor einem Gefallenendenkmal beim Italienischen Spital zu deponieren. Da sie aber keine ordnungsgemässen Pässe gehabt und die Luganer Behörden ihnen einen längeren Aufenthalt nicht gestattet hätten, ferner das Spital zu weit vom Schiffssteg entfernt gewesen sei, hätten sie sich auf das nahegelegene Denkmal des Schweizer Nationalhelden beschränkt. Später deuteten sie ihren Akt als eine «vorbedachte Huldigung an die Eidgenossenschaft». Die «zahlreichen militärisch organisierten und von Offiziren befehligten Vereinigungen teils in Uniform, teils in roten Mützen, die Brust mit unzähligen Medaillen geziert oder mit den schwarzen Fahnen samt dolchdurchbohrten Totenköpfen versehen», stiessen bereits in Lugano bei der einheimischen Bevölkerung auf wenig Begeisterung. Die Faschisten beklagten sich später:

Die Gesellschaft setzte die Schifffahrt zur italienischen Exklave Campione d’Italia und nach einem kurzen Aufenthalt nach Capolago fort, wo sie die Eisenbahn nach Mendrisio bestieg. Auch dort reagierten Teile der Bevölkerung feindselig auf die Schwarzhemden.

Die Gäste wurden am Bahnhof Mendrisio feierlich empfangen. Kriegswaisenkinder reichten dem Generalkonsul aus Lugano Baron Acton, dem Dichter Giovanni Bertacchi, dem Bürgermeister Mendrisios Elvezio Borella und dem Schöpfer des Denkmals Fiorenzo Abbondio Blumen dar. Auch Francesco Chiesa war anwesend. Ein Festzug mit etwa 5000 Personen begab sich dann, angeführt von Feuerwehrmännern aus Mendrisio und begleitet von der Liberalen Philharmonie Mendrisio, dem Gesangsverein «Arpa» und der Stadtmusik Chiasso, zum Friedhof, wo eine Tribüne neben dem mit der italienischen Trikolore verhüllten Denkmal aufgestellt worden war. Der Präsident des Denkmalkomitees Allegri eröffnete die Zeremonie, und der Propst von Mendrisio segnete das Monument. Weiterhin sprachen der Dichter Bertacchi, der Kommandant und Präsident der Società Dante Alighieri von Varese Moroni, Bürgermeister Borella für die Einwohner Mendrisios, der Generalkommandant des Armeekorps von Varese Rossi für das italienische Heer, ein gewisser Romanatti für die Veteranen und Generalkonsul Acton. Beschlossen wurde der Anlass mit einem Konzert der Stadtmusik Chiasso auf der Piazza del Ponte.

Mehrere skandalöse Vorgänge im Rahmen der Einweihung wurden kolportiert: Bei der Abfahrt von Capolago kam es zu einem «Wortwechsel» zwischen einem Tessiner und mehreren Faschisten. Bei den «Ausflügen» auf den zwei Dampfschiffen fielen «unfreundliche Worte gegenüber dem Tessin und der Stadt Lugano». Auf dem Friedhof Mendrisio versetzte ein Faschist einem diensthabenden Feuerwehrmann aus Mendrisio eine Ohrfeige, als dieser die Beschädigung der umliegenden Gräber verhindern wollte. Angesichts der Übermacht der Faschisten konnte er sich nicht wehren. Einem in Mendrisio gegen den faschistischen Aufmarsch Protestierenden wurde gedroht, ihn «hinzumachen».Die üblen Folgen eines Fascistenbesuches. In: Der Bund. Band 73, Nr. 268, 28. Juni 1922, S. 3 (online). Die in Lugano wohnhaften Italiener riefen bei ihrer Rückkehr wiederholt: «Evviva il Ticino italiano!» («Es lebe das italienische Tessin!»)

Innerschweizerische Kontroversen