Johanna L’age-Stehr (* 13. August 1939 in Eberswalde als Johanna Stehr) ist eine deutsche Internistin und Epidemiologin, die in den 1980er- und 1990er-Jahren durch ihre Arbeiten zur AIDS-Forschung, epidemiologischen Überwachung und Virusprävention bekannt wurde. Die Seuchen-Expertin warnte bereits früh vor den Gefahren des HI-Virus und klagte später in einem Untersuchungsausschuss ihren Arbeitgeber, das Bundesgesundheitsamt, an, wichtige Erkenntnisse über die Epidemie zurückgehalten zu haben.Riesenschlamperei im Bundesgesundheitsamt, taz, 11. Mai 1994, abgerufen am 21. November 2025
Leben und Beruf Johanna Stehr wurde am 13. August 1939 als Tochter des Ingenieurs Julius Stehr und seiner Ehefrau Annelise geb. Bischoff in Eberswalde geboren. Sie studierte Humanmedizin und spezialisierte sich auf Innere Medizin und Infektiologie. Während ihres Studiums lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Manfred L’age kennen, ebenfalls ein Arzt und Infektiologe. Das Paar heiratete 1967 und hat eine Tochter.
Anfangs war Johanna L’age-Stehr als Assistenzprofessorin am Klinikum Steglitz der Freien Universität Berlin mit Schwerpunkt Innere Medizin tätig.Johanna L’age-Stehr, Klinikum Steglitz. FU Berlin Lexikon, abgerufen am 21. November 2025. Später übernahm sie die Leitung des Fachgebiets „Prävention von Viruskrankheiten“ am Robert Koch-Institut (RKI), das damals zum Bundesgesundheitsamt (BGA) gehörte.Johanna L’age-Stehr, Ärztin, geb. 1939. In: Deutsche Digitale Bibliothek.
AIDS-Bekämpfung alternativtext=grafische Darstellung nach Jahren, in der die Kurve steil bergauf geht, bis sie 1995 rapide absinkt|mini|Grafik: an AIDS-Verstorbene in den Vereinigten Staaten von 1987–1997 Johanna L’age-Stehr gehörte zu den Ersten in Deutschland, die sich wissenschaftlich mit HIV und AIDS beschäftigten.Johanna L’age-Stehr, Eilke Brigitte Helm (Hrsg.): AIDS und die Vorstadien: Ein Leitfaden für Praxis und Klinik. Springer, Berlin 1991. Als Leiterin des Fachgebietes „Allgemeine Virologie“ am Robert-Koch-Institut besuchte sie 1982 das Center of Disease Control (CDC) in Atlanta und veröffentlicht 1983 den ersten deutschsprachigen Artikel über die Infektionskrankheit AIDS, gemeinsam mit Meinrad Koch, einem Kollegen vom RKI.
Bereits 1984 warnte sie öffentlich vor der Gefahr einer rapiden Ausbreitung der Seuche, weil AIDS keineswegs, wie die damals politisch Verantwortlichen annahmen, lediglich Homosexuelle und Drogenabhängige befiele. In einem Briefwechsel mit der Frankfurter AIDS-Professorin Eilke Brigitte Helm, die später mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichnet wurde, klagte Helm 1987 in einem Brief an Johanna L’age-Stehr: Auf Anregung von L’age-Stehr hatte das RKI immerhin 1982 das erste anonymisierte AIDS-Fallregister für Deutschland eingerichtet, wo Ärzte freiwillig und anonym AIDS-Erkrankungen und Todesfälle melden konnten. Gemeinsam mit ihrem Mann Manfred L’age kämpfte sie in den Folgejahren weiterhin für eine anonymisierte Meldepflicht bei HIV-Infektionen, um möglicherweise Infizierte zu ermutigen, sich testen zu lassen, ohne gesellschaftliche Ausgrenzung befürchten zu müssen. Diese Sichtweise wurde jedoch von den damaligen politisch Verantwortlichen, einer Koalition aus CDU/CSU und FDP, nicht geteilt. Offiziell wurde weiterhin die Ansicht vertreten, das Problem von HIV und AIDS beträfe lediglich zahlenmäßig geringe Minderheiten der Gesamtbevölkerung. Eine Ausnahme bildete die damalige Familienministerin Rita Süßmuth, die eng mit dem RKI zusammenarbeitete und sich für eine AIDS-Prävention engagierte.
Als eine der ersten Ärzte wies L’age-Stehr öffentlich darauf hin, dass die Krankheit eine Vielfalt von Symptomen, darunter auch hirnpathologische Veränderungen wie Gedächtnisstörungen, Demenz oder psychotische Reaktionen nach sich ziehen könne.
Kritik am Bundesgesundheitsamt
1994 trat Johanna L’age-Stehr als Zeugin im dritten Untersuchungsausschuss des Bundestages „HIV-Infektionen durch Blut und Blutprodukte“ auf. Als Mitarbeiterin des Bundesgesundheitsamts erhob sie schwere Vorwürfe gegen ihre Behörde. Nach ihrer Sicht habe das Amt Mitte der 1980er-Jahre Erkenntnisse über Infektionswege von AIDS unterdrückt und zurückgehalten.
Die von der damaligen Bundesregierung vertretene Ansicht, die Ansteckungsgefahr beträfe lediglich Homosexuelle und Drogenabhängige, habe dazu geführt, dass die Bevölkerung längere Zeit einer unnötigen Gefährdung ausgesetzt wurde. Das bezog sich besonders auf Menschen mit Bluterkrankungen, die mit HIV-verseuchten Blutkonserven behandelt wurden. Die damalige Presse berichtet über den Fall und die Zeitschrift Spiegel schrieb: „Eine aufmerksame Fach-Beamtin am Bundesgesundheitsamt, die Professorin Johanna L’age-Stehr, die frühzeitig die Notwendigkeit eines Aids-Gesetzes und einer raschen gesundheitsbehördlichen Reaktion propagiert hatte, wurde kaltgestellt und zum Schweigen verurteilt.“Wegen des sogenannten Bluter-Skandals löste der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer das Bundesgesundheitsamt am 30. Juni 1994 auf.
Schriften (Auswahl) L’age-Stehrs Schrifttum verzeichnet mehr als 37 Publikationen, darunter: L’age-Stehr, E. Brigitte Helm, N. Stiller: AIDS und die Vorstadien: Ein Leitfaden für Praxis und Klinik. Springer, Berlin Heidelberg 1991, ISBN 978-3-64249-114-6. darin: L’age-Stehr, J. Estermann: Epidemiologie von AIDS und HIV-Infektionen in Deutschland. L’age-Stehr, Matthias Niedrig: Aktuelle Themen der Reisemedizin: Gelbfieberimpfung, allgemeine Infektionsprophylaxe und Diagnose „importierter“ Virusinfektionen. Robert-Koch-Institut, ISBN 978-3-896060-112. L’age-Stehr: Chlamydia pneumoniae and chronic diseases: proceedings of the state-of-the-art workshop held at the Robert-Koch-Institut Berlin on 19 and 20 March 1999. Springer, Berlin/Heidelberg/New York/Paris 2000, ISBN 978-3-540-41136-9.
Weitere Literatur Angela Brokmann: AIDS-Aufklärung als Happening. Das Versagen der Gesundheitspolitik: eine empirische Studie über die Reaktion der Bevölkerung auf die Bedrohung durch AIDS, Hamburg 1988, S. 5–8, ISBN 978-3-926206-15-2. Raimund Geene: AIDS-Politik. Ein Krankheitsbild zwischen Medizin, Politik und Gesundheitsförderung. Frankfurt am Main 2000, ISBN 978-3933050663. Brigitte Weingart: Ansteckende Wörter. Repräsentationen von Aids. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 978-3518122501.
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