Ein Tumor (Plural: Tumoren, umgangssprachlich auch Tumore;der Tumor. Duden von ‚Wucherung‘, ‚Geschwulst‘, ‚Schwellung‘; vgl. lateinisch tumescere „schwellen“) oder eine Geschwulst (von mittelhochdeutsch geswulst und verwandt mit gleichbedeutend swulst) im weiteren Sinn ist jede Zunahme des Volumens (Schwellung) eines umschriebenen Gewebes von höheren Lebewesen unabhängig von der Ursache (insbesondere Entzündungen, Ödeme und Krebsgeschwülste). Synonyme in einer zweiten, engeren Bedeutung sind die Bezeichnungen Neoplasie (NeubildungPaul Reichel: Die Neubildungen des Darmes (= Deutsche Chirurgie. Lieferung 46a, II). Stuttgart 1933.) und „Gewächs“ für vor allem unkontrolliert wachsende Zellwucherungen. Tumoren treten bei allen höheren Lebewesen (auch bei Pflanzen) auf. Dieser Artikel geht aber ausschließlich auf Tumoren bei Menschen ein, also auf die humanmedizinische Bedeutung. Eine harte Geschwulst wird als SzirrhusGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 401 (Anmerkung zu hert, mittelhochdeutsch für ‚harte Körperstelle‘). (lateinisch Scirrhus) bezeichnet.
Begriff Der Einleitung entsprechend gibt es in der Medizin heute zwei Definitionen des Begriffs Tumor: im weiteren Sinn jeglicher erhöhter Platzbedarf (Raumforderung) eines Gewebes (Intumeszenz) oder eine tastbare Verhärtung, z. B. auch eine Schwellung bei einer Entzündung (Ödem, Phlegmone, Abszess) oder Zyste (siehe hierzu auch Pseudotumor), oder auch eine Stuhlansammlung im Darm, die man vor dem Stuhlgang oft im linken Unterbauch tasten kann. Es ist also ein recht unscharfer Begriff. im engeren Sinn Neubildungen von Körpergeweben (Neoplasien), die durch Fehlregulationen bei der Zellproliferation entstehen – womit bezüglich der Gut- oder Bösartigkeit (Dignität) der Neubildung noch nichts ausgesagt wird.
Neoplasien können jegliche Art von Gewebe betreffen, sie können gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) sein. Die maligne Variante wird umgangssprachlich auch als Krebs bezeichnet. Neoplasien können alleinstehend („solitär“) oder mehrfach an verschiedenen Stellen im Organismus („multizentrisch“ oder „multifokal“) auftreten. Üblicherweise werden Tumoren als multizentrisch bezeichnet, wenn die Distanz zwischen den einzelnen Läsionen mehr als fünf Zentimeter beträgt und als multifokal, wenn die Distanz fünf Zentimeter oder kleiner ist, allerdings existiert keine exakte radiologische Definition für diese Begriffe. Je nach Ort (Lokalisation) des Tumors und der Funktion des durch ihn geschädigten Gewebes können sie zu einer Zerstörung von Organen mit Beeinträchtigungen des Gesamtorganismus bis hin zum Tod führen.
Einteilung (Neoplasie) Dignität (Wertigkeit) Tumoren sind Gewebeveränderungen, die auch vererblich, aber beim Menschen generell nicht ansteckend sind. Ihre Einteilung erfolgt nach ihrem biologischen Wachstumsverhalten und nach dem Ursprungsgewebe der Neoplasie.
In Abhängigkeit von der Dignität des Tumors, also seiner Fähigkeit, Metastasen auszubilden, unterscheidet man benigne (gutartige), maligne (bösartige) und semimaligne Tumoren. Die malignen Tumoren werden nochmals in niedrig-maligne und hoch-maligne Tumoren unterteilt.
Benigne (gutartige) Tumoren verdrängen durch ihr Wachstum umliegendes Gewebe, durchwachsen (infiltrieren) es aber nicht und bilden keine Absiedlungen. Maligne Tumoren sind bösartige Tumoren. Diese Tumoren werden häufig als Krebs bezeichnet. Sie sind invasiv, das heißt, sie wachsen in umgebendes Gewebe ein und zerstören es. Außerdem setzen sie durch Verbreitung über das Blut (hämatogen), über die Lymphe (lymphogen) oder durch Abtropfung beispielsweise im Bauchraum Tochtergeschwulste. Typische bösartige Tumoren sind der Dickdarmkrebs und der Lungenkrebs. Semimaligne Tumoren setzen in der Regel keine Tochtergeschwulste, zerstören aber umliegendes Gewebe und wachsen in dieses hinein (Destruktion und Infiltration).
Benigne (gutartig) Maligne (bösartig)Wachstumlangsam, verdrängendschnell, invasivAbgrenzung zum gesunden Gewebegut abgrenzbar (z. B. Kapsel, Pseudokapsel)schlecht abgrenzbarDifferenzierunggut differenziert, homogenes Gewebeunreifes, heterogenes GewebeZellgehaltniedrighochZellveränderungenkeine oder wenige Zellveränderungen geringe mitotische AktivitätHohe Mutationsrate, viele atypische Veränderungen (Atypien), hohe ZellteilungsrateVerlauflang dauernd, symptomarm, keine Metastasen, selten Rezidivekurz, häufig letal, Metastasen, häufig Rezidive
Systematik Gutartige Tumoren und semimaligne Tumoren werden nach ihrer Herkunft weiterdifferenziert. Die Benennung erfolgt durch die angehängte Endung „-om“ an den lateinischen Namen des Ursprungsgewebes.
Bösartige Tumoren werden ebenfalls – soweit das Ursprungsgewebe noch erkennbar und der Tumor nicht völlig entdifferenziert ist – nach diesem Ursprungsgewebe benannt. Allerdings wird diese Nomenklatur nicht konsequent durchgehalten, so dass auch andere Begriffe dafür verwendet werden (z. B. Siegelringzellkarzinom nach dem Aussehen der Tumorzellen). Bösartige Tumoren werden im Deutschen als Krebs bezeichnet (auch wenn Krebs die Übersetzung des Griechischen Wortes 'Καρκινος' ist, und damit nur eine – wenn auch die häufigste – Gruppe von bösartigen Tumoren bezeichnet wird).
Bösartige Tumoren können sich aus noch nicht bösartigen Vorstufen, sogenannten Präkanzerosen, entwickeln. Diese werden unterteilt in fakultative und obligate Präkanzerosen.
Die bösartigen Tumoren werden folgendermaßen untergliedert: Karzinome bezeichnen bösartige Tumoren, die sich vom Epithel ableiten. Sie machen einen Großteil der Krebserkrankungen aus. Sarkome (griechisch σάρξ, sarx, Fleisch), die sich aus dem Binde- und Stützgewebe ableiten, zum Beispiel Rhabdomyosarkome: Krebs der quergestreiften Muskulatur Angiosarkome: Krebs der Blutgefäße Leiomyosarkome: Krebs der glatten Muskulatur, z. B. seltene Formen von Gebärmutterkrebs neuroendokrine Tumoren, die sich aus dem Neuroektoderm ableiten, zum Beispiel Phäochromozytom Insulinom kleinzelliges Bronchialkarzinom Hämatoonkologische Malignome, die sich aus Blut- oder Blutstammzellen ableiten Leukämien (die keine Tumoren sind) Lymphome Dysontogenetische Tumoren Teratome aus embryonalem Gewebe (alle drei Keimblätter) Embryonale Tumoren (entstehen während der Organentwicklung durch Gewebefehldifferenzierung) Mischtumoren, die aus epithelialen und mesenchymalen Anteilen aufgebaut sind
Die weitere Einteilung bösartiger Tumoren erfolgt analog der TNM-Klassifikation der UICC. Es handelt sich um eine klinisch-empirische Einteilung, welche die weitere Diagnostik, Therapie und Prognose bösartiger Tumoren bestimmt.
Klassifikation nach der ICD-10 siehe Klassifikation menschlicher Tumoren
Nomenklatur der Tumoren QuelleW. Böcker: Pathologie. Elsevier, Urban & Fischer Verlag, 2008, ISBN 3-437-42382-7, S. 198 f. gesundes Gewebe gutartige Tumoren (Beispiele) bösartige Tumoren (Beispiele) Epitheliale Tumoren Plattenepithel Plattenepithelpapillom Plattenepithelkarzinom Basalzellen Basalzellpapillom Basaliom Urothel Übergangsepithelpapillom Urotheliom Drüsen Adenom, Papillom, Zystadenom Adenokarzinom, papilläres Adenokarzinom, villöses Adenokarzinom, Zystadenokarzinom, Siegelringkarzinom Neuroendokrine Tumoren endokrine Zellen in verschiedenen Organen Karzinoide Nebennierenmark Phäochromozytom malignes Phäochromozytom Nebennierenrinde Nebennierenrindenadenom Nebennierenrindenkarzinom endokrines Pankreas Insulinom malignes Insulinom Adenohypophyse Prolaktinom Paraganglion Paragangliom C-Zellen medulläres Karzinom Neuroektodermale Tumoren Gliazellen, Meningozyten gutartige Gliome, Meningeom Astrozytom, Glioblastom, anaplastisches Meningeom Melanozyten Nävus malignes Melanom Mesenchymale Tumoren (Sarkome) Bindegewebe und Derivate Fibrom Fibrosarkom aggressive Fibromatose Myxosarkom kutanes fibröses Histiozytom Malignes Fibröses Histiozytom Fettgewebe Lipom Liposarkom Knorpel Chondrom Chondrosarkom Knochen Osteom Osteosarkom Synovialis Synovialkarzinom glatte Muskulatur Leiomyom Leiomyosarkom quergestreifte Muskulatur (Skelettmuskulatur) Rhabdomyom Rhabdomyosarkom Gefäße Hämangioendotheliom, Lymphangiom Hämangiosarkom, Lymphangiosarkom periphere Nerven Schwannom maligner peripherer Nervenscheidentumor (MPNST) Neurofibrom Mesothel benignes Mesotheliom malignes Mesotheliom Hirnhaut Meningeom Granulosazelle Granulosazelltumor, Luteom Sonderformen mesenchymaler Tumoren Knochenmark akute myeloische Leukämie, chronische myeloische Leukämie Ewing-Sarkom Plasmazellen multiples Myelom Lymphatisches System maligne Lymphome: Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom Sonderformen gemischt endothelial-mesenchymale Tumoren Fibroadenom der Mamma Adenofibrom des Ovars Adenosarkom Adenosarkom der Gebärmutterschleimhaut Karzinosarkom der Gebärmutterschleimhaut Keimzelltumoren Keimzellen differenziertes Teratom malignes Teratom Seminom Ovar Dysgerminom Tumoren der embryonalen Gewebe embryonales Karzinom Nephroblastom Neuroblastom Medulloblastom Retinoblastom Hepatoblastom Chorionepitheliom Kraniopharyngeom
Klassifikation nach WHO Tumoren sind nach WHO in Grade eingeteilt (TNM-Klassifikation): T: Tumor, N: Nodus (LymphkNoten), M: Metastasen (Fernmetastasen), R: Resektion (Resttumor). G: Grading
T-Klassifikation (Größe des Tumors): T 1–3: Tumor ist auf das Ausgangsorgan beschränkt T 4: Tumor infiltriert andere Organe
N-Klassifikation (Lymphknoten): Fehlen bzw. Vorhandensein von regionalen Lymphknotenmetastasen
M-Klassifikation (Metastasen): Vorhandensein oder Fehlen von Fernmetastasen 0–1
R-Klassifikation (Resektion): Resektion mikroskopisch = 0 (Kein Resttumor) Resektion mikroskopisch = 1 (Resttumor vorhanden) Resektion mit makroskopisch verbliebenen Tumorresten = 2
G-Klassifikation (Grading): G1 bis G4 gute Differenzierung (dem ursprünglichen Gewebe ähnlich) bis hochgradig maligne
Die Lokalisation der Tumoren ist die wesentliche Grundlage der Einteilung der Neubildungen in der von der WHO herausgegebenen Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10).
Entstehung
Tumoren entstehen durch Entartung, genauer durch eine Anhäufung von Mutationen in bestimmten Genen (engl. ). Diese bestimmten Gene sind typischerweise Protoonkogene oder Tumorsuppressorgene. Alternativ kann eine Entartung durch Onkoviren und onkogene Bakterien erfolgen, bei denen eine fortlaufende Stimulation mit Zytokinen durch die Immunreaktion und mit Wachstumsfaktoren zum Ersetzen der zerstörten Zellen auftritt, z. B. beim Hepatitis-B-Virus. Durch eine häufige Zellteilung wird die Entstehung von Mutationen beim Kopieren des Genoms begünstigt. Bei einigen persistenten Viren (die genomisch-integrierenden Viren) erfolgt zusätzlich eine Insertionsmutation durch das Einfügen des viralen Genoms in das Genom des Wirts, was meistens in entfalteten und transkriptionsaktiven Bereichen der DNA erfolgt, z. B. bei Retroviren. In seltenen Fällen kann ein Tumor auch übertragen werden, z. B. durch eine Organtransplantation und die begleitende Immunsuppression oder – bei Hunden, Beutelteufeln und Hamstern – durch infektiöse Tumoren.
Effekte von Tumoren auf den Körper Benigne Tumoren wachsen in der Regel langsam und beeinträchtigen den Körper nicht. Einige benigne Tumoren können aber zu malignen Tumoren mutieren. Hier sind vor allem Dickdarmpolypen (Kolonadenome) zu nennen, die sehr häufig zu Adenokarzinomen entarten (sogenannte Adenom-Karzinom-Sequenz). Hormonproduzierende Adenome können allerdings durch ihre Hormonwirkung zu schwerwiegenden Erkrankungen führen.
Komplikationen benigner und maligner Tumoren sind: