Abendschauer über der großen Brücke in Atake oder auch Plötzlicher Schauer über der Brücke Shin-Ōhashi und AtakeMelanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 328. (, Ōhashi atake no yūdachi) ist der Titel eines Farbholzschnitts des japanischen Künstlers Utagawa Hiroshige. Das Werk wurde 1857 als Einzelblatt im Rahmen der Serie 100 berühmte Ansichten von Edo veröffentlicht und ist eines der bekanntesten Drucke von Hiroshige. Der Holzschnitt zeigt Menschen, die während eines heftigen Regens eine Brücke in Edo, dem heutigen Tokio, überqueren.
Bildbeschreibung Abgebildet ist, von unterhalb der Bildmitte rechts diagonal abwärts strebend, die hölzerne Große Brücke in Atake über den Sumida-Fluss, die zugleich ein markantes Bauwerk der Hauptstadt Edo war. Der massive Unterbau aus Stützpfeilern nimmt den unteren Teil der Abbildung ein. Zwei Frauen und fünf Männer gehen über die Brücke und schützen sich mit Schirmen, Strohmatten oder einem Hut gegen den plötzlich einsetzenden Regenschauer, der aus dunklen Wolken am oberen Bildrand fällt. Der Regen, dargestellt durch schräge, nach links verlaufende und einander kreuzende Linien, erscheint wie ein Vorhang vor der Szenerie.Adele Schlombs: Hiroshige. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 60.
Im mittleren Bildteil erkennt man links einen Bootsmann, der sein mit Bauholz beladenes Floß den Fluss hinunterstakt.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 328.Andreas Marks: Japanische Holzschnitte. Taschen Verlag, Köln 2024, S. 88. Vom gegenüberliegenden Stadtteil Atake ist nur schemenhaft in dunklen Grautönen der Wald entlang des Ufers zu erkennen. Die drei hellen Dreiecke am linken Blattrand deuten Bootshäuser an. Darüber erstreckt sich in einem hellen Blaugrau der wolkenverhangene Himmel. Das baumbestandene Ufer verläuft von rechts diagonal aufwärts durch die obere Bildhälfte, so dass die Abbildung insgesamt in drei Abschnitte unterteilt wird, die den Himmel, den Fluss und die Brücke umfassen.
Die Brücke und Atake mini|Karte von Edo um 1860: ① Edo-jō (Burg Edo) ② Sumidagawa (Sumida-Fluss) ③ Ryōgokubashi (Ryōgoku-Brücke) ④ Shin Ōhashi (Neue große Brücke) Dargestellt ist die von den Bewohnern Edos allgemein nur Ōhashi (wörtlich „Große Brücke“) genannte Brücke, die nach Andreas Marks die dritte Holzbrücke über den Fluss Sumida (Sumidagawa) in Edo war und im Januar 1694 eröffnet worden war. Sie sollte Nihonbashi, das traditionelle Stadtzentrum, mit dem Stadtteil Fukagawa am gegenüberliegenden Flussufer verbinden.Michail Uspenski: Hiroshige. Hundert Ansichten von Edo. Sirrocco Verlag, London 2005, S. 132. Der offizielle Name der Brücke war Shin Ōhashi (wörtlich „Neue große Brücke“), um sie von der weiter nördlich gelegenen Ryōgoku-Brücke zu unterscheiden, die bis dahin im Volksmund als Ōhashi bezeichnet worden war. Die Shin-Ōhashi sei von den Edoern bald nach ihrer Eröffnung ebenfalls nur noch Ōhashi genannt worden.Andreas Marks: Hiroshige's One Hundred Famous Views of Edo. Tuttle Publishing, Tokio, Rutland (Vermont), Singapur 2024, S. 137.
Auf der linken Seite des gegenüberliegenden Ufers lag nach A. Marks Ofunagura, heute der Shin-Ōhashi-Bezirk in Tokio, die shogunale Schiffswerft, die als Atake bekannt war. Der Name Atake sei abgeleitet von dem Schiffsnamen Atake-maru, einem Vergnügungsboot (gozabune) für Adlige, das an dieser Stelle seinen Liegeplatz hatte und im Jahr 1682 abgewrackt worden war. Nach Michail Uspenski sei Atake der im Volk verbreitete Name der Ortschaft gewesen, auf die sich der Blick in Hiroshiges Holzschnitt öffnet, und hätte seine Bezeichnung nach dem Kriegsruderboot Atake-maru erhalten, das zu einem Typ großer, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufkommender Kriegsruderboote (atakebune) gehörte.
Inschriften Am oberen rechten Bildrand ist die quadratische Titelkartusche in Form eines japanischen Gedichtblattes zu erkennen. Die Inschrift auf Braun-Grün-Beige-Tönen lautet Ōhashi atake no yūdachi (, „Abendschauer über der Großen Brücke in Atake“). Mit yūdachi () bezeichnet man im Japanischen einen Abendschauer oder auch einen plötzlichen Regenschauer, der im Sommer häufig nachmittags oder abends auftritt. Auf dieser Doppelbedeutung beruhen auch die Titelvarianten Abendschauer und Plötzlicher Schauer. Der Hintergrund der Titelkartusche variiert je nach Druckversion. Daneben wird in einer rechteckigen Kartusche mit schwarzer Tinte auf rotem Untergrund der Titel der Serie wiedergegeben: Meisho Edo hyakkei (, „100 berühmte Ansichten von Edo“). Am rechten oberen Rand, außerhalb der Bildfläche ist rechts das runde Zensursiegel aratame (, „geprüft“) und links davon das ovale Datumssiegel mi, kyū (, Schlange, neun) zu sehen. Das Datum entspricht annähernd dem 9. Monat 1857.
Am unteren linken Bildrand befindet sich in einer rechteckigen, roten Kartusche die Signatur des Künstlers Hiroshige ga (). Links daneben, außerhalb des Bildes ist das Signum Shitaya Uoei () des Verlegers Sakanaya Eikichi zu sehen.
Herstellung Ein Charakteristikum der 100 berühmten Ansichten von Edo ist die herausragende Arbeit der Holz- und Plattenschneider und der Drucker. Die Holzschneider nutzen die auf eine Kirschholzplatte aufgeklebte Tuschezeichnung Hiroshiges, um die Konturen entsprechend herauszuarbeiten. Eine besondere Herausforderung stellte die Vielzahl der unterschiedlich feinen Stege für den Regen dar, die aus der Holzplatte freigelegt werden mussten. Diese Konturenplatte diente als Vorlage für die verschiedenen Farbplatten. Entsprechend einem Zensurgesetz von 1842 war die Anzahl der Farben auf maximal acht beschränkt.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 59–60.
Die Drucke sind im Ōban-Hochformat (ca. 33,8 × 22,1 cm) ausgeführt. Die bedruckte Fläche ist an allen vier Seiten mit einer dünnen schwarzen Linie von der unbedruckten Papierfläche abgegrenzt. Die Ecken sind nach innen abgerundet, so dass sich zusammen mit den Rändern der Eindruck eines gerahmten Bildes ergibt. Die Drucker hatten beim Farbauftrag auf die verschiedenen Farbplatten einigen Spielraum, da beim Druck des Abendschauers die Drucktechnik atenashi bokashi (nicht angegebene Farbgradierung) besonders elaboriert zur Anwendung kam. Dabei wird die wolkenartige Farbgradierung auf einem von der Holzplatte nicht vorgeschriebenen Bereich aufgebracht. Daher fallen die unregelmäßigen schwarzen Wolken am oberen Bildrand auf jedem Abzug etwas anders aus.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 60 und 329.
mini|Erste Version mit weißen Bootshäusern und zwei weiteren Booten Allem Anschein nach fertigte Hiroshige verschiedene Versionen dieser Komposition an, denn die erste, sehr seltene Version zeigt die Dreiecke der Bootshäuser in leuchtendem Weiß und zwei weitere Boote nahe dem Ufer am rechten Bildrand. Kurz nach den ersten Abzügen des Entwurfs muss die Komposition zu der vorliegenden Version verändert worden sein, die nach allgemeiner Auffassung stimmiger und wirkungsvoller ist. Die besondere Farbgradierung auf der Brücke ist ein Kennzeichen dieser begehrten zweiten Version.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 329.
Die Bäume im Hintergrund wurden in späteren Drucken stärker hervorgehoben, während man die drei Bootshäuser immer weniger betonte. Spätere Nachdrucke sind daran zu erkennen, dass sie farblich einfacher gestaltet und hinsichtlich der Farbgradierungen weniger ausgearbeitet sind. Insbesondere der Farbakkord Braun-Grün-Beige im Hintergrund der Titelkartusche wird auf weniger Farben reduziert.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 60. Die abnehmende Qualität ist vermutlich auf eine Mischkalkulation zurückzuführen. Den gut verkäuflichen Erstdrucken mit hoher Qualität folgten billigere Versionen, die eine entsprechende hohe Auflage erreichten und die Herstellung der Serie rentabel machten.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 59.
Hintergrund Hiroshiges 100 Ansichten von Edo dienten nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Information über besondere Ereignisse, da die Entstehung der Serie in eine politisch und gesellschaftlich turbulente Zeit fällt. 1855 hatte das schwere Ansei-Edo-Erdbeben die Stadt erschüttert und eine Feuersbrunst entfacht, wodurch zahlreiche Stadtviertel zerstört wurden und etwa 10.000 Menschen den Tod fanden. Hiroshiges Bilder zeigen aber nicht die Zerstörungen und menschlichen Tragödien, sondern dokumentieren, wenn auch meist nur im Hintergrund, den Wiederaufbau der Stadt. Die Bootshäuser in der vornehmen Gegend von Atake, die zum Besitz der Shogune gehörten und kurz zuvor wiedererrichtet worden waren, sind schemenhaft angedeutet und bieten Gesprächsstoff über die voranschreitenden Arbeiten.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 46–47.
Hiroshiges Darstellungen enthalten häufig einen narrativen Aspekt und erwecken den Anschein, dass ein Handlungsablauf dargestellt wird. So vermittelt die schwarze Farbabstufung am oberen Bildrand den Eindruck eben erst heraufgezogener Gewitterwolken. Da sich drei Männer einen Schirm teilen, um sich vor dem Regen zu schützen, liegt der Schluss nahe, dass sie von dem Schauer überrascht wurden. In der Darstellung scheint also das Element der Zeit einkalkuliert zu sein. Insofern könnte man diese suggestive Bildtechnik auch als proto-filmisch bezeichnen.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 40–41.
Hiroshige wählte in zahlreichen Blättern der 100 Ansichten von Edo die in der japanischen Maltradition verankerte Vogelperspektive, bei der man von einem erhöhten Standpunkt auf die Landschaft blickt. Die Raumtiefe wird dabei konventionell durch Übereinanderschichten von Bildebenen erzeugt. Daher gibt es keinen Fixpunkt, der das Bildzentrum definiert. Die Zentralperspektive, die einen solchen Fixpunkt liefert, war kein konstituierendes Prinzip in der japanischen Bildgestaltung. Der Betrachtende sieht sich stattdessen veranlasst, seinen Blick durch das Bild wandern zu lassen.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 40.
mini|Utagawa Hiroshige: Die Ryōgoku-Brücke mit großem Flussufer (1856) Die Einzelblätter der 100 Ansichten ordnete man später zur Veröffentlichung in einem Sammelband nach den vier Jahreszeiten und gruppierte sie nach regionalen und thematischen Gesichtspunkten.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 43. Auf den Abendschauer über der großen Brücke in Atake folgt eine Ansicht der weiter flussaufwärts gelegenen Ryōgoku-Brücke. Der Blick des Betrachters ist wieder nach Osten gerichtet und schweift aus der Vogelperspektive über die Brücke im Vordergrund und das stadtauswärts gelegene Ufer des Sumida-Flusses im Hintergrund. Die Ryōgoku-Brücke mit großem Flussufer ist ein weiteres Beispiel für die Unterteilung des Bildraums durch Diagonalen als wiederkehrendes Gestaltungsschema in Hiroshiges Bildern.Melanie Trede, Lorenz Bichler: Hiroshige. Hundert berühmte Ansichten von Edo. Taschen Verlag, Köln 2022, S. 332.
Rezeption