mini|Landschaften der Insel und ihre Lage im Lake Superior mini|Oberflächengestalt mini|Zwei Wölfe greifen einen Elch an. Luftbild von Rolf O. Peterson (Isle Royale, 2012) mini|Wolfrudel umstellt Elch. Luftbild von David Mech (Isle Royale, 1966) Das Isle Royale Wolf-Moose Project ist eine ökologische Langzeitstudie zur Räuber-Beute-Beziehung von Wölfen und Elchen auf der im Lake Superior gelegenen Isle Royale im Norden des US-Bundesstaats Michigan, unweit der Grenze zu Kanada. Das Forschungsprojekt wurde 1958 von dem US-amerikanischen Wildtierbiologen und Naturschützer Durward Allen begonnen und wird seitdem ohne Unterbrechung fortgeführt. Es ist „mit Abstand die weltweit am längsten laufende Studie zu einem Raubtier-Beute-System“.Michael P. Nelson, John A. Vucetich, Rolf O. Peterson und Leah M. Vucetich: The Isle Royale Wolf – Moose Project (1958–present) and the Wonder of Long-Term Ecological Research. In: Endeavour. Band 35, Nr. 1, 2011, S. 31–39, doi:10.1016/j.endeavour.2010.09.002.
Zuwanderung der Elche Die Isle Royale (ISRO) ist mit rund 535,4 km² die größte Insel eines Archipels von insgesamt mehr als 200 weiteren, kleinen und sehr kleinen Inseln am nordwestlichen Rand des Lake Superior. Sie ist 72 Kilometer lang und misst an ihrer breitesten Stelle 14 Kilometer. Die Inseln – und die Wasserfläche bis in eine Entfernung von rund 7 Kilometern um die Hauptinsel – wurden 1940 zum Isle-Royale-Nationalpark erklärt.Michigan Technological University (Hrsg.): Isle Royale Biosphere Reserve. Band 1: A History of Scientific Studies. U. S. Department of the Interior, National Park Service, Atlanta (Georgia) 1985 (npshistory.com Volltext PDF). Das nächstgelegene Festland ist die Küste der nördlich liegenden, 24 Kilometer entfernten Stadt Thunder Bay in der kanadischen Provinz Ontario.
Zu den geologischen Besonderheiten der Isle Royale gehört, dass entlang ihrer Längsachse viele parallel verlaufende Höhenrücken und Täler existieren, in denen sich zahlreiche Seen sowie hunderte Tümpel, Moore und Sumpfgebiete befinden. Die höchste Erhebung reicht bis 242 Meter über Lake Superior, das entspricht 425 Meter über Meeresspiegel. Das Erdreich ist vielerorts sehr dünn, sodass zahlreiche Aufschlüsse von anstehendem Gestein zutage treten. Die Vegetation ist dicht, in der Nähe von Seen und an den Küsten existieren kleinere boreale Nadelwälder und im Inselinneren Laubwälder.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis in die 1910er-Jahre wurden zahlreiche Publikationen zur Geologie und Ökologie der Isle Royale verfasst. Vereinzelt wurden darin auch Elch-Sichtungen erwähnt, das eigentliche Thema der Publikationen war in der Regel aber die Suche nach Kupfer-Vorkommen. Zu den Ausnahmen gehörten zwei Forschergruppen des University of Michigan Museum, die 1904 und 1905 auch Herbarbelege sammelten, die vorhandenen Arten der Säugetiere, der Vögel sowie der Wirbellosen in Listen erfassten und ihre Funde im Kontext grundlegender ökologischer Zusammenhänge beschrieben. 1929 und 1930 sammelten Forschergruppen des University of Michigan Museum erneut Daten über die Pflanzen und Tiere auf der Insel – und berichteten beim Vergleichen ihrer Daten mit den Befunden aus den 25 Jahre zuvor gemachten Erhebungen markante Unterschiede: Es gab keinen Luchs mehr; die Karibus waren ebenfalls verschwunden, vermutlich bereits seit 1922; hingegen gab es nunmehr einen großen Bestand an Elchen, die entweder im kalten Winter 1912/13 über den zugefrorenen Lake Superior aus Kanada eingewandert waren oder bereits einige Jahre zuvor schwimmend auf die Insel gelangt oder unbemerkt als künftiges Jagdwild angesiedelt worden waren.Samuel V. Scarpino, Rafael F. Guerrero und Philip V. Scarpino: The Moose of Isle Royale: An Unnatural Condition? Mai 2015, doi:10.1101/019984. 1915 wurde ihr Bestand von Paul F. Hickie (Michigan Department of Conservation) bereits auf rund 200 Exemplare geschätzt,History of the Isle Royale Mammals. National Park Service, 2002; abgerufen am 3. Oktober 2025. 10 Jahre später hatte sich der Bestand auf 2000 Tiere verzehnfacht; 1930 schätzte Adolph Murie den Bestand der Elche auf bis zu 3000 Exemplare.Adolph Murie: The Moose of Isle Royale (= Museum of Zoology, Miscellaneous Publications. Nr. 25). University of Michigan Press, Ann Arbor 1934 (Volltext PDF).
Erste Bestandsaufnahme der Elche Vor dem Hintergrund der starken Bestandsvergrößerung der Elche und Überlegungen zur Einrichtung eines ISRO-Nationalparks gab das Parlament von Michigan im Frühjahr 1929 15.000 Dollar für vier Feldstudien frei, um eine Bestandsaufnahme zu den vier Bereichen Anthropologie, Botanik, Geologie und Geografie sowie Zoologie erarbeiten zu lassen. Vom Direktor des University of Michigan Museum, dem die Leitung der Feldstudien übertragen worden war, wurde der Postdoc Adolph Murie für den Bereich Zoologie beauftragt. Dieser verbrachte die Zeit von Anfang August bis Mitte Oktober 1929 und von Anfang Mai bis Ende Juni 1930 auf der Insel. Murie kam bezüglich der Elche zu dem Ergebnis, dass ihre Futterpflanzen so stark überweidet seien, dass sie insbesondere gegen Ende des Winters bereits hungerten. In seinem Bericht The Moose of Isle Royale empfahl er 1934, die Elchpopulation entweder durch Jagd, durch Umsiedlung oder durch das Einführen von großen Beutegreifern wie Braunbär, Puma oder Wolf zu reduzieren, da andernfalls Hunger und Krankheiten zum Absterben einer großen Anzahl von Elchen führen werde. Es sei zudem absehbar, dass es mehrere Jahre dauern werde, bis die Vegetation sich erholt hat. Tatsächlich kam es bereits ab 1933 zu zahlreichen Todesfällen infolge von Unterernährung. Ab dem Winter 1934/35 waren die Futterreserven derart erschöpft, dass der Elchbestand 1936 nur noch auf 400 bis 500 Exemplare geschätzt wurde; 1943 wurden weniger als 200 Tiere gezählt. Danach erholte sich der Bestand allmählich, zwischen 1948 und 1950 kam es jedoch erneut zu vielen Todesfällen durch Mangel an genügend Futterpflanzen; 1957 wurden 300 Tiere registriert.
Zuwanderung der Wölfe Zehn Jahre zuvor, zwischen 1947 und 1949, gelangten ohne Zutun des Menschen einige große Beutegreifer auf die Insel, vermutlich über den zugefrorenen Lake Superior, auf Eis und Schnee aus Ontario kommend. Erste wissenschaftliche Beobachtungen dieser zugewanderten Wölfe machten in den Wintermonaten der Jahre 1953, 1956 und 1957 Biologen des National Park Service. Aus ihren Beobachtungen ging hervor, dass die Wolfpopulation wohl von Dauer sein werde. Daraufhin bemühte sich Durward Allen, seit 1954 als Biologe am Department of Forestry and Conservation der Purdue University tätig, drei Jahre lang um Forschungsgelder für eine Studie über die erst in jüngster Zeit entstandene Räuber-Beute-Beziehung auf der Isle Royale: „In einem Rahmen, der einem Labor so nahe kommt, wie es für Ökologen nur möglich ist; ein Insel-Ökosystem mit einer dem Anschein nach isolierten Population eines einzigen Raubtiers und einer einzigen Beute, ein ‚einfaches‘ System, in dem die Populationsdynamiken das Ergebnis von Elchen sind und von Wölfen, die sie fressen.“ Dies jedoch in einer Zeit, in der die US-Regierung über den U.S. Biological Survey (einen Vorläufer des United States Fish and Wildlife Service) die Ausrottung des Wolfes befürwortete. Durward Allen schrieb dazu 1954 in seinem Buch Our Wildlife Legacy: „Für sie ist ein fleischfressendes Tier kein Wildtier, sondern der Feind aller ehrlichen Wildtiere. Der Wolf lebt nicht im Wald, er befällt ihn. Ein Raubtier tötet man nicht einfach, man richtet es hin.“Durward Allen: Our Wildlife Legacy. A Lively and Compelling Account of Our Nation's Most Interesting Natural Resource. Funk & Wagnalls, New York 1954, S. 232. 1957 war die Finanzierung des Projekts (anfangs durch die National Geographic Society und die National Science Foundation, später auch durch den National Park Service) schließlich geklärt; es begann 1958 unter der Leitung von Allen, unter jahrelanger Mithilfe seines Assistenten David Mech – und endete bis heute nicht (Stand: Oktober 2025). 1975 übergab Allen die Leitung des Projekts an einen seiner letzten Doktoranden, Rolf O. Peterson,Die Schwierigkeiten, das Projekt jahrzehntelang finanziert zu bekommen, wird ausführlich geschildert in Nelson et al., The Isle Royale Wolf–Moose Project (1958-present) and the Wonder of Long-Term Ecological Research (siehe Beleg 1). dem wiederum im Jahr 2000 der Biologe John A. Vucetich folgte, später Professor an der Michigan Technological University, der erst ein Jahr zuvor promoviert worden war.John Andrew Vucetich: The Influence of Population Variability on Demographic and Genetic Components of Extinction Risk. Michigan State University, School of Forestery & Wood Products. Dissertation, East Lansing 1999.
Populationsdynamik Durward Allen hatte anfangs eine Laufzeit von zehn Jahren für das Projekt angesetzt.An Overview of the Study. Auf: isleroyalewolf.org, abgerufen am 3. Oktober 2025. Eine der – wegen fehlender Langzeitstudien – bis dahin unbeantwortet gebliebenen ökologischen Forschungsfragen war, ob es möglich sei, dass die Wölfe ihre Beute so stark bejagen, dass die Elche schließlich aussterben. Oder ob sich ein Gleichgewicht zwischen Räuber und Beute entwickelt, bezogen auf die jeweilige Anzahl der Exemplare beider Arten, wie das seit Mitte der 1920er-Jahre von den Lotka-Volterra-Regeln nahegelegt wurde. Nach zehn Jahren hatte sich der Bestand beider Arten überraschenderweise ganz anders entwickelt: Die Anzahl der Elche hatte sich nahezu kontinuierlich von rund 500 auf über 1000 Exemplare verdoppelt, während die Anzahl der Wölfe nach 5 Jahren von 20 auf 25 Exemplare angewachsen war, nach weiteren fünf Jahren aber erneut nur 20 Exemplare betrug; im Mittel betrug sie 22 Exemplare. In der folgenden Dekade (1969–1979) wuchs die Wolfpopulation auf bis zu 50 Exemplare an, die Anzahl der Elche ging vergleichsweise moderat auf rund 800 Exemplare zurück. In den folgenden Jahren blieb die Zahl der Wölfe jedoch bei maximal rund 30 Exemplaren, die Anzahl der Elche stieg hingegen bis 1994 bis auf 2500 an. Auf der Website des Projekts heißt es zusammenfassend: „the abundance of wolves and moose are not related in any simple manner“ (Die Häufigkeit von Wölfen und Elchen ist nicht auf einfache Weise miteinander verbunden).The Population Biology of Isle Royale Wolves and Moose. Auf: isleroyalewolf.org, abgerufen am 3. Oktober 2025.
Die Zählung der Elche erfolgt jeweils aus der Luft, von einem eigens hierfür angemieteten Flugzeug. Die Anzahl der Wölfe wird im Winter vom Boden aus ermittelt, insbesondere anhand ihrer Spuren im Schnee und aufgrund von Sichtungen.
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