Die Münzstätte St. Gallen geht zurück auf Münzprägungen ab Ende des 13. Jahrhunderts in der Schweizer Stadt St. Gallen. Geprägt wurden die Münzen zunächst durch das Kloster Sankt Gallen, dann durch die Stadt und schliesslich bis Anfang des 19. Jahrhunderts durch den Kanton St. Gallen.

Geschichte In St. Gallen, dem heutigen Hauptort des gleichnamigen Kantons, setzte die Münzprägung wohl Ende des 11. Jahrhunderts ein und dauerte bis in das frühe 19. Jahrhundert an.Hans-Ulrich Geiger: Moneta Sancti Galli. Die Münzprägung St. Gallens im Hochmittelalter, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 106, 1988, S. 131–144. Zu den ältesten erhaltenen Münzen aus dieser Zeit gehören dünne, zweiseitig geprägte Dünnpfennige (Halbbrakteaten).Ernst Ziegler: Zur Münzgeschichte des Klosters St. Gallen von den Anfängen bis ins 15. Jahrhundert, in: St. Gallen 612–1987. Ausstellungskatalog, St. Gallen 1987, S. 3. Insgesamt prägten in St. Gallen drei verschiedene Akteure Münzen. Den Beginn machte dabei die Abtei, die im Mittelalter und während zweier kurzer Phasen im 17. und 18. Jahrhundert münzte. Demgegenüber setzte die städtische Prägetätigkeit 1407 ein und dauerte mit längeren Unterbrüchen bis 1797. Zuletzt prägte der im Zuge der Helvetischen Republik neu gegründete Kanton St. Gallen von 1803 bis etwa 1817 Münzen.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 60.

Fürstabtei St. Gallen Als Beleg für eine bereits im 10. Jahrhundert einsetzende Münzprägung unter dem St. Galler Abt Craloh (?–958), wurde bis anhin auf das Privileg Ottos I. (912–973) vom 12. Juni 947 verwiesen, in welchem der König der Abtei das Markt- und Münzrecht in Rorschach verleiht. Bisherigen Erkenntnissen nach gilt die tatsächliche Nutzung dieses Privilegs allerdings als eher unwahrscheinlich.Ernst Ziegler: Zur Münzgeschichte des Klosters St. Gallen von den Anfängen bis ins 15. Jahrhundert, in: St. Gallen 612–1987. Ausstellungskatalog, St. Gallen 1987, S. 2. Die ältesten St. Galler Münzen lassen sich in das spätere 11. Jahrhundert verorten.Hans-Ulrich Geiger: Moneta Sancti Galli. Die Münzprägung St. Gallens im Hochmittelalter, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung 106, 1988, S. 135. In der Mitte und in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Abtei und der Stadt, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts, während der sog. Appenzeller Kriege, in der Übernahme der Münzprägung durch die Stadt mündeten.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 37. Dies bedeutete das vorläufige Ende äbtischer Münzen; letztere wurden erst wieder im 17. Jh. (1622–1624) und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geprägt und dann lediglich für eine kurze Periode.Jean-Paul Divo / Boris Schneider / Edwin Tobler: Die Münzen der Schweiz im 17. Jahrhundert, Zürich 1987, S. 273–275.

Stadt Im Zuge der städtischen Bestrebungen nach einer eigenständig organisierten Stadtherrschaft mit Rat und Bürgermeister versuchte sich St. Gallen im Laufe des 14. Jahrhunderts von der Abtei und dem Abt als Stadtherrn loszulösen.Wilhelm Ehrenzeller: Kloster und Stadt St. Gallen im Spätmittelalter. Untersuchungen zur politischen Geschichte im Spätmittelalter und in der Reformationszeit (1), o. O. o. J., S. 43, 50. Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts setzten Auseinandersetzungen zwischen der Stadt und der Abtei ein, bei welchen es vordergründig um wirtschaftliche und herrschaftlich nutzbare Hoheitsrechte ging.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 37. Zu welchem Zeitpunkt die Stadt das Münzrecht übernahm und ab wann sie dann tatsächlich damit begann, Münzen zu prägen, ist nicht gesichert; einwandfrei belegbar ist eine solche Tätigkeit erst für die Jahre 1407 und 1408.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 39. Interessanterweise folgte die offizielle Erlaubnis zur Fertigung von Pfennigen (Angstern) und Hallern erst nachträglich, mit einem «kleinen» Münzprivileg, das König Sigmund (1410–1437) der Stadt 1415 ausstellte.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 40–41. Danach dauerte die städtische Münzprägung mit längeren Unterbrüchen bis ins Jahr 1797 an.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 60. Im Laufe dieser langen Schaffensphase wurden unterschiedliche Münztypen geprägt, darunter Plapparte, Etschkreuzer, Batzen und Halbbatzen, Dicken, Taler, Kreuzer und Groschen.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 44–59.

Kanton Nach der kurzen Phase des helvetischen Zentralstaates ging das Münzrecht 1803 wieder an die Kantone über.Monika Bilfinger / Hanspeter Koch: Die Eidgenössische Münzstätte in Bern, Bern 2006 (Schweizerische Kunstführer GSK 799), S. 34. Nebst den alten prägten nun auch die neugeschaffenen Kantone, darunter St. Gallen, Münzen. St. Gallen, das in seinen Wirtschaftsbeziehungen nach Süddeutschland ausgerichtet war, machte besonders exzessiven Gebrauch von dieser Befugnis, woraus eine Münzverschlechterung resultierte.Edwin Tobler: Rekonstruktionsversuch des Geldumlaufs in Schaffhausen, in: Schaffhauser Münz- und Geldgeschichte 73, 1996, S. 73–108, hier S. 78. Diesem Zustand andauernder Unsicherheit konnte letztlich erst mit der Begründung des Bundesstaates 1848 Abhilfe geschaffen werden. Die Münzhoheit lag von nun an beim Bund, der regulierende Massnahmen einleitete und mit der Zeit eine einheitliche Währungspolitik durchsetzte.Monika Bilfinger / Hanspeter Koch: Die Eidgenössische Münzstätte in Bern, Bern 2006 (Schweizerische Kunstführer GSK 799), S. 34 f.

Standorte der Münzstätte Münzstätte in der Abtei Da bis heute Quellen zur ältesten Münzstätte St. Gallens, fehlen, können nur Vermutungen über ihren Standort angestellt werden. Da das Münzrecht zur damaligen Zeit noch vom Abt ausgeübt wurde, ist davon auszugehen, dass sich die Münzstätte im Klosterbezirk befand.

Münzstätte am Rindermarkt Bereits im Jahre 1407 wurden Bauarbeiten an einer städtischen «Münz» ausgeführt. Allerdings ist die Lokalisierung dieses Baus nicht möglich; wahrscheinlich befand er sich in der Kernstadt im Bereich von Markt und Rathaus.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 30. Eine eindeutigere Verortung wird erst mit dem Bau einer neuen Münzstätte im Jahre 1538 möglich. Die Münzstätte befand sich am Rindermarkt, unweit des Schibenentors bzw. am oberen Ende des Marktplatzes.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 30f. mit Abb. 9–10 Einige kleinere und grössere Umbauten (1617/18 und 1621) sowie die kurzzeitige Nutzung des "neuen" Refektoriums des Katharinenklosters (um 1573) änderten nichts an der Tatsache, dass die Münzprägung bis Ende des 18. Jahrhunderts in dem Gebäude beheimatet blieb.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 30.

Münzstätte bzw. private Produktion Neben dem offiziellen Standort zur Prägung von Münzen, scheint es im 18. Jahrhundert nicht unüblich gewesen zu sein, zumindest teilweise die Münzproduktion in Privaträume der Münzmeister auszulagern. Um das Jahre 1740 herum betrieb Heinrich Hiller eine Münzmaschine, mit welcher er von zu Hause aus Kleingeld herstellte.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 32.

Silberstrecke Nebst der Münzstätte verfügte St. Gallen ab 1618 über eine Silberstrecke zur Vorbereitung der Silberzaine (Metallstreifen, aus denen Schrötlinge ausgeschnitten werden können) für die anschliessende Prägung. Das wohl neue Gebäude, das bei der Spitalmühle am Müllertor stand, beinhaltete ausserdem ein Stüblein sowie Nebenkämmerchen, um Münzarbeiter über Nacht beherbergen zu können.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 32f. mit Abb. 11 und 11a. 1738 stand ein örtlicher Wechsel an; von nun an befand sich die Silberstrecke in einem Anbau an die Weissgerber- oder Kotwalke im Osten der Stadt am Schellenacker an der Steinach, in der Gegend des heutigen Kantonsspitals.Edwin Tobler / Benedikt Zäch / Samuel Nussbaum: Die Münzprägung der Stadt St. Gallen (Schweizer Studien zur Numismatik 2), St. Gallen 2008, S. 32. Sie war bis um das Jahre 1790 in Betrieb.

Personal Im Folgenden werden alle Personen, die an der Herstellung und Verarbeitung der in St. Gallen geprägten Münzen beteiligt waren, ihrer Position nach aufgeführt. Mehrfachnennungen sind möglich; sie sind dem Umstand geschuldet, dass ein und dieselbe Person mehrere Funktionen übernehmen konnte. Unter der Rubrik «Münzmeister» werden alle Personen zusammengefasst, die administrativ und/oder technisch an der Münzprägung bzw. Münzproduktion beteiligt waren.

Münzmeister Ulrich (1254–?) Conrad Nämhart (Nemhard) (1407–ca. 1415, 1424/25) Werner (Wernli) Hosser (Hosner) I (1421, 1424–1426, 1440) Konrad (Cunrat/Cuonrat) Hoer (1468) Cuonrat (1468) Hans (1501–1504 o. 1507) Thomas Sykust (Sitkust) (1504) Felix Sykust (Sitkust) (1508(?)) Paul Sykust (Sitkust) (1509–1514) Niklaus Sykust (Sitkust) (?) Paul (Paulus) Zacharias (1529) Hans Joachim Gutenson (1563–1565) David Gutenson (1564–?) Erasmus Schlumpf (1566) Jakob Strub (Straub) (1566) Melchior Guldin (1566) Hieronimus Girtanner (1566–1571) Konrad Gmünder (1567–1571) Caspar Schlumpf (vor 1580) Jakob Sp(r)engler (1599) Christoph Schlappritzi (1618) Hans Hiltbrand (Hiltprand) (1618–1654(?)) Christoph Töber (1625) Nathan Reutin(g)er (1671–1672) Sebastian Egger (1685) (Hans) Konrad Schlumpf (1701–1710) Felix Schirmer (18. Jh.) Abraham Hiller (1701–1710, 1754(?)) Hans Caspar Anhorn (1714–1720 o. 1726) Sebastian Anhorn (1720, 1720–1726(?)) Joachim Schirmer (1726–1732(?)) Gabriel Reich (1729–1738 o. 1760) Felix Schirmer (1735(?)–1750 o. 1755(?)) Heinrich Hiller (1748) David Reich (1760–?) Anton Hartmann (1771, 1778–1785(?)) Hans Georg Zollikofer (1785–1790, 1818–1822) Christoph Hartmann (1792–1793(?)) Kaspar Erasmus Kunkler (1794, 1804–1817)

Goldschmiede Werner Hosser II (1440–1456(?)) Ulrich Trinkler (1497–1517) Hans Jakob Grübel (1612–1638) Johann Melchior Grübel (?) Christoph Töber (?) Georg Lorenz Töber (1658–1662) Hans Joachim Haltmeyer I (1665–1687) Hans Joachim Haltmeyer II (?) Johann Heinrich Ernestus (1769)

Münzknechte Christoph Buffler (1587, 1620(?)) Jacob Erpf (1770er o. 1780er)

Silberverarbeiter (Krätzwäscher) Hans Gutenson (1537–?)

Stempelschneider Ulrich Trinkler (1497–1517) Franz von Überlingen (1501–1502(?))

Wardeine (Probierer) Werner Visch (15. Jh.) Jakob Strub (Straub) (1566) Bartholome Schobinger (1572) Georg Lorenz Töber (1658–1662) Zacharias Müller (1663) Nathan Reutinger (1671–1672) Hans Hiltbrand (?)

Literatur Monika Bilfinger, Hanspeter Koch: Die Eidgenössische Münzstätte in Bern, Bern 2006 (Schweizerische Kunstführer GSK 799). ISBN 3-85782-799-8 / ISBN 978-3-85782-799-0. Jean-Paul Divo, Boris Schneider / Edwin Tobler: Die Münzen der Schweiz im 17. Jahrhundert, Zürich 1987. ISBN –