mini|Entwicklung der russischen Alterspyramide zwischen 1946 und 2023 Die Demografie Russlands beschäftigt sich mit der Bevölkerungsentwicklung und anderen demografischen Indikatoren von Russland. In seinen international allgemein anerkannten politischen Grenzen (ohne Krim und annektierte Gebiete der Süd- und Ostukraine) hatte die Russische Föderation 2024 eine Einwohnerzahl von 143,5 Millionen Menschen. Werden alle politisch kontrollierten Gebiete mitgezählt, dürfte die Bevölkerung bei ca. 150 Millionen Menschen liegen. Weltweit liegt Russland damit auf Platz 9 der bevölkerungsreichsten Länder und ist das einwohnerreichste europäische Land. Da das Land aber gleichzeitig über die weltweit größte Staatsfläche verfügt, ist die Bevölkerungsdichte sehr niedrig (ca. 4 Einwohner pro Quadratkilometer, einer der niedrigsten Werte weltweit). Außerdem ist die Bevölkerung sehr ungleich verteilt. Der Bevölkerungsschwerpunkt befindet sich im Westen des Landes, wo ca. drei Viertel aller Russen leben. Ein weiteres Merkmal der Bevölkerungsverteilung ist die starke Konzentration der Bevölkerung auf nur einige wenige Städte (insgesamt liegt die Urbanisierung bei über 70 Prozent). Russland hatte bei der Volkszählung 2021 insgesamt 16 Millionenstädte, davon befanden sich 11 im europäischen Russland und 5 in Asien. Die zwei mit Abstand wichtigsten Städte Russlands sind Moskau und Sankt Petersburg.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte das Russische Zarenreich eine rasant wachsende Bevölkerung und war das europäische Land mit der höchsten Fertilitätsrate (7 Kinder). Danach erlebte das Land mehrere schwere Katastrophen (Hungersnöte, russischer Bürgerkrieg, zwei Weltkriege), welche die Bevölkerungsstruktur nachhaltig beeinflussten und dafür sorgten, dass Russland aufgrund von Übersterblichkeit und Geburtenausfall in Höhe von Dutzenden Millionen sein ursprüngliches demografisches Potential nie ausschöpfen konnte. Dennoch wuchs die Einwohnerzahl Russlands von ca. 100 Millionen 1930 auf knapp 150 Millionen zum Ende der Sowjetzeit. Der Zerfall der Sowjetunion führte zu einer schweren demografischen Krise, als die Sterblichkeit anstieg und die Geburtenrate sank. Trotz einer leichten Erholung nach 2000 und einer positiven Nettomigration war die Einwohnerzahl in den meisten Jahren rückläufig. 2024 wurden in Russland lediglich 1,2 Millionen Kinder geboren, eine Zahl, die sich den Tiefpunkten der 1990er Jahre annäherte. Im Vergleich mit den meisten europäischen Ländern hat Russland zudem eine sehr niedrige Lebenserwartung (ca. 72 Jahre im Durchschnitt 2023), sowie einen der weltweit größten Mann-Frau-Unterschiede bei der Lebenserwartung (mehr als 10 Jahre).

Russland bildet einen multiethnischen Staat, in dem über 100 Volksgruppen leben und nahezu ebenso viele unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Die deutliche Bevölkerungsmehrheit bilden allerdings ethnische Russen mit bis zu 80 Prozent der Gesamtbevölkerung, während Tataren mit ca. 3 Prozent die größte Minderheit bilden. Das Russische ist die alleinige Amtssprache des Landes, wobei Minderheitensprachen in einigen Regionen des Landes einen offiziellen Status besitzen. Religiös besteht ebenfalls eine erhebliche Vielfalt. Neben den Anhängern des Christentums (60 bis 70 Prozent, zumeist russisch-orthodoxe) bilden Muslime (ca. 10 Prozent) eine bedeutende Minderheit und die Mehrheit in einigen Regionen. Daneben gibt es kleinere Gruppen von Buddhisten und Juden, während knapp ein Viertel der Bevölkerung konfessionslos ist. Russland kann als ein Einwanderungsland bezeichnet werden, da es über eine der weltgrößten Einwandererbevölkerungen verfügt. Einwanderer bilden knapp über 7 Prozent der Bevölkerung und stammen meistens aus anderen postsowjetischen Staaten. Daneben kam es in jüngerer Zeit auch immer wieder zu Auswanderungswellen, häufig von hochqualifizierten Fachkräften.

Der Föderale Dienst für staatliche Statistik ist in Russland mit der Erhebung von demografischen Daten beauftragt. Im Sommer 2025 begann das Amt allerdings die Publikation zahlreicher aktueller demografischer Statistiken einzustellen, was in Zusammenhang mit den demografischen Auswirkungen der russisch-ukrainischen Krieges stehen könnte.

Demografische Geschichte Russlands

Mittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert Die Kiewer Rus bildete vom 9. bis 13. Jahrhundert den frühesten ostslawischen Staatsverband und markiert den Ausgangspunkt der russischen Demografie. Ihre Bevölkerung wuchs im Hochmittelalter allmählich und erreichte in der Spätzeit der Kiewer Rus schätzungsweise rund 7,5 Millionen Menschen, davon knapp eine Million in Städten, während der Großteil in ländlichen Gebieten siedelte.Г. В. Вернадский: Золотой век Киевской Руси. Алгоритм, 2012, S. 120. Charakteristisch für diese Epoche waren hohe Geburten- und Sterberaten: Seuchen, harte klimatische Bedingungen und geringe landwirtschaftliche Produktivität begrenzten das Bevölkerungswachstum. Wiederholte Invasionen, etwa durch Steppennomaden und insbesondere die verheerende mongolische Invasion der Rus ab 1237 führten zu massiven Verlusten und Zerstörungen, was die Bevölkerung im 13. Jahrhundert schrumpfen ließ. Viele Überlebende wichen in weniger exponierte nördliche Waldregionen aus, wo das aufstrebende Großfürstentum Moskau entstand. Dieser demografische Umbruch legte den Grundstein für die weitere russische Bevölkerungsentwicklung im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit.

Nach dem Ende der Mongolenherrschaft (1480) erlebte Russland eine demografische Expansion. Das Großfürstentum Moskau und später das Zarentum Russland weiteten ihren Einfluss über die uralten Kernlande hinaus aus. Ein anhaltend hoher Geburtenüberschuss in der überwiegend bäuerlichen Gesellschaft ließ die Bevölkerungszahl rasch ansteigen. Um 1500 lebten im russischen Kernland erst rund 6 Millionen Menschen, was bis Mitte des Jahrhunderts allerdings auf 9 bis 10 Millionen anwuchs. Auf die relativ ruhige Zeit von 1584 bis 1600 folgte die Zeit der Wirren, in der mehrere aufeinanderfolgende Ernteausfälle zu einer Hungersnot und zum Zusammenbruch des russischen Staates, zu ausländischen Interventionen und weitreichenden Zerstörungen führten. Die Bevölkerungszahl erreichte erst fünfzig Jahre später wieder das Niveau von 1600. Laut der Volkszählung von 1678 gab es in Russland 950.000 Haushalte. Die Schätzungen für die Gesamtbevölkerung liegen zwischen 10,5 und 11,5 Millionen, je nach den Annahmen über die durchschnittliche Anzahl von Personen pro Haushalt und den Prozentsatz der Bevölkerung, der sich der Volkszählung entzogen hat.Natalia Gorskaya (1994). Историческая демография России эпохи феодализма: итоги и проблемы изучения S. 93–96 Die größten Städte im 16. Jahrhundert waren Moskau (41.500 Haushalte), Pskow (6.000) und Nowgorod (5.500).

Russland zählte damit bereits zu den bevölkerungsreichsten Staaten Europas und überholte nach einer Phase anhaltenden Wachstums bis 1792 schließlich auch Frankreich und stieg mit etwa 30 Millionen Einwohnern zur führenden Nation Europas auf.Population, 10,000 BCE to 2023 Our World in Data Die russische Siedlungsfront verschob sich durch Kolonisation immer weiter nach Osten: Im 17. und 18. Jahrhundert wanderten Russen über die Wolga und den Ural hinweg nach Sibirien und bis an den Pazifik aus, was neue Territorien mit Bevölkerungszuwachs erschloss. Gleichwohl blieben große Teile Sibiriens dünn besiedelt. Die expansive Zarenzeit ging auch mit der Urbanisierung erster Handels- und Verwaltungsstädte einher; dennoch lebte um 1800 der Großteil der Bevölkerung noch auf dem Land. Die erste gesamtrussische Volkszählung ergab zur Jahrhundertwende 1897 für das gesamte Russische Reich bereits etwa 125 Millionen Einwohner. Davon lebten etwa die Hälfte bis zwei Drittel innerhalb der heutigen Grenzen Russlands.

Gegen Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Russland mit knapp 7 Kindern pro Frau die höchste Fertilitätsrate in Europa und ein extrem rasches Bevölkerungswachstum. Sowohl Fertilität als auch Kindersterblichkeit waren deutlich höher als in Westeuropa, wo der demografische Übergang bereits begonnen hatte. Russland lag hinter der Hajnal-Linie und Heiratsalter waren niedrig und die Kinderzahlen entsprechend hoch. Das hohe Bevölkerungswachstum löste damals große Besorgnis in westlichen Ländern (wie Frankreich oder dem damaligen Nachbarn Deutschland) vor einer demografischen Übermacht Russlands aus. Der stetige demografische Aufschwung ließ zeitgenössische Beobachter optimistische Prognosen wagen: So prophezeite etwa der Chemiker Dmitri Mendelejew im Jahr 1906, dass Russland bis zum Jahr 2000 rund 600 Millionen Einwohner zählen werde. Diese Projektion ging von ungebrochenem Wachstum aus – ein Szenario, das durch die drastischen Einschnitte des 20. Jahrhunderts jedoch nie Realität werden sollte.

Weltkriege und Sowjetzeit Der Erste Weltkrieg brachte den bis dahin ungebremsten Bevölkerungsanstieg jäh zum Erliegen. Russland mobilisierte Millionen junger Männer, von denen etwa 1,7 Millionen als Soldaten fielen. Hinzu kamen zivile Entbehrungen durch Hunger und Krankheiten. Die politischen Umwälzungen der Russischen Revolution 1917 und der anschließende Bürgerkrieg (1917–1922) verwüsteten das Land weiter. Schätzungen gehen davon aus, dass infolge von Kämpfen, Terror und der großen Hungerkrise von 1921 insgesamt 9 bis 10 Millionen Menschen in diesen Jahren ums Leben kamen. Zusätzlich verlor das Land durch die Unabhängigkeit Polens, Finnlands und anderer Gebiete einen großen Teil seiner Vorkriegsbevölkerung; 1918 schied etwa ein Territorium mit rund 62 Millionen Einwohnern aus dem Staatsverband aus.Putins Trauma heißt 1917/1918 Die Welt Auch Emigration verringerte die Einwohnerzahl, da hunderttausende „Weiße“ und Intellektuelle das Land verließen. Die Gesamtbevölkerung auf heutigem Territorium fiel deutlich unter das Vorkriegsniveau. Erst Mitte der 1920er-Jahre stabilisierte sich die Lage. 1926 erreichte die Einwohnerzahl des neu gebildeten Sowjetstaates wieder ungefähr das Niveau von 1914, was die enormen Verluste demonstriert.

In den 1920er- und 1930er-Jahren prägten radikale soziale Experimente der Sowjetführung die demografische Entwicklung. Die forcierte Industrialisierung und Urbanisierung trieb Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Zwischen der Volkszählung 1926 und 1939 verlor der ländliche Raum der UdSSR durch Abwanderung etwa 19 Millionen Einwohner, nahezu den gesamten natürlichen Überschuss dieser Jahre. Die städtische Bevölkerung wuchs entsprechend rasant; neue Industriezentren zogen Arbeitskräfte an, während Dörfer entvölkert wurden. Parallel dazu litt die Bevölkerung unter staatlicher Repression und Politikfehlern. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ab 1929 und die von ihr mitverursachte Hungersnot von 1932/33 kosteten landesweit mehreren Millionen Menschen das Leben. Besonders betroffen waren die Kornkammern im Süden (Ukraine, Wolga-Region, Nordkaukasus) der UdSSR, wo ganze Dörfer verhungerten. Zusätzlich dezimierten Stalins „Große Säuberung“ 1937/38 und das Gulag-System die Bevölkerung um weitere Hunderttausende bis Millionen, vorwiegend junge Erwachsene. Insgesamt wuchsen die Einwohnerzahlen in den 1930er-Jahren zwar noch, aber deutlich langsamer als potentiell möglich. So ergab die letzte Volkszählung vor dem Zweiten Weltkrieg (1939) für die Russische SFSR etwa 108 Millionen Einwohner, deutlich weniger als dem natürlichen Trend ohne Demozide, Kriege und Krisen entsprochen hätte.