mini|Kolorierte rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Lactobacillus paracasei Als Psychobiotika werden spezielle probiotische Mikroorganismen bezeichnet, die die Darmflora beeinflussen und bei Einnahme einer ausreichenden Menge eine positive Wirkung auf die psychische Gesundheit ausüben sollen. Zu den Psychobiotika zählen unter anderem grampositive Bakterien der Gattungen Bifidobacterium und Lactobacillus. Psychobiotika besitzen möglicherweise bei verschiedenen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz eine therapeutische Wirksamkeit. Quellen von Psychobiotika in der Ernährung sind beispielsweise fermentierte Lebensmittel und Milcherzeugnisse.
Das Ausmaß der potenziellen Wirkungsamkeit von Psychobiotika ist jedoch umstritten. Viele Ergebnisse stammen aus In-vitro-Studien und Tiermodellen, welche sich nicht uneingeschränkt auf den Menschen übertragen lassen. Verschiedene systematische Übersichtsarbeiten kamen zu dem Schluss, dass die bislang durchgeführten klinischen Studien keine eindeutigen Ergebnisse in Bezug auf die Wirksamkeit von Psychobiotika auf die psychische Gesundheit des Menschen liefern.
Definitionen Probiotische Mikroorganismen, deren Substrate sowie deren Stoffwechselprodukte werden als Probiotika, Präbiotika und Postbiotika bezeichnet. Präbiotika sind Substanzen, die sich positiv auswirken, indem sie das Wachstum und die Aktivität von nützlichen Darmbakterien selektiv stimulieren. Dazu gehören Ballaststoffe wie beispielsweise Oligofructose, Oligosaccharide, Inulin und Pektine. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die natürlicherweise Teil der Darmflora sind und in angemessenen Mengen einen gesundheitlichen Nutzen haben. Postbiotika sind von Probiotika produzierte Stoffe, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken.
Der Begriff Psychobiotika wurde 2013 vom irischen Psychiater Timothy Dinan geprägt. Demnach sind Psychobiotika lebende Organismen, die bei Einnahme in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen für Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen bieten.
Geschichte mini|hochkant|Thomas Lauder Brunton Bereits vor 2500 Jahren vermutete Hippokrates, dass alle Krankheiten, auch solche des Gehirns, im Darm beginnen. Die Idee wurde von Thomas Lauder Brunton aufgegriffen, der 1896 einen Zusammenhang zwischen Darmgesundheit und psychischem Wohlbefinden vermutete und die Indigestion als eine mögliche Ursache für Depressionen ansah. Eine im Jahr 1910 durchgeführte klinische Studie zur Wirksamkeit von Probiotika bei der Behandlung von Depressionen kam zu dem Ergebnis, dass bestimmte Probiotika eine positive Wirkung haben und die Dauer der depressiven Episoden verkürzen.
Danach gerieten die Arbeiten über die potenziellen Vorteile bestimmter Bakterienstämme für die psychische Gesundheit lange Zeit weitgehend in Vergessenheit. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts lieferten Studien mit Stuhltransplantationen von an Depressionen erkrankten Personen, die bei Mäusen ein depressionsähnliches Verhalten auslösten, Hinweise auf eine ursächliche Rolle der Darmflora bei dieser Erkrankung. Diese Erkenntnisse führten zu der Hypothese, dass Lebensmittel, die das Mikrobiom beeinflussen, möglicherweise auch das Verhalten beeinflussen und dadurch Stress, Angststörungen und Depressionen lindern könnten.
Depressionen und Angststörungen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, deren Behandlung allein in den USA im Jahr 2013 Arzneimittelkosten in Höhe von etwa 32 Milliarden US-Dollar verursachte (: etwa Milliarden US-Dollar). Daher wuchs das Interesse an Psychobiotika als potenzieller Ansatz für die Therapie psychiatrischer Erkrankungen. Der Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf der Wechselwirkung des Mikrobioms mit dem Nervensystem über die sogenannte Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse und deren Bedeutung für psychische Erkrankungen.
Mögliche Wirkungsweise Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse mini|Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse Obwohl die genauen Wirkmechanismen noch unbekannt sind, gibt es Hinweise auf eine wechselseitige Kommunikation zwischen dem Mikrobiom und dem Gehirn. Diese indirekte wechselseitige Interaktion der Mikrobiota mit dem Gehirn, die vermutlich auf verschiedenen Wegen erfolgen kann, wird als Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Dazu zählen die Stimulation des Vagusnervs, die Interaktion mit dem Immunsystem und die mikrobielle Produktion menschlicher Neurotransmitter.
Produktion von neuroaktiven Substanzen Ein möglicher Wirkmechanismus von Psychobiotika basiert auf den Ergebnissen von In-vitro-Studien. Diese belegen, dass bestimmte Bakterien neuroaktive Substanzen wie Katecholamine, Melatonin, Acetylcholin und Histamin synthetisieren können. Escherichia, Bacillus und Saccharomyces produzieren Norepinephrin während Bacillus und Serratia Dopamin sowie kurzkettige Fettsäuren produzieren.
Ein weiterer häufig vorgeschlagener Mechanismus beruht auf der Fähigkeit von etwa Candida, Streptococcus, Escherichia und Enterococcus, hemmende Neurotransmitter wie γ-Aminobuttersäure (GABA) und Serotonin zu produzieren oder deren Produktion zu regulieren, etwa durch die Erhöhung des Glutamatspiegels. Die in vitro und die in vivo produzierten Wirkstoffmengen unterscheiden sich jedoch möglicherweise stark voneinander. Unklar ist zudem, welche Konzentrationen erforderlich sind, um messbare Wirkungen im Organismus zu erzielen.
Ergebnisse aus Tierversuchen Tierversuche wurden sowohl mit keimfreien und als auch konventionellen Tieren durchgeführt. Der Serotonin-Plasmaspiegel ist bei konventionellen Mäusen höher als bei keimfreien Mäusen ohne Darmmikrobiota. Dies belegt die Fähigkeit der Mikrobiota, den Serotonin-Spiegel zu beeinflussen. Darüber hinaus erhöhte die orale Einnahme von Bifidobacterium infantis den Gehalt des Serotoninvorläufers Tryptophan im Plasma von Ratten. Zudem konnten nach der Gabe von Psychobiotika in Stuhlproben GABA, Serotonin, Tryptophan und Dopamin mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie gekoppelt mit Massenspektrometrie nachgewiesen werden.
Mögliche Anwendungsbereiche Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Probiotika bei funktionellen Magen-Darm-Störungen wirksam sein und stressbedingte gastrointestinale Symptome lindern können. Die S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom empfiehlt beispielsweise, dieses mit ausgewählten Probiotika zu behandeln.
Die Evidenzbasis für den Einsatz von Psychobiotika bei psychischen Störungen ist dagegen unzureichend. Es liegen zwar vorläufige Hinweise auf die Wirksamkeit von Psychobiotika bei Depressionen und Angststörungen vor, jedoch werden die Effekte insgesamt als gering eingestuft. Die bisherigen klinischen Studien zu Psychobiotika ergaben zudem uneinheitliche Ergebnisse bezüglich ihrer Wirksamkeit. Während teilweise von einer signifikanten Verbesserung von Depressionssymptomen berichtet wurde, stellten andere Studien keine wesentlichen Unterschiede im Vergleich zur Placebogruppe fest.
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