Der Lykurgos-Becher (selten auch latinisiert Lycurgus-Becher oder eingedeutscht Lykurg-Becher sowie in Schreibvarianten ohne Bindestrich) ist ein fast vollständig erhaltener römischer Diatretbecher (‚Netzbecher‘) aus dem 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr., der zur Sammlung des British Museums gehört. Der Becher ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich: zum einen im Hinblick auf die Verarbeitung des Glases, zum anderen wegen seiner optischen Effekte. Der glockenförmige Becher zeigt in einem umlaufenden Fries aus Glasfiguren den Kampf des mythischen thrakischen Königs Lykurgos mit dem Weingott Dionysos und dessen Gefolge. Mehrere Elemente des antiken Mythos, die zeitlich eigentlich voneinander getrennt sind, wurden dabei zu einer geschlossenen Bildkomposition verbunden. Die lebendig wirkende, dynamische Gestaltung der dargestellten Szene gilt als Meisterleistung der antiken Glaskunst. Die Hauptfiguren sind dreidimensional gestaltet und stehen damit deutlich vom Becher ab; die sonstigen Verzierungen des Gefäßes sind vollplastisch gearbeitet und lediglich durch kleine Glasbrücken mit der inneren Becherwand verbunden, sodass sie ein gitterartiges Netz rund um sie bilden.

Der Lykurgos-Becher gehört zu den technisch anspruchsvollsten römischen Glasobjekten und gilt damit als eines der bedeutendsten erhaltenen Erzeugnisse der antiken Glasindustrie. Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal ist die dichroitische Wirkung des verwendeten Glases. Von vorne beleuchtet, erscheint der Becher olivgrün; wird er von innen beleuchtet, erscheint das Glas in der Durchsicht rubinrot. Dieser Effekt wird durch im Glas enthaltene Nanopartikel aus Gold und Silber verursacht. Der Becher ist das einzige nahezu vollständig erhaltene römische Objekt dieser Art. Es gibt verschiedene Theorien über die Herstellung des Lykurgos-Bechers, dessen Verwendung und das verarbeitete Glas.

Beschreibung Erhaltung und neuzeitliche Ergänzungen miniatur|Fuß des Lykurgos-Bechers

Die erhaltenen antiken Teile des Bechers haben einen Durchmesser von 132 Millimetern und eine erhaltene Höhe von 158,8 Millimetern; sie wiegen 700 Gramm. Allerdings ist nur der nach unten oval zulaufende Hauptteil erhalten. Wie das Gefäß unten und oben ursprünglich abschloss, ist unklar. Jedoch deuten Bruchstellen im unteren Bereich des äußeren Bildfrieses sowie des zentralen Gefäßkörpers darauf hin, dass der netzartige Glasdekor ursprünglich auch die Unterseite des Bechers umspannte und dort vier symmetrisch zur Mitte hinlaufende Blätter zeigte. Zum oberen Abschluss lassen sich nur Vermutungen anstellen, so wäre etwa ein verdickter Rand oder ein nach außen umgebogenes oberes Ende ähnlich einer umgedrehten Kirchenglocke denkbar. Der Rohling des Lykurgos-Bechers hatte überwiegend eine Dicke von etwa 12–15 Millimetern, im unteren Bereich war er etwas dicker.

Der heutige Rand und der Fuß aus vergoldeter Bronze wurden erst nachträglich hinzugefügt. Frühere Analysen datierten diese Ergänzungen näherungsweise in die späte Renaissance oder das frühe 17. Jahrhundert, schlossen aber auch eine noch frühere Entstehung in antiker oder byzantinischer Zeit nicht aus. Heute geht man dagegen davon aus, dass die Teile aus vergoldeter Bronze erst im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden. Der Bronzerand, der das Gefäß oben abschließt, besteht außen aus einem Ring aus Akanthusblättern, während er innen und oben glatt ist. Die Akanthusblätter haben überwiegend die gleiche Größe, bis auf zwei Stellen, an denen jeweils drei Akanthusblätter weiter nach unten reichen. Auf einer Seite erfolgte dies, um eine Beschädigung im Glas zu verdecken, auf der anderen Seite vermutlich nur aus Symmetriegründen. Der Fuß besteht aus einem Metallstiel, der sich sowohl oben als auch unten zu jeweils acht Blättern verzweigt. Die oberen acht Blätter sind nach oben gebogen und halten das Glasgefäß, die unteren acht Blätter sind nach unten gebogen und ruhen außen auf einem Metallring, auf dem sich der Lykurgos-Becher abstellen lässt. Der Fuß wurde von den Restauratoren des British Museums 1958 entfernt und erst 1973 wieder mit dem Becher verbunden.

Der erhaltene gläserne Hauptteil des Bechers ist auf der Innenseite gebrochen, aber im Wesentlichen weitgehend intakt. Verwitterungserscheinungen sind nicht sichtbar; nur diverse kleine Bläschen und Verunreinigungen ziehen sich über die Oberfläche. Dies erweckt den Eindruck, dass das Erscheinungsbild des Glasmaterials seit Produktion des Bechers keine Veränderungen und Beeinträchtigungen mehr erfahren hat. Abgebrochen sind lediglich einige kleine Stellen der vom Glas abstehenden Figuren, darunter zwei Stücke der Weinrebe, das rechte Horn von Pan, die Spitzen von Pans linkem Horn und seinem Penis, die Maulpartie des Panthers und die linke Wade von Dionysos. Außerdem fehlt die den Fußboden darstellende Linie unterhalb des Panthers. Die Bruchstelle an Dionysos’ Wade wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt abgeschliffen.

Fries mit Mythendarstellung mini|Eines der Kunstwerke, die den Mythos in vergleichbarer Weise darstellen: Mosaik von der griechischen Insel Delos, datiert in die Jahrzehnte um 100 v. Chr. – abgebildet ist im Vergleich zum Lykurgos-Becher ein geringfügig früherer Moment der Handlung, an dem Lykurgos noch beim Angriff auf Ambrosia ist und seine unvermeidliche Fesselung durch die Weinranken noch nicht bemerkt hat

Der (moderne) Name des Bechers bezieht sich auf die Hauptfigur des figürlichen Frieses auf der Außenseite. Lykurgos, König der Edoner in Thrakien, Sohn des Ares, ist eine Gestalt der griechischen Mythologie, der insbesondere durch seine Auseinandersetzung mit dem Gott Dionysos bekannt ist. Der Konflikt zwischen Lykurgos und Dionysos und dessen Anhängern (Thiasos) wird in verschiedenen Versionen erzählt. Die literarische Erzählung, die der dargestellten Handlung am nächsten kommt, findet sich im 20. und 21. Gesang der Dionysiaka, einem Epos des spätantiken Dichters Nonnos von Panopolis. Darin wird geschildert, wie Lykurgos Dionysos ins Meer treibt und anschließend dessen Gefolge nachzusetzen beginnt. Zu diesem gehört auch die Nymphe Ambrosia, die sich gegen die Übergriffe des Thrakerkönigs zur Wehr setzt und schließlich in letzter Not die Erdgöttin Gaia um Hilfe anruft. Gaia sorgt dafür, dass sich eine Erdspalte öffnet, Ambrosia darin verschwindet und statt ihrer ein sprechender Weinstock hervorwächst. Die sprießenden Reben schlingen sich daraufhin um Lykurgos, würgen und fesseln ihn, während die anderen Nymphen ihn quälen. Schließlich wird Lykurgos von Zeus geblendet.

Der Becher zeigt in einer an die Dionysiaka angelehnten Version den Kampf des Lykurgos mit Ambrosia, einer Hyade und Amme des Weingottes. Lykurgos ist, an beiden Armen und beiden Beinen von Weinranken gefesselt, frontal dargestellt, wie er den Halt verliert und vom Betrachter aus nach links zu fallen beginnt (2). Er ist bis auf die Schnürstiefel nackt; seine strähnigen Haare, sein voller Bart und seine buschigen Augenbrauen geben ihm ein wildes, unzivilisiertes Aussehen. Seine Augen wie auch sein Mund sind aufgerissen. Links von ihm sitzt Ambrosia, die gerade in einen Rebstock verwandelt wird, der Lykurgos mit seinen Ranken würgt (1). Sie ist auf dem Becher noch als menschliche Figur dargestellt, aus oder hinter deren Fuß eine der beiden Weinranken hervorwächst. Sie sitzt nach rechts gewandt auf dem Boden, ist auf ihren rechten Arm gestützt und blickt mit offenem Mund zu Lykurgos. Ihre linke Hand ist erhoben, was teilweise als abwehrende oder flehende Haltung gegenüber Lykurgos, teilweise als triumphierender Redegestus, teilweise als Geste des Gebets an Gaia interpretiert wird. Ihr Oberkörper ist nackt, der Unterkörper von einem lockeren Gewand bedeckt; die Haarsträhnen fallen auf ihre Schultern. Links hinter Ambrosia steht einer der Satyrn in Menschengestalt auf einem Bein – möglicherweise ein Laufgestus – und zielt mit einem Stein auf Lykurgos. In der anderen Hand hält er einen Hirtenstab. Er hat spitze Ohren, einen geöffneten Mund und ist mit einem kurzen Lendentuch bekleidet (1).

Rechts von Lykurgos steckt eine Axt im Boden, als sei sie ihm gerade aus der Hand gefallen (3). Rechts davon ist Pan nackt in Frontalansicht dargestellt, seinen gehörnten Kopf nach rechts gedreht, aber seine behaarten Ziegenbeine zum Sprung nach links angewinkelt (4). Sein Gesicht wird von ungeordnetem Bart- und Haupthaar gerahmt; um seinen linken Arm flattert ein Tuch. Vor ihm steht eine Großkatze (dem antiken Sprachgebrauch folgend meist als „Panther“ benannt), die sich nach links auf Lykurgos zubewegt. Rechts von Pan erscheint im Dreiviertelprofil Dionysos selbst, der auf seinen Zehen steht und mit geöffnetem Mund in die Richtung von Pan und Lykurgos blickt (5). Anders als Pan ist er bekleidet; er trägt eine kurze Tunika mit Gürtel sowie eine locker um den Körper gewickelte lange Stoffbahn, zudem offene Stiefel und ein mit einem Zweig verziertes Diadem. Er hat seinen rechten Arm – möglicherweise als eine Befehlsgeste – erhoben. In der linken Hand trägt Dionysos einen Thyrsos vor sich, den besonderen Stab des Weingottes und seiner Begleiter. Ein Band, das hinter ihm von seinem Thyrsos herabhängt, überlappt den erhobenen Fuß des Satyrs und vervollständigt den Kreis des Bechers. Alle Figuren des umlaufenden Bildfrieses stehen auf einem Standring, der Teil des gläsernen Netzes um den Becher ist.

Der Netzbecher führt also Situationen, die in dem etwas später entstandenen Epos des Nonnos drei verschiedene, aufeinanderfolgende Szenen bilden, zu einer einzigen Darstellung zusammen: erstens die Nymphe Ambrosia, die sich auf den Boden wirft, zweitens die emporwachsenden Weinreben, die Lykurgos bezwingen und fesseln, und drittens das restliche Gefolge des Dionysos, das sich dem gefangenen Lykurgos nähert, um sich an ihm zu rächen. Die Personen und die sonstigen Elemente der Darstellung sind relativ regelmäßig um den Becher herum angeordnet, sodass kein großer Leerraum bleibt. Dennoch ist die Szene durch die abgebildeten Figurenbewegungen, ihre Gestik und ihre Mimik ausgesprochen lebhaft und dramatisch wiedergegeben; Dionysos ist die einzige Figur, deren Körperhaltung eine gewisse Ruhe ausstrahlt.

Einordnung und Vergleiche Bedeutung des Mythos mini|Darstellung der Raserei des Lykurgos in einem Mosaik des 1. Jahrhunderts v. Chr. aus Herculaneum, heute im Archäologischen Nationalmuseum Neapel

Der Mythos um Lykurgos geht in seinen früheren Fassungen bis mindestens auf Homer zurück. Die auf dem Lykurgos-Becher abgebildete Szene spiegelt aber eine deutlich abgewandelte Variante wider, deren Schauplatz bei Nonnos von Panopolis nach Arabien verlegt ist. Auf einer allgemeineren Ebene symbolisiert die dargestellte Handlung den Kampf zwischen der geordneten, kultivierten Natur (repräsentiert durch Dionysos und den Weinbau im Allgemeinen) und der chaotischen, wilden Natur (repräsentiert durch Lykurgos). Dieser Kontrast ist auch in der Gestaltung der Figuren auf dem Becher umgesetzt, etwa in der Barttracht oder den Gesichtsausdrücken, wobei Dionysos auch in dieser Hinsicht das Gemäßigte, Zivilisierte widerspiegelt, Lykurgos dagegen Unkontrolliertheit und Besessenheit. Der Hirtengott Pan beteiligt sich auf der Seite des Dionysos an dieser Auseinandersetzung und ist als Teil von dessen Gefolge dargestellt. Lykurgos erscheint somit auf dem Lykurgos-Becher wie in den schriftlich überlieferten Fassungen des Mythos als ein im Wahnsinn Gefangener, der sich in seiner rauschhaften Selbstüberschätzung gegen die göttliche Ordnung zur Wehr setzt. Er geht dabei sogar so weit, die Nymphe Ambrosia töten zu wollen, deren Name wörtlich übersetzt „die Unsterbliche“ bedeutet. In den Worten der Archäologin Erika Simon: „Der unmögliche Versuch, die Unsterblichkeit umzubringen, macht den Frevler zugleich zum Toren.“