mini|Hans Henny Jahnn. Porträt-Relief an seinem letzten Wohnhaus in Hamburg-Blankenese.
Hans Henny Jahnn (* 17. Dezember 1894 in Langenfelde als Hans Henny August Jahn; † 29. November 1959 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller und politischer Publizist. Er arbeitete zudem als Orgelbauer, Orgelreformer und Musikverleger. Während seines Exils (1934–1946) auf der dänischen Insel Bornholm betätigte er sich auch als Landwirt und Pferdezüchter.
Jahnn war vor allem wegen seiner drastisch grenzüberschreitenden literarischen Darstellungen von Sexualität und Gewalt stark umstritten. Mit seinem literarischen Werk zählt er laut der Sozialgeschichte der deutschen Literatur (1981) zu den „großen produktiven Außenseitern des [20.] Jahrhunderts“.Sozialgeschichte der deutschen Literatur. 1981, S. 341. Er verstand sich als „Antimilitarist“, wandte sich gegen jede „Doktrin“ einschließlich „Rassenhass und Todesstrafe“ und lehnte Gewalt, auch gegen Tiere, ab.Eintrag Hans Henny Jahnn. In: Munzinger Online/Personen – Internationales Biographisches Archiv, abrufbar kostenlos über Mitgliedschaften in Bibliotheken, auch Stadtbüchereien. Artikel erstellt: 1960, Literaturangaben: 2003 ergänzt, hier: Paraphrase eigener Aussage Jahnns.
Leben mini|hochkant|Gedenktafel am Standort Jahnns Geburtshaus in der Högenstraße, Hamburg-Stellingen Frühe Jahre Hans Henny Jahnn entstammt einer Familie von Schiffs- und Instrumentenbauern. Er wurde als Sohn des Schiffszimmerers Gustav William Jahn (1855–1935) und dessen aus Güstrow stammender Frau Elise Marie Charlotte, geb. Petersen (1858–1920), in Langenfelde bei Hamburg geboren und besuchte ab 1904 die Realschule in St. Pauli. Schon in der Schulzeit lernte er seinen lebenslangen Freund und Gefährten, den späteren Musikverleger Gottlieb Harms (1893–1931), kennen. Ab 1911 ging Jahnn in die Oberrealschule Kaiser-Friedrich-Ufer in Hamburg-Eimsbüttel und legte dort 1914 das Abitur ab.
Jahnn emigrierte 1915 zusammen mit Harms nach Norwegen, um dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Beide lebten in Aurland am Aurlandsfjord. Jahnn sagte zu dieser Zeit: „In dieser Zeit habe ich leben gelernt, habe ich die Welt durchschaut und alles gesehen, woraus Leben besteht. Es war eine harte Schule.“Raimund Wolfert: Harte Schule Norwegen. (Über Hans Henny Jahnns Jahre in Norwegen.) In: Nordeuropaforum. Nr. 1/1994, S. 45–47. Ende 1918 kehrten sie zunächst nach Hamburg zurück.
Ugrino – die Utopie Jahnn zog wenig später für kurze Zeit aufs Land bei Eckel. Hier lebte er mit Gottlieb Harms und Franz Buse (1900–1971, damals Bildhauer) zusammen. In dieser Zeit entwarf er mit seinen Freunden das groß angelegte Projekt einer Künstler-, Religions- und Lebensgemeinschaft, das sie Ugrino nannten. Diese Gemeinschaft entstand – wie viele ähnliche Gruppen in der Weimarer Republik – aus dem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung und als Alternative zu der von vielen als enttäuschend empfundenen Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Um der Qual des christlichen Gottes zu entgehen, konstruiert Jahnn seine eigene Religion, die sich ästhetischen Regeln unterwirft, Bestattungsriten vorschreibt, ihren Ausdruck in besonderen Bauten finden soll. Ugrino soll eine Religion der Architektur, der Kunst, des Rituals, der erotischen Liebe, des Aufbegehrens gegen die gesellschaftliche Norm der Geschlechteridentitäten und als Plattform für künstlerische Versuche werden. Vor allem aber wird die künstlerische Religion ein Spiegelbild der Liebe Jahnns, anders gesagt, die Erkenntnis, (homophile) Liebe wird erst als göttliche Gnade verstanden und mutiert dann zum Glaubensausdruck, insbesondere zum Jugendfreund Gottlieb Harms.Stimmen der Zeit, Herder 2018, Gott und die Qual des Lebens/ https://www.herder.de/stz/hefte/archiv/143-2018/1-2018/gott-und-die-qual-des-lebens-hans-henny-jahnn-und-seine-religion-der-kunst-und-leiblichkeit/
Die Gemeinschaft Ugrino wollte Kunstwerke aller Art erhalten und neue schaffen. Jahnn plante und zeichnete monumentale Kultbauten in der Tradition der mittelalterlichen Bauhütten. Er erwarb mehrere große, zusammenhängende Grundstücke mit der Unterstützung wohlhabender Freunde und Förderer. Das Projekt scheiterte an den gigantischen Kosten des Landkaufs und den utopischen Plänen eines zeittypischen „Lebensreformentwurfes“. Architekturpläne und sehr präzise Vorgaben zur Ausformung der kultisch und autoritär geprägten Lebensführung sind in der Ugrino-Satzung im Nachlass Jahnns enthalten. Spuren des utopischen Entwurfes finden sich in den beiden großen Romanen Perrudja und Fluß ohne Ufer.
2022 verglich die Ausstellung „Künstler, Visionen, Utopien“ in der Kunststätte Bossard in Jesteburg Bauten und Bauentwürfe der gegensätzlichen Hamburger Zeitgenossen Bossard, Jahnn und Steinhagen und versuchte eine historische Einordnung in die Kulturlandschaft der 1920er Jahre. Dort waren die sechs Bronzeplastiken Buses für den Lübecker Totentanz zu sehen, die lange auf Bornholm verschollen waren, sowie monumentale Baupläne Jahnns als Teil seines Nachlasses in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.Kunststätte Bossard, Jesteburg; „Künstler, Visionen, Utopien“/ https://bossard.de/files/Bilder/Flyer/Utopien%20Folder%20Ansicht.pdf
Ugrino – der Verlag Der Verlag Ugrino überdauerte das gleichnamige visionäre Gemeinschaftsprojekt um zwei Jahrzehnte. Zunächst publizierten Harms und Jahnn historische Orgelliteratur und mehrere theoretische Schriften Jahnns (Kleine Schriften). Von 1928 bis 1930 war der Musikwissenschaftler Hilmar Trede (1902–1947) neben seiner Tätigkeit als Leiter der „Hamburger Volksmusikschule“ Lektor des Verlags.Gertrud Trede in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit.
Geschäftsführer war ab 1935 der Musikverleger und das Ugrino-Mitglied Werner Bauer (* 27. August 1894 in Mirow, † 27. September 1958 in Hamburg). Bauer bewahrte Unterlagen über Ugrino in seiner Hamburger Wohnung auf. Nachdem er erfahren hatte, dass die Gestapo eine Hausdurchsuchung bei ihm durchführen will, verbrannte Bauer fast alle Papiere. In den 50er-Jahren wurden ferner die restlichen Geschäftspapiere des Ugrino-Verlages, die Bauer besaß, vernichtet.
Hans Henny Jahnn unterhielt noch in den 50er-Jahren eine teils geschäftliche teils private Verbindung zu Werner Bauer und nahm an dessen Beerdigung teil. Bauer arbeitete die meiste Zeit unentgeltlich für den Ugrino-Verlag und bekam lediglich seine Spesen erstattet.
Der Studiendirektor und Jahnn-Kenner Rüdiger Wagner (1939–2007) war Bauers Neffe.Thomas P. Freeman: The Case of Hans Henny Jahnn. Criticism and the Literary Outsider. Camden House, Rochester, NY / Woodbridge, Suffolk 2001, ISBN 1-57113-206-6, S. 96.Jochen Hengst, Heinrich Lewinski: Hans Henny Jahnn, Ugrino. Teil: Katalog., Ausstellung in der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover vom 27. September bis 9. November 1991. Mit einer Bibliogr. von Arne Drews. Hrsg.: Niedersächsische Landesbibliothek. 1. Auflage. Revonnah-Verlag, Hanover 1991, ISBN 3-927715-08-5, S. 219–221.
Familie Auch seine spätere Ehefrau Ellinor Jahnn, geborene Philips (1893–1970), schloss sich dem Ugrino-Kreis an und lebte zeitweise in Klecken mit den Freunden in einem bescheidenen Landhaus. Jahnn und Philips heirateten 1926. Ihre Tochter Signe Jahnn wurde 1929 geboren und starb 2018. bei allegro.sub.uni.hamburg.de, abgerufen am 2. April 2018. Die außergewöhnliche, durch Nähe und Distanz, aber auch Sorge füreinander gekennzeichnete offene Ehe ohne Tabus hielt 33 Jahre bis zum Tod Hans Henny Jahnns. Dies geht aus den Briefen Jahnns an seine Ehefrau hervor.Hans Henny Jahnn: „Liebe ist Quatsch“. Briefe an Ellinor. Briefwechsel zwischen Hans Henny Jahnn und Ellinor Philips aus dem Nachlass. Vorankündigung des Verlags Hoffmann und Campe für November 2014. Die Eheschließung zwischen Ellinor Jahnns Schwester Sibylle, genannt Monna, und Jahnns Freund Gottlieb Harms fand 1928 statt. Ellinor unterhielt auch eine freundschaftliche bis intime Beziehung zu Gottlieb Harms und unternahm mehrere Reisen mit ihm. In den Jahren auf Bornholm führte Jahnn eine intime Beziehung mit der ungarischen Fotografin Judit Kárász.
Hilmar Tredes Sohn aus zweiter Ehe, Yngve Jan Trede, war das Patenkind Jahnns und wurde von diesem nach dem frühen Tod Hilmar Tredes gefördert. Jahnn hielt ihn für ein musikalisches Genie. Am 17. Dezember 1963, vier Jahre nach dem Tod seines Patenonkels, heiratete Yngve Jan Trede Jahnns Tochter Signe (* 28. Juni 1929, † 18. März 2018).Der Junge wird ein zweiter Bach. In: FAZ vom 3. November 2014, S. 12.
Obwohl sich Jahnn öffentlich nie dazu bekannte – Homosexualität war gemäß § 175 Strafgesetzbuch gesetzlich verboten –, heißt es überwiegend in der Literatur, dass er von Jugend an homosexuelle Beziehungen unterhielt,Michael Rutschky: Rezension zu Jan Bürger: Der gestrandete Wal. Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn. Aufbau Verlag, 2003; Sendung: Büchermarkt. Deutschlandfunk, 13. April 2003. unter anderem zu Harms, der als seine große Liebe gilt.Gottlieb Harms starb 1931. Jahnn wählte seine eigene Grabstätte neben der seines Freundes. Eine Freundschaft verband ihn mit dem sehr viel jüngeren Schriftsteller Hubert Fichte.
Zwischenkriegszeit und Exil auf Bornholm Im Jahr 1919 veröffentlichte Jahnn das Drama Pastor Ephraim Magnus, für das er 1920 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde (Uraufführung 1923). 1925 entstand seine Tragödie Medea, die 1926 erstmals inszeniert wurde und bis in die Gegenwart aufgeführt wird. Weitere Dramen folgten. Manche Presseorgane lehnten Jahnns Stücke ab, stellten sie doch oft extreme Gefühlslagen und Handlungen dar (z. B. Inzest, Homosexualität, Verstümmelung, Sodomie). Die Dramen wurden teils heftig kritisiert, teils aber auch – beispielsweise von Thomas Mann – sehr gelobt.
Jahnn war Präsident des Kartells Hamburger Künstlerverbände, das am 20. Februar 1929 gegründet wurde. Das Kartell war ein Zusammenschluss aller freien Künstler Hamburgs zu einem Dachverband. Mitglieder des Vereins waren der Hamburger Künstlerverein, die Hamburgische Sezession, die Hamburgische Künstlerschaft, der Schriftsteller-Schutzverband Nordwestgau, die Vereinigung Hamburgischer Komponisten, der Reichswirtschaftsverband bildender Künstler und der Altonaer Künstlerverein.Kartell Hamburger Künstlerverbände bei der Universitätsbibliothek Hamburg.
Jahnns expressionistischer Roman Perrudja (Band 1) erschien 1929, nachdem er die erste, formal eher konventionelle Fassung nach Lektüre von James Joyce’ Ulysses überarbeitet hatte. Dieses Werk wurde beispielsweise von Alfred Döblin und Heinrich Mann positiv beurteilt, ebenso medial vehement abgelehnt. Fragmente des zweiten Bandes wurden aus dem Nachlass veröffentlicht.
Obwohl Jahnn seit Beginn der 1930er Jahre vor der NSDAP gewarnt hatte und der Radikaldemokratischen Partei (RDP), einer Abspaltung der DDP, beigetreten war,zu Jahnns RDP-Mitgliedschaft, siehe: Stephan Reinhardt (Hrsg.): Die Schriftsteller und die Weimarer Republik. Ein Lesebuch. Berlin 1982, S. 202. wollte er nicht endgültig emigrieren, um den Kontakt mit Deutschland nicht zu verlieren. Er war überzeugt, dass er als Schriftsteller nur in Deutschland seinen Lebensunterhalt sichern konnte. Darum blieb er etwa Mitglied der Reichsschrifttumskammer. Die Nationalsozialisten standen ihm feindlich gegenüber (aufgrund seiner Stücke wurde er in der Presse u. a. als „Kommunist und Pornograph“ bezeichnet) und durchsuchten mehrfach seine Wohnung in Hamburg.