Stein ist eine politische Gemeinde und eine Ortschaft im Hinterland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz. Sie umfasst das gleichnamige Dorf sowie zahlreiche Weiler und Einzelhöfe. Stein wurde 1749 selbständig und ist damit die jüngste Gemeinde in Appenzell Ausserrhoden.
Geographie mini|Luftbild von Walter Mittelholzer, 1923 Die Gemeinde liegt auf einer Anhöhe zwischen den Flüssen Urnäsch im Westen und Sitter im Osten. Nachbargemeinden sind St. Gallen, Teufen, Schlatt-Haslen (AI), Hundwil und Herisau. Stein liegt auf einer Höhe von (beim Sitterviadukt) bis (im Högg). Kommt man von Teufen her, ist Stein die erste Gemeinde im Appenzeller Hinterland. Sie hat eine Gesamtfläche von 933 Hektaren. Davon sind 84 Hektaren bewohnte, 617 Hektaren landwirtschaftliche und 215 Hektaren bestockte Flächen, also Wälder und Gehölze. Die restlichen 17 Hektaren gelten als unproduktive Flächen.
Geschichte Stein erhielt seinen Namen nach dem Flurbezirk Auf Stein , wo der ursprüngliche Kirchenbau geplant war. Im Haus Burg (Sonder 238) sind Mauerreste erhalten, die wohl von einem Wohnturm aus dem 13. und 14. Jahrhundert für klösterliche Dienstmannen des Amts Hundwil stammen. Das Haus Burg war der Wohnsitz des Landammanns Ulrich Waibel, der von 1452 bis 1454 sein Amt versah. Als Untere oder Horgenbühler Rhode war Stein bis 1749 Teil der Rhode und Kirchhöri Hundwil, hatte aber seit den Appenzellerkriegen (1401–1429) eigene politische Behörden. Anstelle der geplanten Kirchenerweiterung in Hundwil erfolgte 1749 trotz heftiger Proteste der Oberen Rhode die Abspaltung der Unteren Rhode, nun Stein genannt, verbunden mit dem Bau einer neuen Kirche und der Trennung der gemeinsamen Güter. Nach der Trennung teilten sich die beiden Rhoden noch das Rathaus, das in Hundwil erbaut worden war.
mini|Reformierte Kirche In der Diskussion um den Standort des Gotteshauses wurde zunächst der Weiler «Reute» ausgewählt. Dieser Standort wurde aber von der Landesregierung nicht genehmigt, da bereits eine andere ausserrhodische Gemeinde den Namen «Reute» trägt. Es kam nun der benachbarte Weiler «Auf Stein» ins Spiel. Doch auch dieser Standort erwies sich als nicht geeignet, und zwar wegen Wassermangels. Der heutige Standort der reformierten Kirche liegt 500 Meter weiter nördlich – ein gusseiserner, zweistrahliger Brunnen erinnert noch heute daran.
Der Ortsname «Stein» setzte sich durch, und das Baujahr der Kirche (1749) wird als Gründungsjahr der neuen Gemeinde festgesetzt. Um die neue Kirche bildete sich noch im 18. Jahrhundert ein kleiner Dorfkern. Zuvor waren die Bauernhäuser hier ungleichmässig verteilt gewesen. Nach dem Teilungsbeschluss war geregelt, dass jeder Bürger selbst entscheiden konnte, ob er zu Stein oder zu Hundwil pfarrgenössig sein wollte. Diese Regel wurde bald wieder abgeschafft. Ebenso wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Grenze neu gezogen, da sie nach dem Teilungsbeschluss nur sehr vage beschrieben war. Das offizielle Siegel verblieb bis um 1835 in Hundwil.
Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzende dynamische Entwicklung der Gemeinde Stein wurde durch das im ganzen Kanton betriebene und in vorindustrieller Zeit erstmals über die Massen florierende Textilgewerbe ermöglicht. Flachsanbau ist seit dem 16. Jahrhundert an bezeugt. Die Weberei ergänzte ab dem 17. Jahrhundert zunehmend die traditionelle Vieh- und Milchwirtschaft. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam die Stickerei hinzu. Versuche mit Seidenweberei und Seidenraupenzucht gab es im frühen 19. Jahrhundert. Eine Stickereifabrik wurde ca. 1870 eröffnet. Sie stellte später auf Plattstichweberei um und beschäftigte 1930 noch 450 Heimweber. Ferner bestand von 1674 bis etwa 1890 im Kubel an der Urnäsch eine Korn- und Papiermühle. Eine Brauerei existierte von ungefähr 1860 bis 1910. Daneben blühten bis 1945 Handwerk und Gewerbe. Die Milchwirtschaft blieb stets von grosser Bedeutung. Stein war bis um 1940 neben Hundwil eine Hochburg des appenzellischen Käse- und Butterhandels. Aufgrund der Wegverbindungen sowohl zu den Alpen im Hinterland als auch nach St. Gallen waren in Stein besonders viele Grempler ansässig. Diese holten mit Packpferden Butter, Käse und Molke auf den Alpen ab und transportierten sie zum Verkauf in die Stadt und bis in den Bodenseeraum.
Der Tourismus setzte im frühen 19. Jahrhundert im Bad Störgel ein und nahm ab 1898 infolge der Gründung eines Verkehrsvereins zu. In Stein herrschte ein ländlicher Tourismus.
Von 1950 bis 1980 entwickelte sich Stein – auch wegen der Anlage von neuen Wohnquartieren – von einer Arbeits- zu einer Wohngemeinde, der ersten im Hinterland. Diese Entwicklung mit vielen Wegpendlern setzte sich bis ins 21. Jahrhundert fort. Ab dem späten 20. Jahrhundert intensivierte die Gemeinde die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden zur Erfüllung gewisser Aufgaben – z. B. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Oberstufe, Grundbuchamt. 2005 stellte der erste Wirtschaftssektor gut 31 % und der zweite gut 20 % der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Das Grundbuchamt führen Teufen, Bühler und Stein gemeinsam.
Bevölkerungsentwicklung
Bevölkerungsentwicklung Jahr 1794 1818 1850 1870 1888 1900 1920 1950 1970 1980 1990 2000 2005 2010 2015 2018 2022 Einwohner 1777 1367 1666 1705 1957 1787 1672 1306 1101 1198 1314 1355 1330 1359 1406 1429 1437
Politik Seit 2022 ist Petra Hanel Sturzenegger Gemeindepräsidentin der Gemeinde Stein. Stein verfügt über einen neunköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung der Gemeindepräsidentin steht. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde abrufbar.Stein AR: Gemeinderat
Aufgrund der Einwohnerzahl darf Stein zwei Personen im Kantonsrat in Herisau stellen, der die Legislative des Kantons bildet. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren bestimmt. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates
Wirtschaft mini|Die Schaukäserei (vorne links) und das Dorf Die Wirtschaftsstruktur von Stein galt wegen ihrer Diversifikation mit Landwirtschaft, Textilindustrie und einem vielfältigen Gewerbe lange als krisensicher. Ab dem 19. Jahrhundert kam der Tourismus dazu. Durch die im Jahr 1978 eröffnete Schaukäserei nahm der Tagestourismus Aufschwung. Bereits im ersten Jahr besuchten über 300'000 Menschen die Schaukäserei. Seit der Eröffnung bis ins Jahr 2021 besichtigten über acht Millionen Menschen die Käserei. Im Jahr 1987 eröffnete zudem das Appenzeller Volkskunde-Museum seine Türen. Es zeigt Ausstellungen zur bäuerlich-sennischen Kultur und zur Textilindustrie des Appenzellerlands.
2022 gibt es über 50 verschiedene eingetragene Unternehmen in der Gemeinde Stein und einen Dorfladen mit einer Post-Filiale.
Medien Ab 1999 erschien jeweils sechsmal pro Jahr die Dorfzeitung «Steinzeit». Sie wurde 2024 eingestellt.
Bildung Seit der Trennung von Hundwil wurde in Stein unterrichtet. Die erste Schule wurde 1750 gegründet. Erst ab 1830 wurden die Lehrer in Lehrerbildungsstätten ausgebildet. Unterrichtet wurde entweder im Pfarrhaus oder im Haus des Lehrers. Die Eltern der Schüler mussten dem Lehrer einen wöchentlichen Lohn bezahlen. Sehr arme Kinder konnten die Schule nicht besuchen, da sie in der eigenen Familie mithelfen mussten. 1837 erfolgte die Gründung einer Freischule. 1839 wurde das Schulhaus «Langenegg» erbaut, da die Pfarrhäuser für die Anzahl Schüler zu klein geworden waren. Die Entlöhnung des Lehrers wurde nun von der Gemeinde übernommen. 1888 wurde die Schule im Dorfbezirk in Unterschule (1. bis 3. Klasse) und in Oberschule (4. bis 8. Klasse) unterteilt. 1901 fand der Unterricht zum ersten Mal an der neuen Realschule (heute Sekundarschule) statt. Nach dem Bau des Dorfschulhauses 1966 und 1967 wurden die Aussenschulen «Langenegg» und «Berg» aufgelöst.
1971 wurde der erste öffentliche Kindergarten in der Gemeinde eingerichtet. Zuvor war der Kindergarten auf privater Basis geführt worden. Heute befinden sich in Stein zwei Kindergärten, eine Primarschule und eine Sekundarschule unmittelbar im Dorfzentrum. Im Schuljahr 2021/22 werden ungefähr 200 Kinder unterrichtet. In die Sekundarschule kommen auch Schülerinnen und Schüler aus der Nachbargemeinde Hundwil. Das kantonale Gymnasium hingegen muss in Trogen besucht werden.
In Stein gibt es eine ausserschulische Kinderbetreuung, sie wird von der KiBe Herisau geführt. Sie ist im Altersheim Casa Solaris untergebracht.
Öffentliche Einrichtungen Am 19. Mai 1811 wurde die Liegenschaft «unter dem Bühl» erworben und zum Armenhaus bestimmt. Die Leute, die dort untergekommen waren, mussten in der Landwirtschaft mithelfen oder im Webkeller arbeiten. 1990 wurde das Armenhaus zu einem Altersheim umfunktioniert. Bis Ende 2018 betrieb die Gemeinde das Altersheim. Ein Neubauprojekt für ein Altersheim mit einer Genossenschaftslösung scheiterte aber an der Finanzierung. Die Gemeinde stellte die Schliessung in Aussicht. Ab 2019 übernahm dann die Casa Solaris AG das Altersheim Büel und errichtete in der Folge einen Neubau im Paradiesli. Seit 2021 bestehen dort Pflegeplätze und Alterswohnungen. Nach dem Umzug der Senioren ins Paradiesli stand das Haus Büel einige Zeit leer, bis im Jahr 2022 Geflüchtete aus der Ukraine es bezogen.
Institutionen Die 1945 in Zürich gegründete Psychosophische Gesellschaft baute ab den 1940er-Jahren im Haus Rose in Stein die Abtei Thelema auf. Kopf der Gesellschaft war Hermann Metzger (1919–1990), zu seinen Jüngerinnen gehörten Rösli Metzger, Anita Borgert, Anna Werder-Binder und Annemarie Aeschbach. Der Orden hatte zum Ziel, alte Weisheitslehren zu erforschen und dem Leben einen neuen Sinn zu geben. Zur Abtei in Stein gehörten eine Kapelle, ein Labor, eine Wetterstation, eine Bibliothek und eine Druckerei. Man betrieb biologische Landwirtschaft und eine Bienenzucht. In Stein fanden Treffen von Okkultisten aus ganz Europa statt. Da sich die Abtei auch auf die Lehren von Aleister Crowley (1875–1947) berief, geriet sie nach Ritualmorden in den USA 1969 in die Schlagzeilen und löste sich nach 1977 allmählich auf. Das Archiv und die Bibliothek der Psychosophischen Gesellschaft befinden sich in der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden. Darunter befindet sich auch Material zum Vampir-Stummfilm «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens».
Ab 1981 betrieb der WWF im Haus Rose ein Oekozentrum mit einem vielfältigen Angebot einerseits von Kursen zu Ökologie, andererseits mit kulturellen Veranstaltungen. An den Sommerunivers(al)itäten nahmen jeweils bekannte Künstlerinnen und Künstler teil. In der «Rose» wurde gewirtet. Die Liegenschaft gehörte jedoch immer noch Annemarie Aeschbach, die sie 1961 für die Psychosophische Gesellschaft erworben hatte. Ein Umbau und eine Erneuerung der «Rose» war deshalb nicht möglich, sodass der WWF 1989 das Oekozentrum schloss.
Verkehr mini|Die Haggenbrücke ist der höchste Fussgängersteg Europas