mini|hochkant|Sackpfeife, einfache Bauform mini|hochkant|Pieter Bruegel d. Ä., Bauerntanz (um 1568), Ausschnitt mini|hochkant|Sackpfeifer in der Zisterzienserabtei Santes Creus, Katalonien mini|hochkant|Haus „Zur Sackpfeife“ (erbaut 1335) in Konstanz Die Sackpfeife oder der Dudelsack (selten Bockpfeife) ist ein Holzblasinstrument, das Luft aus einem Luftsack erhält. Der Luftsack (Windbehälter, früher auch „Pfeifensack“www.dwds.de. genannt) wird entweder mit dem Mund über ein Anblasrohr oder über einen Blasebalg befüllt. Beim Spielen wird Luft aus dem Luftsack durch Armdruck in Spiel- und Bordunpfeifen geleitet, wo Einfach- oder Doppelrohrblätter die Töne erzeugen. Grifflöcher am Spielrohr dienen zum Spielen von Melodien, während Bordunpfeifen einen gleichbleibenden Dauerton hervorbringen. Im Zusammenklang entsteht die für Sackpfeifen charakteristische Mehrstimmigkeit. Der Klang der Borduntöne ist meist ein tieferes, sattes Brummen. Die Melodiepfeifen klingen höher, je nach Instrumententyp auch durchdringender.
Im deutschsprachigen Raum kam das Musikinstrument im Lauf des 19. Jahrhunderts außer Gebrauch, erlebte aber gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Wieder- bzw. Neubelebung. Sackpfeifen waren und sind innerhalb und außerhalb Europas weit verbreitet. Es gibt eine Fülle unterschiedlicher Formen, Materialien und Verwendungsweisen.
Wer das Instrument spielt, wird als Sackpfeifer (Dudelsackpfeifer/Dudelsackspieler) bezeichnet.
Bezeichnungen Dudelsack und Sackpfeife Das Wort „Sackpfeife“ wird bereits im 16. Jahrhundert als Sammelbegriff für verschiedene Sackpfeifen verwendet. Wir finden das Wort „Sackpfeiff“ bei Sebastian Virdung (1511) und Martin Agricola (1529). Das Wort „Dudelsack“ wurde das erste Mal im Jahr 1642 dokumentiert.Ernst Eugen Schmidt: Sein polnisch Duday dises war…. In: Der Dudelsack in Europa. München 1996.
Der Wortteil Dudel- lässt sich von duten/tuten herleiten, das „auf dem hirtenhorn, kuhhorn, der posaune oder einem ähnlichen instrument blasen“ bedeutet. Der lautmalerische Wortstamm ist mit dem slawischen duda () „Sackpfeife, Pfeife, Rohrpfeife, Schalmei“ verwandt, das im Tschechischen, Slowakischen und Polnischen als Pluralform dudy gebraucht wird. Das Suffix „-eln“ verleiht dem Verb dudeln eine iterative Bedeutung („immer wieder/ohne Unterlass blasen“), woraus sich auch die Konnotation von „eintönig/schlecht musizieren“ ergibt. Aufgrund dieses Beiklangs wird im instrumentenkundlichen Zusammenhang häufig der neutralere Begriff „Sackpfeife“ statt „Dudelsack“ verwendet.
Bauform und Spielweise Sackpfeifen haben folgende Grundbestandteile, die bei den vielfältigen regionalen Formen unterschiedlich ausgeführt und kombiniert werden.
Luftsack und Luftzufuhr mini|hochkant|Blasebalg für Sackpfeifen mit geringem bis mäßigem Luftdurchsatz
Der Luftsack wird meist aus abgedichtetem Leder, eventuell aus einem ganzen Tierbalg hergestellt. Oft wird Ziegenhaut verwendet, daher der Begriff Bockpfeife.Der Selbitzer Bockpfeifer, #1/1955, S. 2. Sofern Fell verarbeitet wird, kann dieses nach innen oder außen gewendet sein. Heute wird auch Synthetikmaterial für den Luftsack verwendet. Überzüge aus Stoff sind häufig.
Der Spieler bläst den Sack mit dem Mund durch ein Anblasrohr oder mit Hilfe eines Blasebalgs auf. In der Regel wird der Blasebalg mit dem Arm bedient. Der spanische Sackpfeifenbauer Seivane bietet auch Blasbälge zur Bedienung mit dem Fuß an.Seivane.es; abgerufen am 12. Dezember 2018 Bei fast allen Sackpfeifen sorgt ein Rückschlagventil dafür, dass die eingeblasene Luft nicht zurückströmen kann, wenn der Spieler Atem holt bzw. den Blasebalg aufzieht. Der Sack wird mit einem oder beiden Armen gegen den Körper gedrückt, um einen möglichst konstanten Luftdruck im Sack zu erzeugen, der an die Spiel- und Bordunpfeifen abgegeben wird.
Spielpfeife mini|hochkant|Tabelle für die Einrichtung der Intervalle von Sackpfeifen bei Marin Mersenne
Die meisten Sackpfeifen haben eine Spielpfeife. Spielpfeifen können eine zylindrische oder konische Bohrung haben. Mit konischer Bohrung klingen sie lauter als mit zylindrischer. Spiel- und Bordunpfeifen werden meist aus den auch sonst für Holzblasinstrumente verwendeten Tonhölzern gefertigt. Im 19. Jahrhundert wurden auch Instrumente aus Messing für den Einsatz in den Tropen gefertigt.Hugh Cheape: Bagpipes. Edinburgh 2008. Instrumente der Gegenwart werden auch aus Polypenco angeboten.
Die Spielpfeifen der meisten Dudelsäcke sind diatonisch in reiner Stimmung gestimmt. Reine Quinten und Terzen sind bei Spielpfeifen in der Handhabung unproblematisch. Schwieriger ist die Frage nach der Gestaltung der Ganztöne. Auf der Webseite www.Sackpfeifenclub.de wird für den Ganzton über dem Grundton ein großer Ganzton im Verhältnis 9:8 (204 Cent) angezeigt. Dieser disharmoniert mit der darauf aufgebauten Quinte. Marin Mersenne empfiehlt in seiner Harmonie Universelle von 1637 für die Sekunde über dem Grundton den kleinen Ganzton 10:9 (182 Cent), welcher zwar keine reine None zum Grundton bildet, aber eine reine Quinte zur Sexte über dem Grundton bildet, was das Spiel von Molltonleitern auf der zweiten Stufe ermöglicht.Marin Mersenne: Harmonie universelle, Ausgabe 1637, S. 286 Tonartfremde Töne können nur begrenzt durch Hilfsgriffe gespielt werden. Klappen sind selten. Nur wenige Spielpfeifen werden überblasen (z. B. Uillean Pipes, Cornemuse du Centre, moderne Schäferpfeife oder Gaita gallega), so dass der Tonumfang der Oktave nur wenig überschritten wird.
Zur Feinabstimmung der Tonlöcher bei Holzblasinstrumenten waren früher Wachs, Hirschtalg oder Kitt gebräuchlich.Hugo Alker: Die Blockflöte: Instrumentenkunde, Geschichte, Musizierpraxis, Wien 1962 Bei Sackpfeifen ist heute der Gebrauch von Isolierband (Tape) zur Verkleinerung der Tonlöcher üblich.bagpipe.de
Besonderheiten: Die sizilianische Zampogna hat zwei Spielpfeifen, die für zweistimmiges Melodiespiel geeignet sind (mit geringem Tonumfang, da jeweils nur die Finger einer Hand zur Verfügung stehen).
Die im Mittelmeerraum und im Nahen Osten verbreiteten „bordunlosen“ Sackpfeifen haben zwei parallele Spielrohre mit teils parallelen, teils unterschiedlichen Bohrungen. Diese können entweder mit flachen Fingern gleichzeitig gegriffen werden und klingen „unisono“ (wobei die entstehenden Schwebungen den Klang verstärken), oder eine der beiden Pfeifen übernimmt die Funktion des Borduns bzw. Stufenborduns (mit wechselnden Borduntönen). Beispiele dieses Typs sind Mezwed, Diple und Tulum.
Bordunpfeifen Dudelsackformen mit einem oder zwei Bordunen sind häufig, auch mehr Bordune sind möglich. Es erklingt der Grundton der verwendeten Tonart, bei mehreren Bordunen in verschiedenen Oktavlagen. Daneben kann die Quinte verwendet werden. Um das Instrument in verschiedenen Tonarten zu verwenden, können die Bordunpfeifen auf mehrere Borduntöne gestimmt werden oder einzeln stummgeschaltet werden.
Bei einigen Sackpfeifentypen, insbesondere solchen mit überblasbaren Spielpfeifen oder umstimmbaren Bordunen, sind die Bordune weniger empfindlich gegenüber Druckschwankungen. So können Tonhöhe und Klang der Spielpfeife variiert werden, während der Bordun gleich bleibt.
Eine Besonderheit stellen die gedackten Bordune (regulators) der Uilleann Pipes dar, die beim Öffnen von Klappen auf unterschiedlichen Tonhöhen erklingen. Die Musette de Cour hat mehrere „gefaltete“ Bordune nach Art des Ranketts, die zudem über Schieber auf verschiedene Töne gestimmt werden können.
Spiel- und Bordunpfeifen werden meist durch eine Hülse, den sogenannten „Stock“, mit dem Luftsack verbunden.
Rohrblätter mini|hochkant|Doppelrohrblätter für Spiel- (links), Einfachrohrblätter für Bordunpfeifen (rechts)
Die Rohrblätter für Spiel- und Bordunpfeifen werden normalerweise aus Schilfrohr (häufig Arundo donax) hergestellt, in neuerer Zeit auch aus Kunststoff oder Metall.
Die Spielpfeife kann ein Einfachrohrblatt oder ein Doppelrohrblatt haben. Doppelrohrblätter haben einen lauteren, intensiveren Klang ähnlich dem der Schalmeien. Bei west- und mitteleuropäischen Formen überwiegen für die Spielpfeife Doppelrohrblätter, in anderen Regionen traditionell idioglotte Einfachrohrblätter.
Bordunrohre haben häufig Einfachrohrblätter. In traditioneller Herstellung wird in die Seitenwand eines Rohres eine Zunge eingeschnitten (idioglott). Heute werden häufig auch entsprechende Hülsen aus Kunststoff mit aufgebundenen Blättern verwendet. Die Dimensionen der Bordunrohrblätter sind auf den jeweiligen Ton bzw. auf die verwendete Rohrlänge genau abgestimmt.
Griffweisen mini|hochkant|Grifftabelle für Blockflöte und Sackpfeifen bei Martin Agricola 1529 Dudelsäcke werden teils in offener, teils in geschlossener Griffweise gespielt. Die offene Griffweise entspricht der Griffweise anderer Blasinstrumente, wie z. B. der Blockflöte. Das heißt, es werden von oben nach unten so viele Löcher abgedeckt, wie es die Tonhöhe erfordert. Geschlossene Griffweise heißt, dass in der Grundstellung alle Grifflöcher von den Fingern abgedeckt werden. Um andere Töne zu erzeugen, werden die entsprechenden Grifflöcher einzeln geöffnet. Die halboffene (auch: halbgeschlossene) Griffweise kombiniert diese beiden Prinzipien.
Historische Belege für die offene Griffweise: Martin Agricola erwähnt in seiner Musica instrumentalis deudsch von 1529, dass Blockflöten und Sackpfeifen „eynerley brauch“ bei den Griffen hätten. Seine Tabelle für die Blockflöte in C zeigt eine Grundskala in Dur mit einer offenen Griffweise mit Gabelgriff auf der Quarte über dem Grundton.Martin Agricola: Musica instrumentalis deudsch, „Das Erste Capitel“ Marin Mersenne gibt in der Ausgabe der Harmonie universelle von 1637 Hinweise auf die Griffweise der „Cornemuse rurale ou pastorale des Bergers“. Es müsse ein Tonloch nach dem anderen geöffnet werden, bis zum letzten Ton, bei dem alles offen sei („tout ouvert“).Marin Mersenne: Harmonie universelle, S. 286 Pierre Borjon de Scellery (1633–1691) erwähnt in seiner Abhandlung über die Musette de Cour auch eine Musette de bergers (Musette der Schäfer), auf der die offene Griffweise praktiziert werde.Pierre Borjon de Scellery, Traité de la musette, S. 23 Geschlossene Griffweisen werden in Lehrwerken für die Musette de Cour abgehandelt. Zu nennen wären das Lehrwerk Traité de la musette von Pierre Borjon de Scellery (1672) und die Methode pour la musette Opus 10 von Jacques-Martin Hotteterre (1773).
Die halbgeschlossene Griffweise für die Great Highland Bagpipe wurde schon 1760 von Joseph Mac Donald in seiner Abhandlung A Compleat Theory of the Scots Highland Bagpipe beschrieben.Joseph Mac Donald: A Compleat Theory of the Scots Highland Bagpipe. 1760. Onlinedokument: http://www.altpibroch.com/PrimarySources/J-c1760.pdf
Artikulation Da eine Sackpfeifenspielpfeife ständig einen Ton erzeugt, wird zur Trennung von zwei Tönen gleicher Tonhöhe mindestens ein anderer Ton kurz dazwischen gespielt (englisch grace note, französisch détaché). Aus dieser Notwendigkeit haben sich sackpfeifenspezifische Verzierungen entwickelt, bei denen oft mehrere kurze Zwischentöne zur Trennung von zwei gleichen Tönen eingeschoben werden.
Geschichte Antike Der historische Ursprung des Instruments lässt sich nicht sicher ermitteln, da die ältesten Zeugnisse vereinzelt und in ihrer Deutung nicht immer eindeutig sind. Als möglicherweise älteste Darstellung einer Sackpfeife wird ein hethitisches Relief aus Alaca Höyük (heutige Türkei) diskutiert (vor 1200 v. Chr.)Gerald Abraham: “The Concise Oxford History of Music”, Oxford University Press, Oxford 1979.
mini|hochkant|Gruppe von Musikern, rechte Figur mit Sackpfeife, Persisches Reich (6. Jahrhundert v. Chr.)