mini|Video: Die Hagia Sophia in Istanbul (0:45 min)|thumbtime=8 Die Hagia Sophia (vom griechischen „heilige Weisheit“; ) oder Sophienkirche befindet sich in Eminönü, einem Stadtteil im europäischen Teil Istanbuls. Die von 532 bis 537 n. Chr. erbaute ehemalige byzantinische Kirche wurde von 1453 bis 1935 – und wird wieder seit 2020 – als Moschee genutzt. Von 1935 bis 2020 diente sie als Museum (Ayasofya Müzesi, „Hagia-Sophia-Museum“).

Nach dem Niederbrennen zweier Vorläuferbauten verfolgte Kaiser Justinian mit dem Bau einer Kuppelbasilika im 6. Jahrhundert n. Chr. ein besonders ambitioniertes baupolitisches Programm. Sie ist dabei nicht nur die letzte der spätantiken Großkirchen, die seit Konstantin dem Großen im Römischen Reich errichtet wurden, sondern gilt in ihrer architektonischen Einzigartigkeit oft als eine Kirche ohne Vorbilder und ohne Nachahmung.Jörg Lauster 2012: Warum gibt es Kirchen? Rom – Jerusalem – Konstantinopel. In: Thomas Erne 2012 (Hrsg.): Kirchenbau. 23–33, Vanderoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN 978-3-525-56852-1, hier S. 30–31. Die Kuppel der Hagia Sophia bleibt mit ursprünglich 33 Metern Spannweite bis zum heutigen Tage die größte über nur vier Tragepunkten errichtete Ziegel-Kuppel der Architekturgeschichte.Slobodan Ćurčić: Architecture in the Balkans. From Diocletian to Süleyman the Magnificent. Yale University Press, New Haven und London 2010, S. 195ff. Sie gilt mit der gigantischen Umsetzung und den Proportionen und der besonderen Harmonie ihres Innenraums als eines der bedeutendsten Gebäude aller Zeiten.Jörg Lauster 2012: S. 31. Aufgrund ihres besonderen Baugefüges und der hier durch Isidor von Milet und Anthemios von Tralleis erstmals verwirklichten neuartigen Idee in der Durchdringung von Zentralraum und longitudinaler Basilika entstand ein Bauwerk, das die Grenzen der verfügbaren technischen Möglichkeiten der Spätantike auslotete. Sie ist eine der kühnsten Konstruktionen aus Menschenhand und eines der bedeutendsten Bauwerke der letzten 1500 Jahre.

Als letztes großes und bei Weitem bedeutendstes Bauwerk der frühbyzantinischen Architektur und Kunst der SpätantikeSlobodan Ćurčić: Architecture in the Balkans. S. 192. wird sie in ihrer Funktion als zentralem Ort byzantinischer Herrschaftsrepräsentation als eine Verkörperung der byzantinischen Reichsidee gesehen und ist damit eines der wichtigen Schlüsselwerke für das Verständnis des kulturhistorischen Phänomens Byzanz. Sie brachte zugleich ein neues Paradigma des Kirchenbaus hervor, das teils im Gegensatz zu seinen älteren Vorläufern stand und in der Folge einen der Grundpfeiler der christlichen Baukunst bilden sollte, der die Sakralarchitektur in Ost und West nachhaltig beeinflusst hat.Georg Ostrogorsky: Byzantinische Geschichte 324–1453. Unveränderter Nachdruck. C. H. Beck, München 1996, S. 49. Die Hagia Sophia wurde nicht zuletzt als Ausdruck und Demonstration der kaiserlichen Macht Justinians gebaut: Indem sich in dem Bauwerk die Einzigartigkeit seines Auftraggebers und die Zurschaustellung seiner herausragenden Stellung manifestierten, bildet es auch den Anspruch, Justinians Gottesgnadentum in der irdischen Herrschaft über die christliche Welt zu zeigen, ab. Die Hagia Sophia war die Kathedrale Konstantinopels, Hauptkirche des Byzantinischen Reiches sowie religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie und ist heute ein Wahrzeichen Istanbuls. Ihre architektonischen Bedingungen waren ein zentraler Faktor für die Entwicklung der in ihr gefeierten spätantiken Liturgie und der liturgischen Musik.

Als Krönungskirche der byzantinischen Kaiser (seit 641), als Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel und Ort wichtiger historischer Geschehnisse ist die Hagia Sophia in besonderer Weise mit der byzantinischen Geschichte sowie allgemein als universell gedachte Modellkirche der Hauptstadt der christlichen Oikumene, Konstantinopel, mit der Ideengeschichte des östlichen Christentums verbunden. Geplant als Bau von universeller Bedeutung, blieb sie über die Zeit des Mittelalters auch ein universelles christlich-spirituelles Zentrum. Auf der rechten Seite des Naos symbolisiert das Omphalion daher auch die Mitte der Erde, den sprichwörtlichen „Nabel der Welt“. Ihr Bau und ihre Symbolkraft waren aber insbesondere für die orthodoxe Christenheit und das Reich von außerordentlicher Bedeutung. Daher gilt sie den meisten orthodoxen Christen noch heute als großes Heiligtum.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wurden christliche Insignien, Inneneinrichtung, Dekorationen und Glocken der Hagia Sophia entfernt oder durch Putz verdeckt. Anschließend als Hauptmoschee der Osmanen adaptiert, hatte sie großen Einfluss auf die Entfaltung der osmanischen Baukunst. Die osmanischen Sultane des 16. und 17. Jahrhunderts lehnten die Moscheen in den großen imperialen Külliyen an das bauliche Vorbild der Hagia Sophia an. Hauptwerke wurden hier durch Sinan geschaffen. Allgemein ist die Hagia Sophia unter den bedeutenden frühchristlichen Sakralgebäuden trotz der islamischen Indienstnahme in rein architektonischer Perspektive heute weniger verändert als die großen frühchristlichen Basiliken Roms und Jerusalems.Lauster 2012: S. 31.

Auf Anregung Atatürks, des ersten Präsidenten der Türkei, beschloss der Ministerrat am 24. November 1934, die Moschee in ein Museum umzuwandeln. Am 10. Juli 2020 entschied das oberste Verwaltungsgericht der Türkei, dass die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt werden dürfe. Auf Anordnung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde für das erste islamische Gebet der 24. Juli 2020 festgelegt.

Bauhistorische Einordnung mini|Ineinandergreifende Geometrien verdecken das gewaltige Stützsystem, das die riesige Kuppel trägt. Dieses verbirgt sich hinter elegant angeordneten Galerien, die dem Bauwerk die Illusion von der Entmaterialisierung seiner vertikalen Wandflächen verleihen.

Die Hagia Sophia gehört zu den herausragenden Bauwerken der Spätantike und ist das bedeutendste Beispiel für den Bautypus der Kuppelbasilika. Die Kuppelbasilika vereinigt Bauelemente mit einer längeren Geschichte. Dazu gehören die bereits in römisch-republikanischer Zeit entstandenen Basiliken als Orte der Versammlung, des Marktes und der Gerichtsbarkeit sowie die Kuppelbauten römischer Mausoleen, wie sie in der Kaiserzeit entstanden.

Das auffälligste Element der Hagia Sophia ist die monumentale Kuppel, die den gesamten Innenraum beherrscht. Sie ruht auf Pendentifs zwischen vier mächtigen Pfeilern. Im Norden und Süden des rechteckigen Zentralbaus wird der Seitenschub von Strebwerk über den Seitenschiffen abgefangen. Im Westen und Osten übernehmen diese Aufgabe Konchen mit Halbkuppeln, deren Widerlager ihrerseits in insgesamt vier kleineren Kuppeln liegt. Über dem Narthex befindet sich die Kaisertribüne und seitlich je eine Galerie für die Frauen (Gynaikeion). Die bauhistorische Bedeutung der Kuppel liegt nicht in ihrer Größe, denn bereits im ersten Jahrhundert nach Christus war es den Römern möglich, noch umfangreichere Kuppeln zu errichten, sondern darin, dass sie erstmals auf nur vier Pfeilern ruht und so gleichsam über dem darunterliegenden Raum schwebt. Der Versuch, die architektonische Herausforderung mit einer extrem flachen Kuppel zu erhöhen, scheiterte an wiederholten heftigen Erdbeben.

Die der göttlichen Weisheit gewidmete Kirche steht auf einem Rechteck von rund 80 m Länge und 70 m Breite. Die Spannweite der Kuppel beträgt rund 32 m; der Kuppelraum ist vom Fußboden bis zum Kuppelscheitelpunkt 55 m hoch.Hubertus Adam, Jochen Paul (Hrsg.): Höhepunkte der Weltarchitektur. DuMont, Köln 2001, S. 75.

Baugeschichte mini|Lage der Kirche im ehemaligen Palastbezirk Konstantinopels. An der Südseite der Kirche lag das Augustaion mit der Monumentalstatue Justinians I. Unmittelbar westlich befindet sich die Cisterna Basilica. mini|Stiftermosaik, 11. Jh. Maria als Theotokos, umgeben vom Kirchenstifter Kaiser Justinian mit dem Modell der Hagia Sophia und von Kaiser Konstantin als Stadtgründer mit dem Modell Konstantinopels. |alt=Das Mosaik aus dem 11. Jahrhundert zeigt mittig die thronende Maria, zu ihrer Rechten ist Kaiser Justinian mit dem Modell der Kirche zu sehen, zu ihrer Linken Kaiser Konstantin, mit dem Modell der Stadt Konstantinopel. mini|Staatsgebiet des Oströmischen Reiches unter Justinian I. Konstantinopel als Zentrum der Christenheit mini|Stadtplan um 1420, in Cristoforo Buondelmontis Liber insularum archipelagi. Paris, Bibliothèque nationale de France, Département des Cartes et Plans, Ge FF 9351 Rés., fol. 37r mini|Das zeitgenössische Stifterporträt Justinians im Altarraum von San Vitale in Ravenna versinnbildlicht Justinians religiöses Selbstverständnis: Die Patena haltend, bereitet er in Gemeinschaft der Priesterschaft selbst die Liturgie vor Strategisch auf der europäischen Seite des Bosporus zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer liegend, bildete Konstantinopel die Hauptstadt des spätantiken und mittelalterlichen Römischen Reiches, das als Byzantinisches Reich (395–1453) bekannt ist. Es war eines der größten und mächtigsten urbanen Zentren der Alten Welt und Hauptstadt des seitdem christlichen Römischen Reiches, damit Zentrum der Christenheit. Konstantinopel war neben Jerusalem wichtiges christliches Pilgerziel; Marien- und Christuspatrimonien wurden hier zusammengetragen und in speziellen Kirchenschreinen verehrt. Die im 6. Jahrhundert vollendete Kathedrale Konstantinopels, die Hagia Sophia, definierte die religiöse Zentralität des neuen Roms, das bald ebenso groß und reich bevölkert war wie Rom. Die Kirche war Haupt- und Bischofskirche der Residenzstadt Konstantinopel. In der Visur der Stadt bildete ihre Kuppel die zentrale Landmarke. Besucher, die über das Goldene Horn in der Stadt eintrafen, erblickten zuerst ihre Silhouette. Sie wurde als bauliches Symbol in der Personifizierung des Kaisers des christlichen Imperiums empfunden. Als das bis dahin größte überdachte Gebäude der Geschichte ist es der einzige weitgehend erhaltene Herrschaftsraum eines Staates, der sich selbst in der ungebrochenen Nachfolge des Römischen Weltreiches sah.Rudolf H. W. Stichel: Die Hagia Sophia Justinians, ihre Liturgische Einrichtung und der zeremonielle Auftritt des Frühbyzantinischen Kaisers. In: Falko Daim, Jörg Drauschke (Hrsg.): Byzanz – Das Römerreich im Mittelalter (= Monographien des RGZM. Band 84,2,1). Mainz 2010, ISBN 978-3-88467-154-2, S. 25–58, hier S. 25. Es war hier, wo sich die christliche Liturgie unter Beisein und Ausübung von sakralen Handlungen im zeremoniellen Auftritt des römischen Kaisers, trotz seiner dem Laienstand angehörenden Stellung, in quasi-priesterlicher Funktion vollzog.Rudolf H. W. Stichel: Die Hagia Sophia Justinians, ihre Liturgische Einrichtung und der zeremonielle Auftritt des Frühbyzantinischen Kaisers. In: Falko Daim, Jörg Drauschke (Hrsg.): Byzanz – Das Römerreich im Mittelalter (= Monographien des RGZM. Band 84,2,1). Mainz 2010, ISBN 978-3-88467-154-2, S. 25–58, hier S. 41. Einzig der Kaiser war vom allgemeinen Verbot, den Altarraum zu betreten, ausgenommen. In Begleitung von Senatoren und Bischöfen wurde das Zeremoniell des Kleinen und Großen Einzuges als Staatsakt gefeiert. Dass das neue sakrale Hauptgebäude des Reiches selbst das des alten Roms, das Pantheon, übertreffen sollte, kann aus der Diagonale zwischen den Hauptpfeilern der Hagia Sophia interpretiert werden. So bilden die beiden Apsiden mit den Pendentifs einen ausgeschnittenen Teil einer gewaltigen Kuppel, der von den Dimensionen her als identisch zum Pantheon aufgefasst werden kann.Rudolf H. W. Stichel: Die Hagia Sophia Justinians, ihre Liturgische Einrichtung und der zeremonielle Auftritt des Frühbyzantinischen Kaisers. In: Falko Daim, Jörg Drauschke (Hrsg.): Byzanz – Das Römerreich im Mittelalter (= Monographien des RGZM. Band 84,2,1). Mainz 2010, ISBN 978-3-88467-154-2, S. 25–58, hier S. 49.