mini|Iuvavum im 2. Jahrhundert n. Chr. Das Municipium Claudium Iuvavum (kurz Iuvavum oder Juvavum) war eine römische Stadt an der Stelle der Altstadt des heutigen Salzburg in Österreich. Nachdem die Römer 15 v. Chr. das norische Reich besetzt hatten, wurden die keltischen Niederlassungen auf den heutigen Salzburger Stadtbergen aufgegeben und in der Ebene an der Salzach die Siedlung Iuvavum gegründet. Unter Kaiser Claudius (regierte 41–54 n. Chr.) erhielt Iuvavum das Munizipialrecht und gehörte fortan zur römischen Provinz Norikum, in der Spätantike zu Ufernorikum. Im 3. Jahrhundert begann langsam der Niedergang der Stadt. Nach dem Ende des weströmischen Reiches wurde die Talsiedlung ganz aufgegeben, wobei sich die romanische Restbevölkerung vermutlich auf den Nonnberg und Festungsberg zurückzog.

Name

Vorkommen Der Ortsname Iuvavum ist in fünf literarischen und vielen inschriftlichen Quellen belegt:Günther E. Thüry: Die Stadtgeschichte des römischen Salzburg. Befunde und Funde bis 1987. Oxford 2014, hier S. 52 f. Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. taucht er zusammen mit den vier anderen norischen Städten Virunum, Celeia, Teurnia und Aguntum bei Plinius dem Älteren auf.Plinius der Ältere, Naturalis historia 3,146. Um 150 n. Chr. erwähnte der Geograf Claudius Ptolemäus den in Norikum gelegenen Ort Κλαυδιούιον (Claudivium), der mit (Claudium) Iuvavum identifiziert wird.Claudius Ptolemäus, Geographike hyphegesis 2,13,3; Klaudios Ptolemaios: Handbuch der Geographie. Griechisch – Deutsch, Bd. 1: Einleitung und Buch 1 – 4. herausgegeben von Alfred Stückelberger und Gerd Graßhoff, Basel 2006, hier S. 240 f. Aus der Spätantike finden sich die Schreibweisen Iovavi im Itinerarium Antonini, Iuavo in der Tabula Peutingeriana und Iuvao in der Severinsvita.Eugippius, Vita sancti Severini, 13,1. Die abweichenden Endungen auf -o bzw. -i lassen sich mit der vulgärlateinischen Verdrängung der Nominativendung zugunsten der Ablativ- bzw. Lokativendung erklären. Inschriftliche Belege (zum Beispiel Grabinschriften) gibt es aus dem 1. bis 4. Jahrhundert. Wie in den spätantiken Schriften ist auch in den Inschriften teilweise Iuva- zu Iua- und/oder -avum zu -aum verkürzt. Solche Reduzierungen finden sich auch andernorts und entsprechen der älteren lateinischen Aussprache des Buchstabens ‹v› als Halbvokal [u̯].Karl Forstner: Bemerkungen zu den Ambisontern, Alaunern und zu Iuvavum, Iuvavus und Iu(v)aru. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 151, 2011, S. 111–125, hier S. 117–125.

Als im Frühmittelalter der deutsche Name Salzburg aufkam, den erstmals um 770 n. Chr. Willibald von Mainz in seiner Bonifatiusvita überlieferte,Willibald von Mainz, Vita Bonifatii 7. verschwand der antike Name Iuvavum schrittweise. Um 800 findet man in den Salzburger Güterverzeichnissen (Notitia Arnonis und Breves Notitiae) ein Nebeneinander des neuen und alten Ortsnamens. Während luvavum ab dem 9. Jahrhundert nur noch sehr selten verwendet wurde, blieb das davon abgeleitete Adjektiv luvavensis vor allem im Kontext der Salzburger Kirche weiterhin in Gebrauch. Erst ab der Mitte des 10. Jahrhunderts wurde es langsam vom Adjektiv Salzburgensis abgelöst und seit dem 12. Jahrhundert fast vollständig verdrängt.Ingo Reiffenstein: Der Name Salzburg. Entstehung und Frühgeschichte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 130, 1990, S. 193–200.

Herkunft mini|Weihealtar für Iuppiter Optimus Maximus und für Iuvavus (2008 am Residenzplatz gefunden) Die Etymologie von Iuvavum ist unsicher. Diskutiert wird, welchen Zusammenhang es zwischen dem Stadtnamen Iuvavum und dem Flussnamen Iuvarus, dem wohl antiken Namen der heutigen Salzach, gibt. Damit verknüpft ist auch die Frage, ob es sich bei der Lokalgottheit Iuvavus um einen Stadt- oder einen Flussgott handelt. Lange ging man davon aus, dass der Stadtname vom Flussnamen abgeleitet ist.Ingo Reiffenstein: Der Name Salzburg. Entstehung und Frühgeschichte. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 130, 1990, S. 193–200, hier S. 193 f. Dass jedoch bei Grabungen am Residenzplatz ein Weihealtar für den römischen Staatsgott Jupiter und für Iuvavus gefunden wurde, spricht laut dem Historiker Karl Forstner für eine Stadtgottheit. Demnach hätten die Bewohner Iuvavums den Stadtnamen auf den Fluss übertragen. Dies würde auch erklären, warum aus der Antike zwei Namen für die Salzach überliefert sind, nämlich einerseits der ursprüngliche Name Igonta und andererseits der später von der Stadt auf den Fluss übertragene Name Iuvarus bzw. Ivarus.Karl Forstner: Bemerkungen zu den Ambisontern, Alaunern und zu Iuvavum, Iuvavus und Iu(v)aru. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 151, 2011, S. 111–125, hier S. 117–125.

Dennoch bleibt fraglich, ob der Stadt-, Fluss- bzw. Göttername keltischen,Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201. illyrischen oder venetischen Ursprungs ist, wobei zumindest die Herkunft aus dem Lateinischen ausgeschlossen wird. Während man lange einen illyrischen Ursprung annahm, hält Karl Forstner eine venetische Herkunft für plausibel.Karl Forstner: Bemerkungen zu den Ambisontern, Alaunern und zu Iuvavum, Iuvavus und Iu(v)aru. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 151, 2011, S. 111–125, hier S. 118 f. Die Keltologin Patrizia de Bernardo Stempel erwägt hingegen eine Ableitung vom keltischen Wort für „Eibe“. Iuvavum bedeute demnach etwa „Ort im Eibenwald“.Manfred Hainzmann, Patrizia de Bernardo Stempel: Iuvavus und Verwandte. In: Römisches Österreich. Band 34/35, 2011/2012, S. 51–62, hier S. 56.

Aussprache Über die antike Aussprache des lateinischen Namens ist nichts bekannt. Erst für das 9. Jahrhundert ist die heutige Aussprache Iuvāvum mit der Betonung auf der vorletzten Silbe nachweisbar.Karl Forstner: Bemerkungen zu den Ambisontern, Alaunern und zu Iuvavum, Iuvavus und Iu(v)aru. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 151, 2011, S. 111–125, hier S. 117–125.

Lage Das antike Iuvavum lag am Nordrand der Ostalpen im Nordwesten der römischen Provinz Norikum. Die Stadt befand sich an beiden Seiten der Salzach in einer Niederung zwischen den drei heutigen Salzburger Stadtbergen. Dieser Ort bot nicht nur von Natur aus Schutz, sondern auch eine wirtschaftlich günstige Lage, da die dort besonders schmale Salzach einen leichten Flussübergang ermöglichte. Daher kreuzen sich dort auch schon in vorrömischer Zeit zwei wichtige Handelswege.Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201, hier S. 165 f.; Günther Thüry: Das römische Salzburg. Die antike Stadt und ihre Geschichte. Verein „Freunde der Salzburger Geschichte“. Salzburg 2013, ISBN 978-3-902582-08-9, hier S. 75 f.

Römischer Verwaltungsbezirk mini|Verwaltungsbezirk des municipium Iuvavum Zur Stadt Iuvavum gehörte, wie zu jedem römischen Munizipium, ein römischer Verwaltungsbezirk. Trotz fehlender Quellen können dessen Grenzen mithilfe weniger Anhaltspunkte zumindest erahnt werden.Günther E. Thüry: Die Stadtgeschichte des römischen Salzburg. Befunde und Funde bis 1987. Oxford 2014, hier S. 58–60. Im Süden bietet sich der Kamm der Niederen und Hohen Tauern als natürliche Begrenzung zu den Bezirken von Aguntum und Teurnia an. Im Südwesten bildete der Ziller,Clemens Hutter: Iuvavum – Alltag im römischen Salzburg. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012, hier S. 10. im Westen und Nordwesten der Inn die Grenze Norikums zur römischen Provinz Rätien und damit zwangsläufig auch die Begrenzung des Territoriums von Iuvavum. Dessen Nordostgrenze verlief möglicherweise von der Mündung der Salzach in den Inn durch das Mattigtal zum Attersee. Die Ostgrenze des Verwaltungsbezirks ist zwar völlig unklar, angenommen wird jedoch ein ähnlicher Verlauf wie die heutige Salzburger Landesgrenze. Im Wesentlichen gehörten also zum Iuvavenser Bezirk das Gebiet des heutigen Bundeslands Salzburg (ohne den Lungau), der bayerische Chiemgau und Rupertiwinkel sowie der Ostteil Nordtirols, der Westteil des Innviertels und der Attergau. Das vergleichsweise große Gebiet umfasste folglich sowohl weite Alpenregionen als auch landwirtschaftlich wichtige Regionen des Voralpenlands.Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201, hier S. 166 f.; Günther E. Thüry: Die Stadtgeschichte des römischen Salzburg. Befunde und Funde bis 1987. Oxford 2014, hier S. 58–60.

Bewohnt wurde der Iuvavenser Verwaltungsbezirk von keltisch-norischen Stämmen, nämlich den Ambisonten (lateinisch Ambisontes), deren Kerngebiet vermutlich im heutigen Pinzgau lag, und den Alaunen (lateinisch Alauni), die jedoch nur bei Claudius Ptolemäus namentlich erwähnt sind und wohl hauptsächlich im heutigen Chiemgau siedelten.Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201, hier S. 166 f.; Günther E. Thüry: Die Stadtgeschichte des römischen Salzburg. Befunde und Funde bis 1987. Oxford 2014, hier S. 41–45.

Hauptsächlich rund um das Zentrum Iuvavum, entlang der Römerstraßen und an den Flüssen und Seen im Alpenvorland ist eine vergleichsweise sehr große Zahl an römischen Landgütern (villae rusticae) nachgewiesen.Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201, hier S. 168 f.

Antike Straßen Iuvavum lag am Schnittpunkt zweier großer römischer Fernstraßen, deren Streckenverlauf durch zahlreiche Meilensteine und antike Straßenverzeichnisse relativ genau belegt ist. Diese Routen bestanden schon seit prähistorischer Zeit, wurden aber unter den Kaisern Tiberius (regierte 14–37), Caligula (regierte 37–41) und Claudius (regierte 41–54) stark ausgebaut.Wilfried K. Kovacsovics: Iuvavum. In: Marjeta Šašel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns in Noricum and Pannonia – Die autonomen Städte in Noricum und Pannonien. Band Noricum (= Situla. Band 40). Narodni Muzej Slovenije, Ljubljana 2002, S. 165–201, hier S. 166–168. Entlang dieser Straßen gab es Raststationen (mansiones) in Abständen von durchschnittlich 13 bis 18 Meilen (ca. 20 bis 27 km). Dort konnten Reisende übernachten, die Pferde wechseln, Reparaturen vornehmen und Lebensmittel besorgen.Fritz Moosleitner: Die Zeit der römischen Herrschaft. In: EuRegio Salzburg-Berchtesgadner Land-Traunstein (Hrsg.): Heimat mit Geschichte und Zukunft. Trostberg 2004, S. 12–17, hier S. 12 (digital).