Die Allgemeine Linguistik (auch Allgemeine Sprachwissenschaft) ist eine der großen Hauptdisziplinen der Sprachwissenschaft. Sie grenzt sich einerseits von der Angewandten Sprachwissenschaft und andererseits von der Historischen Sprachwissenschaft ab, wobei die Grenzziehung zwischen diesen Fachgebieten und der Allgemeinen Linguistik oft unterschiedlich vorgenommen wird. Der Begriff „Allgemeine Linguistik“ kann aber auch dahingehend verstanden werden, dass er das Gegenstück zu den spezifischen Sprachwissenschaften einzelner Philologien wie Germanistik, Romanistik, Slawistik usw. darstellt. Mit diesem umfassenderen Verständnis wird ein großer Teil der angewandten und historischen sprachwissenschaftlichen Fächer ebenfalls zur Allgemeinen Linguistik gezählt. Die Allgemeine Sprachwissenschaft als Studienfach ist in Deutschland als Kleines Fach eingestuft.siehe auch Seite der Arbeitsstelle Kleine Fächer über Allgemeine Sprachwissenschaft

Die Allgemeine Sprachwissenschaft beschäftigt sich in erster Linie mit der menschlichen Sprache insgesamt als natürliches System, befasst sich also grundsätzlich nicht mit Einzelsprachen als solchen, sondern mit allgemeinen Merkmalen und Funktionen von Sprache. Dazu zählen das Erstellen von abstrakten Modellen hinsichtlich des Aufbaus der menschlichen Sprache, aber auch das Beschreiben und Erklären von allgemeinen übersprachlichen Gemeinsamkeiten, von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten sprachlicher Veränderungen und von allgemeinen Merkmalen des Sprachgebrauchs. Letztlich kann auch die Erforschung des biologischen Ursprungs und der biologischen Grundlagen von Sprache und Sprachverwendung zur Allgemeinen Linguistik gezählt werden.

Das Fach Allgemeine Linguistik betreibt in erster Linie Grundlagenforschung. Es steht jedoch in enger Verbindung mit anderen Wissenschaftszweigen, wo in interdisziplinärer Arbeit die Ergebnisse praktischen Nutzen bringen. Außerdem ist die Allgemeine Linguistik integrativer Bestandteil der Kognitionswissenschaft.

Forschungsgebiete und Teildisziplinen Grundsätzlich sind die Ausdrücke „Linguistik“ und „Sprachwissenschaft“ synonym zu verstehen. Es existiert aber insofern eine begriffliche Dichotomie, als besonders hinsichtlich der Erforschung theoretischer Grundlagen von natürlicher Sprache unter „Linguistik“ ebendieses Gebiet verstanden wird, wohingegen die Verwendung des Ausdrucks „Sprachwissenschaft“ auch und in besonderem Maße auf die Sprache als soziales und kulturelles Phänomen abzielt. Dementsprechend unterschiedlich ist das Verständnis, welche Teilgebiete zu einer „Allgemeinen Sprachwissenschaft“ bzw. zu einer „Allgemeinen Linguistik“ zu zählen sind.

Die Aufgabengebiete der Allgemeinen Linguistik sind die Beschreibung der Bestandteile des Sprachsystems (Laute, Wörter, verschiedene funktionale Einheiten), ihrer Funktionen und Bedeutungen sowie der Möglichkeiten und Muster ihrer Zusammensetzungen (Lautkombinationen, Phrasen, Sätze, Texte). Damit einher geht die Formulierung von verschiedenen Grammatikmodellen. In dieser Hinsicht nimmt derzeit die Erforschung einer postulierten Universalgrammatik – also einer biologisch vorgegebenen, grundlegenden grammatischen Struktur, die allen Sprachen gemeinsam ist – eine bedeutende Stellung ein. Weiters bemüht sich die Allgemeine Linguistik u. a. um die Formulierung von allgemeinen Sprachtheorien.

Theoretische Fächer Die Kerngebiete einer theoretisch orientierten Allgemeinen Linguistik beziehen sich (zumindest unmittelbar) nicht auf tatsächlich geäußerte Sprache und nicht auf vorhandene Einzelsprachen. Daher werden diese Teilfächer in ihrer Gesamtheit oft auch als „Theoretische Linguistik“ bezeichnet. Liegt also eine enge Definition von „Allgemeiner Linguistik“ vor und werden darunter nur die nachfolgend aufgelisteten Kerngebiete verstanden, so wird der Terminus „Theoretische Linguistik“ oft auch mit „Allgemeiner Linguistik“ gleichgesetzt. Da aber abhängig vom Verständnis auch „angewandte“ und „historische“ Fächer mit zur Allgemeinen Linguistik gezählt werden können, ist dieser synonyme Gebrauch mitunter missverständlich. Diese theoretischen Kerngebiete sind:

Grammatik, die Lehre von der Struktur, also den Formen und regelhaften Baumustern von Sprache. Diesem Überbegriff werden folgende Fächer zugeordnet: Phonologie (umgangssprachlich auch: Lautlehre), die Lehre vom Lautsystem einer Sprache, also von den kleinsten lautlichen Bestandteilen und ihrer Funktionen und möglichen Kombinationen (Phoneme, Silben, Prosodie). Morphologie (umgangssprachlich auch: Formenlehre), die Lehre von den kleinsten bedeutungstragenden Bestandteilen einer Sprache (Morpheme), die u. a. die Flexion von Wörtern und die Wortbildung ermöglichen. Auf dieser Ebene spricht man auch von Wortgrammatik. Syntax (umgangssprachlich auch: Satzlehre), die Lehre von der Form und der Struktur von Wortkombinationen (syntaktische Phrasen, Sätze). Auf dieser Ebene handelt es sich um die Satzgrammatik. Viele sprachliche Gegebenheiten zeigen sich zudem im Grenzbereich dieser Gebiete. Daher spricht man bei der Erforschung solcher Grenzphänomene auch von „Morphonologie“ oder „Morphophonologie“ einerseits und „Morphosyntax“ andererseits. Zunehmend öfter wird die Zusammenarbeit dieser Teilgebiete unter dem Aspekt, eine umfassende Theorie der Grammatik zu beschreiben, auch als eigenständiges Teilgebiet „Grammatiktheorie“ verstanden.

Lexikologie, die Lehre vom allgemeinen Aufbau und Bestand des Wortschatzes einer Sprache.

Semantik, die Lehre vom Sinn und der Bedeutung von sprachlichen Einheiten. Dabei wird unterschieden zwischen Wortsemantik: der Bedeutung von Wörtern in Bezug auf die Dinge der Welt, Satzsemantik: der logischen Bedeutung von Sätzen, und Textsemantik: der Bedeutung von Texten in Bezug auf themenbezogene Textabfolgen und außersprachliche Umstände. Gerade im Rahmen einer derzeit häufig betriebenen „Hard-Core“-Linguistik liegt der Schwerpunkt in diesem Fachspektrum auf der Satzsemantik. Besonders die Textsemantik spielt hierin kaum eine Rolle, da Fragen diese betreffend vornehmlich unter einer philologisch bzw. sozial- oder kulturwissenschaftlich orientierten „Sprachwissenschaft“ behandelt werden.

Neben diesen derzeit als Kerngebiete der Allgemeinen Linguistik gesehenen Fächern gehören zu dieser Disziplin weiters folgende Teilgebiete: Textlinguistik, die Lehre vom Aufbau, den Funktionen und der Wirkung von Texten. Entweder gemeinsam mit dieser behandelt oder zumindest eng mit ihr in Beziehung stehen die Gesprächsanalyse (auch: Gesprächslinguistik), die sich mit mündlichen Sprachäußerungen befasst, und die Diskursanalyse, die (schriftliche und mündliche) Texte in ihren thematischen Zusammenhängen und unter ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen untersucht. Da in der Praxis zahlreiche soziale und andere außersprachliche Faktoren eine Rolle spielen und in diesen Fächern zudem die tatsächlich verwendete Sprache untersucht wird, zählt man diese beiden Teilgebiete genauso zu den Fächern der Angewandten Sprachwissenschaft.

Sprachphilosophie, die Lehre von dem Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Realität und von den allgemeinen Funktionen von Sprache. Dieses Fachgebiet steht in enger Verbindung mit der Semiotik, der allgemeinen Lehre von den Zeichen, und mit der Pragmatik, der Lehre von den allgemeinen Prinzipien und Bedingungen sprachlicher Äußerungen bzw. sprachlicher Kommunikation.

Eine gewisse Sonderstellung nehmen zwei weitere Fächer ein: Die Graphemik, auch: Schriftlinguistik, untersucht die Schriftsysteme natürlicher und künstlicher Sprachen. Sie beschäftigt sich aber nicht mit dem Sprachsystem selbst, sondern mit einer Form medialer Umsetzung von Sprache.

Die Phonetik ist die Lehre von der Artikulation, Wahrnehmung und den physikalischen Eigenschaften der Sprachlaute. Sie befasst sich daher gleich wie die Graphemik mit einer medialen Form von Sprache. Die Phonetik gilt in der Regel als Teil der Allgemeinen Linguistik, steht dabei eng in Verbindung mit der Phonologie und wird zum Teil auch gemeinsam mit ihr behandelt. Die Phonetik hat aber wenig Bezug zur sprachsystematischen Beschreibung, sondern vielmehr zu Fächern wie Psycholinguistik, Sprachpathologie oder Klinischer Linguistik, die besonders in Hinblick auf sprachtherapeutische Verfahren als Disziplinen der Angewandten Sprachwissenschaft gelten.

Allgemein-Vergleichende Fächer Mit Bezug auf ein – neben der strukturellen Beschreibung von Sprache – weiteres Hauptaufgabengebiet der Allgemeinen Linguistik, nämlich die Beschreibung von allgemeinen sprachübergreifenden Gemeinsamkeiten, können weitere sprachwissenschaftliche Fächer der Allgemeinen Linguistik zugeordnet werden.

Die Universalienforschung versucht, über die Erforschung einer Universalgrammatik hinausgehend mittels Vergleich von Syntax, Morphologie und Phonologie vieler einzelner Sprachen allgemeine Gemeinsamkeiten von Sprache festzustellen. Mit diesem fachlichen Zweig stehen eng in Verbindung die Sprachtypologie, die versucht, die Sprachen der Welt nach bestimmten Kriterien zu Typen zusammenzufassen, weiters die Kontrastive Linguistik, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen bestimmten Einzelsprachen erforscht; ebenso die Arealtypologie, die u. a. ermittelt, ob Sprachen bestimmter geographischer Regionen Sprachbünde bilden.

All diese Fächer, die sich dem Vergleich von Sprachen widmen, werden je nach Auffassung und Ausrichtung einer Forschungseinrichtung (mehrheitlich ein universitäres Institut) häufig auch als der Allgemeinen Linguistik komplementäre Fachgebiete gesehen und zusammen mit historisch-vergleichenden Fächern zum Überbegriff Vergleichende Sprachwissenschaft zusammengefasst. Diese wird dann auch als eine eigenständige sprachwissenschaftliche Hauptdisziplin neben der Allgemeinen Linguistik verstanden. Zudem erfolgt in diesen Fächern die Beschreibung gemeinsamer sprachlicher Merkmale nicht auf rein theoretischer, sondern auf der Basis von Untersuchungen existierender Einzelsprachen. Daher werden sie oftmals auch schon deshalb nicht der Allgemeinen Linguistik zugeschrieben.

Angewandte Fächer

Aufgrund sehr unterschiedlicher Auffassungen von „Sprache“ und unterschiedlicher Herangehensweisen an Sprache als Forschungsobjekt und wegen des starken interdisziplinären Charakters der Sprachwissenschaft überhaupt gibt es keine allerorten gleich vorgenommene Abgrenzung zwischen Allgemeiner und Angewandter Linguistik.

Einerseits kann Allgemeine Linguistik als das Fach definiert werden, welches über die theoretischen Grundlagen hinaus sich beispielsweise auch mit den biologischen und psychischen bzw. kognitiven Voraussetzungen für Sprache und Sprachgebrauch befasst, die für alle Individuen gleich sind (Spracherwerb, mögliche sprachpathologische Zustände, neuronale Vorgänge bei der Sprachproduktion, biologischer Ursprung von Sprache überhaupt usw.). Die Allgemeine Linguistik kann auch als das Fach gelten, das sich mit den allgemeinen Merkmalen von geäußerter Sprache in Abhängigkeit von sozialen, soziodemografischen und kulturellen Faktoren zum Inhalt hat (Sprache in politischen und gesellschaftlichen Institutionen, geschlechtsspezifischer Sprachgebrauch, Sprache von Jugendlichen und Sprachgebrauch im Alter, Sprachgebrauch in Anhängigkeit von kulturellen Bedingungen und Umständen u. a. m.). Mit diesem Verständnis werden die entsprechenden sprachwissenschaftlichen Fächer, die sich damit auseinandersetzen (Biolinguistik, Psycholinguistik, Soziolinguistik, Neurolinguistik, Ethnolinguistik usw.), dann ebenfalls als Teilgebiete der Allgemeinen Linguistik gesehen.