Die Örtze ist ein Fluss in Niedersachsen, der auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord in der Großen Heide (Bundesforst Raubkammer) entspringt und nach 62 Kilometern südöstlich von Winsen in die Aller mündet. Sie ist mit einer Wasserführung von gut 6 m³/s deren 2. größter rechter Nebenfluss.
Geografie Ursprung mini|links|Einer der Munoseen auf dem Truppenübungsplatz Munster-Nord mini|hochkant=0.6|links|Die Örtze unmittelbar nach verlassen des letzten Munosees Die Örtze folgt im Wesentlichen einem breiten Urstromtal, das durch Schmelzwasser aus dem saaleeiszeitlichen Inlandeis vor etwa 150.000 Jahren 20 bis 50 Meter tief in die welligen Hochflächen der südlichen Lüneburger Heide eingeschnitten wurde. Der Eisrand deckte sich annähernd mit dem nordöstlichen Rand des Örtze-Einzugsgebiets. Die obere Örtze hat in die Sanderflächen und den etwa vier Kilometer breiten ebenen Talboden des geradlinigen Urstromtals ein eigenes, wesentlich kleineres Tal eingeschnitten.
Das Ursprungsgebiet der Örtze liegt mit mehreren Quellsümpfen auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Munster-Nord. Um Trübstoffe und Sedimente abzufangen, die bei Starkregen von den vegetationsarmen Panzerübungsflächen abgeschwemmt werden, wurden an der Örtze die vier hintereinander liegenden Munoseen angelegt. Zusätzlich wurde an der Ilster, dem eigentlichen Hauptquellfluss der Örtze, ein weiterer Stauteich angelegt. Die Örtze entwässert als größter Fluss der Südheide deren Mittelteil, zwischen der etwas längeren Böhme im Westen und der Ise im Osten, und hat ein relativ starkes Gefälle. In Flussmitte des Unterlaufs beträgt die Strömung etwa 0,71 Meter pro Sekunde, die Wassertiefe 50 cm bis zwei Meter. Es handelt sich um einen so genannten sommerkalten Heidebach.
Verlauf mini|Örtze bei Breloh (nördlich von Munster) Die Örtze fließt in ihrem ursprünglichen naturnah belassenen Flussbett in südlicher Richtung zunächst an Breloh, einem Ortsteil der Stadt Munster vorbei und danach direkt durch die Stadt Munster (bedeutendster Militärstandort Norddeutschlands) hindurch. Hier wurde der Fluss bereits im 17. Jahrhundert gestaut, um eine Getreidemühle zu betreiben. Westlich der Ortschaft Dethlingen quert sie die Bundesstraße 71 und fließt dann weiter am Ostrand des Truppenübungsplatzes Munster-Süd bis nach Kreutzen, einem weiteren Ortsteil von Munster. Der Fluss mäandert hier in dem Militärbereich in seinem ursprünglichen naturnah belassenen Bett durch teils sumpfiges Moorgelände und Bruchwälder. Südwestlich von Kreutzen fließt von links die Kleine Örtze zu, die nördlich von Oerrel entspringt. Deren Oberlauf fungierte vor seiner Renaturierung als Entwässerungsgraben für das einstige inzwischen aber aufgeforstete Hochmoor. Das schmale Tal wurde 1993 beinahe auf einer gesamten Länge zum Naturschutzgebiet erklärt. In südlicher Richtung weiter kommt die Örtze nach Poitzen und Müden. Im Norden von Müden fließt der Landwehrbach dazu, der durch den Zusammenfluss von der Sothrieth und der Schmarbeck entstand. An diesem Fluss liegt der Ortsteil Schmarbeck und die Gemeinde Faßberg mit ihrem Fliegerhorst. Am Oberlauf der Sothrieth liegen beidseits zahlreiche frühere Kieselgur-Gruben. Im Südwesten von Müden mündet von rechts die Wietze ein, die dem Heideort Wietzendorf ihren Namen gab. Die Wietze ist ihr größter Nebenfluss. Sie entspringt zwischen Soltau und Munster, und mit der Aue, ihrem wiederum größten Nebenbach, übertrifft sie die Örtze um gut fünf Kilometer an Länge.
An den ursprünglichen Rieselwiesen vorbei fließt sie nach Baven, wo von rechts die Brunau einmündet und weiter nach Hermannsburg (bekannt geworden durch die Hermannsburger Mission). Im Norden von Hermannsburg kommt von links der Weesener Bach dazu. Die Örtze fließt dann in südlicher Richtung weiter nach Oldendorf und Eversen. Vor Eversen mündet von rechts der Mühlenbach ein, der aus Sülze kommt. In diesem Ort wurde vom 14. bis 19. Jahrhundert die Sülzer Saline betrieben. Im weiteren Verlauf kommt die Örtze nach Wolthausen. Hier versperrt ein Mühlenwehr den Flusslauf. In Wolthausen quert der Fluss die Bundesstraße 3. Hinter Wolthausen zweigt nach rechts der Örtzekanal ab. Im Osten von Winsen (Aller) mündet die Örtze in die Aller.
Nebenflüsse
Diagramm der größten Zuflüsse
Hydrologie Da die Örtze von Ausbaumaßnahmen weitgehend verschont geblieben ist, blieb hier ein naturnaher Lebensraum erhalten. Die Wasserqualität hat durchgehend die Gewässergüteklasse II: mäßig belastet (betamesosaprob). Schwarzerlen, Kiefern und Fichten am Ufer sorgen für Schatten. Dadurch bleibt das Wasser im Sommer kühl und der Sauerstoffgehalt hoch. Die Örtze ist relativ nährstoffarm, sie hat eine geringe Belastung durch Nitrate und Schwermetalle. Ihr Lauf ist teilweise mäandrierend und strukturreich und bietet mit einzelnen Steilufern, Vertiefungen, Kies- und Sandbänken Verstecke und Laichmöglichkeiten.
Die geklärten Abwässer der Zentralkläranlagen von Munster, Hermannsburg und Eversen werden direkt in die Örtze geleitet. Die Anlagen von Wietzendorf und Faßberg leiten diese indirekt über die Wietze beziehungsweise den Landwehrbach zur Örtze. Das Faßberger Klärwerk erhält zusätzlich über eine Druckrohrleitung die Abwässer der Gemeinde Unterlüß.
Fauna und Flora mini|hochkant|Breitblättriges Knabenkraut im Örtzetal Im Ober- und Mittellauf des Flusses findet man das Wechselblütige Tausendblatt (Myriophyllum alterniflorum) das in Niedersachsen auf der Roten Liste gefährdeter Arten als „stark gefährdet“ (Gefährdungskategorie 2) geführt wird. Außerdem findet man den Schild-Wasserhahnenfuß (Ranunculus peltatus) und den Haken-Wasserstern (Callitriche hamulata). Im Mittellauf ist der Flutende Wasserhahnenfuß (Ranunculus fluitans) und der Einfache Igelkolben (Sparganium emersum) verbreitet.
In den Feuchtwiesen des Flusstales haben sich teilweise seltene Pflanzenarten erhalten. Man findet hier zum Beispiel noch das Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), Geflecktes Knabenkraut (Dactylorhiza maculata), Kleines Zweiblatt oder Herz-Zweiblatt (Listera cordata), Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe), Wald-Läusekraut (Pedicularis sylvatica) und Sumpfdotterblumen (Caltha palustris). Alles geschützte Pflanzen nach der Bundesartenschutzverordnung. Auf der Roten Listen sind diese als „gefährdet“ oder zum Teil „stark gefährdet“ eingestuft. Weiter wachsen hier unter anderem Schlangenknöterich (Bistorta officinalis), Kuckucks-Lichtnelken (Lychnis flos-cuculi), Scharfer, Kriechender und Brennender Hahnenfuß (Ranunculus), Quell-Sternmiere (Stellaria alsine), Ehrenpreis (Veronica), Gundermann (Glechoma hederacea), Kriechenden Günsel (Ajuga reptans), Sumpf-Vergissmeinnicht (Myosotis scorpioides) und Kahler Frauenmantel (Alchemilla glabra). Verschiedene Seggen-Arten, wie Sumpfsegge (Carex acutiformis), Schlank-Segge (Carex acuta), Wiesensegge (Carex nigra), Walzensegge (Carex elongata) und Schnabelsegge (Carex rostrata) haben sich angesiedelt. Am Ufer blüht die gelbe Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus).
An Fischen und Tieren sind vorhanden: Aal (Anguilla anguilla) und Aalraupe oder Quappe (Lota lota), Äsche (Thymallus thymallus), Bachforelle (Salmo trutta forma fario), Bachneunauge (Lampreta planeri), Brachsen oder Blei (Abramis brama), Elritze (Phoxinus phoxinus), Flussbarsch (Perca fluviatilis), Gründling oder Greßling (Gobio gobio), Hecht (Esox lucius), Mühlkoppe oder Groppe (Cottus gobio), Plötze oder Rotauge (Leuciscus rutilus), Rotfeder (Scardinius erytrophthalmus) und der Steinbeißer (Contis taenia).
Der gefährdete und schützenswerte Fischotter hat hier einen der Verbreitungsschwerpunkte in Niedersachsen. Der Eisvogel lebt hier. Der Wachtelkönig hält sich zeitweise in den extensiv genutzten Brachwiesen im Flusstal auf. Auf den nicht bewirtschafteten naturbelassenen Feuchtwiesenflächen findet man die Zwergmaus (Micromys minutus). Dem Weißstorch (Ciconia ciconia) dient das Grünland als Nahrungshabitat. Der Amerikanische Flusskrebs (Kamberkrebs) breitet sich in der Örtze stark aus. Durch die von ihm eingeschleppte Krebspest, gegen die er selbst immun ist, verdrängt er die ursprüngliche Krebsfauna. Der Europäische Flusskrebs (Astacus astacus) ist aber seit einigen Jahren in kleinen Stückzahlen wieder heimisch. mini|Eine vom Biber gefällte Weide am Ufer der Örtze An fließgewässertypische Libellenarten kommen die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo), die Zweigestreifte Quelljungfer (Cordulegaster boltoni), die Gemeine Keiljungfer (Gomphus vulgatissimus), die Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus serpentinus/cecilia) und die Kleine Binsenjungfer (Lestes virens) vor.
Der Biber (Castor fiber) hat sich an der Örtze angesiedelt. Im Frühjahr 2016 wurden erstmals Fraßspuren an einigen Weiden am Ufer des Flusses gefunden. Inzwischen wurde eine Biberburg an einem Teich nahe der Örtze entdeckt. Er besiedelt mittlerweile die Örtze von der Mündung in Wolthausen bis zur Landkreisgrenze bei Poitzen.
Wassermühlen, Wehre und Fischwege Seit 1766 ist in der Örtze der Lachsfang nachgewiesen. 1935 wurden hier die letzten Lachse gefangen. Seit 1982 wird mit neuem Lachsbesatz eine Wiederansiedlung versucht. Durch Stauwehre wird aber die notwendige ungestörte Wanderung von Kleintieren und Fischen bachaufwärts unterbrochen und verhindert. Die Laichwanderungen der Bachforellen und Lachse wird dadurch auch unterbunden.
Wassermühle Munster mini|links|Wassermühle in Munster mini|Mühlenteich in Munster Im Zentrum der Stadt Munster liegt die Wassermühle, die erstmals 1556 erwähnt wurde. Vermutlich Anfang des 17. Jahrhunderts erhielt sie ein unterschlächtiges Wasserrad mit einem Kropfgerinne, sowie einen Mahlgang. Als erster Müller ist namentlich ein Hans Poitzmann bekannt. Ab 1784 führte ein Peter Gerdau die Mühle weiter, die er 1820 an seinen Sohn übergab. Dieser baute 1820 zusätzlich einen Schrotgang eine Ölmühle und ein zweites Wasserrad ein. 1847 wurde die Mühle wegen Überschuldung verkauft. Es gab immer wieder Ärger mit den Wiesenbesitzern an der Örtze, weil der Mühlenteich in Munster zu hoch aufgestaut wurde. 1919 starb ein Müller, als er mit seiner Jacke in die Zahnräder des Mühlengetriebes geriet. Nach 1945 verschlammte die Örtze durch die Abwässer des Truppenübungsplatzes so stark, dass der Betrieb eines Wasserrades nicht mehr möglich war und 1949 eingestellt wurde. Die Schrotmühle erhielt einen elektrischen Antrieb. 1968 wurde der Mühlenteich vom angeschwemmten Schlamm befreit. Der vorgesehene Einbau einer Turbine scheiterte aber an den zu geringen Abflusswerten der Örtze. 1975 erwarb die Stadt Munster die Mühle und das wasserrechtlich genehmigte Staurecht. 1987/88 wurde eine Renovierung vorgenommen. Ein neues unterschlächtiges Wasserrad aus Holz wurde eingebaut, das 2011 durch ein Wasserrad aus Stahl ersetzt wurde. Dieses hat einen Durchmesser von 5 m, eine Schaufelbreite von 1 m und besitzt 48 Schaufeln. Die Drehzahl beträgt 3–25/min. Zwei funktionstüchtige Mahlwerke (Schrot und Mehl) und ein Sichter sind zu besichtigen und werden an den Mahl- und Backtagen eingesetzt. Der Einsatz eines Stromgenerators ist wieder in Planung.
Sültinger Mühle mini|links|Sültinger Mühle mit Stauwehr und Wasserrad mini|Sohlgleite an der Sültinger Mühle