mini|Edward Said (links) und Daniel Barenboim (2002)

Edward William Said, eigentlich Edward Wadie Saïd (, * 1. November 1935 in Jerusalem, Völkerbundsmandatsgebiet Palästina; † 25. September 2003 in New York City, USA), war ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker und -kritiker palästinensischer Herkunft. Er lehrte als Professor für Englische Literatur und Komparatistik an der Columbia University. Sein im Jahr 1978 erschienenes Buch Orientalismus zählt gemeinhin zu den einflussreichsten und meistrezipierten Sachbüchern der neueren Wissenschaftsgeschichte und als grundlegendes Werk der postkolonialen Theorie. Er galt als Fürsprecher der Palästinenser in den USA.

Kindheit und Jugend Edward Said wurde als Sohn von Hilda und William A. (Wadie) Said in Jerusalem geboren. Seine Eltern stammten aus Palästina; sie lebten ab 1935 vorwiegend in Kairo. Die Mutter, 1914 geboren, war die Tochter eines baptistischen Geistlichen aus Nazareth.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 29. Sein Vater Wadie Said (geb. 1893/95)Said: Am falschen Ort. 2002, S. 18. hatte 1911 Palästina verlassen und war über Liverpool in die USA gelangt. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg in der US-Armee und erhielt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, die auf seinen Sohn Edward übertragen wurde.Justin Marozzi: Edward Said — a lonely prophet of doom. In: The Spectator, 13. März 2021. 1920 kam Saids Vater zurück in seine Heimat Palästina und trat als Partner in das Geschäft seines Schwagers ein, der mit Bürobedarf aller Art handelte. 1929 gründete Wadie Said eine Zweigstelle in Ägypten, wo er innerhalb von drei Jahren die erfolgreiche Standard Stationery Company mit mehreren Filialen aufbaute.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 25.

Aufgrund der gutgehenden Geschäfte konnten Wadie und Hilda Said mit ihrem Sohn Edward eine geräumige Wohnung im vornehmen Kairoer Stadtteil Zamalek beziehen, unmittelbar neben dem heute noch existierenden Fischpark.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 39, 41. Der Vater hatte keinerlei Vertrauen in Grundbesitz und lebte deshalb außerhalb von Palästina grundsätzlich in Mietwohnungen, auch wenn er die Mittel für einen Kauf hätte aufbringen können.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 234. In Zamalek wuchs Edward Said zusammen mit seinen vier jüngeren Schwestern auf.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 94–95. Er wurde im protestantischen Glauben erzogen, wandte sich später aber von jeglicher Religion ab.Jean Axelrad Cahan: Literary Theory and the Delegitimization of Israel. In: Alvin H. Rosenfeld (Hrsg.): Deciphering the New Antisemitism. Indiana University Press, Bloomington 2015, ISBN 978-0-253-01865-6, S. 151–178, hier S. 161. Von 1941 bis 1946 besuchte er zunächst die nahegelegene Gezira Preparatory School,Said: Am falschen Ort. 2002, S. 42 und 63. danach die Cairo School for American ChildrenSaid: Am falschen Ort. 2002, S. 129. und von 1949 bis 1951 das Victoria College in Kairo, das er wegen einer Rauferei vorzeitig verlassen musste.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 277. Im Victoria College hatte er mehrere unerfreuliche Begegnungen mit Michel Shalhoub, der später als Omar Sharif bekannt wurde.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 297, 310. Die Schulzeit in Kairo war lediglich von einem mehrmonatigen Aufenthalt der Familie in Jerusalem im Jahre 1947 unterbrochen. In dieser Zeit war er Schüler der St. George’s School.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 63, 169. Zum Abschluss seiner Ausbildung schickten die Eltern den Sechzehnjährigen in die Northfield Mount Hermon School, ein Internat in der Nähe von Greenfield (Massachusetts) in den USA.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 348–349.

Bis zum Jahr 1947 verbrachte die Familie alljährlich einige Zeit bei den Verwandten in Talbiyah, einem gutbürgerlichen Viertel in Westjerusalem, in dem vor allem arabische Christen lebten. Das großzügige Haus im Familienbesitz ging 1948 im Zuge des Palästinakrieges verloren.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 174. Für Edward Saids Jugendzeit waren neben den Monaten in Palästina auch die sommerlichen Ferienaufenthalte in Dhour El Choueir im Libanon von Bedeutung. Die Familie reiste 27 Jahre lang in den Bergort in der Nähe Beiruts, wo der Vater für mehrere Wochen eine Wohnung mietete. Auch während seines Studiums in den USA war Edward Said mit seinen Eltern und Geschwistern dort.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 234 und 385.

Akademische Karriere Edward Said studierte in den USA. Er erhielt seinen Bachelor of Arts 1957 an der Princeton University und wurde in jenem Jahr auch in die studentische Vereinigung (Honor Society) Phi Beta Kappa aufgenommen.Said: Am falschen Ort. 2002, S. 435. Für den Master of Arts (1960) sowie den Ph.D. (1964) in englischer Literatur wechselte er an die Harvard University. Thema seiner Dissertation waren die Briefe und Kurzgeschichten von Joseph Conrad. Sein erstes Buch, Joseph Conrad and the Fiction of Autobiography (1966), war eine erweiterte Fassung seiner Doktorarbeit. Said wurde 1963 assistant professor (Extraordinarius) an der Columbia University in New York und 1966 ebenda full professor (Ordinarius auf Lebenszeit) für Englische Literatur und Komparatistik (vergleichende Literaturwissenschaft).

Engagement Said gründete 1999 zusammen mit Daniel Barenboim und dem Generalbeauftragten der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Weimar, Bernd Kauffmann, das West-Eastern Divan Orchestra, in dem arabische und israelische Musiker gemeinsam auftreten.Reinhard Schau: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar: Geschichte und Gegenwart. Böhlau Verlag, Weimar u. a. 2010, ISBN 978-3-412-20556-0, S. 255.Georg Diez: Eine sehr deutsche Angelegenheit. In: Der Spiegel, 40/2017, S. 120. Leitgedanke war, dass militärisches Vorgehen nicht zum Frieden im Mittleren Osten beiträgt, sondern alternative Wege zu einer politischen Lösung gefunden werden müssen.

Privates 1970 heiratete er in zweiter Ehe Mariam Cortas, eine arabische Christin und Tochter eines Hochschullehrers an der Amerikanischen Universität Beirut.Interview mit Mariam C. Said. „A world that I loved.“ Utrecht 2015. YouTube. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, der Jurist Wadie E. Said (geb. 1972) und die Schriftstellerin und Theaterautorin Najla Said (geb. 1974).Wadie E. Said: Crimes of Terror. The Legal and Political Implications of Federal Terrorism Prosecutions. Oxford 2015; Najla Said: Looking for Palestine: Growing Up Confused in an Arab-American Family. New York 2013.

Im Jahr 1991 wurde bei Said lymphatische Leukämie als unheilbare und langsam fortschreitende Krankheit festgestellt. Er starb am 25. September 2003 in einem Krankenhaus in New York.Conor McCarthy: The Cambridge Introduction to Edward Said. Cambridge 2010, S. 4, 10.

Werk Orientalismus

Saids bekanntestes Werk ist das 1978 erschienene Buch Orientalismus. Für Said ist „Orientalismus als eine Art bewußte menschliche Arbeit“ zu verstehen, die Politik und Wissen auf eine Weise zueinander in Beziehung setzt, die dem Westen die koloniale Dominanz ermögliche.Edward Said: Orientalismus. Frankfurt 1981, S. 24. Orientalismus sei „ein Wissenssystem über den Orient“, das sich als ein Instrument von Imperialismus und Kolonialismus bewährt habe.Edward Said: Orientalismus. Frankfurt 1981, S. 14. Das Werk ist nicht zuletzt eine kritische Analyse der britischen und französischen Wissenschaft der Orientalistik. Deren Vertreter – den deutschsprachigen Orientalismus sah Said differenzierter – würden wie selbstverständlich von der Überlegenheit der europäischen Kultur ausgehen und die politische Unterwerfung der studierten Völker als eine unhinterfragte Notwendigkeit ansehen. Bereits die Vorstellung einer grundsätzlichen Dichotomie von Abendland und Morgenland führe in die Irre. Seine Ideen entwickelte Said mit Foucaults Konzept der Diskursanalyse. Auf positive Resonanz stieß das Buch unter anderem bei Homi K. Bhabha, John Esposito, Mahmood Mamdani, Gayatri Chakravorty Spivak und Robert Fisk.

Das Werk gilt als „Gründungsdokument“ für die Etablierung der Postkolonialen Theorie als Forschungsrichtung.María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 2. Auflage, Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 96. Said selbst schreibt das größte Verdienst an der Entwicklung einer postkolonialen Geschichtsschreibung nicht den Nahoststudien, sondern der Indologie zu, besonders einer Gruppe von Forschern um Ranajit Guha.Edward Said: Orientalismus. Frankfurt am Main 2009 (Übersetzung von Hans Günter Holl), ISBN 978-3-10-071008-6, Nachwort von 1994, S. 401. Er konstatiert, dass viele postmoderne und postkoloniale Arbeiten auf Ansätze wie die in „Orientalismus“ zurückzugreifen scheinen, grenzt aber die postkolonialen Studien der ersten Generation von der Postmoderne ab, weil sie, anders als die Postmodernisten, an den großen Narrativen Emanzipation und Aufklärung festhielten.Said 2009, S. 400.

Kritische Rezeption Die frühen Arbeiten Saids über Joseph Conrad oder William Butler Yeats waren noch nicht von der Idee geprägt, dass die Ausdrucksformen und Sichtweisen in Kunst, Kultur und Wissenschaft in enger Beziehung zur Ausübung politischer Herrschaft stehen.Conor McCarthy: The Cambridge Introduction to Edward Said. Cambridge 2010, S. 18. Dennoch erschloss sich Said in der Auseinandersetzung mit diesen beiden polnischen und irischen Literaten des britischen Kolonialismus die Einsicht, dass der Exilierte und der Unterdrückte die politischen Machtbeziehungen und ihre Folgen für das kulturelle Leben besonders klar erkennen. Said entwickelte aus diesen Beobachtungen die Vorstellung vom Exil als dem Standpunkt des Intellektuellen schlechthin. Aus dieser Position heraus sei er in der Lage, „der Macht die Wahrheit zu sagen“ („to speak truth to power“). Aus dieser Haltung erklärt sich auch, dass die Arbeiten Saids, beginnend mit dem Werk Orientalismus im Jahr 1978, stark polarisierten. Seine Forderung an Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler, sich der affirmativen Wissensproduktion für die Herrschenden zu entziehen, von der Macht zur Wahrheit überzugehen, stieß einerseits viele liberale Wissenschaftler und Künstler vor den Kopf und verwandelte andererseits politisch engagierte Literaturwissenschaftler, besonders aus den ehemals kolonisierten Ländern, zu treuen Anhängern seiner Theorie über die politisch hegemoniale Wissensproduktion des Westens.Conor McCarthy: The Cambridge Introduction to Edward Said. Cambridge 2010, S. 123–138.

Kritiker werfen Said historische Ungenauigkeiten und eine einseitige Quelleninterpretation vor.Robert Irwin (s. o.); Clifford James (s. o.): Sadik Jalal al-Azm, Orientalism and Orientalism in Reverse. In: Macfie (Hrsg.): Orientalism, S. 217–238; Daniel Varisco, Reading Orientalism. Said and the Unsaid, Seattle 2007. Der britische Historiker Clive Dewey schreibt über Orientalismus: „[Saids Buch] war auf technischer Ebene in jeder Hinsicht schlecht, sowohl in der Verwendungsweise von Quellen und in seinen Schlussfolgerungen wie auch in seinem Mangel an Stringenz und Ausgewogenheit. Das Ergebnis war eine Karikatur westlichen Wissens über den Orient, die durch eine offen politische Zielsetzung angetrieben wurde.“Clive Dewey: How the Raj Played Kim’s Game. In: The Times Literary Supplement, April 17. 1998, S. 10. Ibn Warraq kritisiert, dass Said selbst grundlegende historische Entwicklungen falsch wiedergebe. So behaupte Said in Orientalismus etwa, muslimische Armeen hätten die Türkei noch vor Nordafrika erobert. Tatsächlich sei die Islamisierung Anatoliens durch türkische Seldschuken im 11. Jahrhundert, also vier Jahrhunderte nach der Eroberung Nordafrikas erfolgt. Robert Graham Irwin zufolge ist Saids Vorstellung eines von der Antike bis zur Gegenwart nachvollziehbaren homogenen europäischen Orientdiskurses historisch nicht belegbar.Robert Irwin: Dangerous Knowledge. Orientalism and its Discontents. Woodstock, 2006.