mini|Deutsche Bauchtänzerin Ranin
Orientalischer Tanz, , im Volksmund auch bekannt als Bauchtanz, ist ein meist von Frauen aufgeführter, den Körper stark betonender Tanz, der von orientalischer Musik begleitet wird und bei dem die Tänzerin gemeinhin ein den Bauch freilassendes Kostüm trägt. Erfunden wurde er in den 1920er-Jahren in den Kabaretts arabischer Metropolen; seine Ursprünge sind weit älter und gehen mindestens auf die Ghawazi zurück. In Deutschland ist der Bauchtanz seit den 1980er-Jahren etabliert (→ Orientalischer Tanz in Deutschland)
Seither wird der Tanz – heute insbesondere durch Einflüsse auch außerhalb des Nahen Ostens – beständig weiterentwickelt. Bauchtanz wird meist als äußerst weiblicher Tanz wahrgenommen, der die Gefühlswelt und Kraft von Frauen zum Ausdruck bringt, andererseits aber, da er den weiblichen Körper teilentblößt und durch seine Bewegungen stark betont, auch stark erotisiert und sexualisiert ist, was dem Bauchtanz mitunter auch einen negativen Ruf eingebracht hat.
Grundlegendes zum Tanz mini|Bauchtänzerin
Name und Definition In der arabischen Welt wird der Tanz genannt, wörtlich "Östlicher Tanz", im Deutschen abgeleitet zu „Orientalischer Tanz“. Der Ausdruck ist jedoch irreführend, da er nicht die Gesamtheit aller orientalischen Folkloretänze umfasst, sondern lediglich den ägyptischen Solotanz.
Die volksmündliche deutsche Bezeichnung „Bauchtanz“ geht auf die französische Bezeichnung Danse du ventre („Bauchtanz“) zurück, die im 19. Jahrhundert etwa von den französischen Schriftstellern Émile Zola und Gustave Flaubert verwendet wurde. Zuvor war der Bauchtanz von anderen europäischen Beobachtern als "Tanz der Almeh", danse voluptueuse (sinnlicher Tanz) und danse lascive bezeichnet worden.Wendy Buonaventura: Bauchtanz - Die Schlange der Sphinx, Frauenbuchverlag, München 1984, S. 17. Gemäß der New York Times geht die englische Bezeichnung Bellydance auf einen Promoter auf der Weltausstellung 1893 in Chicago zurück, wo der Tanz aufgeführt wurde.Tahia Carioca, 79, Dies; A Renowned Belly Dancer - The New York Times (nytimes.com), 22. September 2022, abgerufen am 22. November 2023. Ebenso denkbar ist, dass das Wort von der arabischen Bezeichnung „Raqs Balady“, übersetzt „Tanz der Leute“ (Einheimische in Ägypten), abgeleitet ist.
Bewegungen mini|Bauchtanzkostüm aus mit Münzen und paillettenbesetztem BH und Rock
Der Begriff „Bauchtanz“ reduziert die Vielfalt des orientalischen Tanzes und den Auftritt der Tänzerinnen auf den Bauch, die Hüfte oder das Gesäß, doch umfasst der Tanz genauso Arme, Beine, den Kopf und mitunter die Brüste. Je nach Stilart wird der Tanz unterschiedlich mit langsam geschmeidigen, bis hin zu harten, rhythmischen Bewegungen durchgeführt, abhängig von dem gewählten Stil und Musikstück. Während der ägyptische Solotanz die Bewegung aus der Körpermitte holt und oft energetisch auch wieder dorthin zurückkehrt, kommen bei westlichen Stilen die Bewegungen meist aus den Beinen, sind recht groß und werden seltener muskulär abgestoppt. Gerade beim westlichen Stil werden viele Hand- und Armbewegungen eingesetzt, während der traditionelle orientalische Stil die Arme und Hände hingegen eher als Umrahmung des tanzenden Körpers sieht. Gerade beim arabischen Bauchtanz ist die Kenntnis des Musikstücks unabdingbar, da eine Tänzerin diesen interpretieren und ihre Körpersprache (Gestik ebenso wie Mimik) auf den Text abstimmen muss.
Kleidung Das klassische Bauchtanzkostüm entstand in den 1920er-Jahren in den Metropolen des Nahen Ostens und Nordafrikas, wie Algier, Beirut und Kairo, wo der Raqs Sharqi in den Cabarets als Unterhaltungstanz aufgeführt wurde. Ein typisches Raqs-Sharqi-Kostüm besteht aus einem meist BH-artigen Oberteil, einem ebenfalls Gürtel (zusammen mit dem Oberteil als Bedleh bezeichnet) und einem Rock, die häufig mit Fransen, Pailletten oder Münzen besetzt sind. Aus dem 19. Jahrhundert sind verschiedene prä-Raqs-Sharqi-Tanzkostüme bekannt, die sowohl verhüllend als auch sehr freizügig sein konnten. Der Schleier ist ein nachträglich aus dem Westen in den arabischen Bauchtanz eingeführtes Accessoire und wird nach dem Eingangspart der Musik von der Tänzerin auf der Bühne abgelegt, im westlichen Stil bleibt er oft am Körper der Tänzerin. Das Aussehen des Kostüms ist mitunter stark vom Stil abhängig, den die Tänzerin aufführt, da zusätzliche Elemente und Accessoires einfließen können. Die Kostüme des Tribal-Dance weichen mitunter stark von klassischen Kostümen ab.
Stile und Accessoires mini|Ella, deutsche Vizemeisterin 2023 in Show/Fantasie (Erwachsene 2), mit Vois-Schleiertüchern bei Auftritt
Traditionelle Formen des Orientalischen Tanzes (Bauchtanzes) sind der klassisch ägyptische Solotanz Raqs Sharqi, der in den 1920er-Jahren in den Cabarets der Metropolen des Nahen Ostens entwickelt wurde, der im Gegensatz dazu auf dem Land entwickelte Baladi, sowie der griechische Tsifteteli.
Neben diesen klassischen Tänzen wird der Orientalische Tanz beständig durch die Entwicklung neuer Stilarten oder Einbindung von Elementen anderer Tänze erweitert. In den Golfstaaten zeigt sich bei Darbietungen von Tänzerinnen, etwa in Dubai, die Einbindung von Elementen des lokal Khaleegy-Volkstanzes, des sogenannten Haartanzes. Eine neu geschaffene eigene Form ist der American Tribal Style Belly Dance und dessen Derivate wie Tribal Fusion.
Neben Stilarten, die sich auf nachgewiesene historische Traditionen und Entwicklungen beziehen, wurden auch neue Tänze anhand alter Bilder und Geschichten erdacht, die keine realhistorische Tradition in ihrer Form und in Tanzschritten und Bewegungen haben, bzw. sich einzelner Versatzstücke, etwa aus dem Orientalischen Tanz und indischen Tänzen bedienten. Hinzu zählen etwa der Pharaonische Tanz, Säbeltanz, Schleiertanz und Schlangentanz. Letztere wurden von amerikanischen und europäischen Tänzerinnen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den exotischen Tanz eingeführt und sind nur sehr entfernt mit den ursprünglichen Tänzen des Orients verwandt. Der Schleier etwa, der heute ein Markenzeichen vieler Bauchtänze ist, wurde seinerseits in Nordamerika und Europa in den Tanz eingeführt und in den 1940er und 1950er Jahren schließlich im Nahen Osten in den klassischen Raqs Sharqi aufgenommen. Auch andere Accessoires wie Säbel, Schwerter oder Kerzentabletts haben durch die Fantasy-Tänze im Bauchtanz Einzug gefunden.
Geschichte
Frage der Ursprünge Die Frage nach dem Alter und den genauen Ursprüngen und Zwecken des Orientalischen Tanzes stellt ein nicht zu lösendes Problem dar. Es liegen schlichtweg keine historischen Zeugnisse vor, die zweifelsfrei nachweisen können, wann der Bauchtanz und seine charakteristischen Bewegungen in ihrer ursprünglichen Form entstanden sind. Zwar sind bildliche Darstellungen und Erwähnungen von tanzenden Frauen aus dem Kulturraum des Nahen Ostens seit Jahrtausenden, schon seit den alten Ägyptern und altmesopotamischen Hochkulturen bekannt. Mangels insbesondere schriftlicher historischer Quellen kann über die Art dieser Tänze und ob sie dem Bauchtanz ähnelten, nur spekuliert werden. Aufgrund der geografischen Nachbarschaft und der jahrtausendelangen gemeinsamen Kulturgeschichte der Länder des Nahen Ostens ist es noch dazu abwegig, zu glauben, vor der schriftlichen Überlieferung im 18. und 19. Jahrhundert sei der Bauchtanz nicht bereits durch Einflüsse außerhalb Ägyptens beeinflusst worden, so wie er seinerseits zweifelsohne andere beeinflusste.
Tatsächlich sind die Bewegungen des Tanzes überall im Nahen Osten, in Nordafrika, Südeuropa und Indien zu finden und werden offenbar seit sehr langer Zeit dort praktiziert. Der Bauchtanz, bei dem die komplexen Bewegungen des Oberkörpers im Vordergrund stehen, ist ganz schlicht ein Volkstanz aus dieser Region. Die Grundtechniken dieses Tanzes und der Geist des Selbstausdrucks, in dem er betrieben wird, sind so weit über das Gebiet und die Geschichte verteilt, dass es unmöglich ist, einen bestimmten Ursprung und Zeitpunkt zweifelsfrei zu bestimmen.Übersetzung aus dem Englischen. - Andrea Deagon: In Search of the Origins of Dance, Andrea Deagon's Raqs Sharqi, people.uncw.edu/deagona/raqs, abgerufen am 3. September 2023.
mini|Tanzende Ägypterinnen mit Bewegungen, die an Bauchtanz erinnern, Römisches Relief, 100 n. Chr.
Altertümliche Bilddarstellungen aus dem alten Ägypten zeigen mitunter Szenen, in denen tanzende Frauen Bewegungen ausführen, die an Elemente des Bauchtanzes erinnern, darunter ein römisches Relief. Die Althistorikerin, Frauenforscherin und Bauchtänzerin Andrea Deagon schreibt:"Die römischen Künstler zeigen eine Form von Musik und Tanz, die typisch ägyptisch ist. Nahaufnahme der tanzenden Frauen. Vermutlich kannten die Römer das rhythmische Klatschen der Ägypter als Musikform, und es wird hier sorgfältig dargestellt. Außerdem haben die Künstler darauf geachtet, dass die Hüften der Frauen hervorstehen und ihre Hände eine ungewöhnliche Haltung einnehmen. Mit anderen Worten: Sie weisen eindeutig auf eine Tanzform hin, bei der die Hüften, Hände und Arme auf eine Art und Weise eingesetzt werden, die in Rom fremd war. Die Tänzerinnen und Tänzer befinden sich alle in unterschiedlichen Positionen, was auf eine Soloimprovisation schließen lässt. […] Es gibt also deutliche Hinweise darauf, dass der Bauchtanz von den Römern im 2. Jahrhundert n. Chr. als typisch für ägyptische Feste (und andere orientalische Bräuche) erkannt wurde. Wahrscheinlich war der Bauchtanz auch schon vorher in Ägypten und anderen Teilen des Nahen Ostens eine weit verbreitete Volkstanzform."Andrea Deagon sieht in der altertümlich-antiken Kunst Hinweise dafür, dass eine Form des Bauchtanzes tatsächlich schon bei den alten Ägyptern praktiziert wurde, betont aber, dass der eindeutige Beweis fehlt, und kritisiert, dass diese unbestätigte Annahme vielfach als Tatsache dargestellt wird.Andrea Deagon: Naked Belly Dance in Ancient Egypt - Part 1: Are They Really Belly Dancing?, gildedserpent.com, 19. Oktober 2009, abgerufen am 6. September 2023.
Bilddarstellungen von tanzenden Frauen aus der Zeit des Altertums
Über die Hintergründe für die Entstehung des Bauchtanzes und seines Zweckes kann mangels Quellen nur spekuliert werden, doch liegen zwei Theorien über die möglichen Ursprünge und Anwendungen des Bauchtanzes nahe:
Der Bauchtanz könnte in seinen Ursprüngen mit alten Fruchtbarkeits-, Anbetungs- und Gebärtänzen, etwa bei Initiationsriten, in Verbindung stehen und diente womöglich Frauen auch für die Geburtsvorbereitung, da er unter anderem die Muskulatur des Abdomens trainiert und beweglich hält. Der Tanz präsentierte nicht nur die Anmut des weiblichen Körpers, sondern hatte durch die teils freizügige Zurschaustellung des Frauenkörpers gleichzeitig eine erotische Ausstrahlungskraft, die vor allem auch auf Männer anziehend gewirkt haben muss.