mini|hochkant|Äußere (Labia majora pudendi) und innere Schamlippen (Labia minora pudendi) bei einer Vulva nach Schamhaarentfernung

Die Schamlippen (anatomischer Fachbegriff: Labia vulvae, übersetzt „Vulvalippen“, von lateinisch labium „Lippe“ und vulva; veraltet auch Labia pudendi von lateinisch pudendum „die Schamteile“) oder umgangssprachlich Labien sind ein doppelt paariger Teil der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, die in ihrer Gesamtheit als Vulva bezeichnet werden. Außerdem sind, wie für alle anderen äußeren Geschlechtsorgane, zahlreiche unterschiedliche umgangssprachliche Bezeichnungen geläufig.

Beim Menschen und den anderen Primaten unterscheidet man die großen Schamlippen (großen Vulvalippen), Labia majora (pudendi), von den kleinen Schamlippen (kleinen Vulvalippen), Labia minora (pudendi).Michael Schünke, Erik Schulte, Udo Schumacher: PROMETHEUS - Allgemeine Anatomie. 6. Auflage. Thieme, Stuttgart / New York 2022. S. 240 und 243. Bei den anderen Säugetieren gibt es nur ein Paar Schamlippen, die den kleinen Schamlippen entsprechen.

Allgemeine Merkmale Die Größe und die Gestalt der Schamlippen variieren von Frau zu Frau. Die Definition einer Normalausprägung beziehungsweise etwaige Merkmale einer pathologischen Abweichung sind von daher aus biologischer Sicht problematisch.Jillian Lloyd, Naomi S. Crouch, Catherine L. Minto, Lih-Mei Liao, Sarah M. Creighton: Female genital appearance: ‘normality’ unfolds. In: BJOG – An International Journal of Obstetrics and Gynaecology. Band 112, Heft 5, 2005, S. 643–646, PMID 15842291 (). Jedoch ist die Bewertung von Form und Ausprägung der Schamlippen durch starke gesellschaftlich-kulturelle Norm- und Schönheitsvorstellungen beeinflusst.

Die Haut der Schamlippen wird wie am übrigen Körper von Hautanhangsgebilden begleitet. Zusätzlich finden sich im Bereich der Schamlippen die Fordyce-Drüsen, das sind freie Talgdrüsen im Genitalbereich, ferner finden sich noch freie Talgdrüsen im Bereich Klitorisvorhaut als Tyson-Drüsen. Natürlicherweise, also ohne den Eingriff des menschlichen Individuums (siehe Körpermodifikation), bildet sich mit dem Beginn der Pubertät als Teil der Körperbehaarung und somit als sekundäres Geschlechtsmerkmal die Schambehaarung heraus.

Beim weiblichen Neugeborenen gilt das Bedecktsein der kleinen durch die großen Schamlippen als ein entwicklungsspezifisches sogenanntes Reifezeichen. Die kutanen Epithelien der Schamlippen und der Klitoris entstammen dem embryonalen Ektoderm und weisen eine keratinisierte, geschichtete Struktur auf. Während der Pubertät entwickelt die Vulva in Reaktion auf die adrenale und gonadale Reifung geschlechtsreife Merkmale.

Die großen (äußeren) Schamlippen Die großen Schamlippen (lateinisch Labia majora pudendi, Singular Labium majus pudendiHeinz Feneis, Wolfgang Dauber: Anatomisches Bildwörterbuch der internationalen Nomenklatur (= MED Flexibles Taschenbuch.). 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Thieme, Stuttgart 1993, ISBN 3-13-330107-1, S. 170.), kurz auch Labia majora genannt, verlaufen vom Venushügel (lateinisch Mons pubis) bis zum Damm. Sie umrahmen Klitoris, Harnröhrenöffnung und Scheideneingang. Die großen Schamlippen enthalten Fettgewebspolster und sind von pigmentierter Felderhaut bedeckt. Bei der erwachsenen Frau sind sie im natürlichen Zustand zum Teil mit Schamhaaren bewachsen. Beide großen Schamlippen bilden die Schamspalte (Rima pudendi), ihre obere Vereinigungsstelle wird als Commissura labiorum anterior, die hintere als Commissura labiorum posterior bezeichnet.G. H. Schuhmacher, G. Aumüller: Topographische Anatomie des Menschen. Urban & Fischer, München/Jena 2004, ISBN 3-437-41366-X.Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden (= Exa-Med. Band 4b). Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 99.

Bei den Nicht-Primaten, bei denen die großen Schamlippen fehlen, werden der obere und untere Schamwinkel (Commissura labiorum dorsalis und ventralis) und die Schamspalte von den Labia pudendi (Synonym: Labia vulvae) gebildet, die den kleinen Schamlippen des Menschen entsprechen.Uwe Gille: Harn- und Geschlechtssystem, Apparatus urogenitalis. In: Franz-Viktor Salomon, Hans Geyer, Uwe Gille (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. Enke, Stuttgart 2004, ISBN 3-8304-1007-7.

Direkt unter der Haut befindet sich eine schwach entwickelte Schicht aus glatter Muskulatur, die als Tunica dartos labialis bezeichnet wird und die Haut in feine Runzeln zusammenziehen kann.Alan H. DeCherney, Ashley S. Roman, Lauren Nathan, Neri Laufer: Current Diagnosis & Treatment Obstetrics & Gynecology. 12. Auflage, McGraw Hill Professional, New York 2018, ISBN 978-0-07-183391-2, S. 23. In der Unterhaut liegt das von Waldeyer beschriebene Corpus adiposum labii majoris, ein zusammenhängender, bindegewebig strukturierter Fettgewebskörper, der die Größe und die Form der Labia majora bestimmt.Erwin Kehrer, Rudolf Theodor Edler von Jaschke, W. Stoeckel (Hrsg.): Handbuch der Gynäkologie. Band 5, Hälfte 1: Die Vulva und ihre Erkrankungen. Lage- und Bewegungsanomalien des weiblichen Genitalapparates. 3., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage, Bergmann-Verlag, München 1929; Reprint: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2013, ISBN 3-642-96015-4, S. 5. In Richtung zum Unterhautfettgewebe, also zur Haut hin, wird der Fettgewebskörper durch eine elastisch-bindegewebige Hülle umgeben, welche aber siebartige Lückenbildungen aufweist. Diese wurde von Kehrer und Jaschke (1929) als Fascia superficialis cribriformis bezeichnet. Durch deren Lücken steht der labiale Fettgewebskörper in gewisser Beziehung zum subkutanen Fettgewebe der vorderen Bauchwand.W. Lierse: Anatomische Bemerkungen und funktionelle Anatomie zum Leistenschmerz. In: W. Overbeck, W. Franz (Hrsg.): Der Leistenschmerz des Sportlers. Differentialdiagnose und Therapie. Springer-Verlag, Heidelberg / New York 1995, ISBN 978-3-642-79620-3, S. 1–7.

mini|hochkant=1.3|Vulva mit den sichtbaren und unter den Schamlippen liegenden Teilen der Klitoris.

Unter der Fettschicht der großen Schamlippen befinden sich die seitlich verlaufenden Schwellkörperschenkel der Klitoris, Crura clitoridis und Bulbi vestibuli, wodurch die großen Schamlippen empfänglich für die Stimulation der darunterliegenden Schwellkörper sind.

Die kleinen (inneren) Schamlippen Die kleinen Schamlippen (lateinisch Labia minora pudendi, Singular Labium minus pudendi), auch kurz Labia minora genannt und als nymphae bezeichnet, begrenzen seitlich den Scheidenvorhof und treffen an der Klitoris (Kitzler) zusammen. Sie sind dünne, fettfreie, an der Außenseite stark pigmentierte Hautfalten aus mehrschichtigem Plattenepithel. Die Innenseiten sind wenig pigmentiert, unverhornt und enthalten Talgdrüsen. Die kleinen Schamlippen laufen vorne in je zwei Falten auseinander, wobei die vordere Falte sich mit der Gegenseite zur Klitorisvorhaut (Praeputium clitoridis) vereinigt. Die jeweils hintere Falte endet als Kitzlerzügel (Frenulum clitoridis) direkt an der Klitoris.Vgl. auch Detlef Kießling, Sabine Stannat: Anatomie am Lebenden (= Exa-Med. Band 4b). Jungjohann, Heidelberg 1981, ISBN 3-88454-104-8, S. 99–100.

Die kleinen Schamlippen reagieren empfindlich auf Berührungen, bei sexueller Erregung füllen sie sich mit Blut, färben sich dunkler und schwellen an. Bei manchen Frauen wird dadurch der Scheideneingang freigelegt oder die Schamspalte etwas geöffnet.

Bei den meisten Säugetieren ist die Vorhaut des Kitzlers mit dessen Eichel (Glans clitoridis) verwachsen, bei Pferden und Hunden umgibt das Praeputium clitoridis ein Grübchen (Fossa clitoridis), in dem die Eichel des Kitzlers freiliegt.

Hormoneinflüsse Es spielen sowohl heriditäre Einflüsse, die sich direkt auf die Morphologie auswirken können, eine Rolle als auch die hormonelle Balance beeinflussende Faktoren. Auch der Zeitpunkt in der Lebensphase beziehungsweise im Reproduktionszyklus spielt eine Rolle. Im Allgemeinen aber fördern Östrogene über ihre Wirkung auf die in den Geweben vorhandenen Steroidrezeptoren die Entwicklung und das Wachstum der kleinen Schamlippen (Labia minora pudendi), ferner eine Erhöhung der Vaskularisation und allgemein der Anschwellung (Tumeszenz) der Vulva mit einer Proliferation des sie bedeckenden Epithels. Die Östrogene hemmen die Talgdrüsen, aber stimulieren auch die akzessorischen Geschlechtsdrüsen, so etwa die Bartholinsche Drüse (Glandula vestibularis major).Gunther Göretzlehner, Christian Lauritzen, Ulf Göretzlehner: Praktische Hormontherapie in der Gynäkologie. de Gruyter, Berlin 2007, ISBN 3-11-019044-3, S. 16. Die großen Labien, die Klitoris und der Venushügel stehen dagegen mehr unter dem zusätzlichen Einfluss von Androgenen. So fördern die Östrogene die Verhornung der Keratinozyten in der Vulvaepidermis; Androgene und Progesteron hingegen hemmen sie.

Ausprägung der Labia minora Die inneren kleinen Schamlippen sind bei einigen Frauen in stehender Körperhaltung vollständig durch die äußeren Schamlippen verdeckt, zumeist stehen sie aber hervor. In Größe und Ausprägung gibt es weitreichende Vielfalt.

Die Pigmentierung der inneren Schamlippen ist in der Regel dunkler als die der umgebenden Haut.

Die individuellen Ausformungen der menschlichen Vulvae unterliegen wie bei jedem anderen Körperorgan einer genetischen Variabilität:

Hypertrophie Als Hypertrophie der Labia minora wird eine stärkere Ausprägung der inneren Schamlippen bezeichnet. Diese kann entweder durch genetische Veranlagung bedingt sein oder durch Alterungsprozesse entstehen. Dabei gibt es keine absoluten Maße, ab welcher Ausprägung eine Hypertrophie gegeben ist. Eine objektiv medizinische Größenfeststellung, ab wann eine sogenannte „Labienhypertrophie“ vorliegen soll, ist deshalb nicht möglich. Vielmehr zählt hier die mögliche subjektive Beeinträchtigung der Patientin als Maßstab dafür, ob ein „Krankheitswert“ vorliegt. Zu bedenken ist auch, dass der (funktionelle) Verschluss durch ein Aneinanderliegen der beiden Labium minus biologisch sinnvoll sein kann, da hierdurch eine mögliche Infestation oder gar Infektion behindert wird.

Diagnosekriterien Ab welchem Ausprägungsgrad von einer Hypertrophie zu sprechen ist, wird verschieden definiert. Von einigen Autoren wird eine Länge von vier Zentimeter als Kriterium angesetzt. Andere orientieren sich an der Größe in Relation zu den äußeren Schamlippen: so wird ein Hervorstehen vor die äußeren Schamlippen als Kriterium genannt, einige Autoren sprechen schon von einer „starken Hypertrophie“ ab einer Länge von drei Zentimetern. Plastische Chirurgen teilen vereinfacht ein in eine Class I unter zwei Zentimeter, Class II zwei bis vier Zentimeter und Class III größer vier Zentimeter.S. Motakef, J. Rodriguez-Feliz, M. T. Chung u. a.: Vaginal labiaplasty: current practices and a simplified classification system for labial protrusion. In: Plastic and Reconstructive Surgery. März 2015, Band 135, Nr. 3, S. 774–788.

Bei Vorliegen einer „Hypertrophie“ kann eine Operation medizinisch in Betracht gezogen werden. Eine Notwendigkeit dafür besteht jedoch nur bei persönlichem Unbehagen und Einschränkungen der betroffenen Frau; ein Krankheitswert besteht andernfalls nicht und ist als Normvariante aufzufassen.

Hypertrophie im historischen Medizindiskurs