Tiwanaku (spanisch: Tiahuanaco; Aymara-Toponym nach Bernabé Cobo: Taypi Qala für „Stein in der Mitte“) ist eine bedeutende präkolumbische Ruinenstätte nahe der Ortschaft Tiawanacu im Westen Boliviens. Als eine der wichtigsten archäologischen Stätten Südamerikas wurde sie im Jahr 2000 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Tiwanaku war das urbane Zentrum des Tiwanaku-Staats und damit architektonisches Monument, Pilgerziel und politisches und wirtschaftliches Zentrum zugleich. Erst etwa 7 % der einstigen Stadt wurden freigelegt und von Archäologen untersucht.
Östlich der heutigen Stadt Tiawanacu befindet sich der Kern der Ruinenstätte. Die wichtigsten Areale dieses Kerns sind sieben Stein- und Erdstrukturen, die heute als der halbunterirdische Tempel, Kalasasaya, Putuni, Chunchukala, Kherikala, Kantatayita und Akapana bekannt sind. Etwas weiter südwestlich liegt Pumapunku.Alexei Vranich: Reconstructing ancient architecture at Tiwanaku, Bolivia: the potential and promise of 3D printing. S. 3.
Tiwanaku ist innerhalb Boliviens ein indigenes Symbol, global ist die Ruinenstätte eher für die Monumentalstruktur Pumapunku berühmt.Jeb J. Card: Spooky archaeology: Myth and the science of the past. University of New Mexico Press (2018), S. 122. Bekannt ist Tiwanaku insbesondere für seine Architektur und die sehr feine Steinarbeit, die sowohl in Baublöcken und Architektur als auch in Steinskulpturen zu finden ist.Jessica Joyce Christie: Memory landscapes of the Inka carved outcrops. Lexington Books 2015, S. 115. Nach der Viracocha-Sage soll der Bau von Tiwanaku unter der „religiösen Signatur“ des Gottes Viracocha begonnen worden sein.
Etymologie Der ursprüngliche Name für Tiahunaco ist unbekannt. Eine einheitliche Schreibweise existiert nicht. Er existiert in zahllosen Variationen, wie zum Beispiel Tihuanaku, Tihuanacu oder Tiwanacu. Dennoch war die gebräuchlichste Schreibweise während des 20. Jahrhunderts Tiahuanaco. Nach Marcos Jiménez de la Espada und William Bollaert habe die Stätte einen Namenswechsel durchgemacht. Der ursprüngliche Name sei nach de la Espada und Bollaert Chucahua bzw. Chuachua gewesen. Ob der Ort jedoch tatsächlich einst Chucahua genannt wurde, ist unklar. Unklar ist auch die Bedeutung. Eine Hypothese besagt, dass sich das Wort Tiahuanaco aus dem Quechuawort ‚tiyay‘ („sich setzen“) und Guanaco zusammensetzt, was zusammen etwa „Setz dich nieder, Guanaco!“ ergeben würde. Eine andere These besagt, dass sich der Name aus thia (Aymara für „ringsherum“) und huañaatha (trocken) zusammensetzt, also so viel wie „vertrocknetes Ufer“ bedeutet.Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Hiersemann, Leipzig 1892, S. 14 (digi.ub.uni-heidelberg.de). In moderner Literatur wird meist die „pseudo-indigene“ Schreibweise Tiwanaku verwendet. Diese Bezeichnung entstammt linguistischer Fehlinformation, da hier die zweite Silbe – ya – weggelassen wird, die jedoch durch die Etymologie und die hispanisierte Schreibweise Tiahuanaco nahelegt wird.Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: The Stones of Tiahuanaco: A Study of Architecture and Construction. Band 75. Cotsen Institute of Archaeology Press, University of California, Los Angeles 2013, S. 7.Benjamin W. Roberts, Marc Vander Linden: Investigating archaeological cultures: material culture, variability, and transmission. Springer, New York (2011), S. 357 Der spanische Jesuitenmissionar Bernabé Cobo behauptet in seinem Buch Historia del Nuevo mundo (Geschichte der Neuen Welt), dass die indigene Bevölkerung ihm mitgeteilt habe, Tiwanakus Eigenname sei Taypikala, was so viel wie „Stein in der Mitte/im Zentrum“ bedeutet. Dieser Name betont den Glauben der indigenen Bevölkerung in die transzendenten Rolle Tiwanakus bei der Entstehung der menschlichen Gesellschaft (siehe Abschnitt Indigene Legenden und Mythen).Adolph Francis Alphonse Bandelier: The ruins at Tiahuanaco. The Society, 1911, S. 6 ff.
Lage mini|343x343px|Tiwanaku südöstlich des Titicacasees und weitere bedeutende Tiwanaku-Siedlungen wie Lukurmata im Norden und Qhunqhu Wankani (Khonkho Wankane) im Süden; im Norden befindet sich Pukara, das Zentrum der Pukara-Kultur Die Ruinenstätte am zeitweise trockenfallenden Río Tiwanaku in der kargen Altiplano-Hochebene auf knapp Höhe liegt etwa 75 km (Fahrtstrecke) westlich von La Paz an der Hauptstraße nach Desaguadero (Grenzübergang nach Peru) und 15 km südöstlich des Titicacasees.
Geschichte Das historische Tiwanaku war das religiöse und administrative Zentrum von vorinkaischen Kulturen rund um den Titicacasee in der Zeit von 1500 v. Chr. bis 1200 n. Chr. Die Sprache war vermutlich Puquina. Die ersten Besiedlungsspuren stammen aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. Um 300 v. Chr. begann Tiwanaku, zu einem Zentrum für Religion und Kultur anzuwachsen, und fand seinen Höhepunkt zwischen 600 und 900 n. Chr.
Durch Altersbestimmung an ausgegrabenen Keramikgegenständen sind chronologische Phasen zu erkennen, die zwischen 300 v. Chr. und 1000 n. Chr. liegen. Die Hauptphase der Bebauung konnte zusätzlich durch vielfache Datierungen mit der C14-Methode auf den Zeitraum zwischen 600 und 900 n. Chr. eingegrenzt werden, was mit der Chronologie der Keramikphasen IV und V übereinstimmt.Fagan 2007 In seiner Blütezeit reichte der Einfluss von Tiwanaku von der Atacama-Wüste an der pazifischen Küste bis zur Provinz Cochabamba sowie in Teile des heutigen Argentiniens hinein.
Am Ende des ersten Jahrtausends fiel Tiwanaku einer klimatischen Veränderung und der damit verbundenen Dürreperiode zum Opfer. Diese führte dazu, dass die Stadt für viele Jahre verlassen wurde. Anders als zuvor durch Posnansky angenommen, lag Tiwanaku nicht direkt am TiticacaseePosnansky 1945, sondern war auf Regenlandwirtschaft angewiesen, wozu in den Feldern um Tiwanaku fortschrittliche Bewässerungs- und Speichersysteme errichtet wurden.
Als die Inka das Gebiet erreichten, fanden sie Tiwanaku bereits verlassen vor. In der Spanischen Kolonialzeit wurde das historische Areal geplündert und bis ins 20. Jahrhundert hinein als Steinbruch benutzt. Die meisten Forscher sehen in der heutigen Aymara-Bevölkerung des Titicaca-Beckens Nachkommen der früher heterogeneren Bevölkerung der Region von Tiwanaku, der Lupaca und Pacajes, die nach dem 16. Jahrhundert in den Aymara aufgegangen seien. Andere Forscher halten die Pukina für die Träger der frühen Dynastien von Tiwanaku.
Der Archäologe Alan L. Kolata ging nach Ausgrabungen in den 1980er und frühen 1990er Jahren von einer Bevölkerung von mindestens 115.000 Menschen um das Jahr 1000 n. Chr. aus, zu denen im Umland um die 250.000 hinzukamen. Die Archäologin Nicole Couture kam zu einer deutlich geringeren Einschätzung, die eine Größenordnung von 20.000 bis 30.000 als Einwohnerzahl taxiert.Charles C. Mann: Amerika vor Kolumbus: Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents. Rowohlt, Hamburg 2016, ISBN 978-3-644-05521-6 (= E-Book), S. 46–48. Kolata bezog sich mit der Schätzung von 115.000 höchstwahrscheinlich auf „Großtiwanaku“, also den Umkreis von ca. 25 km vom Stadtzentrum. Dieser umfasst weitere urbane Zentren wie beispielsweise Lukurmata.Alexei Vranich, Charles Stanish (Hrsg.): Visions of Tiwanaku. UCLA Cotsen Institute of Archaeology, Los Angeles, 2013, S. 167–196, hier S. 155 ff.
Bekannte Erforscher von Tiwanaku Einige bekannte Forschungsreisende und Erforscher von Tiwanaku sind:Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Hiersemann, Leipzig 1892, S. 7 ff (digi.ub.uni-heidelberg.de).Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: The Stones of Tiahuanaco: A Study of Architecture and Construction. Band 75. Cotsen Institute of Archaeology Press, University of California, Los Angeles 2013, S. 15 ff.
Entdeckung und Forschungsgeschichte Als die Inka die Ruinenstätte entdeckten, staunten sie über die Steinbearbeitung. Beispielsweise staunte Huayna Cápac, als er die Ruinen zum ersten Mal sah.Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Hiersemann, Leipzig 1892, S. 3 (digi.ub.uni-heidelberg.de). Pachacutic kam nach Tiwanaku, um die Gebäude zu inspizieren, und er bewunderte die Gebäude, die er zu Gesicht bekam, da er solche noch nie zuvor gesehen hatte. Er wies seine Männer an, diese Architektur sorgsam zu studieren, da er die Gebäude in Cuzco in gleicher Weise errichtet haben wollte.Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: Who taught the Inca stonemasons their skills? A comparison of Tiahuanaco and Inca cut-stone masonry. The Journal of the Society of Architectural Historians (1997). Band 56, Nr. 2, Seiten: 146–167. hier S. 166.
Seit die Europäer die Monumentalstrukturen am südlichen Ende des Titicacasees zum ersten Mal gesehen hatten, staunten sie über das Können der Menschen, die sie herstellten. Die Reste der Stadt wurden erstmals im 16. Jahrhundert von Pedro de Cieza de León beschrieben; er stieß im Jahr 1549 auf die Ruinen, als er auf der Suche nach der Hauptstadt der Inkas in Qullasuyu war. Die Einwohner von Tiwanacu lachten Cieza aus, als er sie fragte, ob die Inka die Monumentalstrukturen von Tiwanaku errichtet hatten. Sie erzählten ihm, dass die Gebäude lange vor der Regentschaft der Inka errichtet worden seien. Sie konnten aber die Frage nicht beantworten, wer sie errichtet hatte. Die Chronisten waren von den Ruinen, der Größe der Steine, die vor Ort verwendet wurden, und der Präzision, mit der die Steine bearbeitet worden waren, beeindruckt. Niemand konnte erklären, wie die Steine bewegt oder mit welchen Werkzeugen sie geformt wurden.Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: The Stones of Tiahuanaco: A Study of Architecture and Construction. Band 75. Cotsen Institute of Archaeology Press, University of California, Los Angeles (2013), S. 16. Alle Forschungsreisenden, die je die Ruinenstätte besuchten, staunten über die Technik und die Form der Steinblöcke.Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Hiersemann, Leipzig 1892, Zweiter Teil, S. 44 (digi.ub.uni-heidelberg.de). Die einzige Ausnahme ist Bandelier, der jedoch höchstwahrscheinlich die feine Steinarbeit übersah.Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: The Stones of Tiahuanaco: A Study of Architecture and Construction. Band 75. Cotsen Institute of Archaeology Press, University of California, Los Angeles 2013, S. 19. mini|hochkant=1|Bennett und Posnansky in Tiwanaku Frühe Gelehrte betonten stets die Rätselhaftigkeit der Stätte. Beispielsweise beschrieben Ernst W. Middendorff (der die Ruinenstätte 1887 besuchte) und Johann Jakob von Tschudi (der Tiwanaku 1858 besuchte) die Ruinenstätte als Rätsel, welches nicht leicht zu lösen sei.Jean-Pierre Protzen, Stella Nair: The Stones of Tiahuanaco: A Study of Architecture and Construction. Band 75. Cotsen Institute of Archaeology Press, University of California, Los Angeles 2013, S. 15 f. Der deutsche Naturforscher Alphons Stübel war einer der ersten, bei dem systematische Forschungsarbeit in Tiwanaku zur Anwendung kam. Alfons Stübel und Max Uhle veröffentlichten im Jahr 1892 ihr richtungsweisendes Werk Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú, in dem sie die Stätte als „unstreitig als die merkwürdigste aller auf südamerikanischem Boden“ beschreiben.Alfons Stübel, Max Uhle: Die Ruinenstätte von Tiahuanaco im Hochlande des alten Perú: Eine kulturgeschichtliche Studie auf Grund selbständiger Aufnahmen. Hiersemann, Leipzig 1892, Erster Teil, Atlas (digi.ub.uni-heidelberg.de).